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Elternkolumne

Echt jetzt! Warum sich eine engagierte Tante ärgert

Echt jetzt! Diplome, Geld und Karriere? Nein danke, sagt die Kolumnistin und Tante Esther Meyer. Lieber verbringt sie Zeit mit ihrem Neffen.

Der Mittwoch gehört Levi. Und Playmobil-Rittern, Trickfilmen und ohrenbetäubenden Spielzeug-Sirenen. Ich konnte, dank meinem Arbeitgeber und einer Teilzeitanstellung, meinen freien Tag so legen, dass ich Zeit mit meinem Neffen (6) verbringen kann.

Sollte es einmal vorkommen, dass das Kind andere Pläne hat, dann ist das Tantenherz traurig. Denn eine Woche ohne Levi ist eine schrecklich leere Woche. Ich weiss nicht mehr, wie mein Leben ohne ihn aussah. Trist und öd, vermute ich. Denn der blonde Bub mit dem Schalk in den Augen weiss mehr als mancher Erwachsene (und kann einem die Sache mit den Planeten genau erklären, danke dafür) und ist seit seiner Geburt gut gelaunt. Kann man auch nicht über jeden Erwachsenen sagen.

Damit ich mein Wissen über Planeten vertiefen kann, verzichte ich in meinem Berufsleben auf mehr Geld, da mir die Zeit mit Levi mehr wert ist als mein Kontostand. Weil die Stunden mit ihm unbezahlbar sind. Denn der Job umarmt dich nicht mitten beim Legölen (wenn ich immer etwas falsch zusammenbaue und drum getadelt werde) und sagt dir, dass er dich gern hat. Der Job schmiegt sich nicht an dich und legt dir den Kopf auf die Schulter, während du aus dem «Lustigen Taschenbuch» vorliest. Der Job probiert allerdings auch nicht an dir das aus, was er in der letzten Karate-Stunde gelernt hat.

Als ich in meinem letzten Beruf auf 80 Prozent reduziert habe, stellten mir alle Mitarbeiter die Frage: «Was machst du für eine Weiterbildung?» Als ich darauf nicht mit «Marketing», «BWL» oder sonst etwas Schweizerisch-Vernünftigem antwortete, war man verwirrt. Einfach das Pensum reduzieren, ohne ein langfristiges Ziel zu haben? Mein Ziel war es, «quality time» mit einem damals 3-Jährigen zu verbringen. Ich kann mich genau an eine Person erinnern, die positiv reagiert hat. Schockierend, in einer Gesellschaft, in welcher der Ausdruck «Work-Life-Balance» nichts Neues ist, aber eher in der Theorie als in der Praxis vorzukommen scheint. Will man mehr «Life» in seine Work-Balance bringen, wird man als wenig ehrgeizig angeschaut. Was ich aber nicht bin. Ich habe den Ehrgeiz, eine gute Tante zu sein. Zwar eine, die Lego nicht so zusammenbaut wie instruiert, aber immerhin.

Es irritiert die Menschen, wenn man es wagt, keine Weiterbildung zu absolvieren, weil sich diese hervorragend im Lebenslauf machen würde. Denn das ist das, was man tut, wenn man vorwärts kommen und Geld anhäufen will. Man quält sich jahrelang durch Schulstunden, um des CVs Willen. Weil nur ein ordentliches, geradliniges Word-Dokument mit vielen anständigen Diplomen eine Gattung macht. Und bis zum Sterbebett hat man dank den hart erarbeiteten Ausweisen Zeit, die Karriereleiter hinaufzuklettern. Ich verurteile niemanden, dem das Befriedigung verschafft. Aber apropos Sterbebett: Es ist kein Geheimnis, dass Menschen, kurz vor ihrem Tod nach Versäumnissen befragt, mit «Ich wünschte, ich hätte weniger hart gearbeitet» antworten. In diesem Satz ist viel versteckt. Hauptsächlich das Wort «Lebensqualität». Davon ist nicht mehr viel übrig, wenn man um 20 Uhr nach Hause kommt. Was ist einem wichtiger: Karriere oder Kinder? In unserem leistungsorientierten Land wird man bei einem dieser beiden Punkte immer Abstriche machen müssen, wenn man beides unter einen Hut bringen möchte.

Ja, man muss es sich leisten können, nicht Vollzeit zu arbeiten. Die Verkäuferin, die den Mindestlohn verdient und mit dem zweiten Kind schwanger ist, kann sich den Luxus der Teilzeitarbeit nicht leisten, dessen bin ich mir bewusst.

So bin ich weiterhin mittwochs dankbar, dass ich mich mit Nerf-Pistolen beschiessen, Ritterburgen bauen und mich abknutschen lassen darf. Denn wenn ein Kind Ihren Namen schreiend auf Sie zu rennt und Sie dabei mit einer Monsterumarmung fast zu Boden wirft, dann, ja dann ist das mehr wert als alles Geld der Welt.

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