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Schuldgefühle

Immer dieses schlechte Gewissen

Eltern sind wahre Meister im Entwickeln von Schuldgefühlen. Schlimm ist das nicht. Es kann auch hilfreich sein, finden Psychologen.

Ein Sonntagabend im vergangenen Herbst. Auf meinem Laptop läuft «Where we belong», der neueste Film der Zürcher Regisseurin Jacqueline Zünd. Fünf Kinder und Jugendliche zwischen 7 und 18 Jahren erzählen darin mit schon fast beklemmender Ehrlichkeit, wie sie die Trennung ihrer Eltern erlebt haben. Analysieren nicht nur ihre eigenen Gefühle, sondern auch die ihrer Eltern. Schildern, wie sie mit ihrem Schmerz und der veränderten Realität umgehen.

Während sich im Film die Interviewszenen mit ästhetisierten Bildern aus dem Alltag der Kinder verweben, drängt je länger je qualvoller meine eigene Trennungsgeschichte in mein Bewusstsein. Ich hatte mich vom Vater meiner Kinder getrennt, als sie 6, 9 und 11 Jahre alt waren. Unsere Liebe war nicht stark und gross genug gewesen, um die Differenzen und Konflikte im Umgang miteinander auf ein erträgliches Mass zu reduzieren.

Obwohl ich immer die innere Gewissheit hatte, dass die Trennung für alle das Beste war, nagen nun heftige Schuldgefühle an mir. Zweifellos, unsere Kinder hatten gelitten unter der Entzweiung der Familie, auch wenn wir uns allergrösste Mühe gaben und geben, ihnen wenigstens gute Scheidungseltern zu sein.

Warum leiden besonders Mütter unter Schuldgefühlen?

An diesem Abend konnte ich lange nicht einschlafen. Es rumorte in mir. Was hat es mit diesen Schuldgefühlen auf sich? Wozu dienen sie? Wie mit ihnen umgehen? Und warum leiden gerade Eltern und besonders die Mütter so häufig unter ihnen? Psychologin Julia Onken sagt sogar: «Mutter und Schuldgefühle sind Synonyme.»
Tatsächlich. Als ich mich umzuhören beginne, reden vor allem Mütter und nur vereinzelt Väter über Gewissensbisse. Geburtsart, Stillen, Kinderbetreuung, Erwerbstätigkeit, Verhalten dem Kind gegenüber: Überall gibt es Fallstricke, gross ist das Potenzial für Skrupel.

Mir wird klar, Eltern sind wahre Weltmeister im Entwickeln von Schuldgefühlen. Kein Wunder, denn wir sind schlecht vorbereitet auf die grosse Aufgabe und die Verantwortung, die Kinderhaben bedeuten. Dass Erziehungsmethoden gesellschaftlichen Trends unterworfen sind und alle paar Jahre ändern, macht es nicht einfacher.

41 Gründe für elterliche Schuldgefühle

Im Buch «Gespräche über Schuld und Schuldgefühle» des Berner Psychotherapeuten Jürg Kollbrunner gibt es eine Tabelle mit Gründen für Schuldgefühle von Eltern. Sie beginnt mit «zu schnell die Geduld verlieren» und endet mit «zu wenig mitfühlend sein».

Sie ist lang, doch wer sie durchgeht, stellt fest, dass sie immer noch unvollständig ist, obwohl sie 41 Punkte umfasst. Und dass wir manchmal gar nicht exakt wissen, woher das ungute Gefühl, das schlechte Gewissen kommt. Wir ahnen dann, dass etwas nicht stimmt, wollen uns aber lieber nicht damit befassen.

Wenn die Mutterliebe plötzlich schwindet

Auf Youtube entdecke ich eine Interviewserie mit dem Wiener Psychiater und Neurowissenschaftler Raphael M. Bonelli (51). Nach seiner Auffassung sind Schuldgefühle ein Alarmsignal; wie das Schmerzgefühl weisen sie auf eine Gefahr hin.

Während ein körperlicher Schmerz auf einen körperlichen Schaden aufmerksam macht, etwa auf eine Knieverletzung, zeigt das Schuldgefühl einen sozialen Schaden an: Mit unserem Verhalten oder mit unseren Worten haben wir jemanden verletzt. Fühlen wir uns hinterher schuldig, ist dies in Ordnung und ein Zeichen von psychischer Gesundheit. In seiner Praxis ist Bonelli aufgefallen, dass die meisten Menschen jedoch nur ungern über Schuld und Schuldgefühle reden.

Schuldgefühle sind tabuisiert

Dies erfahre ich auch bei meinen Recherchegesprächen. Kaum jemand möchte in der Öffentlichkeit mit diesem Thema in Verbindung gebracht werden. Eine Ausnahme ist Yasmin Matthys (30), Marketingfachfrau aus Bern, Gründerin des Elternblogs «roots4wings» und Mutter von zwei Kindern. Sie erzählt:

«Mein zweites Kind war ein Schreibaby, von Geburt an. Ein Schreibaby weint nicht nur, es schreit. Stundenlang. Schlafen tut es nur kurz. Sobald es aufwacht, hat es Stress. Und steigert sich in die nächste Schreiattacke. Manchmal schrieb ich meinem Mann eine SMS, komm nach Hause, ich halte es nicht mehr aus! An solchen Tagen hätte ich die Kinder am liebsten abgegeben, meinen Koffer gepackt und wäre gegangen. Abends im Bett plagten mich massive Schuldgefühle. Immer wieder fragte ich mich, wieso ich meinen Sohn nicht beruhigen kann. In den Ferien mit meinen Eltern gelangte ich dann an den tiefsten Punkt meines bisherigen Mutterdaseins: Nie zuvor hatte mein Baby so lange geschrien, meine Nerven lagen völlig blank, ich fühlte keine Mutterliebe mehr. Mein Sohn kreischte aus dem Innersten seines kleinen Körpers – und plötzlich schrie ich zurück, volle Kanne. So laut, dass meine Ohren schmerzten und dass meine Eltern herbeirannten. Mein Vater nahm mir den Kleinen aus den Armen, meine Mutter umarmte mich sehr fest und liess mich nicht mehr los. Ich brach zusammen, weinte und zitterte, sagte nur noch, ich bringe mich um, ich ertrage ihn nicht mehr.»

Wir haben nicht alles im Griff

Wir können verstehen, wenn eine Mutter oder ein Vater in einer Extremsituation die Nerven verliert, wenn sie schreit, ihr die Hand ausrutscht, wenn sie mit Worten verletzt. Psychotherapeut Raphael M. Bonelli sagt, es sei normal, dass wir schuldig werden. Ebenso, dass andere an uns schuldig würden, denn niemand ist perfekt: «Jeder Mensch müsste sagen, zur Hälfte bin ich Täter, zur Hälfte Opfer.»

Dabei gelte es auch anzuerkennen, dass wir nicht alles im Griff haben. Unsere Gene, unser Temperament, unsere Herkunft sind gegeben, ebenso unsere Eltern und unsere Erziehung. Für Bonelli, und jetzt verrät seine Wortwahl den Katholiken in ihm, ist das «Schuldbekenntnis der Einstieg in den Heilungsprozess.

Es fällt eine Last von uns ab, wenn wir nicht mehr verstecken müssen, was wir getan haben. Wir können Reue empfinden, vielleicht sogar Vergebung erhalten», sagt der Leiter des Wiener Instituts für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie.

Yasmin Matthys: «Es war extrem schwierig, mir diesen Ausbruch zu verzeihen. Von allen Schuldgefühlen ist dies das schlimmste in meinem Leben. Der Vorfall hat mich aber auch wachgerüttelt. Ich erkannte, dass ich nicht alles alleine schaffen konnte. Dass ich eben nicht zu den perfekten Müttern gehöre wie diejenigen, denen ich in meinem Bloggeralltag auf Instagram begegne. Eine Scheinwelt, ist mir heute klar. Ich verschaffte mir Zeit und holte mir Hilfe bei meiner Familie. Wenn immer möglich gab ich die Kinder für ein paar Stunden in Betreuung, um wieder Energie zu tanken und mir vor Augen zu führen, dass ich meinen Sohn liebe und er nicht aus Trotz schrie. Zudem begann ich eine Craniosacral-Therapie und lernte, meine Emotionen als Spiegel meiner Mutterliebe zu sehen und mir vorzustellen, dass ich jedes Gefühl direkt auf meine Kinder übertrage. Seither ist mein Sohn wie ausgewechselt, das Schreien hat deutlich nachgelassen und ich kann viel besser mit Situationen umgehen, in denen ich mich nerve oder überfordert bin.»

Verschiedene Arten von Schuldgefühlen

Manchmal brauchen Mütter und Väter Hilfe von aussen, auch nach weniger dramatischen Vorfällen. Eine Elternberatung oder eine Paartherapie kann notwendig sein. Denn Schuld kann schwer auf uns lasten und Schuldgefühle können zerstörerisch wirken, uns klein halten, uns krank machen. Sie anzusprechen, zu benennen oder sogar anzuerkennen, hat deshalb eine heilsame und entlastende Wirkung.

Jürg Kollbrunner hat dies während seiner langjährigen Tätigkeit an der HNO-Klinik des Inselspitals Bern im Umgang mit Eltern immer wieder festgestellt, gerade wenn deren Kinder an einer Erkrankung oder Störung leiden, deren psychosomatischer Anteil (wie etwa beim Stottern) nicht zu verleugnen ist. «Schuldgefühle sind eine grosse Chance, sich in Zukunft anders zu verhalten», sagt Kollbrunner.

Der Psychologe unterscheidet zwei Hauptgruppen von Schuldgefühlen: Die authentischen oder berechtigten Schuldgefühle entstehen, wenn wir jemand anderes oder uns selbst schädigen. Sie sind schmerzhaft, bei grosser Schuld quälend, manchmal über lange Zeit. «Wenn wir die hinter ihnen stehende Schuld verstehen, können wir nicht nur unser Verschulden bedauern, uns entschuldigen, um Verzeihung bitten und uns um Wiedergutmachung bemühen, sondern wir können auch lernen, in der Zukunft das bestimmte schuldhafte Verhalten zu vermeiden.»

Sozialer Druck führt zu Schuldgefühlen

Schwerer erkennbar sind die Schuldgefühle der zweiten Gruppe, die sozial gelernten, ungerechtfertigten. In diese Gruppe fallen wohl die meisten Schuldgefühle, die Mütter und Väter mit sich herumtragen. Wir haben sie im Laufe unseres Lebens von unseren Eltern, Lehrern und nahen Bezugspersonen, aber auch von der Gesellschaft übernommen.

«Sie sind das Ergebnis von Dressur, wie wir sie von Tieren her kennen», so Kollbrunner. Sie werden uns eingeredet, um uns dazu zu bringen, uns auf eine bestimmte Art zu verhalten und tun wir das nicht, droht Liebesverlust; davor fürchten wir uns. «Sie weisen uns auf eine noch zu starke Abhängigkeit von frühen Autoritätspersonen hin», sagt Kollbrunner.

Wenn wir sie identifizieren und die dahintersteckenden übernommenen Überzeugungen reflektieren, können wir erkennen, dass sie uns unter Umständen nicht mehr dienen. Wir zeigen ihnen dann bildlich gesprochen den Mittelfinger und gehen immer mehr unseren eigenen, selbstbestimmten Weg.

Yasmin Matthys: «Meine Tochter hatte einen schwierigen Start. Sie kam fünf Wochen zu früh auf die Welt und litt an einer starken Gelbsucht. Ich wollte sie stillen, doch sie war so schwach, dass sie nicht richtig saugen konnte. Sie muss mehr zunehmen, sagte mir das Spitalpersonal täglich. Ich versuchte es mit und ohne Hütchen, mit Abpumpen, Fläschchengeben und wurde immer gestresster. Entwickelte massiven Schlafentzug und fühlte mich als Versagerin. Der Wunsch abzustillen tauchte immer wieder auf, doch meinem Kind diese wertvolle, diese vermeintlich allerbeste Nahrung vorzuenthalten, bereitete mir unglaubliche Schuldgefühle. Nicht zuletzt wegen des gesellschaftlichen Drucks, da das Stillen hierzulande unglaublich verherrlicht wird. Nach zwei Monaten siegte die Vernunft. Beinahe sofort schlief mein Baby durch, nahm endlich zu und ich wusste, ich hatte richtig entschieden. Seither gehe ich offen mit Herausforderungen im Familienleben um, auch öffentlich in meinem Blog. Ich spreche anderen Müttern Mut zu, auf ihr Bauchgefühl zu hören.»

Zeichen der Empathie

In jener durchwachten Nacht besinne ich mich meines Gefühls, dass die Trennung damals richtig war. Und lasse die Schuldgefühle einfach zu.

Das kann nicht falsch sein: Die Forschung schreibt nämlich Menschen, die sich öfter schuldig fühlen, positive Eigenschaften zu: Sie scheinen «empathischer zu sein, bessere Freunde, Liebhaber, Angestellte und Führungskräfte», sagt Kollbrunner. «Ohne Schuldgefühle gäbe es keine Zivilisation; es gälte nur das Recht des Stärkeren. Sie werden dort, wo es schlimme Konflikte gegeben hat, Hoffnungszeichen für die Wiederherstellung einer friedlichen Gemeinschaft genannt.»

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