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Machtkämpfe mit einem Kleinkind im Alltag bedeuten Stress für die Eltern.

Elternbildung

Harmonie in der Familie

Stress, Streit und Machtkämpfe sind die Schattenseiten im Erziehungsalltag. Wer das nicht will, muss etwas ändern. Nicht bei den Kindern, sondern bei sich selbst.

«Meh Donner mache?», fragt die zweieinhalbjährige Malin und schaut ihre Eltern mit erwartungsfrohem Lächeln an. Samstagnachmittag im Mai 2019, draussen peitscht eine Sturmbö eben das Schwimmbecken über den Rasen, Regenschauer ziehen vorbei und der Indoor-Spielplatz, zu dem Jennifer und Erik G. Teile ihres Wohnzimmers für die Zwillinge Malin und Maurus umgestaltet haben, wird gerade rege genutzt.

Mit einem Körbchen voller Murmeln in der Hand klettert Malin die Leiter der Rutschbahn hoch. Schaut nochmals kurz zu uns, die wir inmitten von Spielsachen und Kissen auf dem Boden sitzen und über «Mindful Parenting» reden, einem dreimonatigen Kurs für Eltern, der sich mit Achtsamkeit, Stressbewältigung und Selbstfürsorge befasst. «Bei meinen Kolleginnen mit nur einem Kind läuft alles recht gradlinig», sagt Jennifer G., die nicht mit vollem Nachnamen genannt werden möchte, «wir mit Zwillingen sind schon öfter überfordert».

Tipps für Alltag ohne Stress und Konflikt

Familienleben

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Zu den Tipps

Reine Nervensache

In diesem Moment kippt Malin das Körbchen aus. Rrrummss!!! Für wenige Sekunden übertönt der Murmel-Donner unser Gespräch. Malin strahlt und rutscht zu Maurus hinunter, der auch bereits fleissig Murmeln aufsammelt. Man kann sich vorstellen, was die 30-jährige Ärztin eben meinte. Der nächste Donner kommt bestimmt.

Elternsein ist eine der anspruchsvollsten Aufgaben, die das Leben bereithält. Natürlich läuft das Herz über, wenn einem das kleine Menschlein die knuddeligen Ärmchen entgegenstreckt und «ufenäh» bettelt. Ausser man hat gerade eine volle Einkaufstasche in der rechten Hand, das Baby auf dem linken Arm, ein gefühltes Menschenleben lang nicht mehr durchgeschlafen oder findet den Haustürschlüssel in den Abgründen der eigenen Handtasche nicht. «Jetzt warte doch…» tönt es dann gereizt. Und man denkt: «Sieht das Kind nicht, dass auch ich ein Mensch mit nur zwei Armen bin?»

Erschöpfte Mütter und Väter

Nerven wie Stahlseile bräuchte es. Weil die Kinder nicht machen was, wann oder so schnell wie man will. Weil unsere To-do-Listen nie abgearbeitet sind. Weil wir uns aufreiben zwischen Familie, Arbeit und eigenen Bedürfnissen. Das zermürbt auf Dauer, führt zu Unzufriedenheit und Erschöpfung. Zwar haben wir alle viele Jahre lang die Schulbank gedrückt, einen Beruf erlernt und am Ende der Ausbildung eine Prüfung abgelegt. Eltern werden wir aber einzig Kraft unserer Biologie und – wenn alles gut geht – unseres freien Willens. Keine Ausbildung, kein Fähigkeitszeugnis werden verlangt. Eine professionelle Elternschulung, die Mütter und Väter anleiten, unterstützen und begleiten würde, gibt es nicht.

Kurse für Eltern

In diese Lücke springen heute private Kurse und Angebote. Eines davon ist Mindful Parenting, zu Deutsch «Achtsames Elternsein». Das Programm wurde vor mehr als zwanzig Jahren von der holländischen Psychotherapeutin Susan Bögels ursprünglich für Eltern von verhaltensauffälligen Jugendlichen entwickelt. In ihrem Buch «Elternsein – die ganze Katastrophe» schreibt Bögels: «Viele Eltern meinten am Ende des Kurses ‹Hätte ich dieses Training nur schon früher gemacht, dann wären die Dinge nicht so aus dem Ruder gelaufen›.»
Dieses Feedback bewog Bögels dazu, den Kurs so anzupassen, dass er sich für alle interessierten Eltern eignet. Seit 2015 wird er auch in der Schweiz angeboten. Der Berner Sozialpädagoge Walter Weibel war einer der Ersten. «Mindful Parenting ist keine Erziehungsmethode, die vorschreibt, was richtig oder falsch ist. Wir schrauben auch nicht an den Kindern herum, sondern die Eltern, die den Familienalltag als belastend empfinden, verändern etwas bei sich selbst», sagt der Vater eines erwachsenen Sohnes.
Vieles hat sich für Jennifer und Erik G. gewandelt, seit sie vor einem halben Jahr mit Mindful Parenting in Kontakt gekommen sind. «Früher hatte ich immer im Hinterkopf, was alles noch zu tun ist, wenn ich mit den Kindern zusammen war – wickeln, aufräumen, einkaufen, waschen», sagt der 32-jährige Vater, der als Verkehrsplaner im 90-Prozent-Pensum beim kantonalbernischen Tiefbauamt arbeitet. «Der Kurs hat diesen Druck von mir genommen, ich habe gelernt, bewusster im jeweiligen Moment mit den Kindern zu sein.» Jennifer G., die momentan Hausfrau und Mutter ist, wurde im Laufe des Kurses klar, dass nicht die Kinder gestresst sind, sondern wir Erwachsenen und dass unser Stress auf die Kinder abfärbt.

Stress wegen Mittagsschlaf

«Vergangenen Herbst, als wir mit Mindful Parenting begannen, war der Mittagsschlaf bei uns ein grosses Thema», erinnert sich die Mutter. Oft dauerte es ewig, bis die Kinder endlich einschliefen und alles Herumtragen, ‹Wägele›, sich zu ihnen Legen wollte nicht helfen. Sie begann, mit einem Kind auf dem Arm die Gehmeditation zu üben, die sie im Kurs gelernt hatte. Mit der Aufmerksamkeit vollständig im Körper präsent sein, während man kleinste Schritte macht. Legte sie sich mit den Zwillingen hin, konzentrierte sie sich weniger auf die Kinder und diesen einen magischen Moment, wenn sie in den Schlaf sinken, sondern blieb bei sich, nahm ihr eigenes Atmen wahr. Fühlte ihre Ungeduld, ihren Ärger, wenn eines der Kinder wieder aufstand.

«Die Wirkung war verblüffend», erzählt sie. «Weil ich meine negativen Gefühle ohne Wertung anschaute, belasteten sie mich deutlich weniger. Bald merkte ich, dass die Kinder viel schneller einschliefen.»

Wenn trotzdem wieder mal alles drunterund drüberpurzelt, weiss Jennifer G. heute, dass sie nicht die Einzige ist, der es so geht, dass alle Eltern diese Momente kennen, dass sie kommen und gehen. «Mittlerweile ist mir klar, dass nicht immer alles schön, toll und lustig sein muss. Zum Glück ist das oft so, aber nicht immer», sagt sie.

Gewaltfreie Kommunikation in der Familie

Freundliche, wohlerzogene Kinder, eine harmonische Paarbeziehung, ein friedliches Familienleben – das wünschen wir uns, und manche Familien scheinen diesem Bild zu entsprechen. Doch bei genauerem Hinsehen bröckelt bei vielen die Fassade, rumpelt es in der Beziehungskiste, kränkelt das ganze Familiensystem.

Eine bewährte Methode, Konflikte zu verstehen, zu lösen und private wie berufliche Beziehungen zu verbessern, ist die Gewaltfreie Kommunikation. Sie versteht sich nicht als Technik, die uns hilft, andere Menschen virtuoser nach unserer Pfeife tanzen zu lassen, sondern ist vielmehr eine Haltung, um einander authentisch zu begegnen. «Gewaltfreie Kommunikation bedeutet, eine andere Sichtweise einzunehmen und zu verstehen, was mich selbst und den anderen wirklich bewegt», sagt Michael Peuckert, Trainer und Ausbildner für Gewaltfreie Kommunikation (GFK) in Basel. Dabei hilft es, die Bedürfnisse zu identifizieren, die allen Menschen gemein sind und die uns miteinander verbinden – etwa nach Sicherheit, Lebendigkeit, Autonomie, Intimität oder Verständnis. «Werden unsere Bedürfnisse erfüllt, sind wir entspannt oder wir freuen uns. Passiert das Gegenteil, sind wir unsicher, niedergeschlagen, ärgern oder ängstigen uns», so Peuckert.

Oder rebellieren und kämpfen mit allen Mitteln, damit wir bekommen, was wir wollen. Wie die 6-jährige Marie, Tochter von Sladjana Bösch (40). «Marie hatte schon immer einen bemerkenswerten Willen, sie ist ein Kind, das mit dem Kopf durch die Wand geht», sagt die 40-jährige Rettungssanitäterin. Mutter und Tochter gerieten deshalb immer wieder aneinander. «Wenn Marie mir nicht zuhörte oder machte, was ich verlangte, wurde ich laut.» Bloss: Das Mädchen gehorchte nicht, im Gegenteil, es zog sich zurück und die Beziehung zwischen Mutter und Tochter litt.

Machtkämpfe mit dem Kind

Seit diesem Frühling besucht Sladjana Bösch deshalb einen Kurs in Gewaltfreier Kommunikation für Eltern. Und merkt jetzt, in welche Machtkämpfe sie sich mit ihrer Tochter verstrickt, wie oft sie deren Bedürfnisse gar nicht wirklich erkannt hatte. «Rückblickend kann ich nur den Kopf schütteln», sagt Sladjana Bösch mit Bedauern in der Stimme. «Mein Erziehungsstil war diktatorisch – ähnlich wie ich selbst erzogen wurde.»

Kürzlich konnte die Mutter eine eskalierende Situation jedoch stoppen und ihr eine neue Wendung geben. Draussen regnete es, Marie musste in den Kindergarten, wollte aber keine Regenhose anziehen. Sie brüllte, weigerte sich und warf sich verzweifelt auf den Boden. Normalerweise hätte sich die Mutter durchgesetzt, stattdessen fragte sie: «Was ist eigentlich so schlimm an dieser Regenhose?» Maries Antwort war einfach und nachvollziehbar: «Ich finde mich nicht schön darin!» Als Sladjana Bösch realisierte, wie wichtig ihrer Tochter ihr Aussehen war, offenbar viel wichtiger als ihr selbst, liess sie Marie mit dem Schirm loslaufen, gab ihr die Regenhose aber im Rucksack mit. Und erlaubte ihr, selber zu entscheiden, ob sie mit oder ohne Regenhose in die Kindergartenpause ging.

Zweimal kam die Regenhose trocken zurück. Am dritten Tag jedoch war sie nass. Auf die Nachfrage der Mutter meinte Marie: «Ich wollte keine schmutzigen Kleider bekommen.» Sladjana Bösch freute sich derart, dass sie ihren Mann anrief, um das Erfolgserlebnis mit ihm zu teilen. Am Abend, als der Vater nach Hause kam, hob er Marie in die Luft und lobte sie. Auch der 3-jährige Bruder, der ebenfalls glücklich war über den gelösten Konflikt, stimmte mit ein und rief: «Super, Marie!»

Selbsterziehung ist Teil des Elternseins

Unsere Kinder sind unsere Spiegel, ganz besonders diejenigen, die uns schwierig erscheinen; sie zeigen uns auf, wo wir uns weiterentwickeln müssen. Oder wie GFK-Trainer Michael Peuckert sagt: «Elternschaft bedeutet nicht nur Kindererziehung, sondern ebenso Selbsterziehung.»

Besonders gut eignet sich dafür auch Focusing, eine leicht zu lernende Methode, bei der die Aufmerksamkeit auf das innere Erleben gerichtet wird. Dabei wird das ganze Feld der Körpergefühle erforscht, die in einer bestimmten Situation auftreten. Man hört sich selber geduldig zu, beschreibt die Wut im Bauch, den Kloss im Hals und plötzlich verändern sich die Erscheinungen von selbst, es tauchen Bilder, Gedanken, andere Gefühle auf, die einen Schritt Richtung Auflösung sind. «Wir leben in einer verkopften Kultur, sind aber immer mit dem ganzen Körper in einer Situation», sagt Donata Schoeller, Philosophin und Focusing-Kursleiterin. «Verbinden wir das Spüren mit dem Denken, lösen sich die Probleme dadurch zwar nicht, aber wir verstehen sie plötzlich anders.»

Verbindung zum Kind wiederherstellen

Schoeller erzählt das Beispiel einer Kursteilnehmerin, Karin, die mit ihrer 11-jährigen Tochter Livia in einer scheinbar ausweglosen Situation Focusing machte. Karin hatte nach der Scheidung einen neuen Partner gefunden, doch Livia lehnte diesen vehement ab. Das Mädchen verteilte im ganzen Haus Post-its, auf denen in schwarzen Grossbuchstaben «HAU AB!» stand. Was tun? Dürfen Kinder derart das Glück von Erwachsenen torpedieren? Musste die Mutter der Tochter Grenzen setzen?

Karin fragte Livia in einem ruhigen Moment, was sie an ihrem neuen Partner nicht möge? «Es ist so wahnsinnig viel, ich kann es nicht sagen», antwortete Livia. Doch Karin ermutigte die Tochter, zu beschreiben, was sie fühlte. «Ich spüre es über der Brust, es ist schwer. Und vor allem dunkel.» Karin erklärte: «Es braucht Mut zu schauen, was im Dunkeln liegt. Du bist doch so eine Kämpferin. Willst du schauen?» Livia wurde ganz ruhig und meinte nach einer Weile: «Nein, ich kann es nicht sagen.» Tränen traten in ihre Augen. Schliesslich schluchzte sie: «Ich habe Angst, dass du ihn lieber hast als mich.» In dem Moment veränderte sich die Situation für beide komplett. Karin konnte ihrer Tochter versichern, dass diese Gefahr niemals bestünde. Livia meinte zwar, dass sie noch nicht wisse, ob sie den Mann jemals mögen werde. Doch die Post-its verschwanden, die Verbindung zwischen Mutter und Tochter war wiederhergestellt.

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