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work-life-balance-2012-03-4

Work-Life-Balance

So richtig schön ausgewogen

«Work-Life-Balance» heisst das Losungswort der Stunde. Leider. Sorgt dieses kurzsichtige Starren auf tägliche Ausgeglichenheit doch nur für Stress. Ein Plädoyer für die Weitsicht.

Ist ein Business-Lunch Arbeit? Ist ein Essen mit matschendem Kleinkind Arbeit? Oder ist Essen mit Kind Leben. Echt und unverfälscht? Ist Reden über Bilanzen weniger Leben als über «Stups, den kleinen Osterhasen»? Das scheint so zu sein. Weil es derzeit chic ist, die Schere aufzumachen: Arbeit hier, Leben dort und weil das daraus abgeleitete Mantra «Sorge für deine Work-Life-Balance» überall, unentrinnbar und unhinterfragt herumwabert. Balance, das klingt ja immer toll. Nach Yoga, Mondzyklus und nirwanamässiger Ausgeglichenheit.
Blöd ist nur, dass der Imperativ der Work-Life-Balance gerade Mütter alles andere als ausgeglichen macht, sondern hektisch, verzagt, mutlos.
Wer keine Lust hat, mit den Kindern nach der Arbeit noch «Tempo, kleine Schnecke » zu spielen, wer unauffindbare Muskulatur sein Eigen nennt, weil die Zeit fürs Fitnessstudio fehlt und wer zu kraftlos ist, im Schlafzimmer Aufregendes zu bieten oder wenigstens die Wohnung zur Jahreszeit passend zu dekorieren, fühlt sich – schlecht. Als Gescheiterte. Schliesslich sollte sich doch alles schön entspannt zusammenfügen: Karriere und Kind, Mann und Meerschweinchen, Afrodance und pflegebedürftige Angehörige. Und das jeden Tag. Auf dass Harmonie und Gelassenheit ständige Begleiter seien.
Nur – warum eigentlich? Viel darf doch wohl viel sein. Und der Vorsatz, jeden Abend um 22.30 Uhr befriedigt einen ausgeglichenen Tag bilanzieren zu können, ist – Unsinn. Zum Scheitern verurteilter Unsinn. Vielmehr sollten Mütter es mit dem Fussballtrainer Sepp Herberger halten. Wusste der doch: «Der Ball ist rund und das Spiel dauert 90 Minuten.»

Job, Kind, Partner ... und stete Harmonie wie in einem Wellnesscenter?

Tunnelblick Mutterschaft

Aber so denken Frauen nicht. Sie starren auf die im übertragenen Sinne turbulenten 20 Minuten Kleinkindphase in ihrem Leben wie die Motte auf die Lampe.
Zwar wollen, laut einer Untersuchung des Wissenschaftszentrums Berlin, 74 Prozent der jungen Frauen zwischen zwanzig und dreissig Jahren einen guten Job, zwar bekunden zwei Drittel von ihnen, auch nach der Familiengründung beruflich nicht zurückstecken zu wollen; doch Lippenbekenntnis und tatsächliches Verhalten haben nur sehr entfernt etwas miteinander zu tun.
Mehr als die Hälfte der jungen Frauen wählen unter nur insgesamt zehn Berufen, so eine Studie der Soziologin Bettina Heintz. Damit ist die Schweiz, einzig übertroffen von Luxemburg, das Land mit der geschlechtsabhängigsten Berufswahl innerhalb der westlichen Industrienationen. Gemeinsames Merkmal der gewählten Berufe: schlechter Verdienst, wenig Ansehen, keine Aufstiegsmöglichkeiten. Auch Studentinnen – längst an der Uni genauso häufig vertreten wie männliche Kommilitonen – entscheiden sich nach wie vor für Fächer, die überaus interessant sein mögen, nicht aber nach Geld, Karriere und Verantwortung riechen. Oder wie es der Münchener Psychologe Stefan Woinoff in seinem Buch «Überlisten Sie Ihr Beuteschema» schreibt: «Keine Frau sagt: Ich will einen Beruf, mit dem ich mich, meine Kinder, meinen Mann, ein Haus, zwei Autos und den Urlaub für die Familie finanzieren kann.»
Frauen betrachten ihre Zukunft offenbar von Anfang an mit dem Tunnelblick «Mutterschaft». Aber: Sie denken bei Familie plus Job nicht an eine – zugegeben an strengende – Doppeldosis Leben, sondern an das Zusammenwürgen vermeintlich inkompatibler Sphären, an eine Doppeldosis Stress. Und sie denken ihr Scheitern daran gleich mit.
Was nicht ganz unrealistisch ist. Aus vielerlei Gründen. So suchen etwa Frauen nach wie vor nach einem klassischen Alphamännchen. Einem grossen, einem mit Geld, Schultern, Macht, höherem Status als man selbst. Kurz, nach einem Partner, der gewiss keine Lust hat, auf Auslandsreisen, Adrenalin und Aufstieg zu verzichten, um zu Hause die Hälfte von Bügelwäsche und Einmaleins-Abfragen zu übernehmen. Also machen Mütter, mögen sie auch gepierct sein und beim Staubsaugen Kanye West hören, noch immer 67 Prozent der Hausarbeit. 66 Prozent aller Mütter, so die aktuelle Studie des Rheingold-Institutes Köln, sagen, die Verantwortung für die Kinder läge klar bei ihnen.

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Nuggi, Yoga, Karriereleiter

Tja.
Bei diesen zweimal zwei Dritteln bleibt für den Job unter der Wellness-Doktrin «Work-Life-Balance» nicht mehr viel.
Entsprechend wird der Beruf reduziert. 25 Stunden pro Woche arbeitet die Durchschnittsmutter 10 Jahre nach der Geburt des ersten Kindes.
Karriere? Kann man knicken. Aber – ist es eigentlich in Stein gemeisselt, dass Arbeit das fiese Andere ist? Die schäbige Schwester des Familienlebens? Der Störenfried der Freizeit? Könnte sie nicht auch rein theoretisch Spass machen und positiv aufs Private abfärben? Überhaupt ist der Gedanke, das Leben zu sezieren, in Teile zu schnipseln und diese nach Schwarz und Weiss zu sortieren, neu. Bis Ende des 19. Jahrhunderts war das komplette Leben nichts anderes als Arbeit, 1891 führte Bismarck eine Altersversicherung ein und damit erstmals einen arbeitsfreien Lebensabschnitt. Mütter haben ohnehin immer gearbeitet: auf dem Feld, am Fliessband, mit Waschbrett am Bottich, Angehörige pflegen, Kühe melken …
Ob die gemolkene Kuh oder die geernteten Kartoffeln jetzt möglicherweise die Work-Life-Balance in Schieflage bringen, ist dabei vermutlich selten erwogen worden. Familie war Institution, Organisation. Heute dagegen wird sie zur romantischen Enklave, zum Hort der Ruhe, zu sanfter Unterstützung und zum selbstgebastelten Oster-Nestchen stilisiert. Zum Gegenentwurf zur bösen Businesswelt. Wie soll das gehen? Gar nicht.
Klar helfen flexible Arbeitszeiten weiter, sicher ist eine gute Kinderbetreuung wichtig. Natürlich ist Homeoffice eine Erleichterung, das Smartphone am Sandkasten oft mals besser als ein Tag im Büro. Und längst haben in Zeiten drohenden Fachkräftemangels auch die Firmen «flexible Arbeitszeiten » und das Schlagwort von der «Work-Life-Balance» als Zugpferd beim Buhlen um kompetente Arbeitnehmer entdeckt.

Huch, Geld! Finanzielles überlassen Frauen noch immer den Männern.

Homeoffice und Minijob

Dumm nur, dass all die tollen Worte kurzfristigem Denken verhaftet bleiben. Kaum ein Unternehmen setzt auf die Jungmutter und nimmt in Kauf, dass sie zwei, drei Jahre unorthodoxer arbeitet, danach aber vielleicht durchstartet. Kaum ein Chef, der nicht den 10 Stunden im Büro präsenteren Kollegen für fleissiger hält als die «Heimwerkerin» und findet, dafür könnte die sich doch zumindest am Sonntag ein bisschen einloggen. Paare, wie die Scheidungsraten belegen, denken nicht: «Augen zu und durch. In 10 Jahren ist die Rush hour des Lebens vorbei, dann haben wir wieder mehr Zeit zu zweit.» Und junge Mütter, die aus dem Beruf aussteigen, drastisch reduzieren oder Minijobs machen, denken nicht ans Alter. Nicht daran, dass jedes nicht gearbeitete Jahr, jedes runtergeschraubte Prozent des Arbeitspensums an der Rente nagt. Von Altersarmut Betroffene sind zu 62 Prozent weiblich.Work-Life-Balance? Klingt «rundum schönes» Leben nicht besser als «ausbalanciertes»?
Aber bitte, wenns denn sein muss: dann eben auch Balance. Aber auf lange Sicht. Das Spiel dauert 90 Minuten.

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