Anne Morgenstern
Gesellschaft
Wenn Mama trinkt
Rund 100 000 Kinder wachsen in der Schweiz mit einem alkoholkranken Elternteil auf – meist im Verborgenen. Auch die Schauspielerin und Künstlerin Nina Langensand kennt dieses stille Familiengeheimnis. Sie setzt sich dafür ein, dass betroffene Kinder und ihre Eltern früher gesehen und unterstützt werden.
Es war eine jener Nächte, in denen ihre Mama schrie und weinte und mit Suizid drohte. Nina war sieben, oder acht oder zehn Jahre alt. Ihr Papa war nicht zu Hause. Nina wählte die Nummer der Ambulanz, 144. Am anderen Ende fragte man sie: «Haben Sie getrunken?» «Nein, ich bin das Kind, meine Mama hat getrunken, bitte kommen Sie !» Hilfe kam keine.
Jetzt bei unserem Handy-Video-Call sitzt Nina Langensand, 41, draussen auf einer Bank hoch über dem Genfersee, in Kapuzenpulli und warme Jacke geschmiegt, hinter ihr sehnen sich blätterlose Baumsilhouetten nach dem Frühling.
Welch ein Kontrast – der grau verhangene Himmel zu Ninas lebendiger Art, ihre Geschichte zu erzählen ! Wobei ihr ein klares Votum gleich von vornherein wichtig ist: «Das ist kein Drama, keine Anklage, ich bin kein Opfer», es gehe ihr mehr um Mitgefühl und Verständnis, sagt sie. Denn Nina hat das Schicksal längst bei den Hörnern gepackt, gestaltet ihr Leben mit beeindruckender Power. Doch dazu später.
Sucht kennt keine Schichten
In der Schweiz wachsen je nach Definition und Datengrundlage zwischen 64 000 bis 126 000 Kinder mit einem Elternteil mit Alkoholproblemen auf – umgeben von diesem stillen Familiengeheimnis: Mama oder Papa trinkt zu viel. Manchmal täglich. Manchmal nur sporadisch, dann aber bis zum Exzess.
Um die Krankheit ranken sich noch immer viele Mythen. Oft wird kolportiert, chronischer Alkoholmissbrauch sei eine Klassen- oder Geschlechterfrage: Der alleinstehende Busfahrer, bei dem zu Hause die Spaghetti auf dem Küchentisch kleben und der den Job verliert. Oder die Geschiedene, die ihren Trennungsschmerz zu ersäufen versucht. Falsch. Es sind nicht mehr Männer als Frauen, die trinken, es gibt genauso Anwältinnen und Chirurgen unter den Suchterkrankten, Studentinnen und Pensionierte. Eines ist den meisten gemeinsam: Das Drama spielt sich oft lange hinter hohen Schweigemauern ab.
Perfekt nach aussen
Auch Nina Langensand wächst in einer ganz normalen Familie in der Innerschweiz auf. Ihr Vater ist Betriebsökonom, ihre Mutter Akademikerin, vor dem Einfamilienhaus stehen zwei Autos. Als die Kinder zur Welt kommen, bleibt sie zu Hause. Traditionelle Rollenteilung. «Gegen aussen war ich ein perfektes Kind, eingebettet in eine perfekte Familie», erzählt Nina. Die Eltern fehlen an keinem Elternabend, Nina nimmt Ballett- und Klavierunterricht, ist Bestnotenschülerin.
Wie belastend die Situationen waren, mit denen sie zu Hause Tag und Nacht zu kämpfen hatte, bekam die Aussenwelt damals nur bruchstückhaft mit: «Ich pflegte meine Mama nachts, wenn sie betrunken war, sich erbrach. Mein Vater übernachtete auswärts, weil er den Schlaf brauchte, um am nächsten Tag arbeitsfähig zu sein.»
Nina Langensand
Grosse Verantwortung auf kleinen Schultern
Kinder wie Nina wachsen in einem Zuhause auf, in dem sie oft wie auf Nadeln sitzen. Kommt Papa abends wieder laut und streitsüchtig nach Hause ? Mag sich Mama am Morgen erneut nicht aus dem Bett pulen ? «Kinder aus suchtbelasteten Familien leben in andauernder Alarmbereitschaft», sagt Nicole Chiantera. Die Suchtberaterin beim Blauen Kreuz hat täglich mit Betroffenen zu tun. Die Kinder, sagt sie, hätten einen Rucksack zu tragen, dessen Gewicht so gar nicht altersgerecht sei. Sie erleben chronischen Stress, Unsicherheit und Ängste – sehr oft auch Schuld- und Schamgefühle: «Ich habe häufig Kinder bei mir, die sich die Schuld am Trinkverhalten der Eltern geben.»
Emotional sind alkoholkranke Eltern oft nicht in der Lage, ihre Kinder zu unterstützen: «Physisch sind sie zwar anwesend – aber psychisch nicht», sagt die Sozialpädagogin. Angesichts dieser Form von Vernachlässigung würden die Kinder schnell lernen, dass ihre Bedürfnisse nicht wahrgenommen werden.
Nina erinnert sich an ihren 10. Geburtstag. Ihre Mama bereitete für das Kinderfest Kuchen und Spiele vor, für jedes eingeladene Kind packte sie ein kleines Geschenk ein. Die perfekte Hausfrau und Mutter. Doch am Tag des Festes war sie betrunken, zog sich ins Schlafzimmer zurück. Nina erklärte ihren Freundinnen kurzerhand, ihre Mama sei krank – und schmiss die Party selbst.
Loyalitätskonflikt
Zu beobachten seien bei betroffenen Kindern zwei Rollenmuster, sagt die Suchtberaterin Nicole Chiantera. Die einen verhalten sich brav, überangepasst, übernehmen elterliche Aufgaben und kümmern sich um die jüngeren Geschwister. Oder sie fallen in der Aussenwelt auf, sind aggressiv und in Dauerkonflikte mit Lehrpersonen und Gspänlis verwickelt. Die aufgestaute Wut muss raus.
Auch Nina fragte sich damals oft, ob sie ihre Mutter nur mehr hätte lieben müssen. Oder mehr Wein und Schnaps aus den Flaschen in den Ausguss leeren. Sie übernimmt Verantwortung, schützt ihren jüngeren Bruder, schützt ihre Eltern. Denn aus der Perspektive des Kindes geht es um das Überleben: «Ich sagte niemandem, dass ich traurig bin, weil ich ja sah, dass alle eh schon traurig sind.» Mehrfach packte sie ihren kleinen Rucksack – ging aber nie.
Sicher ist: Die Ambivalenz zerreisst betroffene Kinder. Einerseits wünschen sie sich nichts sehnlicher, als jemandem von ihren Sorgen zu erzählen, andererseits müssen sie aus Überlebensdrang das dunkle Geheimnis für sich behalten. Oft würden sie sich davor scheuen, Gspänli mit nach Hause zu bringen, sagt Nicole Chiantera: «Sie verschweigen die Situation gegen aussen, wollen die Familie schützen, haben Angst, die Eltern zu verraten.» Ein für ein Kind schwer auszuhaltender Loyalitätskonflikt.
« Alle waren überfordert »
Nina Langensand spricht schnell und eloquent, schaut in die Ferne, bestaunt die Natur – und sagt immer wieder Überraschendes: «Rückblickend hätte ich mir gewünscht, das Umfeld hätte Verantwortung übernommen und mich da herausgeholt.» Jedes erwachsene Kind von alkoholkranken Eltern, ist sie überzeugt, hätte lieber – wie sie – zumindest teilweise woanders gelebt, als das zu erleben, was es erlebt hat.
Daraus erfolgt Ninas Appell an die Gesellschaft, an das Umfeld um jene Familien herum, in denen zu viel Alkohol konsumiert wird: «Nachbarn, Grosseltern, Freund:innen, Lehrer:innen, Kinderärzt:innen – thematisiert die Krankheit, sprecht darüber, holt euch selber Hilfe !»
Nina sagt jedoch auch: «Ich finde es traurig, was mir in meiner Kindheit passierte – aber ich sehe heute, dass es meine Eltern so gut gemacht haben, wie sie konnten.» Schuld zuweisen will Nina niemandem: «Es waren schlicht alle überfordert.»
Seit ihrem Wegzug von zu Hause mit 20 Jahren ist Nina einen langen Weg gegangen. Sie studierte Philosophie und Kunst, sie hat sich dank Freund:innen, Therapeut:innen und Sozialarbeiter:innen mit ihrer Kindheit auseinandergesetzt. Sie hat ihre Eltern konfrontiert mit ihrem Schmerz, den wunden Erinnerungen: «Mittlerweile lebe ich beiden gegenüber in einem schönen Gefühl – meine Mama ist eine mega coole Oma !» lacht Nina jetzt fröhlich. Sie ist inzwischen selbst Mutter von zwei Primarschulkindern.
Genauso wenig wie Nina ihren Eltern Vorwürfe machen möchte, genauso wenig will sie sich als Opfer sehen. Sie hat ihr Leben längst selbst in die Hand genommen, hat ihre bedrückenden Erfahrungen eingerahmt in Kunst, als Schauspielerin, Performerin, Filmemacherin. Sie erhebt die Stimme für die betroffenen Kinder von heute.
In ihrem Theaterstück «Alkohol» steht ihre Mutter – die mittlerweile gut mit ihrer Erkrankung umgehen kann – mit auf der Bühne.
Das Theaterstück «Alkohol» von Nina Langensand und Tristan Amor Rabit thematisiert Verletzlichkeit, Schamgefühle, Kontrolle und Kontrollverlust, übt aber auch Kritik am gesellschaftlichen Umgang mit der Suchtkrankheit.
Anlaufstellen
für alkoholkranke Eltern und/oder Kinder aus suchtbelasteten
Familien
Sucht Schweiz
Nationale Anlaufstelle mit Hotlines, Online-Beratung (z. B. safezone.ch für anonyme Suchtfragen) und direkten Adressen zu regionalen Beratungs- und Therapieangeboten in der ganzen Schweiz.
Tel: 0800 104 104 oder 0800 105 105 (kostenlos und anonym).
E-Mail: info@suchtschweiz.ch
Kinder-Eltern-Sucht
«Mama trinkt/Papa trinkt» ist ein nationales Programm für Kinder von Eltern mit einer Suchterkrankung.
Al-Anon Familiengruppen Schweiz
Selbsthilfe- und Unterstützungsgruppen speziell für Angehörige von Alkoholkranken – dazu gehören auch Kinder und Jugendliche, die in suchtbelasteten Familien aufgewachsen sind. 24-Stunden-Hotline zur ersten Kontaktaufnahme, vertraulich und anonym.
Tel: 0848 848 843 (kostenpflichtig und anonym).
E-Mail: al-anon@bluewin.ch
Anonyme Alkoholiker Schweiz
Selbsthilfe und Austausch für Menschen, die selbst vom Alkohol abhängig sind.
Hotline (24/7): 0848 848 885 (kostenpflichtig und anonym).
E-Mail: info@anonyme-alkoholiker.ch
Blaues Kreuz Schweiz
Fachorganisation für Alkohol- und Suchtfragen mit Beratung für Betroffene und Angehörige, inkl. Einzel-, Paar- und Familienberatung sowie Gruppenangebote. Die Hilfe ist kostenfrei und vertraulich.
Tel: + 41 (0)31 300 58 60 (kostenlos und anonym).
E-Mail: info@blaueskreuz.ch
Pro Juventute
Beratung für Kinder/Jugendliche sowie Elternberatung speziell bei familiären Belastungen (inkl. Suchtprobleme):
Kinder- und Jugendhilfe: Tel. 147 (kostenlos und anonym).
Elternberatung:Tel. + 41 58 261 61 61 (kostenlos und anonym).
E-Mail: elternberatung@projuventute.ch
Nationale Aktionswoche: « Mama trinkt, Papa trinkt »
Die Nationale Aktionswoche « Mama trinkt, Papa trinkt » vom 16. bis 22. März 2026 richtet sich an Kinder von Eltern mit einer Suchtproblematik, an betroffene Eltern und Angehörige und Institutionen. Sie will dazu beitragen, dass die breite Bevölkerung aufmerksam auf die Situation von Kindern suchtkranker Eltern gemacht wird und dass sich Fachleute dafür einsetzen, diesen Kindern die notwendige Unterstützung zukommen zu lassen. Infos und Programm:
