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Kindercoaching stärkt das Selbstvertrauen - cover

Monatsgespräch

«Kindercoaching stärkt das Selbstvertrauen»

Politiker, Managerinnen, Sportler – alle lassen sich coachen: seit Neuestem auch Kinder. Muss das sein? Die Pädagogin Sarah Zanoni erklärt, was es mit Kindercoaching auf sich hat.

wir eltern: Früher gingen Kinder zur Kinder- oder Schulpsychologin und erhielten bei schulischen Schwierigkeiten Nachhilfe. Heute werden sie «gecoacht». Ist Kindercoaching einfach «Alter Wein in neuen Schläuchen»?

Sarah Zanoni: Kindercoaching ist noch nicht sehr weit verbreitet in der Schweiz und es ist wohl irgendwo zwischen Lernnachhilfe und Psychotherapie angesiedelt. Wir können mit unserem Angebot eine Lücke schliessen: Nicht jedes Kind, das ein schulisches oder persönliches Problem hat, braucht eine Therapie. Vielen Kindern kann mit gezielter Unterstützung von Motivation und Selbstvertrauen oder konkreten Lernmethoden geholfen werden.

Dennoch: Ist ein psychisch angeschlagenes Kind nicht besser aufgehoben beim Kinderpsychiater?
Wir arbeiten eng mit Schulen, Kinderärzten und dem Schulpsychologischen Dienst zusammen. Die meisten der von uns gecoachten jüngeren Kinder haben soziale Probleme im Kindergarten oder schulische Schwierigkeiten. Unsere Grenzen sind dort, wo es um psychische Pathologien geht. Kinder mit ausgeprägten Auffälligkeiten leiten wir deshalb an den Kinderund Jugendpsychiatrischen Dienst oder andere Fachpersonen weiter.

Für Eltern und Kinder klingt «Ich gehe zum Coach» auf jeden Fall cooler als «Ich habe einen Termin beim Psychiater»…
Ja, vor allem Jugendliche haben Respekt vor psychischen Problemen und Störungen und verspüren Widerstände, einen Psychologen oder Psychiater aufzusuchen. Es bedeutet für sie, zu spinnen. Coaching hingegen ist ein moderner Begriff, Manager und Sportler nehmen ihn in Anspruch, auch Roger Federer hat Coaches im Rücken, die ihm helfen, das Beste aus sich herauszuholen.

Was genau also versteht man unter einem Kindercoaching?
Coaching bedeutet Begleitung. Bildhaft gesprochen gehe ich auf einer Alpenwiese neben dem Kind her und überlege mit ihm zusammen, wie seine Zukunft aussehen könnte. Versperren Steine den Weg, zeige ich ihm, wie es darüber hinwegkommt.

Es geht darum, Selbstvertrauen zu stärken.

Und konkret?
Wir arbeiten nach dem 3-Schritte-Modell: Verstehen – Fördern – Fordern. Zuerst will ich verstehen, was beim Kind der Auslöser für den bestehenden Konflikt ist. Warum benimmt es sich sozial unerwünscht? Was ist typisch für ein bestimmtes Alter? Erst, wenn ich es verstehe, kann ich das Kind gezielt fördern. Beim Fördern wiederum bekämpfen wir nicht in erster Linie die Schwächen, sondern achten auf die Stärken. Denn ein gestärktes Kind kann mit seinen Schwächen besser umgehen. Es ist ein ressourcenorientierter Ansatz.

Und wie sieht das dritte Standbein, das Fordern aus?
Darunter verstehe ich unter anderem, dass ich dem Kind klarmache, dass es für die Änderung einer unerwünschten Situation gebraucht wird. Es muss aktiv mithelfen, diese zu ändern. Ich frage beispielsweise das Kind, welche Konsequenzen es vorschlägt, wenn es etwa eine bestimmte Abmachung nicht einhalten würde. Ich bin immer wieder erstaunt, wie adäquat die Vorschläge der Kinder sind.

Sie coachen Mädchen und Buben ab 4 Jahren. Können Sie anhand eines Beispiels schildern, wie ein Coaching bei einem jüngeren Kind aussieht?
Ein 6-jähriger Junge hat sich den Ruf eingehandelt, «Schläger des Schulwegs» zu sein. Im Coaching erklärte er mir, seine Fäuste machten einfach immer, was sie wollen. Ich fragte ihn, welches Tier ihm helfen könnte, die Fäuste in der Tasche zurückzuhalten, statt sie auf Provokationen hin zu gebrauchen. Der Junge wählte einen Löwen. In seiner Anwesenheit erklärte ich nun dem Löwen, dass wir seine Löwenkräfte brauchten, um dem Jungen zu helfen. Auch die Eltern halfen mit, ihrem Kind den kleinen Stofflöwen auf den Schulweg mitzugeben. Der Bub hielt das Tier fortan im Hosensack fest in der Hand. Innert kürzester Zeit blieben die Schlägereien aus.

Das klingt sehr spielerisch.
Das Spielen hat in unserem Coaching einen hohen Stellenwert. Wir spielen mit Sand, basteln, musizieren, springen auf dem Trampolin. Mit Gesellschaftsspielen stärken wir das Selbstvertrauen. Bei Lotti Karotti, Vier gewinnt, Memory und anderen Spielen lassen wir die Kinder zunächst gewinnen. Hat es mehr Selbstvertrauen erlangt, lassen wir das Kind auch einmal verlieren. Mit diesen «Niederlagen» können wir arbeiten und dem Kind helfen, besser mit Frustrationen umzugehen.

Coaching unterstützt Menschen darin, ihre Leistung zu steigern. Entspricht das nicht auch dem Ehrgeiz mancher Eltern– ihr Kind zu optimieren?
Eltern haben manchmal bestimmte Wunschvorstellungen davon, wie die Lösung für ein Problem aussehen könnte. Sie wollen, dass ihr Kind anständiger ist, die Hausaufgaben seriöser erledigt, bessere Noten schreibt. Gerade punkto schulischer Karriere wünschen die Eltern oft, dass ihr Kind die Matura macht, studiert. Wie gehen Sie mit solchen Wünschen um? Für uns steht das Kind im Mittelpunkt. Wir gehen immer von ihm aus und fragen uns, was es für seine Entwicklung braucht. Vielleicht wäre es besser aufgehoben in der Sekundarschule. Dann muss ich den Eltern die Augen dafür öffnen, dass ihr Kind die Schullaufbahn allenfalls glücklicher, gesünder und selbstbewusster durchläuft, wenn es nicht ins Gymnasium geht.

Sie arbeiten auch eng mit den Eltern zusammen?
Wir beraten und begleiten sporadisch oder regelmässig auch die Eltern, damit sie ihr Kind unterstützen können.

Hand aufs Herz: Coaching ist auch ein Tummelfeld für Scharlatane. Über Google stösst man auf Kindercoaches, die mit Klangmassage arbeiten, als Medium Kontakt zu Verstorbenen aufnehmen, Hypnose-Therapie anbieten oder im Angel-Coaching dank Engeln Konflikte zu lösen versprechen. Wie finden Eltern einen seriösen Anbieter?
Coach ist kein geschützter Begriff – das ist ein Problem. Wichtig ist, zu überprüfen, ob eine Institution mit anerkannten Fachstellen zusammenarbeitet. Da darf man beim Erstgespräch – das übrigens bei guten Anbietern gratis ist – ruhig nachfragen. Empfehlungen aus dem Bekanntenkreis zahlen sich meist auch aus. Zudem soll abgeklärt werden, welche Voraussetzungen ein Anbieter mitbringt. Die Grundausbildung von Kinder- und Jugendcoaches ist mit Vorteil eine pädagogische oder psychologische – also Lehrer, Kindergärtnerinnen, Heilpädagogen oder Psychologinnen, jeweils mit Weiterbildungen in Coaching. Kurze und skurrile Kurse ersetzen nie ein mehrjähriges Studium.

Sie engagieren sich hier in der Praxis für jeden Ihrer Schützlinge mit Herzblut. Sind Sie zu Hause eine Supermama? Vermögen Sie Ihren eigenen Kindern pausenlos Rückenwind zu geben?
Nein! Ich bin ein ganz normales Mami. Mit meinen beiden Töchtern bin ich ja emotional nahe verbunden und mache wie jede Mutter Fehler. Das wäre für die Kinder schrecklich, wenn sie im Fachpersonenmodus aufgezogen würden! Aber meine Kinder profitieren sicher von meiner Grundhaltung – für welche ich manchmal auch kritisiert werde.

Inwiefern?
Ich habe zwar keinen Laissez-faire-Ansatz– aber ich vertraue den Kindern zutiefst. Ich habe je länger, desto mehr Abstand davon genommen, Konsequenzen in der Erziehung einzusetzen. Im Laufe der Jahre bekam ich das Gefühl, dass Strafsysteme ein erfolgloses Konzept sind. Ich setze auf intrinsische Motivation. Diese Haltung versuche ich auch in den Elterngesprächen zu transportieren: dem Kind zu vertrauen.

Auf Ihrer Website werden ausser dem Team auch die Hunde Pablo und Nala vorgestellt. Welche Coaching-Funktion haben die beiden?
Unsere Hunde werden nicht therapeutisch eingesetzt, sie sind einfach anwesend. Trotzdem wirken sie therapeutisch: Studien beweisen, dass der Stresspegel beim Menschen sinkt, wenn er sich mit Tieren im selben Raum aufhält. Die Präsenz eines Hundes beruhigt die Kinder. Wenn ein ansonsten aggressives und lautes Kind, das überall aneckt, plötzlich aus eigenem Antrieb auf dem Xylophon eine schöne Melodie für den schläfrigen Hund spielt, ist das sehr berührend. Wo es bei ihm angeblich an Einfühlsamkeit mangelte, ist diese auf einmal zutiefst spürbar.

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