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Interview

«Nicht mehr Missbräuche als früher»

Teddybär

Was können Eltern tun, um ihre Kinder vor sexuellem Missbrauch zu schützen? Die Stiftung Kinderschutz Schweiz gibt Rat.

wir eltern: Frau Hauri, täglich liest man von neuen Fällen des sexuellen Missbrauchs. Kann man sein Kind noch mit einer katholischen Jugendgruppe in ein Lager schicken?

Andrea Hauri: Ja. Aber Eltern sind momentan stark verunsichert es ist verständlich, dass vielen bei dem Gedanken nicht wohl ist. Dennoch ist es so: Sexueller Missbrauch kommt wahrscheinlich nicht häufiger vor als früher, nur ist man derzeit durch die Medien sehr sensibilisiert. Und das ist gut so.

Wie sehen die Zahlen aus?

Für die Schweiz geht man davon aus, dass jedes 3. bis 4. Mädchen und jeder 7. bis 10. Junge vor dem 16. Lebensjahr schon einmal Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden ist.

Der wo genau anfängt? Beim zu nahen Heranrücken? Beim anzüglichen Witz oder erst bei der heruntergelassenen Hose?

Ein sexueller Übergriff ist alles, was vom Kind als Übergriff empfunden wird. Sein Gefühl ist entscheidend. Ganz egal, was der Erwachsene davon hält. Das kann die Hand am Po sein, Exhibitionismus, Pornofilme vor Kindern laufen zu lassen… Alles, bei dem sich Kinder beschmutzt fühlen. Auch wenn sie vielleicht nicht direkt im Augenblick schreiend weglaufen. Sobald sie sich irgendwie diffus unwohl fühlen, ist eine Grenze überschritten.

Was können Eltern tun, damit die Grenzen dem eigenen Kind gegenüber eingehalten werden?

Es stärken. Sein Selbstbewusstsein fördern. Ihm eine positive Einstellung zu seinem Körper vermitteln und es dazu ermuntern, seinen eigenen Gefühlen zu vertrauen und ihm aufzeigen, dass es sich Hilfe holen soll, wenn nötig.

Nun hat man derzeit den Eindruck, vor allem Priester und Lehrer seien potenzielle Grabscher, dabei passieren die meisten Missbräuche innerhalb der Familie.

Richtig. Und das ist das Schlimme, dass das Opfer meist ein Vertrauensverhältnis zu dem Täter hat. Täter sind eben leider oft Menschen mit einem sehr guten Draht zu Kindern. Kinder brauchen deshalb ein ganzes Netz von Personen, denen sie vertrauen können. Sie brauchen die unerschütterliche Gewissheit: Was auch immer ich zu erzählen habe – ich darf über alles reden.

Häufiger als vom Pfarrer geht die Bedrohung von älteren Kindern aus.

Ja. «Dökterlen», seinen Körper erkunden, den Körper anderer zu erforschen, gehört zur normalen sexuellen Entwicklung. Vorsicht ist aber dann geboten, wenn bei solchen Spielen der Altersabstand zwischen den Kindern mehr als zwei Jahre beträgt oder wenn es ein deutliches Machtgefälle gibt. Denn es muss stets sicher sein, dass das Spiel freiwillig gespielt und jederzeit vom Kind beendet werden kann. Da muss man als Mutter oder Vater aufmerksam sein.

Was können Eltern also konkret tun? Mit den Kindern über die neusten Horrorstorys reden? Sie ängstlich überall hinbegleiten?

Nein. Weder noch. Natürlich muss man mit seinen Kindern reden, eine offene Gesprächsatmosphäre auch für sexuelle Themen schaffen, ihnen sagen, dass sie allein bestimmen, wer ihren Körper wo anfassen darf. Sie ermuntern, sich zu wehren. Sie fragen, ob sie schon mal jemand komisch bedrängt hat, oder ob sie so etwas von anderen wissen. Aber sicherlich sollte man ihnen keine Angst machen und ins Detail gehen, etwa eine Vergewaltigung beschreiben oder generell vor Männern warnen. Das ist völlig daneben. Genauso wie sie überall hinzubegleiten. Sie sollen ja nicht ängstlich und verschüchtert werden, sondern selbstbewusst und stark.

Und wenn etwas vorgefallen ist?

Dem Kind zuhören, keine Konfrontation mit dem Täter suchen, sämtliche Schritte, wenn möglich, mit dem Kind und beispielsweise einer Opferberatungsstelle absprechen. Und, ganz wichtig, dem Kind vermitteln: Du bist nicht schuld. Niemals und kein bisschen.

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