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Gesundheit / Anorexie

Anorexie: «Das Thema ist schambesetzt»

Magersüchtiges Mädchen

Psychotherapeutin Judith Bärtschi sagt, dass Eltern möglichst rasch handeln sollen, wenn sie ein verändertes Essverhalten beim Kind entdecken.

wir eltern: Frau Bärtschi, beobachten sie auch, dass immer mehr Kinder an Esstörungen erkranken?

Judith Bärtschi: Die Erkrankung sehr junger Mädchen (und Knaben) ist in der Tendenz steigend, das kann ich aus meiner langjährigen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen bestätigen. Etwa ein Zehntel der Betroffenen heute sind noch nicht in der Pubertät.

Wie erklären sie sich das?

Warum ein Kind (oder ein/e Jugendliche/r) an Magersucht erkrankt, hat meist mehrere Ursachen. Es spielen genetische, individuelle, familiäre und gesellschaftliche Faktoren eine Rolle. Meiner Meinung nach ist das ausgeprägte Schlankheitsideal unserer Gesellschaft nicht zu unterschätzen und beeinflusst heute auch schon Kinder. Extrem dünne Frauen und Mädchen in den Medien suggerieren: erfolgreich, schön und beliebt ist, wer dünn ist. Als konkreten Auslöser für die Entwicklung von Essstörungen werden häufig negative Bemerkungen über den eigenen Körper von Gleichaltrigen genannt. Gleichzeitig kann es den Wunsch ausdrücken nicht älter zu werden. Viele magersüchtige Kinder geben an, dass sie Kind bleiben möchten. Sie haben Angst vor den Anforderungen, die an Jugendliche und Erwachsene gestellt werden.

Wann sollten Eltern einschreiten wenn ihr Kind das Essen verweigert?

Fallen Eltern Veränderungen im Essverhalten, Gewichtsverlust und exzessives Sporttreiben auf, sollten sie nicht zögern zu handeln. Für eine erfolgreiche Behandlung von Magersucht ist es zentral, dass die Erkrankung möglichst früh erkannt wird und rasch ärztliche und therapeutische Massnahmen in die Wege geleitet werden können.

Wie sollten Eltern einschreiten?

Das Thema ist sehr schambesetzt und eine Krankheitseinsicht des Kindes fehlt häufig. Darum sollten Eltern in einem ersten Schritt nicht direkt die Frage nach der Essstörung stellen, sondern zum Ausdruck bringen, dass sie sich Sorgen machen und den Eindruck haben, dass es dem Kind nicht gut geht. Vor der Zurückweisung des Kindes sollten sie sich nicht abschrecken lassen, sondern zu einem späteren Zeitpunkt erneut nachfragen.

Wie können sich Eltern Rat und Hilfe holen?

Die Eltern anorektischer Kinder leiden unter grossen Schuldgefühlen. Die Schuldfrage ist aber nicht zielführend. In der Familientherapie zum Beispiel geht es darum die Faktoren, die die Krankheit aufrechterhalten, aufzudecken und die Familie in einem konstruktiven Umgang mit der Essstörung zu unterstützen. Rat holen können sich Eltern bei Beratungsstellen, Kinder- und Jugendpsychotherapeuten, Kinderärztinnen.


Judith Bärtschi ist Psychotherapeutin Jugendpsychiatrische Station Klinik Neuhaus.

psychotherapie-baertschi.ch


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