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Muttertät

Wenn plötzlich alles anders ist

Fast alle Mütter kennen es: das Gefühlschaos, die Orientierungslosigkeit, der freie seelische Fall nach der Geburt. Es gibt einen Namen für diesen Zustand, der Jahre andauern kann: Muttertät. Höchste Zeit darüber zu reden.

Fünf Jahre ist es her, seit ich mein erstes und bisher einziges Kind auf die Welt brachte. Und es sind diese Jahre, die mich komplett veränderten. Ich betrachte alte Fotos aus der Zeit, in der ich noch keine Mutter war, mein junges, weiches Gesicht, die Unschuld. Natürlich keine jungfräuliche Unschuld. Auch keine Naivität – nein, dafür hatte ich in den frühen Zwanzigern zu exzessiv gelebt. Die Unschuld, die ich meine, verlor ich, als ich mit voller Härte in der Mutter-Realität ankam. Eine Wirklichkeit, in der romantisierte Vorstellungen zerbrechen. Zwar gebar ich nicht ein Kind und war am nächsten Tag eine andere. Dieser Prozess ging langsam vonstatten. Die Veränderung kam schleichend. Es war wie der Häutungsprozess einer Schlange, die versucht, ihr altes Selbst abzustreifen, dabei reizbarer, vielleicht sogar wütend wird, bis sie sich endlich vom Alten ganz löst und neu erfindet.

Ich habe mich neu erfunden. Aber das war ein langer Weg und einer, der so sehr wehtat, wie bislang nichts in meinem Leben. Besonders die erste Zeit nach der Geburt empfand ich als Hölle. Da war einerseits dieses perfekte Kind – das aber allein nicht überlebensfähig war. Ich erinnere mich an den Moment, in dem ich begriff, dass dieses Kind vollkommen von mir und meinem Körper abhängig war. Ich hatte nicht vor, mein Kind im Stich zu lassen. Aber die schiere Erkenntnis, dass das Schicksal dieses kleinen Menschen in meinen Händen lag, schockierte mich und lastete mir einen bleiernen Rucksack auf.

«Muttertät» ist ähnlich der «Pubertät» eine Übergangsphase im Leben einer Frau

Keine postpartale Depression

Andererseits war da noch ich. Oder halt das, was nach der Schwangerschaft und einer traumatischen Geburt von mir übriggeblieben war. Und ich wusste plötzlich nicht mehr, wer ich war. Denn alles, was mich früher ausgemacht hatte, schien wegzufallen oder mir entrissen zu werden. Ich schrieb keine Reportagen mehr, fuchste mich nicht mehr in Themen ein, die mich interessierten – stattdessen las ich Ratgeber darüber, wieso mein Kind nicht schlief. Einige meiner engsten Freundschaften schienen nicht mehr zu passen, wie die Schuhe, die ich noch vor der Schwangerschaft getragen hatte (jep, ein Fuss war eine ganze Grösse gewachsen). Meine Beziehung veränderte sich in rasendem Tempo. Dass wir beide kaum Schlaf fanden, heiterte die Stimmung nicht wirklich auf. Sex wurde zu etwas, was keinen Spass mehr machte, sondern Druck erzeugte. Ich war zu jemandem geworden, den ich nicht kannte.

Es folgte eine Abwärtsspirale. Die schlaflosen Nächte erschöpften mich, meine Gedanken wurden düsterer, ich war immer müde und schaffte es dennoch kaum, tief zu schlafen. All die Ängste um mein Kind – dass es im Schlaf sterben könnte, sich irgendwo verletzen würde, ja sogar, dass es von Hunden beim Spazierengehen angefallen werden könnte – zerrieben meine Resilienz vollständig. Rational verstand ich zwar, dass meine Ängste unbegründet und überzogen waren, das half aber kein bisschen. Im Gegenteil: Je länger desto mehr wuchs mein Gefühl, mich nicht mehr wiederzuerkennen, falsch zu sein und überhaupt nicht zur Mutterschaft zu taugen. Ich sah diese anderen frischgebackenen Mütter, die es in meinen Augen alle entspannter und besser machten und dachte daran, wie oft mir meine eigene Mutter vorgeschwärmt hatte, wie sehr sie die Mutterschaft erfüllte. Ich fühlte mich wie eine absolute Versagerin.

Lange war ich der Überzeugung, dass ich eine postpartale Depression hatte. Erst drei Jahre später, immer noch absurd erschöpft, aber wieder mit wenigstens einem Fuss im Leben, konsultierte ich eine Psychiaterin. Ich wollte mich von ihr auf dem Weg in eine zweite Mutterschaft begleiten lassen, weil ich zwar einen zweiten Kinderwunsch hatte, aber riesige Angst, wieder in dieses Gefühl des konstanten Falschseins zu fallen. In der ersten Sitzung erhoffte ich mir von der Psychiaterin die Diagnose der postpartalen Depression, die mir zumindest eine Erklärung liefern würde, wieso ich derartige Schwierigkeiten hatte.

Doch sie lieferte mir diese Diagnose nicht. In mir wuchs die Vermutung, dass ich etwas erlebte, was aus medizinischer Sicht nichts Pathologisches war – und ich doch an einem radikal neuen Erleben litt. An dieser Transition, die alles andere als einfach war. Hätte ich den Begriff damals schon gekannt, der genau diese Übergangsphase beschreibt, wären mir vermutlich viele existenzielle Sorgen erspart geblieben.

Über den rettenden Begriff stolpere ich auf dem Instagram-Kanal meiner Doulakollegin Natalia Lamotte. Muttertät nennt sich diese Übergangsphase, durch die jede Frau geht, die geboren hat. Der Begriff ist vom englischen «Matrescence» abgeleitet und tauchte erstmals in den 70er-Jahren auf. Er geht auf die Anthropologin Dana Raphael zurück. Allerdings wurden Dana Raphaels Aufzeichnungen zur Muttertät erst im Jahr 2008 von der Psychologin Aurélie Athan wiederentdeckt, die sich mit den Erlebniswelten junger Mütter auseinandersetzte und sich sicher war, dass diese eben nicht an einer postpartalen Depression litten – sondern etwas anderes im Gange war. Matrescence oder eben Muttertät schien den Nagel auf den Kopf zu treffen.

Die Wortschöpfung ergibt sich aus dem Wort Pubertät, umgemünzt aufs Mutterwerden. Diese Gleichsetzung mit Pubertät macht Sinn, wie ich von Natalia Lamotte erfuhr, die unter dem Namen Schwesterherzen Doulas gemeinsam mit ihrer Schwester über diese bislang fast unsichtbare Thematik aufklärt: In der Pubertät durchlaufen wir viele körperliche Veränderungen. Aber auch Beziehungen werden hinterfragt, die Weltanschauung verändert sich, man sucht einen neuen Sinn im Leben. Und genau das geschieht auch, wenn man Mutter wird.

Es gibt kein Zurück

Ich denke über meine Teenagerzeit nach und mir wird klar, dass man von meinem dreizehnjährigen Ich schlicht nicht erwarten konnte, disziplinierter, weitsichtiger oder weniger launisch zu sein. Ich war eine Jugendliche, die sich genau wie eine verhielt. Ich war – den Umständen absolut entsprechend – richtig. Wenn es aber um diese Übergangsphase in der Mutterschaft geht, fehlt das gesellschaftliche Verständnis.

So sieht das auch Lamotte: «Frischgebackenen Müttern wird zwar zugestanden, dass die ersten Monate eine Herausforderung sind und hormonelle Einflüsse auf das Wohlbefinden einwirken. Im Unterschied zur Pubertät besteht aber die Erwartungshaltung, bald wieder normal, also bald wieder die Person zu sein, die man vor der Geburt war. Und das ist absurd.»

Ich denke an all die Promis, die zwei Monate nach der Geburt ihrer Kinder ihre Körper ablichten lassen, die keine Spuren von Schwangerschaft mehr aufweisen. Ich denke aber auch an meine riesige Angst, den Ansprüchen meines damaligen Arbeitgebers nicht gerecht zu werden. An den Druck, nach der Geburt meines Kindes so tun zu müssen, als sei ich nicht mehr belastet als zuvor. Die Komplimente, man sehe mir gar nicht an, dass ich Mutter bin, haben einen faden Nachgeschmack. Im Gespräch mit Natalia Lamotte wird mir klar, dass diese Lüge, wieder derselbe Mensch wie vor der Geburt sein zu müssen, Mitursache für dieses konstante Falschfühlen ist. Denn: Es gibt kein Zurück. Man ist nie mehr dieselbe.

Fürsorge wächst

Auch Lisa Falco ist mit Natalia Lamotte einig, dass diese Veränderungen nachhaltig sind. Falco ist Datenwissenschaftlerin und hat jahrelang das Team von Ava – ein Schweizer FemTech-Start-up – geleitet, das Algorithmen und künstliche Intelligenz entwickelte, um Frauen zu helfen, schneller schwanger zu werden. Zu diesem Zweck wurden viele physiologische Daten von Frauen analysiert und ausgewertet, die einen Menstruationszyklus haben. Über all diese transformativen Prozesse, durch die jede Frau geht, hat Lisa Falco nun das Buch go figure geschrieben.

Zwar kannte Lisa Falco den Begriff Muttertät noch nicht, als ich sie anschrieb. Und doch beschreibt auch sie in ihrem Buch ebendiese Veränderungen, die mit der Schwangerschaft beginnen: Während der Schwangerschaft steigen die Hormone Progesteron und Östrogen sprunghaft an und auch andere Hormone wie Prolaktin, Relaxin und Cortisol nehmen zu. «All diese Hormone beeinflussen sowohl den Körper als auch den psychischen Zustand der werdenden Mutter. Falco erklärt, dass die Hormone die Aufgabe haben, sicherzustellen, dass der Fötus alles erhält, was er von der Mutter braucht. Zu diesen Bedürfnissen gehören während der Schwangerschaft vor allem Nahrung und Sauerstoff. Nach der Geburt braucht das Kind Nahrung in Form von Muttermilch und die richtige Pflege. Letzteres wird durch die Beeinflussung des Gehirns der werdenden Mutter erreicht, indem die Teile ihres Gehirns wachsen, die mit Fürsorge und Pflege verbunden sind.

Ich erinnere mich an die Phase des Mutterwerdens, die in der Schwangerschaft begann: Daran, wie mein Bauch und meine Brüste wuchsen, die Brustwarzen dunkler wurden und daran, dass mich mein Yogalehrer davor warnte, zu tief in die Dehnungen zu gehen, weil der Körper von sich aus viel dehnbarer und weicher geworden war. Ich hatte oft geschwollene Füsse und mein Kreislauf sackte immer wieder zusammen. Dass die Hormone aber auch Umbauten in meinem Gehirn vornahmen, die längerfristig anhalten sollten, war mir damals nicht bewusst. Besonders der hohe Progesteron- und Östrogenspiegel haben direkte Auswirkungen auf die Anatomie des Gehirns, erklärt Lisa Falco: Besonders betroffen sind die Regionen, die an der Wahrnehmung und dem Verständnis der Emotionen anderer beteiligt sind. Das hilft der Mutter, eine Verbindung zu ihrem Baby aufzubauen. Diese Hormone aktivieren aber auch die Regionen, die Risiken bewerten, was viele Mütter ängstlicher macht. Dies ist eine kluge Strategie des Fötus – eine ängstliche Mutter ist eher in der Lage, den Fötus zu schützen und gut zu versorgen, auch nachdem er die sichere Gebärmutter verlassen hat.

Transformation akzeptieren

Endlich habe ich eine Erklärung dafür, warum ich sogar Angst hatte, dass der süsseste Labrador mein Kind beim Spazierengehen anfallen würde. Ich war also gar nicht verrückt – mein Hirn hat die Aufgabe, auf Mutterschaft umzustellen wunderbar erfüllt. Mein Körper durchlief die Prozesse, die natürlich sind, während ich mich an meinem alten Ich festklammerte, wie eine Dreizehnjährige, die sich sträubt, durch die Pubertät zu gehen, weil sie glaubt, ihr Job sei es, ein Kind zu bleiben. Ich werde traurig. Hätte ich gewusst, dass es diesen Prozess gibt, ja, hätte mich die Gesellschaft nicht angelogen, indem sie suggeriert, dass man dieselbe bleiben kann, und dies auch noch erstrebenswert sei, dann hätte ich vielleicht loslassen können. Dann hätte ich die Chance gehabt, mich diesem Umbau- und Transformationsprozess hinzugeben und nicht in den Widerstand zu gehen.

Mein Sohn ist gerade fünf Jahre alt geworden und ich bin eine neue Frau. Vor allem die lange Auseinandersetzung mit diesem gewaltigen Transformationsprozess, den die Mutterschaft mit sich bringt, hat mir dabei geholfen. Und der Fakt, endlich ein Wort dafür zu kennen. Sprache ist ein wunderbares Instrument, um Erlebniswelten für andere greifbar zu machen. Wenn es an Sprache und theoretischen Modellen für die psychischen Erlebenswelten von Müttern fehlt, lassen wir sie im Stich. Wenn wir beginnen, den Begriff der Muttertät zu benutzen, vor allem aber auch über die Muttertät zu sprechen, erlösen wir unzählige Frauen wie mich aus diesem konstanten Zustand des Falschfühlens. Wir helfen anderen Mamas dabei, es geschehen zu lassen, wenn sie sich häuten.

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