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Kinderschutz

Missbrauch verhindern: das rät der Experte

Jede Gewalttat an einem Kind ist eine zu viel, sagt Georg Staubli, Leiter der Kinderschutzgruppe am Zürcher Kinderspital. Wo sein Fokus bei der Arbeit liegt und was er misshandelnden Eltern sagt.

wir eltern: Seit der Gründung der Kinderschutzgruppe am Kinderspital Zürich in den 1980er-Jahren steigen die Zahlen der Fälle von Kindsmisshandlungen. Werden Eltern immer inkompetenter?
Georg Staubli: Es gibt bezüglich statistischer Zunahme zwei Möglichkeiten: Entweder gibt es tatsächlich mehr Fälle oder man schaut besser hin und es werden mehr Verdachtsfälle gemeldet. Bis anhin wussten wir nicht so recht, was der Grund der steigenden Zahlen war. In den letzten beiden Jahren aber standen wir alle wegen Corona unter grossem Stress. Die Betreuungssituation für Eltern war schwieriger.

Und aus Überforderung werden die Kinder geschlagen? Und landen dann bei Ihnen im Kindernotfall?
Wir als Kinderspital sind die Anlaufstelle für die akuten Kinderschutzfälle. Die Kinderschutzgruppe klärt nicht nur interne Fälle ab, es werden auch Kinder aus anderen Regionen zur medizinischen Abklärung von körperlichem und sexuellem Missbrauch zu uns geschickt. Dies ist aber nur die Spitze des Eisbergs, die wir zu sehen bekommen.

Von wie vielen Misshandlungsfällen muss man in der Schweiz ausgehen?
So genau können wir das leider nicht sagen, weil niemand die Zahlen gesamtschweizerisch erhebt. Es gibt viele Anlaufstellen für Fälle von Kindsmisshandlung wie etwa der Elternnotruf, die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden oder die Kinderschutzgruppe der Polizei. Gesamtschweizerisch ist mir nur die nationale Statistik der schweizerischen Kinderspitäler bekannt.

Es ist nicht so einfach, alle Misshandlungsformen klar zu definieren.

Vielleicht beginnt das Erhebungs-Problem bei der Definition: Wann genau spricht man von einer Misshandlung? Bei einem Klaps auf den Po? Einer Ohrfeige? Striemen am Rücken?
Es ist nicht so einfach, alle Misshandlungsformen klar zu definieren. Bei der körperlichen Misshandlung ist es noch relativ einfach: Sobald einem Kind körperliche Gewalt angetan wird, ist das eine körperliche Misshandlung. Bei der psychischen Misshandlung oder Vernachlässigung gibt es einen grossen Graubereich.

Im Kinderspital sind Sie mit schweren körperlichen Misshandlungen konfrontiert. Aber lange nicht jedes Kind, das zu Ihnen in die Notfallstation kommt, ist ein Misshandlungsopfer. In wie vielen Fällen bestätigt sich im Kispi der Verdacht auf Misshandlung?
Insgesamt sehen wir etwa 45000 Kinder pro Jahr auf unserer Notfallstation. Der Kinderschutzgruppe werden rund 600 Kinder pro Jahr gemeldet. Bei rund zwei Dritteln davon können wir eine Misshandlung bestätigen. Bei einem kleinen Anteil kann eine Misshandlung ausgeschlossen werden und in einigen Fällen sind wir unsicher. Im Zweifelsfall versuchen wir, die Kinder bei einer nachbetreuenden Stelle einzubinden.

Können Sie ein Beispiel eines solchen Zweifelsfalls geben?
Wenn Eltern uns etwa erzählen, dass ihr Kleinkind vom Sofa gefallen sei und sich dabei einen Schädelbruch zugezogen hat. Das kann der Wahrheit entsprechen – oder auch nicht. Wenn die Eltern adäquat reagieren, sich um das Kind kümmern, sofort einen Arzt aufsuchen und der Kinderarzt der Familie unsere Einschätzung teilt, gehen wir davon aus, dass keine Intervention nötig ist.

Manchmal passiert trotz aller Sorgfalt ein Missgeschick.
Kürzlich erzählte uns eine Mutter, dass ihr zwei Monate altes Kind vom Wickeltisch purzelte, obwohl sie links und rechts ein Kissen platziert hatte. Da wurde ich misstrauisch: Ein zweimonatiges Baby kann sich weder drehen noch vom Fleck bewegen. Nachweisen können wir trotzdem nichts. Wir sprachen mit der Mutter und machten sie darauf aufmerksam, dass das nicht mehr passieren sollte. Wird das Kind ein zweites Mal mit einer seltsamen Geschichte zu uns gebracht, überlegen wir uns, ob es weitere Massnahmen braucht, etwa eine Gefährdungsmeldung an die Kesb zu machen.

Wenden sich auch externe Behörden und Institutionen an die Kinderschutzgruppe des Kispi?
Es melden sich Kinderärzte oder Behörden bei uns, wenn es darum geht, Verletzungen genauer anzuschauen. Uns kontaktieren auch Personen aus der Nachbarschaft, Schulen und Tagesbetreuung oder Angehörige.

Wir alle beobachten ab und zu Situationen zwischen Eltern und Kindern, die uns irritieren. Wie sollen wir reagieren, wenn wir etwa häufig Streitereien aus der Nachbarswohnung hören? Ein Kind blaue Flecken hat? Es ist nicht angenehm, andere implizit der Kindsmisshandlung zu verdächtigen.
Man sollte sich auf keinen Fall selbst gefährden und wenn man sich bedroht fühlt, die Polizei rufen. Diese hat für häusliche Gewalt ausgebildete Mitarbeitende.

Und wenn ich mich nicht bedroht fühle, aber das Gefühl nicht loswerde, dass hinter dem Geschrei doch mehr als ein Paarstreit steckt?
Für Kinderschutz braucht es Zivilcourage. Wenn man es oft schimpfen, und Kinder mehr als üblich weinen hört, würde ich auf die Nachbarn zugehen und Hilfe anbieten. Man kann vorschlagen, das Kind einmal zu hüten oder die Familie anderweitig zu unterstützen. Wird abgeblockt, die lauten Auseinandersetzungen gehen aber weiter und man macht sich grosse Sorgen, ist es angebracht, die Nummer 147 oder das nächste Kinderspital anzurufen und sich beraten zu lassen. Man kann auch anonym bei der Kesb oder bei der Polizei eine Beratung einholen. Viele haben Angst davor, als Denunzianten zu gelten. Aber wenn sich die Kesb einschaltet, geht es nicht darum, ein Kind den Eltern wegzunehmen, sondern zu deeskalieren und die Familie bestmöglich zu unterstützen.

Sind wir umgekehrt gesetzlich dazu verpflichtet, eine Gefährdungsmeldung zu machen? Könnten wir gar wegen unterlassener Hilfestellung belangt werden?
Nein, wir sind gesetzlich nicht dazu verpflichtet. Ausser wir beobachten klar eine Misshandlung mit körperlicher Schädigung eines Kindes. Dann wäre das für mich eine Unterlassung von Hilfe, wenn man sich nicht um das Kind kümmert. Wenn man eine Misshandlung vermutet, ist es viel mehr eine moralische Verpflichtung, sich um das Kind und seine Familien zu kümmern.

Sie sind oft mit erschütternden Befunden konfrontiert. Wie halten Sie das Elend aus, dem Sie täglich im Kindernotfall und in der Kinderschutzgruppe begegnen?
Ich habe in den letzten zwanzig Jahren viel dazugelernt. Als ich als junger Arzt ein zu Tode geprügeltes Kind gesehen habe, entwickelte ich eine ungeheure Wut auf die Eltern. Mein damaliger Chef legte mir nahe, meine Emotionen zu zügeln und die Energie auf das Kind zu lenken; im besagten Fall auf das Geschwister des toten Kindes. Es ist nicht unsere Aufgabe, die Eltern zu bestrafen, sondern zu spüren, was die betroffenen Kinder brauchen. Kinderschutz bedeutet, die Kinder zu schützen und sie vor künftigen Misshandlungen so gut es geht zu bewahren.

Wie gut gelingt es Ihnen heute, sich nicht von Gefühlen überwältigen zu lassen?
Besser. Aber mir geht es noch immer nahe, wenn ich Kinder leiden sehe. Dann zum Beispiel, wenn Eltern um ihr Kind streiten und eine konflikthafte Stimmung herrscht. Kürzlich hatten wir ein Kind, das somatisierte – das heisst, es verlagerte die psychische Befindlichkeit auf den Körper. Das Kind konnte nicht mehr gehen und sass im Rollstuhl. Zunächst wurde alles medizinisch abgeklärt – ihm fehlte körperlich nichts. Doch die Eltern bekämpften sich seit Jahren mit ihren Anwälten vor der Kesb und vor Gerichten um das Sorgerecht. Als beide Eltern bei mir am Tisch sassen und das Kind unter der Kaskade an gegenseitigen Vorwürfen zu verschwinden drohte, fühlte ich mich schon ohnmächtig. Wenn ein Kind – um das es eigentlich ja geht – zu einer solchen Nebensache wird, ist das zermürbend. Die Aufgabe von uns Fachpersonen ist es, die Eltern dazu zu bringen, ihr Kind wieder im Fokus zu haben.

Bei Ihnen steht das Kind im Zentrum. Hinter fast jedem misshandelten Kind aber stecken überforderte Eltern. Sollte man das Problem nicht an den Wurzeln packen, respektive sich vermehrt um die Eltern kümmern?
Präventiv zu arbeiten heisst, Ressourcen dort einzusetzen, wo noch gar nichts passiert ist. Wir erhalten Geld für Kinder, die bereits schwer geschädigt sind, etwa im Rollstuhl sitzen oder psychisch kaputtgemacht wurden. Es wäre für die Gesellschaft billiger und für die Kinder besser, vorher anzusetzen. Es würde uns weiterbringen, wenn wir die «Gewaltfreie Erziehung» in der Verfassung verankern könnten. Man muss als Gesellschaft klar sagen: Das dulden wir nicht.

Welches wären weitere präventive Optionen?
In Holland werden alle Erwachsenen, die wegen einem Suizidversuch, einer schweren psychischen Ausnahmesituation, Substanzenmissbrauch oder häuslicher Gewalt in ein Spital eingeliefert werden, gefragt, ob sie minderjährige Kinder haben. Wenn sie dies bejahen, werden sie dem Sozialamt gemeldet. Dieses schaut dann bei der Familie vorbei. In der Schweiz ist das noch nicht Routine. Hier erkundigt man sich nach Haustieren und bietet an, jemanden vorbeizuschicken, um sie zu füttern. Nach Kindern wird nicht routinemässig gefragt.

Ja, das ist irritierend…
Präventiv wirken würde auch, wenn Eltern sich ihre Überforderung eingestehen könnten. Zu mir kommen viele Väter und Mütter, die sagen: Ich hätte mein Kind an die Wand klatschen können. So etwas darf gesagt werden – wenn auch nicht direkt vor dem Kind. Eltern müssen zugeben können, dass sie mit ihrem Trotzkind oder Teenager an ihre Grenzen gelangen. Und es braucht gesellschaftliche Toleranz: Eltern, die es wagen, Hilfe zu holen, sollen sich nicht dafür schämen müssen.

Sie sprachen von Eltern, die sich Anwält innen holen. Begegnen Sie nicht mehrheitlich Familien aus der Unterschicht, die sich wohl kaum Rechtsbeistand leisten können?
Das ist ein Vorurteil. Wir haben mit Eltern aus allen Schichten zu tun, auch mit CEOs. Jene, die viel Geld haben, gehen mit grobem Geschütz auf uns und die Kesb los. Da müssen wir grossem Druck standhalten. Aber es ist schon so: Sozial weniger gut gestellte Eltern oder solche aus anderen Kulturen, die handeln wie wir vor fünfzig Jahren, züchtigen eher körperlich. Ein Vater aus einem Flüchtlingsgebiet etwa peitschte sein Kind mit dem Gurt aus. Als ich ihn fragte, woher die Striemen auf dem Rücken des Kindes stammen, antwortete er: «Ich habe das Kind bestraft, weil es nicht gehorchte. Das macht man bei uns zu Hause so.» Mit dieser ehrlichen Aussage kann ich besser leben als mit jemandem, der in unserer Kultur aufgewachsen ist und die Misshandlung verleugnet.

Wer sind diese bessergestellten Mütter und Väter aus der hiesigen Kultur?
Da sehe ich manchmal Eltern, die beide Vollzeit arbeiten und enorm unter Druck stehen. Sie haben die Haltung: Unser Kind hat ja alles, was es will. Sie verkennen, dass ein Kind auch psychisch misshandelt und vernachlässigt werden kann.

Können Sie ein Beispiel geben?
Bei einem Teenager aus vermögendem Elternhaus, der sich umbringen wollte, stellte ich fest, dass er diverse Drogen konsumierte, deren Namen ich nicht einmal kannte. Er bezog den Stoff übers Internet. Ich konfrontierte seine Eltern damit und erklärte ihnen, dass ihr Sohn in seinem Zustand in eine kinder- und jugendpsychiatrische Einrichtung gehöre. Die Eltern verweigerten sich. Der 15-Jährige war hoch suizidal und ich machte die Eltern darauf aufmerksam, dass wir den Jugendlichen zu seinem Schutz in eine Psychiatrie einweisen müssen.

Wie reagierten die Eltern?
Die Mutter schaute mich entgeistert an: «Alle Kollegen unseres Sohnes konsumieren diese Drogen, das ist doch ganz normal!» Für sie hatte Vorrang, dass ihr Sohn nicht in eine psychiatrische Institution eingewiesen wurde und so das Image der Familie beschädigte. Beide waren Manager und dachten, ihr Sohn hätte doch alles, was er braucht.

Da scheint vornehmlich Vernachlässigung im Spiel zu sein.
Ja, über psychische Gewalt und Vernachlässigung spricht man noch immer zu wenig. Eine Woche nicht mit dem Kind zu sprechen, löst bei ihm Schlimmeres aus als eine Ohrfeige. Ein Kind zu ignorieren ist Vernachlässigung und gravierend. Ich sage den Eltern dann jeweils: «Was Sie nicht wollen, dass man Ihnen antut, sollten Sie auch Ihrem Kind nicht antun.» Niemand mag es, eine Ohrfeige zu kassieren oder als Idiot beschimpft zu werden.

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