Menü
Glückliches Baby

Interview

Haben Kleinkinder Orgasmen?

Dürfen Eltern Sex haben, wenn das Baby im gleichen Zimmer schläft? Ein Gespräch jenseits von Tabus mit Sexualpädagoge Bruno Wermuth.

wir eltern: Die Sexualpädagogik sagt, bereits Kinder seien sexuelle Wesen. Wie sexuell ist kindliche Sexualität?

Bruno Wermuth: Es besteht keine Einigkeit, ob es richtig ist, Kinder als sexuelle Wesen zu bezeichnen, denn Sexualität wird verschieden definiert. Im Ursprung bedeutet Sex ja nichts anderes als Geschlecht. So gesehen sind wir alle sexuelle Wesen. Aus Erwachsenensicht wird Sexualität häufig auf Geschlechtsverkehr und Orgasmus reduziert. Sexualität ist aber weit mehr als das – und aus der Perspektive des Kindes etwas ganz Banales.

Was genau?

Kindliche Sexualität hat viel mit Körperlernen zu tun, ist eigenständig, unspezifisch, und unverschämt. Sie orientiert sich nicht an den moralischen Vorstellungen und Grenzen der Erwachsenen, sondern ist von Neugierde geleitet. Wenn ein 4-Jähriger in der Kita ein Mädchen küsst, küsst er am gleichen Abend vielleicht noch ein anderes. Auch machen Buben nicht nur mit Mädchen Doktorspiele, sondern auch mit Buben – und Mädchen mit Mädchen. Damit haben Kinder kein Problem. Und natürlich geht es auch um Fragen: Wie ist ein «richtiger» Bub, ein «richtiges» Mädchen? Wie kommt das Baby in den Bauch? Wie heisst das da zwischen meinen Beinen? Darf ich Mama und Papa überall berühren? Und sie mich?

Darf das Kind, dürfen die Eltern? Und was brauchen Kinder für eine gesunde sexuelle Entwicklung?

Sie brauchen Eltern, die in der Lage sind, kindliches Verhalten gelassen zu beobachten und von den eigenen Bildern abzugrenzen, auch wenn es aus ihrer Sicht eine sexuelle Färbung hat. Sie brauchen die Möglichkeit, alle Sinne zu entwickeln, insbesondere den Tastsinn – der bei Eltern schnell zu Irritationen führt, etwa wenn Kinder ihre Geschlechtsteile zu erforschen beginnen. Und sie brauchen liebevolle Begleitung, die auch das Bedürfnis nach einer Intimsphäre des Kindes und damit Grenzen respektiert.

Wenn ein neun Monate alter Bub auf dem Wickeltisch eine Erektion hat, hat er dann sexuelle Lustgefühle?

Eine Erektion ist ein körperlicher Reflex und nicht an einen Reiz sexueller Natur gebunden. Die Erektion kann durch mechanische Stimulation entstehen und zu einem Wohlgefühl führen, muss jedoch nicht. In diesem Alter wird eine Erektion oder ein Anschwellen der Klitoris sicher nicht durch einen visuellen Reiz wie etwa eine nackte Brust ausgelöst. Das ist ein Lernprozess.

Stimmt es, dass sich schon kleine Kinder selbst befriedigen und Orgasmen haben?

Es gehört zu einer gesunden Entwicklung, dass Kinder sich selbst durch Berührung und rhythmisches Anspannen und Entspannen des ganzen Körpers angenehme Empfindungen und Entspannung verschaffen. Das beginnt schon im Babyalter. Ob das, was sie erleben, mit dem Orgasmus eines erwachsenen Menschen vergleichbar ist, ist nicht ausreichend erforscht. Ein Gewinn ist es für sie sicher, sonst würden sie es wohl kaum tun.

Wie sollen Eltern oder Betreuungspersonen reagieren, wenn ein Kind auf der Spielplatzschaukel in sich selbst versunken hin- und herrutscht und offensichtlich masturbiert?

Während Kinder grösser werden, lernen sie, dass nicht jede Verhaltensweise überall angemessen ist. Ein 5-jähriges Kind ist sicher in der Lage, zwischen Spielplatz und Wohnzimmer zu unterscheiden; deshalb sagen wir ihm, dass dies nicht der richtige Ort ist, sich selbst zu befriedigen – auch zu seinem eigenen Schutz. Ein 2-jähriges Kind wird dies noch nicht verstehen. Wenn Umstehende auf sein Verhalten aufmerksam werden, kann man es zu sich nehmen, es ablenken. Im familiären Raum sollten solche Spiele jedoch möglich sein.

Muss ich mir Sorgen machen, wenn sich mein Kleinkind nie selbst befriedigt?

Nein, jede Entwicklung passiert so, wie sie dem Kind entspricht. Und Selbstbefriedigung kann auch ganz unsichtbar geschehen, also ohne Berührung der Geschlechtsorgane. Zum Beispiel indem ein Kleinkind einfach die Beine rhythmisch an- und entspannt, sich an einem Kissen reibt oder auf dem Boden schaukelt.

Heute dürfen kleine Kinder auf dem Spielplatz oder in der Badi nicht mehr nackt sein? Welche Auswirkung hat das auf die Kinder?

Nacktsein wird nicht mehr als etwas Natürliches erfahren. Unterschwellig wird die Botschaft vermittelt, dass es gefährlich ist, nackt zu sein. Deshalb ist es wichtig, dass Kinder an anderen Orten unbekümmert nackt sein dürfen. Zum Beispiel im Planschbecken auf dem Balkon oder im eigenen Garten. Aber auch in der Badewanne zu Hause oder sonst im Haus.

Wie soll man die Geschlechtsteile den Kindern gegenüber benennen? Zipfeli und Müscheli oder Penis und Vagina?

Am besten braucht man die Begriffe, mit denen man sich wohl fühlt, die einem vertraut sind. Es soll auch möglich sein, dass Eltern verschiedene Namen gebrauchen. Wichtig scheint mir, sich bewusst zu sein, dass Penis und Vagina oder Vulva lateinische Begriffe sind und daher eher in eine Arztpraxis als ins Kinderzimmer passen.

Dürfen Geschwister zusammen Doktorspiele machen?

Sicher. Man muss jedoch auf das Machtgefälle achten, wie unter Nicht-Geschwistern auch. Es muss allen Beteiligten klar sein, dass das Spiel freiwillig ist. Und Erwachsene haben bei Doktorspielen nichts zu suchen. Können Kinder im privaten Rahmen üben, Grenzen zu setzen und zu schützen, wird ihnen das auch ausserhalb der Familie einfacher fallen. Das ist Erziehung zur Selbstkompetenz.

Bis zu welchem Alter dürfen gegengeschlechtliche Kinder das Zimmer teilen?

Irgendwann hat das Kind das Bedürfnis, einen eigenen Raum zu haben, den es selbst gestalten und bewohnen kann. Wann dies der Fall ist, ist von Kind zu Kind verschieden, die offensichtlichen Anzeichen der Pubertät sollten jedoch berücksichtigt werden. Fehlt der Platz, kann das Zimmer mit entsprechender Möblierung unterteilt werden, so dass beide Kinder ihre eigene private Zone haben. Wichtig ist, dass Kinder ihr Zimmer nicht mit den Eltern oder anderen Erwachsenen teilen müssen.

Laut einer Studie reden nur 3 Prozent der Väter mit ihren Kindern über Sexualität. Stimmt das?

Leider, ja. Väter reden grundsätzlich viel weniger mit ihren Kindern – sie sind immer noch mehrheitlich abwesend. Besonders Buben wünschten sich jedoch einen Vater, mit dem sie über männerspezifische Themen und die erwachende Sexualität reden könnten. Denn mit der Mutter ist dies zunehmend peinlich, je älter man wird. Und so kommt für viele Buben der erste Samenerguss völlig unvorbereitet, weil der Vater es nicht geschafft hat, mit dem Sohn frühzeitig über das Thema zu sprechen. Und natürlich ist es auch für Mädchen wichtig, nicht nur die Mutter zu haben, mit der man über Sexualität, Beziehungs- und Identitätsfragen sprechen kann.

Das gute alte Aufklärungsgespräch wäre also nötig?

Ich bin gegen Aufklärung und für sexuelle Bildung als lebenslanger Prozess, wobei ich unter Aufklärung das einmalige, oft peinliche Gespräch über die letzten Wahrheiten bezüglich Sexualität verstehe. Sexuelle Bildung beginnt auf dem Wickeltisch; Sexualität ist im besten Fall ein wiederkehrendes Thema, das mit zunehmendem Alter und Sprachverständnis immer differenzierter betrachtet wird.

Was, wenn man sich unwohl fühlt mit diesen Themen und am liebsten einen Bogen machen würde darum?

Es kommt nicht gut, wenn man sich selbst zu etwas zwingen muss. Mit kleinen Kindern kann man noch ganz spielerisch darüber sprechen, wie etwa das Baby in den Bauch der Mama kommt. Man kann die eigene Unsicherheit und Scham als Anlass nehmen, sich mit der eigenen psychosexuellen Entwicklung auseinanderzusetzen. Das kann sich auch positiv auf die Partnerschaft auswirken.

Gibt es Hinweise darauf, ob ein Kind später homosexuell wird?

Nein, gibt es nicht. Auch wenn kleine Buben gerne Mädchenkleider tragen oder Mädchen nur mit Buben spielen, können daraus keine Schlüsse gezogen werden. Als Eltern ist man aufgefordert, die eigene Reaktion darauf anzuschauen: Lehne ich es als Vater entschieden ab, dass sich mein Sohn feminin verhält? Begrüsse ich es als Mutter, wenn er sich nicht wie ein Macho verhält? Wenn Mädchen Bubenkleider tragen, erregt das allerdings deutlich weniger Aufsehen als wenn Buben im Röckli und mit lackierten Nägeln in den Kindergarten gehen.

In dieser Beziehung sind wir noch weit entfernt von Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern.

Absolut. Tragen Mädchen Bubenkleider, werden sie bewundert, bei Buben denkt man umgekehrt gleich ans Schwulsein.

Oft verbringen kleine Kinder einen grossen Teil der Nacht im Elternbett. Darf man neben einem kleinen Kind Sex haben?

Ich empfehle es nicht. Obwohl es für den Säugling wohl kein Problem wäre. Für die Eltern jedoch schon – seine Anwesenheit schränkt sie ein, sie versuchen, leise zu sein. Deswegen finde ich die Privatsphäre der Eltern unbedingt schützenswert.

Wie reagieren, wenn das Kind mitten im heissen Liebesspiel ins Schlafzimmer tappt?

Man hört auf, Sex zu haben, nimmt das Kind zu sich und schaut, was es braucht. Wahrscheinlich ist es nicht gekommen, weil es neugierig war, sondern einfach weil es aufgewacht ist und nicht mehr einschlafen konnte.

Soll man sagen, was Papa und Mama gemacht haben?

Wenn man merkt, dass das Kind beunruhigt ist oder Fragen hat, kann man dem Alter entsprechend erklären, etwa: «Wir haben es gerade wahnsinnig schön gehabt miteinander, so schön, dass wir laut stöhnen mussten vor Freude.» Wenn das Kind sieht, dass sich die Eltern umarmen, ist seine Welt schnell wieder in Ordnung.

Allerdings: Viele Eltern sind sexuell so inaktiv, dass es kaum möglich ist, sie dabei zu überraschen. Welchen Einfluss hat es auf die Kinder, wenn die Eltern keine erfüllte Sexualität leben?

Auf der Bauchebene merken Kinder alles. Spätestens wenn sie ins Teenager-Alter kommen und spüren, wie gross das Bedürfnis ist, einander zu berühren, wenn man verliebt ist und realisiert, dass dies die Eltern so gar nicht mehr haben, kann die Frage auftauchen: Wie ist das eigentlich bei euch?

Wie antworten?

Ich bin dezidiert der Meinung, dass man ehrliche Antworten gibt, ohne aber intime Details aus der Beziehung auszuplaudern und den Partner oder die Partnerin anzuschwärzen. Man kann zum Beispiel erklären, dass man sich diesbezüglich auseinandergelebt hat und nicht mehr so das Bedürfnis hat, sich körperlich nahe zu sein – und unter Beziehung vielleicht etwas anderes versteht als primär Körperlichkeit.


Das könnte Sie auch interessieren: Sieben Punkte, die sich im Leben unserer Bloggerin Claudia Joller verändert haben, seit das Baby da ist. Lesen Sie den Blogbeitrag hier.

Auch lesenswert