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Zwangsstörung

Wenn sich das Kind selbst zerstört

Muss hungern, muss beissen, muss schreien – Lia hat eine Zwangsstörung und tut sich unerträgliche Dinge an. Das bringt die ganze Familie an den Rand der Verzweiflung.

5. Dezember 2018: Lia tapst in die Küche. Wenn sie müde ist, hebt sie ihre Füsse nur wenig vom Boden, wie früher, als sie zwei oder drei Jahre alt war. Sie zieht Petra am T-Shirt und unterbricht sie damit beim Abwasch: «Mama, ich beiss mich jetzt», sagt sie ruhig und schlurft in ihr Zimmer zurück. Kurz dreht sich Petra um und schaut Lia irritiert nach. Morgen geht es über die Strasse in eine grössere Wohnung, endlich mehr Platz für die fünfköpfige Familie. «Ich beiss mich jetzt», hallt es in ihr nach und lässt ihr keine Ruhe. Lia liegt schon im Bett, als Petra nochmals zu ihr schaut und es ihr plötzlich wie Schuppen von den Augen fällt. Hastig zieht sie die Ärmel von Lias Schlafanzug bis zu den Ellenbogen hoch. Meine Güte, es sind die Arme. Sie sind voller blauer und roter Bissspuren. Lia beisst sich. Nicht schon wieder ein neuer Zwang.

Lias Mutter Petra* ist auch heute noch die Erschütterung anzusehen, wenn sie von der Entdeckung der Bissspuren erzählt. Sie atmet tief ein und aus, bevor Lia sich ebenfalls zu uns an den Gartentisch setzt. Die Familie wohnt seit über zehn Jahren in der Familiensiedlung. Lia trägt die blonden Haare offen über die Schultern, ihren Kopf schmückt ein Hut. Ihr Lieblingshut. Sie ist zehn Jahre alt und unterscheidet sich äusserlich kaum von ihrer Zwillingsschwester Lena. «Mama, wann kommt die Oma?», fragt sie mit ruhiger Stimme. Kinder kreischen, rennen auf der Wiese umher – ein entspannter Nachmittag. «Bald, Lia.» Lias Blick wandert zu mir, ihre grossen blauen Augen schauen mich an, länger als ich es von anderen Kindern gewohnt bin. Dann dreht sie sich um und geht zurück zu den anderen Kindern. Wir blicken ihr nach.

Etwa zwei Prozent der Kinder und Jugendlichen in der Schweiz leiden an einer Angstund Zwangsstörung. Eine psychische Krankheit, bei der wiederkehrende Zwangsgedanken und -handlungen im Vordergrund stehen und das normale Leben beeinträchtigen, teilweise fast verunmöglichen. Die Betroffenen berichten, dass sie sich wie besessen fühlen von ihren Gedanken oder gewisse Handlungsketten ausführen müssen – ob sie wollen oder nicht. Bekannt sind zum Beispiel Waschzwänge, das Herunterdrücken der Türklinke abzählen oder das systematische Anordnen von Dingen.

Petra erzählt weiter. Wie ihr Mann nach der Entdeckung des Beisszwangs sofort mit Lias Therapeuten Kontakt aufnahm. Dass sie mit dem Therapeuten über einen stationären Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik nachdachten, aus Angst, dem neuen Zwang als Familie nicht mehr gewachsen zu sein. Für Paul, Lias Vater, sei es besonders schwer gewesen; er habe sich viele Vorwürfe gemacht. Schliesslich hätten sie sich gegen die Kinder-Psychiatrie entschieden. Sie wollten Lia nicht aus ihrem persönlichen Umfeld reissen.

Gemeinsam kämpfen

10. Dezember 2018: Die Umzugs-Kisten türmen sich noch im Eingang. Abwechslungsweise sitzen Petra und Paul abends an Lias Bett und gewöhnen ihr das Beissen ab. Zuerst muss Lia aushalten, sich eine Minute nicht zu beissen. Sie lassen sich von ihr die Hand drücken, sich klemmen wie beim Zahnarzt. Dann lenken sie von der Stimme in Lias Kopf ab, die ihr sagt, sie müsse sich in den Arm beissen, die ihr wie ein Dämon diktiert, sie müsse sich verletzen: Mit klopfen, singen, schreien. Lia muss die Anspannung im Körper loswerden, sie beisst in eine Zitrone, das hilft ihr. Im Treppenhaus hoch und runter zu rennen lässt sie länger durchhalten. Manchmal kommt die Zwillingsschwester dazu: «Komm, du schaffst es ohne Beissen», sagt sie ihr dann und kämpft mit ihr. Lia steigert sich langsam auf drei, auf fünf und irgendwann auf zehn Minuten, dann schafft sie sogar eine Stunde. Es gibt Regeln: Niemand darf schimpfen. Wenn es nicht klappt, klappt es halt am nächsten Tag. Und es gibt Belohnungen.

Im Nachhinein sei es immer einfacher etwas zu erkennen, das schon auffällig war, sagt Petra. Heute sei es ihr klar, dass sich Lias Störung schon sehr früh abzeichnete. So vieles was Lia tat oder wollte, ordneten sie als Eltern einfach als Marotten ein, obwohl dies bereits Zwänge waren: Lia hatte als Kleinkind viele Ticks, fragte oft dasselbe, Veränderungen waren für sie schwierig. Sie wollte immer dieselben Klamotten anziehen, war ängstlich. Der Kindergarteneintritt fiel ihr schwer – auch der Schuleintritt. Doch sie schaffte das, funktionierte – bis dann der Zusammenbruch kam: In der zweiten Klasse war Lia zunehmend erschöpft, hatte grosse Mühe mit dem Hort, in dem sie zu Mittag ass, und brauchte zu Hause eine strikte Ordnung ihrer Sachen. Am Abend, wenn sie zur Tür hereinkam, musste sie sofort alle ihre Sachen aus dem Schulranzen in einem System auf den Tisch auslegen, brauchte Kontrolle, suchte Sicherheit in Ordnungen. Bis sie dann irgendwann, ein Jahr vor dem Beissen, einfach aufhörte zu essen.

Essensverweigerung

20. November 2017: Ich habe Bauchweh, sagt Lena, Lias Zwillingsschwester, frühmorgens nach dem Aufstehen. Lia ist schon angezogen, als sie plötzlich auch über Bauchweh klagt. Wenn Lena nicht zur Schule geht, kann ich auch nicht hin, sagt sie. Petra wird wütend. Das ist kein Bauchweh, das ist Trotz. Doch Lia will nicht essen, nicht trinken. Kein Hunger. Kein Fieber. Kein Durchfall. Nur schlafen. Am zweiten Tag ohne Essen und Trinken sucht Petra mit ihr einen Arzt auf, der findet nichts. Auch nicht am dritten und am vierten Tag. Es gibt keinen medizinischen Grund für Lias Verhalten. In der Nacht lässt sie sich etwas Wasser einflössen. Sie spricht nicht mehr, sie wirkt abwesend. Der Grossvater kommt aus Deutschland angereist. Lia, iss doch bitte was, für den Opa wenigstens. Am neunten Tag gibt der Arzt noch ein Wochenende Zeit, sonst droht eine Zwangseinweisung ins Spital. Nichts hilft. Gefangen fühlen sich Mutter und Vater in Wut und Trauer – in Angst. Was, wenn sie stirbt? Sie hungert sich aus. Warum nur tut sie das?

Petra sagt heute, dass Lia mit der Essensverweigerung ermutlich alle Aufmerksamkeit infordern wollte, damit man endlich rkenne, wie schlecht es ihr gehe. Damit man ehe, wie sehr sie unter den Zwängen und ngsten leide. Sie hätten nicht auf die wangseinweisung ins Spital gewartet, sondern en Notfalldienst des Kinder- und ugendpsychiatrischen ienstes aufgesucht.

Der Zwang lauert überall

30. November 2017: Der Arzt schaut die Eltern nicht an, nur Lia. Setzt sich ihr vis-à-vis. Schlaff liegt sie in den Armen des Vaters. «Lia», sagt er, «ist dir klar, was du hier tust?». Lia schaut ihn nicht an. Er spricht weiter: «Ist dir klar, dass du sterben wirst? Hast du mal ein totes Tier gesehen?» Plötzlich spannt Lia ihre Arme an. Seit Tagen hat sie kaum gesprochen. «Ja», sagt sie, «eine tote Möwe am Strand». Tränen fliessen. Der Arzt erklärt nicht, es folgen Anweisungen von ihm an Lia direkt: «Du gehst jetzt mit Mama und Papa heim und isst und trinkst jeden Tag genau so viel, wie ich ihnen aufschreibe. Isst du nicht, landest du sofort wieder hier.» Lia nickt. Dann darf die Familie nach Hause mit dem Auftrag, ein Ess- und Trinkprotokoll zu führen und sich zu melden, falls es Lia wieder schlechter gehe. Wie auf Eiern verlassen sie die Klinik und gehen Richtung Tram. «Mama, Papa, ich will nicht sterben», sagt Lia.

Essensverweigerung kennt man von Magersüchtigen. Auch Lias Eltern gingen erst in der Annahme nach Hause, Lia leide an einer Essstörung. Die Diagnose für die Angst- und Zwangsstörung kam erst Wochen später – nach dem Führen des Ess- und Trinkprotokolls, der Organisation von Essensbegleitung in der Schule über mehrere Wochen und nach ausführlichen Gesprächen und Tests mit einem Therapeuten, den die Familie nach langem Suchen endlich konsultieren konnte. Einen Kinderpsychiater zu finden, der noch Platz für neue Patientinnen habe, sei praktisch unmöglich gewesen, empört sich Petra noch heute.

«Es gibt nichts, worauf sich der Zwang nicht draufsetzen kann. Kein Thema ist ihm fremd, vor nichts hat er Respekt», schreibt eine Betroffene in einem Forum der Schweizerischen Gesellschaft für Zwangsstörungen. So lauert der Zwang überall und in allem. Jede Handlung im Leben eines Kindes kann damit zum Diktat für das Kind, für die Eltern, die ganze Familie werden.

Das Schlimmste sei für sie als Mutter das Gefühl von Schuld, sagt Petra. Sie habe sich oft gefragt, ob sie und Paul Lia zu viel zugemutet hätten, ob sie zu oft geschimpft, zu viel gearbeitet oder gar ihre eigenen Ängste übertragen hätten. Der Psychiater habe den Eltern erklärt, die Störung von Lia sei genetisch. Sie habe kein Trauma, keine hirnorganische Erkrankung, auch die Erziehung sei nicht verantwortlich für die Zwänge und Ängste von Lia. Wichtig sei es, die Zwänge nicht zu bedienen. Je mehr man sich den aufdringlichen Gedanken unterwerfe, desto stärker werden diese. Lia geht in Therapie, bekommt Medikamente. Auch die Eltern haben sich für eine Begleitung entschlossen, haben eingesehen, dass sie nicht alles alleine stemmen müssen und machen eine Paartherapie.

«Einerseits war es ein Schock, als wir die Diagnose erhielten, andererseits eine Erleichterung, endlich zu wissen, was Sache ist.» Petra nippt an ihrer Teetasse und schaut kurz in Richtung Spielplatz, dann in die Abendsonne. «Wir haben gelernt damit umzugehen. Wir wissen nicht, was noch alles kommt. Ob die Medikamente und die Therapien helfen werden. Aber die Hauptsache ist, dass Lia ihren Weg finden kann und wir sie dabei unterstützen. Der Zwang darf nicht Überhand kriegen. Niemand soll über Lias Leben bestimmen, ausser sie selber.»

Lia sitzt auf einem roten Bobby Car, immer noch auf dem Spielplatz, sie schaut den anderen Kindern zu und fährt ein wenig vor und zurück. Sie blickt kurz auf ihre Uhr, kratzt sich am Arm, dann steht sie auf und rennt zu uns an den Tisch. Lia setzt sich auf Petras Schoss und hält ihre Hand. «Mama, ich hab’ Hunger», sagt sie. «Und ich will jetzt, dass die Oma kommt.»

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