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Kinderhypnose Illustrationen

Kinderhypnose

Hypnose kann Kindern helfen

Hypnosetherapie, die medizinisch auf vielfache Weise Anwendung findet, hilft Kindern, Ängste und körperliche Beschwerden zu überwinden. Einblick in eine sanfte Technik, die Kinder und ihre Eltern entlasten kann.

Unzählige Kinder fürchten sich vor dem Zahnarzt oder einer kinderärztlichen Behandlung. Angst, Panik, traumatisierende Erfahrungen, furchteinflössende Erzählungen oder drohende Eltern verhindern ihre Bereitschaft, sich untersuchen zu lassen. Auch bei Zahnärztin Eva von Aster (49) in der Zürcher Schulzahnklinik weigern sich regelmässig Kinder, auf den Zahnarztstuhl zu steigen, geschweige denn ihren Mund zu öffnen: «Wenn Kinder mit halb aufgebohrtem Zahn davonlaufen, wird es richtig schwierig!» Da Heilung aber das wichtigste Ziel jedes Kinderarztes und jeder Zahnmedizinerin ist, braucht es Feingefühl und Technik, um das Vertrauen des Kindes zu gewinnen.

Einfühlsam erscheint Eva von Aster mit ihrem offenen Gesicht auf den ersten Blick, und als Technik für den Umgang mit Kindern hat sie sich unter anderem die Hypnose angeeignet. Diese erlernte sie schrittweise in rund 300 Weiterbildungsstunden bei der Schweizerischen Ärztegesellschaft für Hypnose (SMSH und SMSHdent). Sie ist dem Ethikkodex der Internationalen Gesellschaft für Hypnose verpflichtet und bürgt damit für Seriosität. Denn «Hypnotiseur* in» ist kein geschützter Begriff.

Hypnotische Kommunikation

Kinderhypnose umfasst ein ganzes Bündel an Techniken, um ein Kind mit positiven Suggestionen zu beruhigen und so anzuleiten, dass es sich gern behandeln lässt. Es wird sozusagen vom Behandlungsort fort in einen veränderten Bewusstseinszustand– in eine leichte Trance – geleitet.

Angstmachende Begriffe wie Bohren oder Spritze werden vermieden.

Eva von Aster sitzt auf einem grauen Drehhocker neben dem Behandlungsstuhl und erklärt anschaulich anhand des Fallbeispiels eines Fünfjährigen – nennen wir ihn Leon –, wie sie Kinderhypnose einsetzt. So «schwingt» sie sich zunächst auf das Kind ein, spürt intuitiv und konzentriert nach, was der kleine Patient, die kleine Patientin gerade braucht. Mit ihrer sanften Stimme scheint sie das Kind zu umhüllen und mit ihm gleichsam in einen Kokon einzutauchen. Angstmachende Begriffe wie «Bohren» oder «Spritze» vermeidet sie und spricht stattdessen von «Zahnputzmaschine» oder «Heilen», statt «Schmerz» sagt sie «Kitzeln», «Kribbeln» oder «Drücken» – in der Fachsprache hypnotische Kommunikation genannt. Unterstützend berührt sie die Kinder manchmal leicht an den Schultern, Armen oder am Kopf.

Bei Kindern wie Leon, dem nach einem bösen Sturz mit dem Trotti die oberen vier Schneidezähne entfernt werden müssen, kommen auch Handpuppen und Zauberstäbe zum Einsatz. Eva von Aster bettet diese Hilfsmittel spielerisch in eine Geschichte ein. Deshalb steckt sie ihre Hand so von unten in den Kuschelhasen Mayo, dass sich sein rosa Mäulchen öffnen und schliessen lässt. «Siehst du Leon, nun kann ich mir mit meinem kleinen Zahnspiegel die Zähne von Mayo einmal gut anschauen.» Danach steckt die Zahnärztin den Spiegel dem Hasen zwischen die Pfoten und fragt, ob dieser auch Leons schöne Zähne anschauen darf. Ohne zu zögern, öffnet Leon seinen Mund.

Positive Ressourcen nutzen

Hypnose ist keine Neuerfindung, schon in der Frühzeit versetzten Menschen sich in Trancezustände. Ob im alten Ägypten, im Schamanismus oder als «heilender Schlummer» in den antiken Tempeln Griechenlands – der Schwebezustand zwischen Wachsein und Schlaf fasziniert seit jeher. Im 18. Jahrhundert erforschten erstmals Wissenschaftler die Hypnose, worauf sich unterschiedliche Schulen und Meinungen aufzufächern begannen.

Bevor das Hirn mittels Magnetresonanztomografie durchleuchtet werden konnte, war es schwierig, Traum- und Dämmerzustände als wissenschaftliche Tatsachen festzunageln. Wo aber Fakten fehlen, erblühen bekanntermassen Fantasie, Manipulation und Schwindel. So tauchte die Hypnose als Showeinlage auf Jahrmärkten, Bühnen oder im Zirkus auf, wo Geistheiler ihre Klientel in entrückte Erstarrung versetzten. Und so hat sich Hypnose in unseren Köpfen festgehakt: als Gaukelei, Spektakel oder unverfrorenes Kapern unseres Willens.

Dabei ging unter, dass sich neben dem Hypnose-Hokuspokus auch ein therapeutischer Zweig etablierte: die medizinische und klinische Hypnose. Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelte der amerikanische Psychiater Milton Erickson die Hypnosetherapie, die bis heute die Hypnoseszene prägt. Im Zentrum stehen dabei die eigenen, positiven Ressourcen der Klient* innen, die die Selbsthilfe unterstützen.

Auch der kleine Leon arbeitet tüchtig mit bei seiner Zahnbehandlung. Er hält den Zauberstab so hoch, dass er den silbern schimmernden Glitzer herunterfliessen sieht und sich vorstellt, wie sich das Glitzergefühl bis zum Zahn ausbreitet. Gleichzeitig fährt der Zahnarztstuhl wie von Zauberkraft gesteuert hoch.

Als Leon in der richtigen Position liegt, holt die Zahnärztin aus ihrem Zahnbesteck die «Schlafcreme» und ihren kleinen Zauberstab mit den «Schlaftröpfchen» für die lokale Narkose. Die kurze, feine Nadel verdeckt sie mit der Hand. Ein ganz klein wenig kribbelt es. «Ich schaue nun, wie gut deine Zähne schon eingeschlafen sind», erklärt Eva von Aster bald darauf. «Es sieht gut aus, Leon, du kannst das Zähnchen nun einfach loslassen.» Sie lockert kurz das Gewebe und schon lässt sich der erste Zahn einfach und ohne Schmerz herauslösen.

Berührungsängste nehmen ab

Auch wenn Kinderhypnose bis jetzt nur marginal eingesetzt wird, immer mehr Berufsfelder machen sie sich zunutze: Kinderzahnkliniken, Kinderärzt* innen, Psycholog* innen, Hebammen und Mitarbeitende in Pflegeberufen. Die Berührungsängste nehmen ab, das Angebot von Aus- und Weiterbildungen zu.

Für einen Einblick in das Wesen der Kinderhypnose setze ich mich an einem noch herbstlich warmen Freitagmorgen in das Schulungszentrum Palacios Relations im Berner Weissenbühlquartier. In einem lichtdurchfluteten Raum, durchströmt von Zimtduft und leiser Meditationsmusik, wartet eine Handvoll Frauen auf Gabriel Palacios. Die Kursteilnehmerinnen in der Gruppe bauen auf einer Reihe von Hypnose-Grundlagen-Kursen auf, ich bin blutige Anfängerin. Ob ich in einem Halbtag die wichtigsten Grundsätze von Kinderhypnose verstehen lerne? Einen Versuch ist es wert.

«Guten Morgen», begrüsst Gabriel die Runde in Berndeutsch. Hier duzen sich alle. Palacios, in Turnschuhen und mit hellgemustertem Hemd, ist so etwas wie der Shootingstar unter den Schweizer Hypnosetherapeuten. Mit Auftritten und Interviews in SRF-Sendungen wie «Aeschbacher» und «Glanz & Gloria» und im Privatfernsehen, mit Bestsellerbüchern und einem eigenen Hypnoseinstitut, hat er sich einen Namen geschaffen.

Geschäftstüchtigkeit kann man ihm kaum absprechen, anmassend wirkt der 31-Jährige aber keineswegs. Sein Auftritt ist authentisch, eloquent und sympathisch – ein überheblicher Blender sieht anders aus. Sein Institut ist der Schweizerischen Stiftung für Komplementärmedizin (ASCA) angeschlossen.

Nach einer Runde Theorie erläutert Gabriel Palacios anhand von Fallbeispielen, wie Hypnosetherapie das Unterbewusstsein positiv zu «programmieren» vermag. Dazu begleiten wir exemplarisch Emma (6). Das Mädchen hat Angst, allein einzuschlafen, ohne Licht im Zimmer und ohne wiederholtes Rufen nach den Eltern will es einfach nicht klappen.

Helfende Superhelden

Beim Hypnotherapeuten darf Emma nun auf einem Zeichenblock ihr Kinderzimmer malen: Bett, Türe, Deckenlampe, Pult, Teppich, ganz so, wie sie es mit ihren kindlichen Augen sieht. Dann erklärt das Mädchen, was ihr grösster Wunsch wäre – nämlich, ohne Furcht einzuschlafen. Danach setzt sich Emma auf einen bequemen Sessel, ihre Augen bleiben – anders als bei der Erwachsenenhypnose – offen.

Steckt eine körperliche Ursache hinter der Not, muss das Kind medizinisch oder psychologisch abgeklärt werden.

Nun fragt Gabriel Palacios das Mädchen, was es selber tun würde, um sich im Dunkeln nicht mehr zu fürchten. Emma würde dazu einen leuchtenden LED-Ball auf ihr Nachttischchen legen. «Gut», lobt Palacios. «Und gibt es noch etwas, das dir helfen könnte? Vielleicht ein Superheld oder eine Superheldin?» Emma überlegt nicht lange. Denn vor ihrem inneren Auge taucht unvermittelt jenes zarte Flügelwesen auf, das Feenstaub verstreut: «Tinkerbell!», ruft sie.

Die Fantasie der Kinder ist unerschöpflich. Aus dem kindlichen Ideenmeer entspringen Superhelden, Zauberer, magische Tiere oder Raketen – Hauptsache, die Figur unterstützt das Kind in seinem Anliegen. Die helfende Figur wird durch den Trancezustand im Unbewussten «verankert» und kann auch in Zukunft als positive Ressource wieder ins Bewusstsein geholt werden. So darf Emma jetzt Tinkerbell auf ihre zuvor erstellte Zeichnung malen – und damit verankern. Zu Hause legt sie das Bild neben ihr Bett und schläft fortan – hoffentlich – leichter ein.

Gabriel Palacios und sein Team bieten neben Ausbildungskursen und Behandlungen für Erwachsene auch Hypnotherapie für Kinder zwischen fünf und 16 Jahren an. Die Anliegen, mit denen Eltern den Therapeuten aufsuchen, sind unterschiedlichster Natur: Bettnässen, Prüfungsangst, Schwierigkeiten beim Lernen oder Aggressivität, Sozialphobie, Stottern oder Schlafstörungen. Oft reichen wenige halbstündige Sitzungen, um neue gedankliche Prozesse in Gang zu setzen.

Vermutet Gabriel Palacios hinter der kindlichen Not eine körperliche Ursache oder scheint der Leidensdruck des Kindes zu gross, empfiehlt er den Eltern, das Kind bei einer Fachperson medizinisch oder psychologisch abklären zu lassen. Umgekehrt wurde er bei Verdacht auf ein psychosomatisches Problem auch schon von Kinderärzten kontaktiert.

Der Kursmorgen ist schnell vorbei, für die Lernenden werden noch einige Weiterbildungskurse folgen. Denn auch bei Palacios Relations erhält das Fortbildungszertifikat für Kinderhypnose nur, wer mindestens 100 Stunden Grundlagenausbildung absolviert hat.

Habe ich nun verstanden, was Kinderhypnose ist? Eine Kurzbeschreibung könnte lauten: Es ist eine innere Reise an einen Ort, an dem sich das Kind wohlfühlt. Dafür wird es von einem Hypnotherapeuten in eine leichte Trance geführt, in der eine hypnotische Suggestion– symbolisiert zum Beispiel durch eine Heldenfigur – verankert wird. Dieses «helfende Element» kann das Kind auch in Zukunft jederzeit erneut aktivieren. Durch die Hypnose lernt es zudem, sein Problem für sich selber stimmig zu lösen.

Imaginär und kreativ

Zurück in der Schulzahnklinik bei Eva von Aster bleibt noch eine Frage: Sind «Hypnosemethoden» nicht sowieso integraler Bestandteil von Untersuchungen in der Kinderarztpraxis, in der Kinderkrankenpflege oder in der Schulzahnklinik? Ist psychologisches Feingefühl nicht selbstverständlich für Fachpersonen, die sich um unsere Kinder kümmern? Eva von Aster schmunzelt.

Klar, es gebe einige Überschneidungen. Aber wo die Psychologie eher kognitiv auf ein Kind eingehe, sei die Hypnose viel imaginärer und kreativer, was ihr gefalle und der kindlichen Fantasie entgegenkomme. Kinderhypnose ist also so etwas wie ein weiteres Werkzeug, um ein Kind achtsam durch schwierige Momente oder Lebensphasen zu begleiten.

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