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Kinder und Übergewicht

Ran an den Speck

Kinder trainieren im Wald

Die schlechte Nachricht: Jedes fünfte Kind in der Schweiz ist zu dick. Die gute: Erstmals stagniert die Zunahme. Zeigt die Prävention Wirkung? Ein Augenschein im Adipositas-Camp.

Ein paar Wanderer stehen am Bahnhof Zweisimmen und kramen ihre Regenjacken aus ihren Rucksäcken. Dicke Wolken hängen über den Berggipfeln, es ist kühl an diesem Morgen im Berner Oberland. Doch nur einen Steinwurf vom Bahnhof entfernt in der Dorfturnhalle riecht es nach Schweiss. Kinder in Schlabberklamotten dribbeln Basketbälle.
Der 13-jährige Yves fällt auf. Nicht nur weil er besonders viel Einsatz zeigt und mit seinen 1.70 Metern die meisten seiner Kameraden überragt. Er gehört auch zu den Massigsten.
Dabei sind hier alle massiv übergewichtig. Das ist nämlich die Voraussetzung, um nach Zweisimmen zu reisen – ins Zürcher Adipositas Camp ZACK. 28 Kinder sollen im engen Bergtal lernen, dass ausgewogene Ernährung und Bewegung nicht nur gesund sind, sondern auch Spass machen können. Die 10- bis 14-Jährigen werden wortwörtlich dazu bewegt, ihr Verhalten im Alltag zu überdenken: Von morgens bis abends wird geturnt, getanzt, gewandert und gekocht.

Ich bin jetzt 98 Kilo schwer, da muss was weg!

Yves, 13

Gemeinsam langsam

Yves befördert seinen schweren Körper erstaunlich flink durch die Halle. Schweisstropfen perlen über sein kindliches Gesicht, die Pausbacken sind gerötet, die Augen fixieren den Korb. Darin will er den Ball versenken. Lager-Organisatorin Angie Batschelet beobachtet ihn vom Turnhallenrand aus und sagt: «Viele dieser Kinder machen daheim im Sportunterricht nicht so intensiv mit. Hier sind sie für einmal nicht die langsamsten und fühlen sich freier.»
Yves wirft. Voll daneben. Dafür sitzen seine Worte: «Ich bin 98 Kilo schwer. Da muss was weg.» Offen redet er über seine Gewichtsprobleme, endlose Sitzungen bei Ernährungsberatern und Abnehmgruppen. Vor einem Jahr schien es bei ihm Klick zu machen. Im ZACK-Camp verlor er fünf Kilo. Doch daheim fiel er rasch wieder in das alte Muster: Wegen Schulproblemen liess er das Unihockeytraining sausen. An Weihnachten schnellte sein Gewicht erstmals auf die beinahe dreistellige Zahl hoch. Die Angst vor der Zahl 100 auf der Waage motivierte ihn zum neuen Anlauf.
Yves ist adipös, also krankhaft fettleibig. So wie jedes zwanzigste Kind in der Schweiz. Jedes fünfte bringt zu viele Kilos auf die Waage. «Seit den späten 70er-Jahren haben sich diese Zahlen etwa verdoppelt», sagt Hanspeter Stamm, der jedes Jahr eine BMI-Erhebung bei Schweizer Kindern durchführt. Gründe dafür: Bewegungsarmut und veränderte Ernährungsgewohnheiten.

Kinder bereiten gemeinsam das Frühstück vor.

18 Millionen für Prävention

Das Problem ist allgegenwärtig. Und ein mediales Dauerthema. Für einmal scheint das auch positive Folgen zu haben. Denn der Anteil übergewichtiger Kinder hat sich nach der Jahrtausendwende stabilisiert. Für Stamm ein Zeichen, dass die Spitze erreicht ist. Noch sei es zu früh, um von einer Trendwende zu sprechen. Doch die Anstrengungen der letzten Jahre haben ihre Wirkung gezeigt: «Das Thema wurde in der Öffentlichkeit breit diskutiert, Lebensmittel werden besser gekennzeichnet, und es gab Aufklärungskampagnen.»
Tatsächlich steckte der Bund in den letzten Jahren viel Geld in die Prävention. 2008 verabschiedete er das nationale Programm für Ernährung und Bewegung mit dem Ziel, das Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen bis 2012 wirksamer zu bekämpfen.
Parallel dazu lancierte die Partnerorganisation Gesundheitsförderung Schweiz 2007 zusammen mit 22 Kantonen Aktionsprogramme für ein gesundes Körpergewicht bei Kindern und Jugendlichen. Jährliche Gesamtkosten: und 18 Millionen Franken.

Jvo Schneider von der Gesundheitsförderung Schweiz hofft nun, dass das bestehende Engagement auch in den nächsten Jahren fortgeführt wird. Trotz der stagnierenden Zahlen sei nämlich nicht entschieden, ob es tatsächlich gelingen wird, die Zahl der übergewichtigen Kinder zu senken. Das BAG macht im Gegensatz zu Soziologe Hanspeter Stamm wenig Hoffnung: Es prognostiziert in einer Studie gar, dass sich bis in zehn Jahren das Problem verschärfen wird.
Gesunde Ernährung kann man lernen. Mehr Bewegung kann man im Alltag einbauen. Die seelischen und gesellschaftlichen Ursachen von Übergewicht dagegen sind sehr viel schwieriger zu bekämpfen. Bei Yves fing es in der ersten Klasse an. «Ich wurde gemobbt, weil ich schlecht aufpassen konnte. Das machte mich traurig und ich ass ganz viel Schokolade.» Seit einem Jahr seien die Mobber verstummt. Yves getraut sich wieder ins Schwimmbad. «Blicke und dumme Sprüche sind mir egal», versichert er beinahe trotzig und starrt auf seinen grossen Bauch: «Weniger Fett und mehr Muskeln wären aber schon schön.»

Kinder Trainieren in der Turnhalle

«Mobbing-Erfahrungen haben hier fast alle gemacht», sagt Lagerorganisatorin Angie Batschelet: «Obwohl heute in jeder Klasse mehrere dicke Kinder sitzen, werden die Betroffenen immer noch stigmatisiert. Unsere Gesellschaft ist geprägt vom Schlankheitswahn. » Scham- und Schuldgefühle seien deshalb bei den betroffenen Familien an der Tagesordnung, nicht selten wird das Thema Übergewicht gar zum Tabu. Ein Teufelskreis, der auch die Selbsthilfe behindert: Die ZACK-Organisatoren etwa haben Schwierigkeiten, ihre Zielgruppe zu erreichen. Manche Mutter, mancher Vater wollen die Speckrollen beim eigenen Kind nicht wahrhaben und deshalb nicht wahrnehmen. «Zu uns kommen diejenigen Kinder, die sich zusammen mit den Eltern dem Problem schon gestellt haben.»

Tabu Übergewicht

Jennifer Kane etwa sagt, dass sie nie verleugnet habe, dass ihre Tochter Anna mollig ist. «Ich koche ausgewogen, doch als Anna in die Schule kam, hatten wir weniger Kontrolle über ihr Essverhalten.» Anna nahm zu: «Sie mag eigentlich gesunde Sachen, sie isst einfach zu viel.» Trotzdem wollte Kane ihre Tochter nicht zum Abnehmen drängen: «Die Eigenmotivation ist wichtig. Ständige Ermahnungen von Erwachsenen können zu Essstörungen führen.» Und so war es Anna selbst, die sich ins Camp anmeldete, weil sie sich im Bikini nicht mehr gefiel.
Die Zehnjährige hat Küchendienst. Sie und ihre Kameraden hacken im Lagerhaus Rüebli klein, derweil die Tomatensauce auf kleinem Feuer köchelt. Anna ist ein hübsches Mädchen mit Rehaugen und Afrolocken. Ihre Beine sind schlank, jetzt sollen die störenden Speckrollen am Bauch weg. Im Camp gehört sie zu den dünneren, für ihr Alter ist sie trotzdem viel zu schwer. Darüber zu reden, ist ihr peinlich. «Ich bin 55 Kilo und 1.56 Meter gross», murmelt die Zehnjährige erst nach einigem Zögern. Doch dann überwindet sie sich und sagt laut: «Es braucht Mut, zu sagen: Ich bin übergewichtig». Anna streut dabei Käse über die Polenta. Sehen so Diätmenus aus? «Wir machen keine Diät, das bringt nichts», erklärt Ernährungsberaterin Annemarie Gluch: «Viel sinnvoller ist es, wenn man den Kindern zeigt, wie eine gesunde und ausgewogene Ernährung aussieht.»

Ein Schoggistängeli hab ich mir damit mindestens verdient, oder?

Gabriel, 9
Kind turnt an den Ringen im Wald

Naschen aus Frust

Allerdings bringt auch dieses Wissen nur etwas, wenn die Eltern daheim mitziehen. Von ihnen, sagt Gluch, wird mindestens eine so grosse Umstellung verlangt wie vom Kind. Nicht immer gelingt diese. Die Ernährungsberaterin, die in ihrer Winterthurer Praxis übergewichtige Kinder berät, schätzt, dass es bloss ein Drittel ihrer Patienten schaffen, die Essgewohnheiten nachhaltig zu verändern: «Ich bin schon zufrieden, wenn die Kinder schneller wachsen als zunehmen.»
Inzwischen stehen die verschwitzten Kinder am Buffet an. Es ist laut. Einige können kaum warten, bis sie ihren Teller endlich mit Eisbergsalat füllen können und wippen nervös mit dem Fuss. Gegessen wird aber erst, wenn alle am Tisch sitzen, und Gespräche während der Mahlzeit sind erwünscht – Tricks, um das Esstempo zu drosseln.
Anna naschte oft aus Langeweile, so wie viele andere Übergewichtige auch: Eine Chipspackung gegen den Frust, ein Schoggistängeli gegen die innere Leere. Eine der wirkungsvollsten Präventionen ist deshalb laut Ernährungsberaterin Guhl elterliche Zuwendung: «Dass Mütter und Väter ein Ohr für die Probleme ihrer Kinder haben und in der Freizeit etwas mit ihnen unternehmen, ist zentral.»

Kind bereitet Salat vor

Kochen statt Hungern: Diäten bringen bei Kindern wenig.

Auch in Zweisimmen wird nicht gehängt: Anna wäscht in der Küche ab. Yves fährt mit dem Velo zum Vitaparcours. Seine Kameraden joggen hinterher. «Ist es noch weit?», keucht Gabriel. Die Regenwolken sind weg. Spätsommerhitze macht sich im engen Bergtal breit. «Wir sind bald da. Dann machen wir Übungen an den Geräten», tröstet Lagerorganisatorin Batschelet. Der Neunjährige schnauft und witzelt: «Also ein Schoggistängeli habe ich dafür mindestens verdient, oder?»


Ist mein Kind zu schwer?

Für die Speckröllchen am eigenen Kind haben Mütter und Väter oft kein Auge. Unbestechlich ist hingegen ein Online-BMI-Rechner. Falls der Wert nicht im Normalbereich liegt, sollte der Kinder- oder Hausarzt konsultiert werden.
Statt einer Diät raten Fachstellen zu ausgewogener Ernährung und genügend Bewegung. Die Mahlzeiten sollten am gemeinsamen Esstisch eingenommen werden und nicht vor dem Fernseher oder Computer. Auf den gesunden Speiseplan gehören etwa fünf Portionen Gemüse und Früchte, drei Portionen Kohlenhydrate und Milchprodukte, ein bis zwei Portionen Fleisch oder Fisch und etwa zwei bis drei Esslöffel Butter oder Öl. Statt Süssgetränken und Limonade ungezuckerten Tee oder Wasser servieren.

BMI-Rechner
www.gesundheitsfoerderung.ch/bmi

Hilfe für übergewichtige Kinder
www.akj-ch.ch

Tipps zur Ernährungserziehung
www.gesundheitsfoerderung.ch

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