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Interview

Sexualität: «Weg vom Müssen, hin zum Spüren»

Liebespaar unter der Decke

Karoline Bischof ist Gynäkologin und Sexualtherapeutin am Zentrum für Interdisziplinäre Sexologie in Zürich. Ein Gespräch über Liebe, Erektionen und einen Helikopter.

wir eltern: Frau Bischof, heutige Eltern können einem leidtun. Da haben sie von sich gedacht, sie seien beim Thema Sex relaxt und weit entfernt vom verdrucksten «Der Storch bringt die Babys», und dann stellen sie fest, dass ihre Kinder im Netz Sexualpraktiken gesehen haben, die sie selbst erst mal googeln müssen. Futsch ist die Lockerheit ...

Karoline Bischof: Ja, heutige Eltern sind sehr verunsichert. Da ist viel Angst und die Frage: Was ist eigentlich erlaubt? Gemeinsam baden? Gepostetes Foto vom nackten Baby? Ich denke, dass trotz aller vermeintlichen Lockerheit und allgegenwärtiger Pornografie derzeit eher eine Anti-Sex-Haltung als eine Pro-Sex-Haltung herrscht. Vor 20 Jahren war in der Badi «oben ohne» nichts Besonderes. Heute duschen Jugendliche nach dem Sport in Badehose.

Wie erklären Sie sich das?

Genau erklären kann ich das nicht. Aber Sensationsberichte über vereinzelte sexuelle Straftaten füttern ein gesellschaftliches Grundgefühl von Gefahr. Vor allem Väter, Männer insgesamt, haben derzeit einen schweren Stand. Entweder stehen sie unter dem Generalverdacht, Triebtäter zu sein oder sie sind der Schlappschwanz, der Viagra braucht. Als ob Hormone sich einfach so Bahn brächen und in Taten mündeten. Das ist Unsinn. Unter Aufklärung wird deshalb heute leider vor allem die Warnung vor Missbrauch verstanden.

Und sollte stattdessen wie ablaufen? Mittels aus Teig gekneteter Genitalien?

Warum eigentlich nicht. Lustvoll und lustig ist doch gut. Vor allem halte ich es für wichtig, über das Normale zu informieren. Ist da nicht alles längst gesagt? Überhaupt nicht. Wissen Erwachsene wirklich, dass selbst männliche Föten Erektionen haben? Dass Erektionen reflexhaft passieren – auch ohne Lustgefühl? Wissen Eltern, dass es normal ist, dass kleine Kinder sich etwa durch Schaukelbewegungen genital stimulieren? Die Kinder denken dabei nicht an Sex, aber es fühlt sich gut an. Kindliche Exploration braucht Freiraum. Aber da fangen die Schwierigkeiten der Eltern an. Nicht bei «Das Baby kommt aus Mamas Bauch».

Wie wäre denn die richtige Elternreaktion auf dieses kindliche Geschaukel?

Ach, ich mag dieses «richtig» und «müssen » nicht. Wichtig ist zu verstehen, dass das normal und gesund ist. Eigentlich sollten sich Eltern darüber freuen und es wertschätzen. Etwa mit einem «Das ist schön, gell?» Selbstverständlich können Eltern aber auch sagen, dass das privat ist und vielleicht nicht gerade in den Chindsgi gehört oder wenn Oma zu Besuch ist.

Dann erlernt es Schamgefühl. Ist ja auch nicht völlig verkehrt.

Sexualität ist – wie alles – kulturell eingebettet. Bei bestimmten Südseevölkern bekommen Kinder beispielsweise Selbstbefriedigung beigebracht. Bei uns wäre das undenkbar. Obwohl falsche Selbstbefriedigung für viele Orgasmus-Probleme verantwortlich ist. Etwa wenn es eine Frau gewohnheitsmässig nur erregt, wenn sie die Beine zusammenpresst und die Muskeln anspannt. Das ist beim Geschlechtsverkehr kontraproduktiv. Aber das ist ein anderes Thema.

Ähem. Ja. Eigenartig, Fortbildung in Selbstbefriedigung. Spätestens wenn Kinder bei solchen Themen sehr direkt fragen, fangen Eltern an, sich zu räuspern und zu drucksen. Was tun?

Na, ich würde doch mal davon ausgehen: Wenn ein Kind fragt, möchte es eine Antwort haben. Aber es ist ebenfalls völlig okay zu sagen: ‹Darüber möchte ich nicht sprechen. Das ist mir zu privat.› Überhaupt ist mir wichtig, dass wir endlich wegkommen von all dem «Müssen» und «Sollen ». Besser ist die Frage: Was fühlt sich für mich richtig an, was falsch?

Klärt das auch, wie pädophil und inzestuös es ist, sein Kind auf den Mund zu küssen?

Ja, das klärt es. Man fühlt doch, indem man darauf achtet, ob es dem Kind angenehm oder unangenehm ist. Genau wie bei den Informationen. Man merkt, wie viel ein Kind wissen will.

Es ist also nicht nötig, ein «Männergespräch» oder ein Gespräch «von Frau zu Frau» über Pornos zu führen?

Gespräche sind immer gut. Nebenbei: Viele Eltern haben schon Schwierigkeiten damit, die Geschlechtsteile des Kindes zu benennen. Meine Tochter konnte als Zweijährige zwei komplizierte Wörter: Helikopter und Klitoris. Helikopter, weil über unser Haus häufig einer fliegt und Klitoris, weil sie feststellte, dass es bei ihr anders aussah als beim Bruder. Zurück zum Porno. Ich dämonisiere da nichts. Das ist eine Informationsquelle, aber eine einseitige.

Der Pornofilm als Aufklärung?

So nicht. Aber ich halte möglichst viele Informationen generell für gut. Als Eltern hat man allerdings die Aufgabe, diese Informationsflut einzuordnen. Also zu thematisieren, dass das, was da im Netz zu sehen ist, mit der Realität wenig zu tun hat. Sonst hat man nachher 16-Jährige, die mit sich hadern, weil sie keinen Analverkehr wollen.

Kommt das vor?

Es kommt alles vor. Aber in den meisten Fällen spürt jeder Jugendliche schon bei der ersten Verliebtheit: Dieses schöne romantische Gefühl hat mit dem Sex im Netz nichts zu tun.

In manchen Büchern zur Aufklärung werden Stellungen, Bordelle, sexuelle Präferenzen explizit thematisiert. Muss das sein?

Zu den Büchern: Es gibt gute, es gibt weniger gute. Da hilft nur ansehen und auswählen. Ich denke, wir sollten uns von dem Gedanken verabschieden, dass Informationen Kinder überfordern. Sie hören exakt so lange zu, wie sie etwas interessiert. Der Rest perlt ab. 4-Jährige klinken sich beim Thema Verhütung aus. 15-Jährige nicht. Wie gesagt, die Devise heisst: Locker bleiben und weg vom Müssen hin zum Spüren. Ich glaube, wenn man sein Kind beobachtet, seine Neugier und Fragen ernst nimmt und nichts dagegen hat, ab und an zu lachen, dann ist es gar nicht so kompliziert.

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