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Familie

Nach der Trennung: So erlebte ich das Nestmodell

Nach der Trennung haben sich unsere Autorin und der Vater ihrer Kinder für eine gemeinsame Familienwohnung entschieden. Eine Ode an das Nestmodell – und weshalb es trotzdem nicht funktionierte.

Vergangenes Jahr habe ich 130 Mal meine Tasche gepackt, im Schnitt alle 2,8 Tage. Der Grund waren nicht Ferien, sondern die Tatsache, dass ich mich von meinem Mann und dem Vater meiner beiden Kinder getrennt hatte und es mein Zuhause so nicht mehr gab. Ein Jahr lang war die Weekender-Tasche mein steter Begleiter, Symbol meines Nomadenlebens.

130 Mal habe ich meine Tasche gepackt: Mit Kleidern für den nächsten Tag, meinem Pyjama, der Zahnbürste und anderen Toilettenartikeln. Um die Tasche dann kurze Zeit später in unserer Familienwohnung wieder auszupacken.

Familienwohnung. So nannten wir die Wohnung, in der unsere Kinder lebten. Und mein Ex-Mann und ich ebenso, einfach abwechslungsweise. Die Wohnung war quasi das Nest für unsere beiden Söhne, damals drei und neun Jahre alt, in das Mama- und Papa-Vogel jeweils ein- und wieder ausflogen. Nach einem ausgeklügelten Plan teilten wir uns die Wochen auf, legten fest, wer an welchen Tagen zuhause bei den Kindern ist und wer auswärts schläft. Am Sonntagabend assen wir als Familie zu viert Znacht. Komme was wolle, der Termin war unumstösslich.

Die Liebe ist weg

Aber nun der Reihe nach. Was ich hier so nüchtern beschreibe, war die Folge der schwersten und emotionalsten Entscheidung meines Lebens. Vor der Trennung waren wir gute Eltern, ein organisiertes Team – nur irgendwann kein Liebespaar mehr. Die Liebe ist uns auf dem Weg abhandengekommen. Und die Leidenschaft hat sich zusammen mit ihr verabschiedet. Wir waren so beschäftigt mit unseren Kindern, dem Alltag zwischen Kita, der Schule, unseren Jobs und unseren Befindlichkeiten, dass wir uns beide aus den Augen verloren haben – und uns irgendwann nicht mehr zu schätzen wussten. Die Seiten an ihm, in die ich mich vor mehr als zehn Jahren so verliebt hatte, ich konnte sie nicht mehr sehen. Nur noch, was mich nervte, oder was ich vermisste. In vielen Gesprächen sagten mir sowohl Freunde als auch Fremde: «Das ist normal, wenn man Kinder kriegt, da muss man halt durch. Das kommt schon wieder.» Geglaubt und weiter gehofft. Und dann wieder diese Leere gespürt, nichts mehr gespürt. Nächtelang wach gelegen und Szenarien durchgespielt. Sogar eine offene Beziehung habe ich in Betracht gezogen, damit wir als Familie zusammenbleiben könnten, unser Glück wiederfinden würden. Wenn auch anderswo.

Nach einer langen Leidenszeit beschlossen wir dann doch, uns zu trennen. Es kam mehr von meiner Seite aus, mein Mann willigte ein. Was wir uns versprachen: Unsere Kinder sollen unter der Trennung nicht leiden und kommen immer an erster Stelle. Schliesslich bleibt man Eltern, auch wenn Mama und Papa nicht mehr zusammen sind. So mussten wir auch nicht lange überlegen, als der Anruf kam.

Man bot uns diese tolle Wohnung an, für die wir uns Monate zuvor, damals noch ein Paar, beworben hatten. Bis dahin teilten wir uns zu viert 86-Quadratmeter. Die neue Wohnung hatte 100 Quadratmeter, ein Zimmer mehr, kostete 600 Franken weniger und war zudem in der Nähe von Schule und Kita unserer Kinder. Wir mussten diese Wohnung haben. Eine vergleichbare, günstigere würde im Quartier kaum zu finden sein. Und so kam es, dass wir als frisch getrenntes Paar mit unseren beiden Kindern in die neue Wohnung zogen – und von diesem Tag an unser neues Wohn- und Lebenskonzept erklären mussten.

Wenn sich in der Schweiz ein Paar mit Kindern trennt, wird immer noch am häufigsten das sogenannte Residenzmodell gewählt. Das heisst: Die Kinder bleiben bei einem Elternteil (meistens ist das die Mutter), der andere kriegt Besuchsrecht und nimmt die Kinder in der Regel alle zwei Wochenenden zu sich.

Auf dem Vormarsch, auch dank des 2014 neu eingeführten gemeinsamen Sorgerechts, ist das sogenannte Wechselmodell. Dabei pendeln die Kinder getrennter Eltern zwischen den Wohnungen von Mutter und Vater, wo sie abwechselnd leben. Wir haben uns unter den gegebenen Umständen für das in der Schweiz seltenste Modell entschieden: das Nestmodell.

Mit der Unterzeichnung des neuen Mietvertrags hat es sich uns quasi aufgedrängt, dieses Nestmodell. Und da mein Ex-Mann und ich trotz Trennung grundsätzlich immer noch gut miteinander auskamen, konnten wir uns auch vorstellen, weiterhin einen gemeinsamen Haushalt zu führen. Wie sich dann nach Einzug herausstellte, war das, vor allem zu Beginn, nicht immer einfach. Alte Erwartungen an den anderen kamen uns oft in die Quere. So konnte zum Beispiel eine nicht ausgeräumte Abwaschmaschine, eine fast leere Milchpackung, nicht gewaschene oder hängengebliebene Wäsche im Trocknungsraum für dicke Luft sorgen. Obwohl wir kein Paar mehr waren, fielen wir immer wieder in alte Muster. Was auch nicht erstaunt, immerhin teilten wir ja weiterhin das Bett und die Badewanne– wenn auch nicht gleichzeitig. Freundinnen fragten mich oft: «Wie haltet ihr das aus, immer noch so nah zu sein?» Immer noch so viel vom anderen mitzukriegen, sowohl Freud als auch Leid, das konnten sich viele nicht vorstellen.

Versöhnliche Einsicht

Wir machten das aber nicht schlecht. Das einzige Mal, dass ich unser Modell in Frage stellte, war über die Festtage. Da haben wir nämlich eine Woche zu viert in der Familienwohnung verbracht und zusammen Weihnachten gefeiert. Wie in alten Tagen, sozusagen. Mit dem Unterschied, dass sich einer seinen Schlafplatz auf dem Sofa einrichtete.

Die Weihnachtswoche war wohl des Guten zu viel. Die arbeitsfreien Tage, die sowieso schon emotional aufgeladene Zeit zwischen den Jahren, diese Nähe, die wir schon nicht mehr gewohnt waren, sorgten für dicke Luft. Plötzlich war halt auch noch der andere da, der in Diskussionen mit den Kindern mitredete, ja sogar reinredete. Auf einen Schlag waren unsere unterschiedlichen Ansichten und Herangehensweisen, was etwa Erziehung oder Haushalt anbelangen, wieder präsent. Und es gab Streit. Auf einem Spaziergang allein an der frischen Luft darauf dann die wohltuende Erkenntnis: «Es gibt ja einen Grund, weshalb wir uns getrennt haben!» Diese Einsicht hat mich versöhnlich gestimmt.

Eine andere Frage, die uns immer wieder gestellt wurde, war: «Sagt mal, wie könnt ihr euch das denn leisten, dieses Nestmodell?» Total berechtigt, denn diese Lebensweise bedingt ja, dass die Eltern neben der Familienwohnung noch je eine weitere Bleibe benötigen. In der sie eben weilen, wenn sie nicht bei den Kindern sind. Also brauchte es ja insgesamt drei Wohnungen, was sich notabene in einer Schweizer Stadt nur die wenigsten leisten können. Nun, mein Ex-Mann und ich jedenfalls nicht. Wir hatten aber das Glück, dass wir bei Freunden günstige Schlafplätze zur Verfügung gestellt bekamen. So zog er an seinen kinderfreien Abenden und Wochenenden in ein WG-Zimmer einer Bekannten. Und ich packte meine Tasche und schlief irgendwann bei meinem neuen Partner. So mussten wir uns nur die Miete der Familienwohnung teilen.

Wilde Wochen

Fortan hatte ich jeweils «child weeks» und «wild weeks», wie es ein Freund einst passend beschrieb. Entweder war ich zu 100 Prozent bei meinen Kindern – und bekam eine leise Ahnung davon, wie es sein muss, alleinerziehend zu sein. Oder ich genoss meine kinderlosen Tage, in denen ich plötzlich wieder frei über meine Zeit verfügen konnte. Abends länger arbeiten, Abendessen um 21 Uhr oder spontan ins Kino, wenn mir der Kopf danach war. Alles war wieder möglich, wie in der Zeit vor den Kindern. Etwas, wofür mich meine Freundinnen mit Familie manchmal beneiden. Wahrscheinlich so, wie ich sie im Gegenzug beneide, wenn sie als Familie in die Ferien fahren, befreundete Familien zum Brunch einladen, vereint an Festen von Freunden auftauchen – halt all diese Familien-Sachen, die wir in dieser Form nicht mehr erleben.

Nichtsdestotrotz war für den Vater meiner Kinder und mich das Nestmodell die perfekte Lösung – wenn auch nur vorübergehend. Denn es war für beide immer eine Lösung auf Zeit. Der Plan war von Beginn weg, dass ich mir sobald als möglich eine eigene Wohnung in der Nähe suche.

In der Zeit nach unserer Trennung, als alles noch so frisch war, alles im Umbruch, für uns Eltern auch sehr schmerzhaft und emotional, war es ein gutes Gefühl und auch ein Trost, dass wenigstens unsere Söhne ein konstantes Nest hatten. Für sie hat sich auf diese Weise nicht viel geändert, ihr Leben wurde nicht von null auf hundert komplett auf den Kopf gestellt. Sie wussten immer, wo ihr Zuhause ist, ihr Zimmer, ihre Spielsachen. Und dass jederzeit einer von uns für sie da war, in der Familienwohnung. Das waren sie sich sowieso schon gewohnt. Mein Ex-Mann und ich hatten schon vor der Trennung jeweils Abende für uns. Diese Gewissheit, dass wir immer wieder zu ihnen in die Wohnung zurückkehrten, verschaffte den Kindern ein Gefühl von Sicherheit. In Zeiten von Umbrüchen ist eine Basis sicher gut.

Natürlich, auch unsere Kinder waren traurig, dass Mama nicht mehr in Papa verliebt war – und sind es übrigens immer noch. Und es gab Momente, in denen es mir das Herz zerriss. Nämlich, als mich mein Grosser fragte, ob ich einen neuen Freund habe, weil er das gehört hat, und er sich dann in seinem Zimmer hinter einem Donald-Duck-Heft verkroch und nicht mehr mit mir sprechen wollte. Und jedes Mal einen Stich versetzte es mir, wenn ich meine Tasche wieder mal gepackt hatte, bereit, um in mein neues Leben zu ziehen, und mich dann mein Kleiner fragte: «Mama, gehst du ohne uns in die Ferien? Warum?» Dass meine Kinder sich daran gewöhnen mussten, dass immer entweder Mama oder Papa im ehemaligen Ehebett lagen, wenn sie in der Nacht rüberkamen, hatte wiederum fast schon was Lustiges. «Ich weiss nie recht, wer da liegt», meinte der Kleine mal. Nicht, dass es ihn gross belastet hätte, ich glaube, für ihn war einfach wichtig, dass jemand von uns im Bett lag.

Nomadentum zehrt

Ein ganzes Jahr lang haben wir zu viert im Nestmodell gelebt. Irgendwann kamen wir als Eltern jedoch rein physisch an den Anschlag. Das ewige Hin und Her mit der Tasche hinterliess Spuren, wir waren beide vom Nomadentum erschöpft. Immer mehr verspürte ich den Wunsch nach einem Zuhause, nach meinem eigenen Nest. Einem Ort, an dem ich meine Zahnbürste und die meiner Kinder platzieren und ein neues Kapitel aufschlagen kann. Auch mein Ex-Mann wollte einen Schritt weitergehen. Unterdessen habe ich in der Nähe der Familienwohnung, die nun ihm gehört, eine neue Bleibe gefunden. Heute sind es unsere Kinder, die wochenweise zwischen ihrem Vater und der Mutter hin- und herfliegen. Wir teilen uns das gemeinsame Sorgerecht und die Obhut zu gleichen Teilen, im Wechselmodell. Unser neues Leben hat sich gut eingespielt, die Kinder fühlen sich in beiden Wohnungen sehr wohl und finden es lässig, zwei Zuhause zu haben.

An unser Nest-Jahr denke ich gerne zurück, es war für uns als Familie eine wichtige Zwischenstation auf dem neuen Weg. Ein sanfter und ein langsamer Übergang, ein verlängerter Abschied sozusagen. Und etwas haben wir bis heute: Jeden Sonntag essen wir zu viert Znacht. Komme was wolle.

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