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Das therapierte Kind

Und welche Macke hast du?

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Zu laut, zu schüchtern, zu zappelig, zu begabt. Verunsicherte Eltern und wohlmeinende Lehrkräfte therapieren eine ganze Art weg: Das «normale» Kind stirbt aus.

Ich gestehe: Ich habe zwei ganz normale Kinder. Ich gestehe auch: Es dauerte einige Jahre, bis ich mir dessen sicher war. Als mein Erstgeborener gerade einmal vier Jahre alt war, liess ich ihn auf Anraten der Krippenleiterin auf ADHS abklären. Er hat keines. Ein Jahr später, im ersten Kindergartenjahr, wurde ich in den Chindsgi gerufen, weil das Kind mit der Zunge anstiess, wenn es «S» sagte. Ob die darauf angeordneten Logopädiestunden etwas bewirkten, wage ich bis heute zu bezweifeln. Damals machte ich, wie mir geraten, und schickte kurz darauf auch den jüngeren Buben hin. Bei ihm haperte es am «Sch». In der Unterstufe wurde uns dann Graphomotorik und Ergotherapie empfohlen, weil der Grössere sich beim Schreiben verkrampfte. In der Mittelstufe kam wiederum der Jüngere ins Visier, weil er Mühe bekundete, seine Aufgaben zu ordnen. Übrig geblieben ist von den vermeintlichen Defiziten – nichts.

Extrem? Nein, guter Durchschnitt. Die Ausnahme ist längst zum Regelfall geworden. Eine Studie aus dem Schuljahr 2008/09 zeigt, dass im Kanton Zürich bereits in der Primarschule auf 100 Kinder 46 sonderpädagogische Massnahmen fallen. Aktuellen Erhebungen ist zu entnehmen, dass die Zahl der Sonderschüler aller Integrationsbemühungen zum Trotz ungebrochen ansteigt. So wurden im Jahr 2000 400 Kinder wegen Verhaltensauffälligkeit in eine Sonderschule eingewiesen, im Jahr 2009 waren es fast doppelt so viele. Und die angefragten Fachleute bestätigen: «Eine Trendwende ist vorläufig nicht in Sicht.»

Urs Moser, Bildungsforscher an der Universität Zürich, bemängelt, dass für die meisten eingesetzten Therapiemethoden keine Wirkungsstudien bestünden. «Viele Kinder werden wegen einer Sache pathologisiert, die sich in ein paar Monaten oder Jahren von selbst korrigiert hätte.» Und das hat Auswirkungen: Moser untersuchte die Befindlichkeit von Schulkindern am Ende der dritten Klasse. Sein Fazit: «Stütz- und Fördermassnahmen können zwar zur kurzfristigen Entlastung führen. Langfristig aber sind die Sondermassnahmen für Kinder einschneidende Erlebnisse, die sich auf ihr schulisches Selbstvertrauen negativ auswirken.»

Defizite ausradieren

Remo Largo, Autor des viel zitierten Buches «Schülerjahre», doppelt nach: «Eine falsch verstandene Therapie kann das Defektbewusstsein verstärken.» Heute herrsche die Idee vor, wenn man möglichst früh eingreife, liessen sich alle Defizite ausradieren. «Aber eine Legasthenie lässt sich nicht wegtherapieren». Vielmehr gelte es darum, eine Schwäche zu akzeptieren und für ein Umfeld zu sorgen, das das Kind nicht zusätzlich verunsichere.

Sandra und Daniel Müller sind grundsätzlich einig mit dem Doyen der Kindererziehung. Einfacher macht das ihren Alltag nicht. Seit einem halben Jahr besucht ihr Sohn Lukas die erste Klasse. Rechnen und Lesen lernte er in Windeseile. Stolz blättert er jetzt jeden Morgen die Zeitung durch und liest seinen Eltern die Schlagzeilen vor. Die Juristin und der IT-Fachmann staunten darum nicht schlecht, als ihnen die Lehrerin beim ersten Elterngespräch riet, Lukas auf Legasthenie abklären zu lassen. Sie legte den Eltern ein Übungsblatt vor, auf dem Lukas einige Buchstaben in die verkehrte Richtung geschrieben hatte. Daniel Müller winkte ab, aber bei seiner Frau dreht sich seither das Gedankenkarussell: «Ich schwanke zwischen ‹die spinnen doch!› und der Angst, dass wir etwas verpassen.» Auch jetzt, da sie sich mit ihrem Mann geeinigt habe, erst einmal abzuwarten, ziehe es ihr jedes Mal den Magen zusammen, wenn Lukas bei seinen Hausaufgaben wieder einmal einen Buchstaben verdrehe.

Trend zur Konformität

Zu langsam, zu begabt, zu ruhig, zu laut, zu zappelig – immer mehr Volksschüler scheinen nicht mehr so in Ordnung zu sein, wie sie sind. Für Andrea Lanfranchi, Bildungsexperte und Dozent an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik, hat diese Entwicklung verschiedene Gründe. Zum einen würden Lehrer und Lehrerinnen heute schon in der Ausbildung darauf getrimmt, die Kinder genau zu beobachten. Dadurch würden Defizite früh wahrgenommen. «In der Meinung, das Bestmögliche zu tun, meldet die Lehrkraft das Kind für weitere Abklärungen an. Leider oft ohne sich vorher auf die eigenen Unterstützungsmöglichkeiten zu besinnen.» Zum anderen seien die Ansprüche vieler Eltern und somit der Druck auf die Schule gestiegen. Sowohl im Elternhaus als auch in der Schule herrsche die allgegenwärtige Angst, etwas zu verpassen. Obwohl Lanfranchi betont, dass es durchaus Kinder gäbe, bei denen der frühe Beizug einer externen Fachperson angezeigt sei, sagt er pointiert: «Kinder, die aus der Reihe tanzen, geraten in der deutschen Schweiz zu schnell in die Korrigiermühle!»

In der deutschen Schweiz? Ja. Lanfranchi berichtet gerne von seinen Forschungsergebnissen im Tessin. Ein Kanton, in dem die Schulen sehr viel weniger Geld zur Verfügung hätten als beispielsweise in Zürich. «In solchen Kantonen kann man nicht allzu perfektionistisch sein und für jede Auffälligkeit eine Therapie einleiten oder eine Sonderklasse suchen.» Eine Tessiner Lehrerin sei gezwungen, mit schwierigen Schülern Lösungen vor Ort zu suchen, in der eigenen Klasse, im Elternhaus, eventuell mithilfe der Kolleginnen und Kollegen im Schulhaus. In einem Kanton wie Zürich werde schnell einmal der Schulpsychologische Dienst eingeschaltet statt die Schulische Heilpädagogin beigezogen. «Ist die Therapie-Maschinerie erst einmal angestossen, lässt sie sich kaum mehr stoppen», sagt Lanfranchi. Richten sollen es die Eltern: Sowohl Moser wie Lanfranchi raten, erst einmal tief Luft zu holen, wenn die Schule eine Abklärung empfehle: «Wenn Eltern und Lehrkräfte zusammenarbeiten, lassen sich viele Probleme ohne externe Hilfe lösen.»

Martin Wendelspiess, Leiter des Volksschulamtes Zürich, stört sich daran, dass wieder einmal die Schule gesellschaftliche Probleme lösen soll. «In anderen Bereichen beobachten wir doch die genau gleiche Entwicklung», sagt Wendelspiess. Er stellt einen allgemeinen «Trend zur Konformität» fest. Seine drei Söhne hätten zum Beispiel alle eine Zahnspange getragen. Medizinisch wirklich zwingend sei die Korrektur aber lediglich bei einem gewesen. «Etwas abzulehnen, das die Startchancen fürs eigene Kind verbessern könnte, verlangt von Eltern enorm viel Mut.»

Verschenkter Startvorteil?

«Da liegt der Hund begraben», sagt Bildungspolitikerin und SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr. Das Problem sei längst erkannt, aber das Risiko, etwas zu verändern, sei für die Beteiligten zu gross. «Alle haben etwas zu verlieren: Die Lehrkräfte die willkommene Unterstützung, die Therapeuten die Existenz und die Eltern die vermeintlich besseren Startchancen ihres Kindes.» Das Aussterben des normalen Kindes werde letztlich nur die Politik verhindern können. «Sie muss verstärkt Rechenschaftsberichte einfordern und überall da den Geldhahn zudrehen, wo keine klare Verbesserung für das Kind nachgewiesen werden kann.» Erst dann werde der Weg frei für andere Lösungen, «zum Beispiel zwei Lehrkräfte pro Klasse, statt ein Heer von externen Therapeutinnen und Therapeuten.» Trotzdem rät auch Fehr den Eltern, sich zu hinterfragen, wenn es um die Förderung der Kinder gehe. Spannend sei zum Beispiel, sich zu überlegen, wie man sich entscheiden würde, wenn es um das eigene Leben ginge. «Die meisten Erwachsenen erlauben sich selber sehr viel mehr Unkonformität als den eigenen Kindern.» Und auch die eigenen Schwächen würden als viel weniger bedrohlich wahrgenommen, als jene des Nachwuchses, sagt Fehr und fragt: «Oder schreiben Sie immer absolut fehlerfrei?»


Tipps für Eltern

  • Suchen Sie das Gespräch mit dem/der LehrerIn schon vor dem Auftauchen grösserer Probleme und lassen Sie sich in Entscheidungen miteinbeziehen.
  • Bevor externe Massnahmen eingeleitet werden, schlagen Sie eine Beobachtungszeit vor, in der Sie das Kind zusammen mit der Lehrperson gezielt unterstützen.
  • Prüfen Sie Therapieempfehlungen und weitere Massnahmen wie Versetzung in Sonderklassen genau und verlassen Sie sich auch auf Ihre eigene Beurteilung. Sie kennen Ihr Kind am besten und wissen, was ihm gut tut.
  • Fragen Sie nach, was die Ziele der externen Massnahme sind und ob nicht die interne Schulische Heilpädagogin herangezogen werden kann.
  • Holen Sie bei Unsicherheiten eine Zweitmeinung ein.


Quelle: A. Lanfranchi

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