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Home Treatment

Psychiatrische Hilfe zu Hause

Erkrankt ein Elternteil psychisch, ist ein Aufenthalt in einer Klinik oft unumgänglich. Doch immer mehr Psychiatrien setzen auf Hilfe in den eigenen vier Wänden. Einblick in ein Modell, das sich besonders für Familien eignet.

An der Wand im Wohnzimmer prangt in Grossbuchstaben HOME – als Sinnbild für das Wichtigste im Leben von Stefanie Rochat (32): ihr Zuhause. Hier bei ihrem Mann und den beiden Mädchen (5 und 2) fühlt sie sich geborgen. Hier ist ihr Nest, ihr Schutzraum – auch dann, wenn sich die Welt für sie erneut verdunkelt. Denn das tut sie. Immer wieder.

Im Moment aber fühlt sich der Alltag hell an, Stefanie Rochat sitzt am Esszimmertisch und erzählt. Sie spricht schnell, klar, wortgewandt. Äusserlich unterscheidet sie sich nicht von anderen Müttern: Sie ist ungeschminkt, mit gebändigten Locken und im schwarzen Sporttrainer – so, wie man eben einen Mittwochmorgen daheim mit kleinen Kindern verbringt. Nur momentweise schimmert die Verletzlichkeit aus Stefanie Rochats dunklen Augen, die bestätigenden Halt im Gesicht des Gegenübers suchen. Auch wenn sie bereit ist, von ihren Erfahrungen mit der Psychiatrie zu erzählen – ihren richtigen Namen oder jenen ihrer Kinder möchte sie nicht öffentlich nennen. Sie will der eigenen Stigmatisierung keinen Vorschub leisten.

Bereits vor der Geburt der Kinder plagten sie psychische Probleme. Damals war es der Druck im Job als Verkäuferin. Stefanie Rochat fürchtete die Zurechtweisungen der Chefin, litt unter Panikattacken und Schweissausbrüchen. «Ich wollte es immer allen recht machen», sagt sie. Zu Hause weinte sie nur noch. Oder schlief. Die Diagnose lautete «Schwere Depression».

Obwohl sich Stefanie Rochat damals selber in eine Klinik einwies, und obwohl man sich dort gut um sie kümmerte, sei die Umgebung für sie ein Schock gewesen: «Plötzlich waren so viele psychisch Kranke um mich herum – irgendwie hatte ich das Gefühl, nicht hierher zu gehören.»

Psychiatrie war keine Option mehr

Trotzdem harrte sie ein paar Wochen aus und es ging ihr besser. Gleich nach der Rückkehr wurde sie schwanger. Auf das erste Kind folgte ein paar Jahre danach ihr zweites, beides Wunschkinder. Die Trauer aber kam und ging.

«Durchhalten!», forderte sie jeweils von sich selber, wenn sich die Schwere wieder auf ihre Brust legte. Lieber schweigen, lieber leiden, als erneut in eine Klinik einzutreten. Ausser ihrem Mann und ihrer Psychologin erzählte sie niemandem von der seelischen Starre. Selbst als die Traurigkeit unerträglich wurde und ihr ein Platz in einer Psychiatrie angeboten wurde, wohin sie die Kinder hätte mitnehmen können, lehnte sie ab: «Ich hatte solche Angst, dass bei ihnen dort etwas kaputt geht.» Zudem wäre der Besuchsweg für ihren Mann mit fast zwei Stunden Anfahrt zu lange gewesen. Eine verfahrene Situation – hätte Stefanie Rochat nicht von der Möglichkeit eines Home Treatments erfahren.

Was ist Home Treatment?

Eine der Pionierinnen für die 24-Stunden-Betreuung zu Hause ist Kerstin Gabriel Felleiter. Die 49-jährige Chefärztin der ambulanten Dienste der Luzerner Psychiatrie sitzt in ihrem hellen Büro im Ambulatorium Sursee. Draussen vor dem Fenster liegen karg die Felder, drinnen kuscheln Löwe und Schaf eng aneinandergeschmiegt auf einem roten Kissen. Die Plüschtiere strahlen Zuversicht aus. Genau wie die Ärztin. Denn ohne Optimismus wäre es ihr wohl kaum möglich gewesen, einen Paradigmenwechsel in der Psychiatrie in Angriff zu nehmen: das Home Treatment.

Den Ausschlag für die Idee, dass Menschen in einer schweren seelischen Krise nicht mehr zwingend stationär behandelt werden müssen, gab vor rund zehn Jahren die Tatsache, dass in psychiatrischen Einrichtungen zu wenige Betten standen. Die Nachfrage nach betreuten Plätzen war grösser als das Angebot. Deshalb startete die Luzerner Psychiatrie ein wissenschaftlich begleitetes Pilotprojekt mit einer zeitlich begrenzten, aber intensiven Begleitung bei den Erkrankten zu Hause. Dabei schaut ein spezialisiertes Team, bestehend aus Fachärztinnen, Psychologen, psychiatrischem Pflegepersonal und Sozialarbeitenden, abwechselnd täglich bei den Patientinnen oder Patienten vorbei, stellt Diagnosen, interveniert psychotherapeutisch und verabreicht Medikamente. Sie alle hören zu, geben Ratschläge und sind – genau wie in einer psychiatrischen Klinik – für die Notleidenden da. Mindestens eine Person ist rund um die Uhr telefonisch erreichbar. Nachts steht ein Pikett-Dienst zur Verfügung. «Patienten und Angehörige entlastet es sehr zu wissen, dass sie auch in der Nacht anrufen können und morgens um 9 Uhr bereits wieder jemand vorbeikommt», sagt Kerstin Gabriel Felleiter.

Ein Home Treatment dauert oft weniger lang als ein Klinikaufenthalt.

Bald erkannte die Psychiaterin, dass das Home Treatment gerade für Mütter und Väter in einer psychischen Krise eine bestechend gute Lösung sein kann: «Stellen Sie sich eine Mutter aus dem Entlebuch mit vier Kindern vor: Selbst wenn sie ihren Säugling in eine Klinik mitnehmen könnte, würde sie ihre älteren Kinder nicht über Wochen daheim zurücklassen wollen, während sie weit weg hospitalisiert ist.»

Wie funktioniert ein Home Treatment?

Auch bei Stefanie Rochat läutete im letzten Sommer acht Wochen lang bis zu dreimal pro Tag eine psychiatrisch ausgebildete Fachperson an der Tür. Meist war es ihre Bezugsperson. Damit in der Nachbarschaft keine Fragen aufkommen, tragen die Autos des Home-Treatment-Teams keine Logos und die Nummernschilder sind nicht öffentlich einsehbar.

Die psychiatrische Pflegefachfrau spürte nach, was Stefanie Rochat beschäftigt, zeigte ihr Entspannungsübungen oder fand mithilfe der Aromatherapie heraus, welche Düfte der Mutter guttun. «Mama, kommt heute wieder die Frau, die piks macht?», fragten die Kinder bald. Während Stefanie Rochat mit Akupunkturnadeln auf dem Sofa lag, kümmerte sich die Pflegefachfrau um die Mädchen, spielte und sprach mit ihnen. So konnte sie auch allfällige Sorgen der Kleinen aufnehmen.

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Beim Home Treatment hat das Fachpersonal Einblick in den Familienalltag und kann auch allfällige Sorgen der Kinder aufnehmen.

Weil bei einer seelischen Erkrankung auch Psychopharmaka eine Rolle spielen, besprach ein Arzt mit der Patientin wöchentlich die Medikation. «Weil ich mich mit der ersten Dosierung völlig benommen fühlte, reduzierten wir die Menge der Medikamente auf einen Viertel», erzählt Stefanie Rochat. Man gab ihr das Gefühl, trotz psychischer Krankheit die Selbstbestimmung nicht aus der Hand zu geben. Anders als bei einem stationären Aufenthalt, in dem die Klienten sich anpassen müssen – schon allein wegen des reibungslosen Klinikablaufs. Stefanie Rochat ist ihrem Mann dankbar dafür, dass er das Home Treatment akzeptierte und überhaupt mitanpackt, wo immer er kann. Trotzdem macht sie sich manchmal Sorgen um ihn: «Ich befürchte, dass auch bei ihm irgendwann das Fass überlaufen könnte.»

Oft geht vergessen, wie sehr die Angehörigen mitbetroffen sind: Partner, Kinder, Eltern – sie alle leiden im Schatten einer psychiatrischen Erkrankung mit.

Tatsächlich kann ein Klinikaufenthalt die Angehörigen auch entlasten und es wird vorgängig gut abgewogen, ob ein Home Treatment für alle in der Familie das Richtige ist.
Doch auch diesbezüglich spricht für Kerstin Gabriel Felleiter vieles für das Modell «Home Treatment»: Das Personal hat Einblick in den Familienalltag und das Umfeld kann auf natürliche Art und Weise einbezogen werden. «Wenn wir bei einer Patientin zu Hause am Küchentisch sitzen und die pubertierende Tochter setzt sich dazu und fragt, was eigentlich los sei mit Mama oder Papa, können wir direkt mit ihr sprechen.»

Bei einem Klinikaufenthalt hingegen stösst die Aufforderung für ein Angehörigengespräch oft auf Abwehr, sei es wegen der Umgebung, die bedrückt, oder einem zu langen Anreiseweg. In den eigenen vier Wänden akzeptieren die Angehörigen eine Behandlung eher, denn die Einschnitte in das soziale Gefüge sind geringer.

Auf jeden Fall senkt die Möglichkeit, sich daheim behandeln zu lassen, die Hürden für Betroffene. Auch deshalb, weil ein Home Treatment sich oft weniger lang hinzieht als ein stationärer Aufenthalt: Die Behandlung zu Hause dauert im Durchschnitt drei Wochen. Zudem zeigt sich der «Drehtüreffekt» weniger oft: Home Treatment verhindert, dass sich Patienten in der Klinik besser fühlen als zu Hause und deshalb nach der Entlassung oft lieber wieder in die geordnete Welt der Klinik zurück wollen.

Home Treatment bei Suizidalität

Die Grenzen einer Behandlung zu Hause liegen da, wo die erkrankte Person für andere zur Bedrohung wird. Verhält sich ein Vater krankheitsbedingt aggressiv oder vernachlässigt eine alleinerziehende Mutter ihre Kinder, müssen die Fachleute zwingend eine Gefährdungsmeldung bei den Behörden einreichen. Dann macht ein stationärer Aufenthalt – womöglich in einer Eltern-Kind-Einrichtung – mehr Sinn. «Bei Suizidalität hingegen ist ein Home Treatment möglich, sofern die Betroffenen absprechbar sind», sagt Kerstin Gabriel Felleiter.

Aufklärung hin oder her – psychische Leiden sind noch immer stigmatisiert. Allzu oft fragen sich Betroffene, was sie falsch gemacht haben und versuchen zu lange, sich zusammenzureissen. «Dabei wäre es so wichtig, schnell Hilfe in Anspruch zu nehmen», sagt die Psychiaterin noch einmal mit Nachdruck, bevor sie zum nächsten Termin eilt.

Stefanie Rochat ist nun doch etwas erschöpft vom Erzählen. Zum Glück hat sie das Mittagessen vorgekocht, das sie gleich aufwärmen wird. Zuvor aber braucht das kleinere der beiden Mädchen noch Zuwendung, es ist hingefallen und stolpert weinend aus dem Zimmer. Stefanie Rochat hebt ihr Kind auf den Schoss, streichelt und tröstet es. Sie ist eine fürsorgliche Mutter. Zwar sei sie noch immer manchmal aufgewühlt, aber im Moment reiche es aus, regelmässig ihre Psychologin zu sehen oder sporadisch die psychiatrische Spitex in Anspruch zu nehmen.

Am meisten aber entlastet Stefanie Rochat die Gewissheit, dass sie in den eigenen vier Wänden bleiben kann, sollte die Depression allzu heftig zurückkehren.

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