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Impfen

Sind Impfungen wirklich nötig?

Viele Fragen nach Notwendigkeit und Nutzen von Impfungen dürften durch das Coronavirus in ein neues Licht gerückt worden sein. Antworten braucht es trotzdem – oder sogar erst recht. Zwei Kinderärzte haben sie.

Wie rasant sich ein leicht übertragbares Virus verbreiten kann, wie viele Menschen es mit sich reissen, welch verheerende Folgen es haben kann, solche Schilderungen dienten noch vor Kurzem allein dazu, uns die Gefahr von Infektionskrankheiten zu veranschaulichen, die wir nur noch vom Hörensagen kannten.

Seit das Coronavirus sich weltweit ausbreitet, muss man niemandem mehr erklären, wie es ist, wenn weder Medikamente noch Impfstoffe existieren gegen einen Erreger, der wie ein Lauffeuer überhandnimmt. Thomas Schmitz und Sven Siebert haben sich – prä-Coronavirus – für ihr aktuelles Buch «Klartext: Impfen!» eingehend damit beschäftigt, warum dem Impfen seit Jahren mit immer mehr Skepsis begegnet wird, welche Risiken es tatsächlich birgt und ob überstandene Krankheiten nicht auch ihre guten Seiten haben.

Schmitz ist Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde und arbeitet als Oberarzt und Dozent in der Klinik für Neonatologie an der Berliner Charité, Siebert ist Journalist und diplomierter Biologe.

Wir haben einige ihrer Antworten zu folgenden Fragen zusammengetragen:

Warum lösen Impfungen seit einiger Zeit so viel Skepsis aus?
Ist jegliche Impfkritik aus der Luft gegriffen?
Was ist mit Autismus als Folge einer Impfung?
Verlaufen beispielsweise Masern nicht meistens harmlos?
Liegt der Rückgang von Infektionskrankheiten an den besseren Lebensbedingungen?
Wirkt sich eine überstandene Kinderkrankheit auf das Immunsystem und auch auf die Persönlichkeitsbildung positiv aus?
Brauchen wir eine Impfpflicht?


Warum lösen Impfungen seit einiger Zeit so viel Skepsis aus?

Eltern möchten eigenständig und bewusst Entscheidungen treffen – ganz besonders, wenn es um die Gesundheit ihrer Kinder geht. Wir wollen nicht einfach blind den Empfehlungen staatlicher Einrichtungen oder dem Rat der Kinderärztin folgen. «Das ist grundsätzlich verständlich und berechtigt, aber meistens verdammt schwierig», schreiben Schmitz und Siebert in ihrem Buch.

Die Materie ist komplex und es ist kaum möglich, sich mit ein paar Stunden Recherche im Netz und einem Stapel Bücher ein umfassendes Bild zu machen. Die Medizin stehe heute vielfach in dem Ruf, eine kalte, Natur und Menschen missachtende Apparate- und Pharmamedizin zu sein, auch wenn das ein sehr einseitiger Blick sei.

Gerade Impfungen seien hier eine verlockende Gelegenheit, um dem diffusen Unbehagen dagegen Ausdruck zu verleihen und sich dem Gesundheitssystem zu widersetzen – wohl nicht zuletzt deshalb, weil wir zum Zeitpunkt des vorgesehenen Eingriffs eben gesund sind.

Ist denn jegliche Impfkritik aus der Luft gegriffen?

Nein, natürlich nicht. Impfungen sind mit Risiken verbunden, wie andere medizinische Massnahmen auch. Das streiten auch diejenigen Fachleute nicht ab, die von deren Nutzen und Notwendigkeit überzeugt sind. Eine Entscheidung zu einer Impfung bedeutet immer abzuwägen: Wie gross ist das Risiko, dass eine Erkrankung gravierende oder sogar tödliche Folgen mit sich bringt? Und wie hoch die Wahrscheinlichkeit, dass einer Impfung schwerwiegende Schäden folgen, beispielsweise ein Kreislaufschock oder eine Gehirnentzündung? Nur wenn Ersteres um ein Vielfaches grösser ist als Letzteres, rechtfertigt sich der Eingriff in die körperliche Unversehrtheit und wird eine Impfung überhaupt zugelassen.

Gerade bei den gängigen, zigmillionenfach erprobten Impfungen für Babys und Kinder sind dramatische Impfschäden oder unvorhergesehene Konsequenzen jedoch äusserst selten. Selbstverständlich würde man seinem Kind auch gerne unangenehme Nebenwirkungen wie Fieber, Rötungen oder Muskelschmerzen ersparen; doch diese sind in der Regel schnell vorbei und harmlos.

Einen Verdacht auf Impfschäden kann man übrigens nicht nur melden, man muss sogar: Den Empfehlungen der Eidgenössischen Kommission für Impffragen – dem Schweizerischen Impfplan – ist ein Meldeformular für unerwünschte Impferscheinungen angehängt. Zuständig für die Abklärung ist das Heilmittelinstitut Swissmedic.

Und was ist mit Autismus?

Seit Ende der 1990er-Jahre hat das Misstrauen gegenüber Impfungen eine ganz neue Dynamik angenommen. 1998 publizierte der britische Mediziner Andrew Wakefield in der Fachzeitschrift «The Lancet» eine Studie, in der er einen Zusammenhang zwischen Autismus und der Dreifachimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln feststellte.

Die Arbeit warf riesige Wellen, doch zeigte sich bald, dass der Wissenschaftler nur eine sehr kleine Zahl von Fällen untersucht und spekulative Schlüsse gezogen hatte, wie Schmitz und Siebert schreiben. Die Studie ist längst zurückgezogen und mehrfach widerlegt, Wakefield hat seine Approbation verloren. Warum aber hält sich der Verdacht trotzdem hartnäckig?

Die beiden Autoren haben einen Erklärungsansatz dafür: Autismus hat zwar genetische Ursachen und die entsprechenden Veränderungen im Gehirn setzen lange vor der Geburt ein. Die ersten Anzeichen registrieren Eltern jedoch oft im zweiten Lebensjahr – der Zeitpunkt einer Diagnose fällt deshalb nicht selten mit der MMR-Impfung zusammen.

Im Zusammenhang mit Autismus ist zudem immer wieder vom quecksilberhaltigen Konservierungsmittel Thiomersal sowie von Aluminium die Rede, das als Wirkverstärker bei Totimpfstoffen eingesetzt wird. Sowohl bei Ersterem als auch bei Letzterem konnte bisher keinerlei Zusammenhang mit Autismus nachgewiesen werden.

In den USA wie auch in Europa rieten Gesundheitsbehörden bereits in den 1990er-Jahren zu einem Verzicht auf Thiomersal auf. Es ist heute in keiner Impfung für Kleinkinder mehr enthalten. Aluminiumhydroxid oder Aluminiumphosphat werden eingesetzt, um die Immunreaktion bei Impfungen zu verstärken, die keine lebenden Erreger enthalten.

Ohne Wirkverstärker wären Impfungen gegen Diphterie, Tetanus oder Keuchhusten nicht möglich. Es kann dabei wie bei anderen Arzneimitteln zu Unverträglichkeiten kommen, auch zu allergischen oder entzündlichen Reaktionen. Allerdings, geben die beiden Autoren zu bedenken, nehmen wir über die Nahrung deutlich mehr Aluminium zu uns, als dieses in Impfstoffen zu finden ist.

Es geht bei übertragbaren Infektionskrankheiten nie nur um die Gefahr für einen selbst, sondern auch um den Schutz der Gesellschaft.

Verlaufen Masern nicht meistens harmlos?

Masern müssen nicht schlimm sein. Bei zwei bis drei von zehn Erkrankten gibt es jedoch Komplikationen. Dann bedeuten Masern nicht nur rote Flecken und Fieber, sondern möglicherweise auch eine Mittelohr-, eine Lungen- oder in ganz schlimmen Fällen sogar eine Hirnhautentzündung.

Es geht bei Masern wie bei allen übertragbaren Infektionskrankheiten nie nur um die Gefahr für einen selbst, sondern auch um den Schutz der Gesellschaft: Es wird immer Menschen geben, die sich nicht impfen lassen können und für die das Risiko eines dramatischen Krankheitsverlaufs viel grösser ist als für andere: Menschen mit angeborener Immunschwäche etwa, Säuglinge, alle, die das HI-Virus in sich tragen, die gerade eine Chemotherapie durchgemacht haben oder eine Organtransplantation.

Sie alle sind auf den sogenannten Herdenschutz angewiesen – darauf also, dass mehr als 95 Prozent der Menschen um sie herum auf den Krankheitserreger immun sind und ihn nicht weitergeben können. Masern, aber auch Diphtherie, Starrkrampf oder Keuchhusten sind keineswegs ausgerottet und können sich sehr schnell wieder ausbreiten.

Liegt der Rückgang von Infektionskrankheiten nicht an den besseren Lebensbedingungen?

Tatsächlich sind manche Krankheiten vor allem verschwunden, weil sich unsere Hygiene- und Lebensbedingungen verbessert haben. Cholera, zum Beispiel: Nicht eine Impfung hat der Krankheit in Zürich den Garaus gemacht, sondern die 1867 beschlossene «Abfuhr- und Kloakenreform ». Sie zog den Bau eines städtischen Kanalisationssystems nach sich. Ebenso bekam man das Kindbettfieber relativ schnell in den Griff, als klar war, dass sich Ärzte nach dem Sezieren von Leichen gründlich die Hände waschen sollten, bevor sie zu Frauen in der Geburtsabteilung hinübergingen.

Doch nicht allen Infektionskrankheiten ist mit sauberem Trinkwasser und ausreichend Hygiene beizukommen, das haben die Ereignisse der vergangenen Monate gezeigt. Und auch Krankheiten wie Masern, Kinderlähmung oder Röteln lassen sich nur durch Immunisierung eindämmen oder eliminieren.

Wirkt sich eine überstandene Kinderkrankheit auf das Immunsystem und auch auf die Persönlichkeitsbildung positiv aus?

Nein, tut sie nicht. Eine Impfung aktiviert dieselbe natürliche Abwehrreaktion des Körpers wie eine Erkrankung – jedoch mit dem entscheidenden Vorteil, dass man die Krankheit selbst und allfällige gravierende Folgen nicht durchmachen muss, um für weitere Angriffe gerüstet zu sein.

Die Ansteckung mit einer Infektionskrankheit bringt gegenüber einer Impfung keinen zusätzlichen Nutzen. Im Gegenteil: Krankheiten wie Masern schwächen das Immunsystem langfristig eher, wie Schmitz und Siebert schreiben. Nach einer Maserninfektion sei selbst Jahre später noch die Wahrscheinlichkeit erhöht, an einer Infektion durch andere Erreger zu erkranken oder sogar zu sterben.

Bleibt die Frage nach dem kindlichen Entwicklungsschub. Schmitz und Siebert haben sie jemandem gestellt, dem in diesem Bereich keiner so schnell das Wasser reicht: Remo Largo. Tatsächlich stelle man bei Kindern nach einer durchgestandenen Erkrankung häufig einen Sprung in der Persönlichkeitsentwicklung fest, antwortete der Schweizer Kinderarzt und Buchautor. Das habe allerdings nichts mit der Infektion zu tun.

Es liege schlicht daran, dass das Kind zwei Wochen lang gelangweilt und untätig im Bett gelegen habe – und vielleicht auch an der besonderen Zuwendung der Eltern, die ihm in jener Zeit zuteil wurde. «Sie können auch ein gesundes Kind 14 Tage lang im Bett behalten», sagt Largo. «Es will dann auch endlich wieder aktiv sein und ist lernbegieriger als vorher.»

Brauchen wir eine Impfpflicht?

Es gab in der Schweiz immer wieder Diskussionen über eine Impfpflicht – so richtig und landesweit durchsetzen konnte diese sich aber nie. Gerade die Pockenimpfung war früher jedoch in vielen Ländern obligatorisch. So herrschte in der BRD bis zur Ausrottung der Krankheit in den 1970er-Jahren die Impfpflicht, im Osten galt diese sogar bis zum Ende der DDR.

Seit März 2020 gilt in Deutschland neu eine Masernimpfpflicht: Alle Kinder müssen vor Kita- oder Schuleintritt zweimal gegen Masern geimpft sein, ebenso Erziehungspersonen, Lehrkräfte und medizinisches Personal. Länder wie Frankreich oder Italien haben sogar weitergehende Vorgaben.

Der Nutzen einer Impfpflicht ist auch unter Fachleuten umstritten, die Impfungen grundsätzlich befürworten. So seien die häufigeren Masernausbrüche der vergangenen Jahre vor allem auf Lücken bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zurückzuführen, schreiben Schmitz und Siebert. Eine Impfpflicht für Babys und Kleinkinder würde diesbezüglich wenig ausrichten. Besser seien Aufklärung und Information sowie aufsuchende Impfangebote, also Impfungen in Schulen oder Unternehmen.

Eine gesetzliche Pflicht zu einzelnen Impfungen könnte zudem die Akzeptanz für andere, nicht obligatorische Impfungen verringern – zu einer Art Trotzreaktion führen also. «In der Schweiz steht eine Masernimpfpflicht derzeit nicht zur Debatte», sagt auf Anfrage Daniel Desgrandchamps, Facharzt für Pädiatrie und Infektiologie und wissenschaftlicher Sekretär der Eidgenössischen Kommission für Impffragen. Die Masernkampagne des Bundesamts für Gesundheit habe deutlich zu einer verbesserten Durchimpfung beigetragen. Lücken bestünden auch hier hauptsächlich bei jungen Erwachsenen.

Bund und Kantone dürfen eine Impfpflicht nur «bei erheblicher Gefahr für die öffentliche Gesundheit und für eingegrenzte Personenkreise erlassen». Siebert vermutet: Sollte es einen Impfstoff gegen Covid-19 geben, ehe die Pandemie zu ihrem natürlichen Ende gekommen sei, werde die Nachfrage danach aber wohl so hoch sein, dass eine Impfpflicht dafür wahrscheinlich überflüssig sei. Desgrandchamps geht davon aus, dass ein solcher Impfstoff jedoch kaum in absehbarer Zeit, also innerhalb weniger als zwölf Monaten, zur Verfügung stehen dürfte.

Gegenstimmen kritisch prüfen

Wer den Empfehlungen der Eidgenössischen Kommission für Impffragen folgt, lässt seinem Kind schon im ersten Lebensjahr einige Spritzen setzen. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Einem gesunden Baby alle paar Monate einen oder mehrere Krankheitserreger zu injizieren, macht keinen Spass, selbst wenn dieser abgetötet oder abgeschwächt ist – nicht den Eltern und schon gar nicht dem Kind.

Es verunsichert, dass wir uns gerade in einer so wichtigen Frage wie der Gesundheit unserer Töchter und Söhne auf andere verlassen müssen. Doch ist das Anlass genug, um dem Gesundheitssystem mit seinen Abertausenden von Ärztinnen, Krankenpflegern und Hebammen grundsätzlich zu misstrauen – anderen aber bereitwillig zu glauben, nur weil sie das Gegenteil dessen behaupten, was die Schulmedizin sagt?

Erklärte Impfgegner werde wohl auch Covid- 19 nicht wesentlich in ihrer Haltung beeinflussen, sagt Siebert. Wer bisher aber einfach unsicher, skeptisch oder nachlässig gewesen sei in dieser Hinsicht, dem dürfte das neue Virus nun deutlich vor Augen geführt haben, wie wichtig Impfstoffe sind – und wie froh man um sie wäre, wenn eine gefährliche neue Infektionskrankheit auftaucht. Wenn Mündigkeit das Recht heisst zu hinterfragen, ob Impfungen geprüft und gerechtfertigt sind, ob sie sicher sind und wirklich nützen – bedeutet sie dann nicht ebenso, auch die Argumente der Gegenstimmen auf Herz und Nieren zu prüfen?

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