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Geschlechtsentwicklung – Intersexualität

«Man spricht darüber, das ist das Wichtigste.»

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Der Kinder- und Jugendmediziner Jürg Streuli zu Fehlern bei der Schubladisierung des biologischen Geschlechts.

wir eltern: Herr Streuli, was genau ist ein intersexueller Mensch?

Jürg Streuli: Intersexualität ist eigentlich keine Diagnose, sondern eher eine Worthülse. Wir alle passen mehr oder weniger gut in gesellschaftlich anerkannte Kategorien; eine der bedeutendsten ist das Geschlecht. Bestehen Schwierigkeiten, einen Menschen aus biologischer Sicht in die männliche oder in die weibliche Schublade zu stecken, spricht man von Intersexualität. Nicht zu verwechseln ist Intersexualität mit Transsexualität, wo die biologischen Merkmale vollständig in die männliche oder weibliche Schublade passen, der betroffene Mensch sich jedoch dem anderen Geschlecht zugehörig fühlt. Bei Intersexualität hingegen liegt eine Variation des biologischen Geschlechts vor, wobei ich mit der Definition vorsichtig wäre.

Wieso?

Alle Menschen weisen beim genaueren Hinsehen zahlreiche Variationen in den Genen und in ihrer Entwicklung auf, die Ausprägungen sind aber oft fliessend. Es ist daher sehr schwierig, eine genaue Grenze zwischen «normal» und «nicht normal» ziehen zu wollen. Zweitens ist eine Variation der Geschlechtsentwicklung immer nur in wenigen von insgesamt Abertausenden von Merkmalen eines Menschen sichtbar. Drittens ist der deutsche Begriff «Intersexualität» fehlleitend, da er von Sexualität spricht, ohne diese primär zu meinen. Intersexualität handelt von Körpern, unter Umständen auch von Krankheit und nicht in erster Linie von Sexualität oder sexueller Orientierung. Deshalb spricht man seit ein paar Jahren in der Fachwelt von «DSD», einer Abkürzung für das englische «Differences» beziehungsweise «Disorders of Sex Development», zu Deutsch Variationen oder Störungen der Geschlechtsentwicklung.

Wie kommt es dazu, dass ein Mensch mit DSD geboren wird?

So viel wir heute wissen, handelt es sich um Variationen in unseren Genen, die entweder zufällig entstehen oder über die Generationen weitergegeben werden. Man beginnt diese aber erst zu verstehen. Je mehr wir über die Komplexität unserer Entwicklung erfahren, umso weniger wissen wir, was Geschlecht denn eigentlich ist.

Was wird heute getan, um Menschen mit DSD zu helfen, eine Identität zu finden?

Man spricht darüber, das ist das Wichtigste. Unterscheidet sich ein Kind von seinem Umfeld, herrscht Erklärungsbedarf. Früher versuchte man diesen Erklärungsbedarf möglichst klein zu halten, indem man das Genital des Kindes einem spezifischen Geschlecht anpasste. Heute versuchen wir nicht mehr primär das Kind zu ändern, sondern ihm und seinen Eltern das nötige Selbstvertrauen und Wissen auf den Weg zu geben, um zwischen seinem Selbstverständnis und seiner Aussenwelt eine Brücke zu bauen. Nötig ist dazu aber auch ein Grundmass an Respekt vor Variationen. Berichte wie in «wir eltern» spielen dazu eine wichtige Rolle in der Aufklärung der Gesellschaft. Ausserdem fordern die aktuellen Empfehlungen der Nationalen Ethikkommission eine Beschränkung der operativen Eingriffe auf jene, die medizinisch wirklich notwendig sind.


Jürg Streuli arbeitet als Assistenzarzt in der Kinder- und Jugendmedizin und schliesst momentan sein Doktorat in Biomedizinischer Ethik ab. Er untersucht seit vier Jahren den medizinischen Umgang mit Intersexualität und die Frage, was Kindeswohl im klinischen Alltag bedeutet, ob und wie Kinder in schwierige Entscheidungen bezüglich ihrer Gesundheit einbezogen werden können.

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