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Familie / Digital

Stets ein Bitsli mehr

Zusammengestellte Screeenshots aus facebook und Messengern

Digitaler Austausch tut im manchmal einsamen Elternalltag gut. Doch wie schaffen es Eltern, dem Sog des Internets zu widerstehen?

Kurz die Mails checken, den Whatsapp-Chat vom Handballclub, die Kommentare auf den neusten Facebook-Post. Und weil der Bub so zufrieden spielt, auch noch die Retweets auf Twitter, die Likes auf Instagram und Pinterest. Jetzt ruckzuck die nächste Tramverbindung suchen – Merill, ich komme grad! Und schnell schnell den von der Freundin empfohlenen Kinderarzt googlen und gleich noch die neue Kita-Angestellte. Jetzt nochmals Tragetuchanleitung auf Youtube anschauen – und was waren schon wieder die Zutaten für den mediterranen Gemüsestrudel auf www. eatthis.org? Gleich können wir gehen! Oder ist es jetzt schon Mittag und der Kleine weint, weil er Hunger hat?

Na ja, so schlimm sind wir natürlich nicht. Nein, nein. Keinesfalls. Hoffentlich. Oder nur ganz selten.

Neulich war in einer Studie des Gottlieb Duttweiler Instituts zu lesen, dass wir unser Handy pro Tag 150 Mal entriegeln. Abzüglich grosszügig geschätzter 8 Stunden Nachtruhe also alle 6,4 Minuten. Das sind Durchschnittszahlen. Doch wer nun denkt, Eltern griffen weniger häufig zum elektronischen Gerät, irrt. Denn gerade für sie ist die weite Welt, welche über die Schnittstellen Smartphone, Tablet und Computer den oft einsamen und monotonen Familienalltag belebt, ein Segen. Jedenfalls auf den ersten Blick.

Ich, Baby und Smartphone

Früher, im Vorinternet-Zeitalter, bekam eine Frau ein Kind und die beiden waren einander zumindest in den ersten Monaten auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Hatte das Baby ein paar Wochen später beispielsweise grünes Gaggi in der Windel, hatte die Mutter vier Möglichkeiten: 1. Abwarten. 2. Einen Babyratgeber konsultieren. 3. Den Kinderarzt oder die Mütterberaterin anrufen (allerdings werden Kinder meist erst nach Praxisschluss krank). 4. Freundin mit Kindererfahrung, Mutter oder Schwiegermutter zu erreichen versuchen, sofern das Verhältnis zu diesen ein entspanntes ist.

Heute greift die Frau zum Gerät, googelt «grüne Babykacke» oder loggt sich in ein Forum oder eine Müttergruppe ein und schildert ihr Problem. Innert kürzester Zeit hagelt es Antworten, Analysen und Ratschläge jeglicher Couleur. Das Schöne daran: Wir, das Baby und der grüne Stuhlgang sind nicht mehr allein. Das Beängstigende: Je nach Zustand unseres Nervenkostüms schaffen es Suchmaschinen innert Kürze, uns in Angst und Schrecken zu versetzen, denn schliesslich könnte die geschilderte Stuhlgangfarbe auch von Viren, Salmonellen oder ähnlichen Killerbakterien herrühren. Oh Gott!

Dasselbe mit der Still-App, der Baby-Bewegungsaufzeichner-App oder der App, welche es werdenden Eltern nach einer künstlichen Befruchtung erlaubt, von zu Hause aus die Entwicklung ihres Embryos im Labor zu beobachten. Toll, wenn sich das Gerät merkt, welche Brust beim Stillen diesmal dran ist. Mist, wenn das Baby sich nicht an die Normvorgaben der App hält und Eltern verunsichert. Dumm, wenn Eltern zu App-Junkies werden. Spätestens dann braucht es einen Menschen aus Fleisch und Blut, der ihnen sagt: Konsultiere deinen gesunden Menschenverstand, schalte das Gerät aus und das gute alte, analoge Bauchgefühl ein.

Wir wissen es alle: Die kleinen und grossen Bildschirme ziehen nicht nur unsere Kinder, sondern auch uns Erwachsene in ihren Bann, als hätten sie uns verhext. Kinderärzte, Hebammen und Soziologen mahnen deshalb seit längerem vor den Auswirkungen des elterlichen Smartphone-Dauerkonsums auf die Kinder. Dazu gehören unsichere Bindung und das Gefühl des Kindes, das Gerät sei wichtiger als es, aber auch eine verzögerte Sprachentwicklung. Die Stadt Frankfurt hat vergangenen März gar eine Plakatkampagne gestartet, mit welcher sie die Eltern auffordert: «Sprechen Sie lieber mit Ihrem Kind.» Das Plakat zeigt eine Mutter, welche sich auf den Kinderwagen stützt und ins Handy schaut.

«Papi, du hörst mir ja gar nicht zu», hat auch Philippe Wampfler schon von seinen Kindern zu hören bekommen, wenn das Gerät wieder mal vermeintlich wichtiger war als sie. Der Lehrer, Medienpädagoge, Blogger in Sachen digitale Welt und Vater von drei Kindern zwischen drei und sechs Jahren hat jedoch eine differenzierte Sicht auf die Thematik. «Ich finde es wichtig, meine Online-Zeit zu beschränken, wenn ich mit der Familie zusammen bin.» Andererseits gebe es auch eine moralisierende Seite, die ihm nicht behage. «Man hat heute ein Bild von Mutterschaft, und wohl zunehmend auch von Vaterschaft, welches verlangt, dem Kind 100 Prozent Aufmerksamkeit zu schenken», sagt Wampfler, «das ist eine überhöhte Forderung.»

Vor 100 Jahren war es selbstverständlich, dass Kinder nicht immer von Erwachsenen beaufsichtigt und betreut wurden, denn ein Haushalt ohne Waschmaschine, Staubsauger und Elektroherd machte eine Menge Arbeit. Unsere eigenen Mütter wiederum waren immer noch viele Stunden pro Woche damit beschäftigt, die saubere Wäsche im Schrank akkurat zu stapeln und führten hin und wieder ein längeres Telefonat, während dem sie sich dann nicht mehr als zwei Meter von der Telefonsteckdose entfernen konnten. Die Väter waren entweder bei der Arbeit, im Hobbyraum oder in Zeitungen vertieft.

Ständige Erreichbarkeit

Heute arbeiten viele Eltern Teilzeit, zunehmend auch Väter, wenn auch in höheren Pensen als die Mütter. Von beiden wird oft erwartet, dass sie auch erreichbar sind oder digital kommunizieren, wenn sie ihre Kinder betreuen, sodass sie nicht zum Sand im Arbeitsgetriebe werden. Wer Büro-Mails am freien Tag beantwortet, signalisiert: «Ich bekomme trotz Teilzeitarbeit mit, was läuft.» Gleichzeitig erschwert die ständige Erreichbarkeit die Abgrenzung zur Familienzeit. «Mit dem Handy bin ich an meinem Papi-Tag immer versucht, auch an die Arbeit zu denken», sagt Wampfler. «Wenn ich dann merke, jetzt war ich den halben Morgen am Arbeiten, statt mit den Kindern zu spielen, ist das schade.» Eltern müssten sich deshalb selbst Regeln geben, nicht zuletzt weil sie immer auch Vorbilder sind für die eigenen Kinder.

Aber selbstverständlich: Es ist nicht nur der Job, der Eltern in die digitale Welt saugt. Mit dem Handy wird der Mama im Büro das drollige Foto von «Kind und Hund im Pappkarton» geschickt, online wird geklagt, dass der Sohn vergangene Nacht gefühlte 1000 Mal aufgewacht sei – sehr oft geht es um Kommunikation, Kontakt, Austausch. Das tut gut, denn Elternsein ist manchmal ein einsamer Job. Das Sozialleben hat sich verändert – wer kann mit Kindern noch mehrmals wöchentlich zum Sport oder zum früher üblichen Feierabend-Bier? Wer den ganzen Tag mit den Kindern ist, hat oftmals einen akuten Mangel an gehaltvollem Erwachsenen-Feedback. Ein kurzer digitaler Austausch kann die Welt wieder ins richtige Licht rücken. Ein schlechtes Gewissen solle man deswegen keinesfalls haben, findet Wampfler, «Beziehungen zu pflegen gehört zu einem guten Leben dazu.»

Väter surfen anders als Mütter

Und hier zeigt sich plötzlich, dass Väter und Mütter zum Teil völlig anders unterwegs sind im Netz. Mamis gründen Facebook-Gruppen und schliessen Väter davon aus schreiben Blogs und zeigen darauf «unser Wochenende in Bildern», Kinderzeichnungen oder die neueste Sonnenbrille von Prada. In Foren diskutieren sie den Trisomie-21-Test, Beziehungsprobleme und jeden Mückenstich des Babys. Männer hinterlassen hier kaum Spuren, auf jeden Fall nicht in Form von Kommentaren. Sie verhalten sich, als würde sie dies nichts angehen, und auf viele mag das zutreffen, aber nicht auf alle. «Männer nutzen die Foren auch – zum informellen Lernen im Netz», sagt Wampfler. Das heisst: Sie suchen, ganz Mann, nach Lösungen und lesen, was es zu Themen wie Kinderkrankheiten, Schlafen oder Ernährung gibt. «Ohne Internet kann man bei manchen Themen kaum mehr eine informierte Entscheidung treffen», findet Wampfler. Diskutiert oder ausgetauscht wird aber kaum. «Männer haben weniger Übung darin, da gibt es sicher geschlechterspezifische Unterschiede. Indem wir Männer mitlesen, wird uns aber klar, welchen Wert diese Art von Austausch hat.»

Väter gehen auch ins Netz, um sich über ein strahlungsarmes Babyphone zu informieren, wenn sie von einem Teddybären mit Kamera-Augen zur Kinderüberwachung hören oder dem Sohn zum 2. Geburtstag eine Drohne schenken wollen. Diskutieren sie im Netz, dann am ehesten über gesellschaftliche und politische Fragen, wie die neue Väterrolle, Teilzeitarbeit oder den Vaterschaftsurlaub.

Das Recht aufs eigene Bild

Oder Kinderfotos im Netz, ein Thema, das mit zuverlässiger Regelmässigkeit auf verschiedensten Plattformen hochgespült wird, so auch wieder vergangenen Frühling in deutschen Blogs. Auf jeden Fall sollte man sich die Frage stellen, ob das Recht aufs eigene Bild nicht auch für die Kinder gilt und welche Folgen es für Sohn oder Tochter später im Teenageralter haben wird, wenn die Klassenkameraden die ganze Kindheit im Internet vorfinden. Anderseits könnten Eltern, die ihre Kinder konsequent nirgendwo im Internet erwähnen, auch mit der Frage konfrontiert werden: «Mama/Papa, habt ihr euch eigentlich für mich geschämt oder warum habe ich bei all eurem Internetleben überhaupt nicht stattgefunden?» schreibt Blogger Steve auf steve-r.de. Johnny Häussler von spreeblick.de spinnt den Gedanken weiter: «Wenn wir Kinder gar nicht mehr stattfinden lassen im Netz, wenn wir ihre Existenz im Digitalen also quasi negieren, dann sind sie auch kein sichtbarer Teil der Gesellschaft mehr, und das wäre fatal.»

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