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Stillen

Powerdrink

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«Muttermilch ist wie Eiscrème, Penicillin und Ecstasy zusammen» heisst es. Doch was kann Muttermilch wirklich? Eine ideologiefreie Annäherung.

Verkannte Brust

Vorweg: Wirklich gut erforscht ist die Laktation, also alles, was mit Muttermilch zu tun hat, nicht. Zwar gibt es die International Society for Research in Human Milk and Lactation. Doch ihr Vorsitzender, Prof. Peter Hartmann, bedauert, wie gering das öffentliche Interesse am Thema ist: «Der Busen ist das einzige menschliche Organ, dem kein medizinisches Spezialgebiet gewidmet ist», sagt Hartmann im demnächst auf Deutsch erscheinenden Buch «Der Busen» von Florence Williams. Eine Erklärung dafür, dass die Brust – ausser in der Krebsforschung – von der Wissenschaft stiefmütterlich behandelt wird, liefert Laktationsexperte Olav Oftedal: «Das Forschungsgebiet wird von Männern dominiert, die die weibliche Brust nur als Sexualobjekt betrachten.» Also, Frauen, hier gäbe es vernachlässigtes Territorium zu erobern!

Power Cocktail par excellence ...

Muttermilch besteht zu 90 bis 95 Prozent aus Wasser. Der Rest setzt sich zusammen aus Fett, Proteinen, Vitaminen, Spurenelementen, Mineralien und Enzymen. Ausserdem verfügt sie über eine Vielzahl von antimikrobiellen, entzündungshemmenden, immunmodulierenden und bioaktiven Substanzen. Gegenstand neuester Forschung sind die Stammzellen, welche in mütterlicher Milch reichlich vorhanden sind sowie Laktoferrin, ein Bakterien tötendes Protein. Vereinfachend kann gesagt werden: Muttermilch enthält 100 Prozent der empfohlenen Tagesmenge von allem, was der Säugling braucht. Oder mit den Worten der amerikanischen Wissenschaftsjournalistin Florence Williams: «Muttermilch ist wie Eiscrème, Penicillin und Ecstasy zusammen, umhüllt von zwei hübschen Verpackungen.»

... mit psychoaktiver Wirkung ...

Beim Stillen produziert der weibliche Körper das leicht berauschende Hormon Prolaktin. Oxytocin fördert zudem fürsorgliche Gefühle und löst leichte Euphorie aus. Beim Baby regen Endocannabinoide in der Milch den Hunger an und machen gegen Ende der Mahlzeit satt. Da diese Bestandteile in der Pulvermilch fehlen, wird vermutet, dass Fläschchenbabys deswegen deutlich mehr Kalorien zu sich nehmen, wie Florence Williams schreibt.

... und einer Portion Gift

Viele Substanzen, mit denen die Mütter im Verlauf ihres Lebens in Kontakt gekommen sind und die ihr Fettgewebe gespeichert hat, gelangen in die Muttermilch: Quecksilber, Blei, Perchlorate, Bisphenole, Flammschutzmittel – die Liste der unerwünschten Zusatzstoffe in der Muttermilch ist lang und tönt gruselig. Das erste Kind bekommt mehr Schadstoffe ab als das dritte. Und je älter die Mutter, desto kontaminierter ist in der Regel die Milch. Auch deshalb ist Kuhmilch schadstoffärmer als Muttermilch. Einziger Lichtpunkt: Ein Vergleich der heutigen Analysen mit denen vor 25 Jahren zeigt, dass die Schadstoffbelastung abgenommen hat; unrühmliche Ausnahme bilden die bromierten Flammschutzmittel, die heutzutage in Möbeln, Kleidern und vielen Kunststoffen enthalten sind. Die aktuellen Rückstände in der Muttermilch erfordern aber weitere Anstrengungen zur Reduktion. Mütter sollten ihren Einfluss nutzen – als man DDT in der Muttermilch fand, verbot man es.

Der Zeit voraus

Das Baby kommt mit einem sterilen Darm auf die Welt. Dieser wird während und nach der Geburt besiedelt. «Forscher haben festgestellt, dass gestillte Babys eine andere Darmflora haben als ungestillte», sagt Gabi Eugster, Lebensmittelingenieurin und Stillberaterin bei der La Leche League. Ein Grund dafür sind die sogenannten Oligosaccharide, die in dieser Form nur in der Muttermilch vorkommen und deren Zusammensetzung bei jeder Frau anders ist – je nachdem, was das Baby benötigt. «Oligosaccharide füttern die gesundheitsfördernden Bifidus-Bakterien», so Eugster. Doch damit nicht genug. Thierry Hennet, Professor für Humanbiologie an der Universität Zürich, zeigte kürzlich in einem Video, wie Oligosaccharide sich an schädliche Bakterien hängen und diese aus dem Darm befördern. Die Muttermilch macht also bereits, was die Wissenschaft zunehmend ebenfalls anstrebt: Bakterien nicht mit Chemikalien abtöten, sondern mit Biomolekülen und Mikroorganismen eine mikrobielle Ökologie fördern.

Kommunikationsprofi Busen

Jede Brust einer durchschnittlichen jungen Mutter kann innerhalb von 24 Stunden 454 Gramm Milch bilden und etwa die Hälfte dieser Menge speichern, je nach Hunger des Babys. Die Brust berücksichtigt auch das Befinden der Mutter und fährt zum Beispiel bei Stress die Milchproduktion herunter. Noch erstaunlicher: Der Busen weiss, ob ein Mädchen oder ein Junge trinkt. Zumindest Rhesusaffenmütter produzieren für ihre Söhne weniger, aber fettere, energiereichere Milch; für Töchter dünnere, aber grössere Mengen. Der vermutete Grund: Söhne können mit dem gut gefüllten Magen längere Zeit ihre Umgebung erforschen, Töchter kommen häufiger zur Mutter zurück und bleiben länger bei ihr.

Das Baby isst mit

Speck, Broccoli und Joghurt, aber auch Wein, Zigaretten und Medikamente – alles gelangt in die Muttermilch und verändert ihren Geschmack. «Zwischen dem mütterlichen Blut und der Muttermilch gibt es keine Schranke», sagt Eugster. Zwar sei die Muttermilch relativ stabil in der Zusammensetzung. «Die Natur schützt das neue Leben», so Eugster. Doch bei den Fettsäuren zeigen sich feine Unterschiede, je nachdem, was die Mutter isst; auch viele Medikamente finden sich in der Muttermilch. Es ist nicht ganz falsch, wenn die Ökonomin und Publizistin Sandra Steingraber Stillen als eine «Form der Metratrophie» bezeichnet: Das Kind isst die Mutter auf. Kein Wunder, dass so viele Frauen ein zwiespältiges Gefühl beim Stillen haben.

Was sie nicht kann

Lange Zeit war sechs Monate ausschliessliches Stillen der Goldstandard. Mittlerweile hat sich die Regel gelockert: «Es gibt keine einzige Studie, die nachgewiesen hat, dass durch langes, ausschliessliches Stillen der Allergieschutz verbessert wird», sagt Gabi Eugster. Die WOH und Stillkampagne bleiben allerdings bei der Empfehlung von sechs Monaten. Ist das Baby mindestens vier Monate alt und zeigt Interesse am Löffel und allem, was sich draufladen lässt, darf es ruhig ausprobieren. Immer wieder gibt es auch Studien, die einen Zusammenhang zwischen Stillen und höherer Intelligenz des Kindes belegen wollen. Werden allerdings soziale Faktoren wie Alter, Intelligenz und psychische Gesundheit der Mutter, sozioökonomischer Status und Ausbildung berücksichtigt, sind die Unterschiede laut Eugster «zu klein, um nachgewiesen werden zu können». Und es kann nicht oft genug wiederholt werden: Stillen ist nur dann förderlich, wenn es für die Mutter stimmt. Auf die Frage, ob Muttermilch der Pulvermilch wirklich so haushoch überlegen sei, antwortet Florence Williams: «Ja und nein. Für Babys in den Industrieländern sind die Vorteile der Muttermilch relativ gering. Sie könnten grösser sein, als wir glauben, aber die Wahrheit ist, dass wir es nicht genau wissen.»


Buchtipps

  • Florence Williams: «Der Busen. Meisterwerk der Evolution» (erscheint am 27.5.2013)
  • Gabi Eugster: «Stillen. Gesund und richtig.»

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