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Lernmethoden

Hirnforscher Martin Korte über Hirntraining und Mobbing

Kinder müssen lernen – etwa für Prüfungen. Und damit das Lernen möglichst nicht lästig, bestenfalls lustvoll abläuft, lohnt es sich zu fragen, wie wir eigentlich lernen. Ein Gespräch mit Gehirnforscher Martin Korte.

wir eltern: Herr Korte, ich zeichne unser Gespräch nicht auf, sondern schreibe mit. Marotte einer Frau, die es nicht so mit der Technik hat oder tolles Hirntraining?

Martin Korte: Tolles Hirntraining. Wenn Sie schreiben, während Sie mir zuhören, passiert sofort eine Extraktion, eine Selektion in wichtig und unwichtig. Sie werden sich auch besser merken, was ich sage, wenn Sie das handschriftlich notieren, weil Sie die Motorik einsetzen entsteht eine kognitive Markierung. Es bleibt besser haften.

Und wenn ich es gleich in den Computer tippen würde?

Würden Sie es weniger gut behalten, denn die Motorik beim Tippen ist monotoner als beim Schreiben. Lernstoff mit Bewegung zu koppeln, ist überaus sinnvoll. Lerntechnisch am besten wären Bewegungen im Raum, denn das menschliche Gehirn ist evolutionsgeschichtlich darauf geeicht, den Raum zum Erinnern zu nutzen. Also: Wo war noch mal die Wasserstelle? Wie finde ich aus dem Labyrinth?

An Schulen wird aber derzeit darauf gedrungen, Tablets anzuschaffen, E-Books … Das widerspräche doch den Erkenntnissen der Hirnforschung, oder?

Ich bin kein Technikfeind, das will ich betonen. Aber beim E-Book fällt der Ort als Gedächtnismarker weitestgehend weg. Ich denke, dass man mit einem herkömmlichen Buch, in dem man blättert, etwas links oben oder rechts unten sieht, unterstreicht und an den Rand schreibt, zehn Prozent besser lernt als mit einem E-Book. Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Lernen funktioniert vor allem dadurch, dass das limbische System aktiviert wird, das für Emotionen und zwischenmenschliche Bindungen zuständig ist. Die Person des Lehrers ist viel wichtiger als technisches Equipment. Und natürlich die Lerngruppe. Menschen sind soziale Wesen. Ein Kind, das beispielsweise gemobbt wird, kann nicht lernen, die entsprechenden Hormone werden nicht ausgeschüttet. Die Informationsübertragung im Gehirn funktioniert nicht.

Und was stört die Informationsübertragung noch?

Digitale Geräte, die dauernd piepsen. Ein Gehirn benötigt 15 Minuten, um sich auf einen neuen Stoff einzulassen. Wird es dauernd unterbrochen, kann man sich leicht vorstellen, wie das die Lernzeit in die Länge zieht. Deshalb wären in der Schule auch Doppelstunden zu favorisieren, damit das Gehirn sich nicht ständig auf einen neuen Stoff einstellen muss. Übrigens lernt man leichter, je mehr man schon weiss. Das ist der Trumpf der älteren Menschen…

Ich dachte, das Hirn baut stetig ab?

Nein. Je mehr Vorwissen ein Mensch hat, desto mehr Haken hat er ausgebildet, an denen neues Wissen aufgehängt werden kann. Er findet leichter Assoziationen. Aber natürlich muss man üben und das Hirn fit halten wie einen Muskel. Kein Mensch kommt drumherum, das kleine Einmaleins schlicht auswendig zu lernen. Das Gehirn braucht ein paar ausgetretene Pfade, bei denen einfach mal was automatisch abläuft.

Ausgetretene Pfade klingt nach einem Plädoyer fürs stupide Pauken...

Nein. Aber manches muss einfach sitzen, damit man nicht gross drüber nachdenken muss. Stellen Sie sich vor, Sie müssten jedes Mal übers Zähneputzen grübeln … Aber: Das Gehirn langweilt sich auch schnell. Aufmerksamkeit wird erst durch Abwechslung geweckt. Ist eine Aufgabe etwa zu einfach, wird man viele Fehler machen, weil die Aufmerksamkeit runtergefahren wird. Ist die Aufgabe schwer, aber lösbar, wird Dopamin ausgeschüttet, die Aufmerksamkeit erhöht. Löst man die Aufgabe dann auch noch richtig, wird das Aufgabenlösen mit einem guten Gefühl gekoppelt, der Nucleus accumbens schüttet opiatähnliche legale Drogen aus, die die Aufmerksamkeit noch weiter erhöhen und angenehme Gefühle auslösen: Eine sehr nützliche, sich selbst verstärkende Erfolgsspirale beginnt … Oder eben eine Abwärtsspirale, wenn ständig nur Misserfolge erlebt werden.

Wenn das Gehirn sich schnell langweilt, muss es ja schlimm für Sie sein, in Interviews ständig die gleichen Fragen zu beantworten.

(lacht) Ich forsche ja meistens. Da ist ein Interview ein Highlight. Allerdings dürfen es nicht drei hintereinander sein.

Zur Person Martin Korte: Martin Korte ist Neurobiologe und Gehirnforscher. In seinem neuen Buch «Hirngeflüster. Wie wir lernen, unser Gedächtnis effektiv zu trainieren» (Europaverlag, 2019), erklärt Martin Korte fundiert und praxisorientiert zugleich, welche Erinnerungstechniken uns in welchen Lebensbereichen weiterbringen, warum der Student sein Gehirn anders trainieren sollte als der Rentner und wie äussere Faktoren wie Ernährung, Sport, Schlaf und soziales Miteinander unsere Gehirnleistung beeinflussen.

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