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Familien am Limit

«Familien müssen sich neu definieren»

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Die Belastung steigt, und immer öfter stossen Familien an ihre Grenzen. Ein Gespräch mit Psychologe Yves Hänggi, dem Experten für Familienstress.

wir eltern: Herr Hänggi, warum ist es so anstrengend geworden, Kinder zu haben?

Yves Häggi: Ich würde sagen, es war schon immer anstrengend. Neu hat sich aber die Perspektive geändert – und damit auch die Wahrnehmung: Es ist ein Thema geworden, auch durch die unzählige Ratgeberliteratur. Das erleichtert es, darüber zu sprechen. Als 2011 Schweizer Eltern für eine Studie von Pro Juventute befragt wurden, welche Bereiche sie als Herausforderung sähen, gab rund die Hälfte an, Erziehung sei für sie schwierig. An zweiter Stelle wurden Schule und Freizeit genannt, dicht gefolgt vom Umgang mit Medien sowie finanzielle Sorgen und Gesundheit.

Es sind zunehmend Durchschnittsfamilien, die sich überfordert fühlen. Also Familien, die sich keine Sorgen ums Geld machen müssen oder um die Beziehung. Weshalb ist dies so?

Wir wissen, dass es eben nicht gravierende Lebenserfahrungen sind, die wir als Herausforderung wahrnehmen, sondern ganz alltäglicher Stress. Hinzu kommt, dass Stress allgemein ein Thema unserer Zeit geworden ist.

Und sich deshalb auch auf den Bereich Familie niederschlägt? Liegt es also an uns?

Ich finde es zumindest komisch, dass Freizeit als Stress empfunden wird, wie die Pro-Juventute-Untersuchung zeigt. Die Frage ist: Was versteht man unter Stress? Ist es das Gefühl, keine Zeit zu haben, unter Zeitdruck zu stehen? Dies hat sicher zugenommen. Gleichzeitig wird versucht, jede Minute seines Lebens mit sinnvollen Tätigkeiten auszufüllen. Hier sollte man lieber öfter innehalten und hinterfragen: Muss das so sein? Kann ich mein Leben nicht entschleunigen?

Immerhin muss man heute ständig Entscheidungen treffen, weil die Wege nicht mehr klar vorgezeichnet sind – dies bringt ebenfalls permanentes Aktivsein mit sich.

In der Tat herrscht ein grosses Vakuum. So ist etwa nicht mehr klar, zu was man Kinder eigentlich erziehen soll. Im Zentrum steht am ehesten noch der Hedonismus – also sie dazu zu erziehen, dass sie das Leben geniessen können. Damit einhergehend müssen Familien sich neu definieren: Was ist uns wichtig? Was wollen wir? Früher war alles viel stärker vorgegeben durch gesellschaftliche Konventionen und Religion. Zum Glück wurde dies aufgebrochen, in den 60er- und 80er-Jahren. Aber diese Vielfalt heute fordert Eltern auch heraus und verlangt einiges an Reflexionsarbeit. Hinzu kommt, dass die Zukunft der Kinder sehr viel offener ist. Dem kann man begegnen, indem man sich in die Frühförderung des Nachwuchses stürzt, was wiederum einen Bildungsdruck der Eltern auf die Kinder zur Folge hat. Gleichzeitig gibt es auch den Bildungsdruck des Staates auf Schule und Familien – Stichwort PISA-Studie.

Die Anforderungen an Eltern sind generell gestiegen. Schulen erwarten, dass sie ihren Kindern Nachhilfe geben oder in den Hortferien eine Ersatzbetreuung herbeizaubern.

Das stimmt. Aber auch der Anspruch am Erziehen hat sich extrem gewandelt: Weg von der autoritären oder antiautoritären Erziehung hin zu einem demokratischen Erziehungsstil. Im Zentrum steht nun die Beziehung zum Kind. Die Frage dabei ist: Wie können wir Grenzen aufzeigen ohne harte Strafen zu verhängen? Es ist ein Erziehungsstil, der hohe Anforderungen an Eltern stellt – gerade in der Kommunikation.

Und der Eltern zusätzlich stresst?

Zum Teil, ja. Denn bin ich gestresst, kann ich nicht noch mit dem Kind aushandeln, sondern muss den Stress für mich erst bewältigt haben. Ausserdem komme ich durch die starke Beziehung zum Kind, die der demokratische Erziehungsstil mit sich bringt, oft in Rollenkonflikte: Einerseits möchte ich Wärme in die Beziehung bringen, andererseits Grenzen aufzeigen, was im Widerspruch steht. Entstehen dadurch endlose Diskussionen, ist dies nicht förderlich für Familien. Hier den Weg zu finden, ist anspruchsvoll.

Welche Lebensphase nehmen Eltern als die stressigste wahr?

Das bei uns am Institut entwickelte Eltern-Onlinetraining war ursprünglich gedacht für Eltern mit Jugendlichen. Tatsächlich aber melden sich sehr viele Eltern von Kleinkindern an. Generell ist die erste Phase sicher anstrengend, insbesondere für Ersteltern. Später sind es die verschiedenen Übergänge, die Stress in der Familie auslösen können: Der Eintritt in den Kindergarten, in die Schule – dies alles braucht Reorganisation und man muss loslassen können beziehungsweise Verantwortung übergeben. Dann kommt das Übertrittsverfahren in der Oberstufe, die Pubertät allgemein – also der Ablöseprozess und die gleichzeitige Abhängigkeit. Kurz: Ich würde sagen, es ist phasenweise anstrengend.

Stress in der Familie hat viele Gesichter: Zeitmangel, Unordnung, streitende Kinder, Reibereien mit dem Partner. Ab wann wird es bedenklich?

Leute, die sich gestresst fühlen, merken, dass die Anforderungen höher sind als ihre Ressourcen, um den Stress zu bewältigen. Klar ist auch: Stress entsteht im Kopf – Krankheit oder Armut begünstigen dies zusätzlich. Ist der Körper unter Dauerstress, gehen wir in Richtung Burnout. Die Batterien brennen aus, der Körper erschöpft sich auf physiologische Art. Was man merkt ist Müdigkeit, Verspannungen im Rückenbereich. Eltern sind dünnhäutiger, werden schneller laut, ihre Reaktionen sind unstet.

Was können wir konkret tun, um im Alltagsstress nicht unterzugehen?

Am besten ist natürlich, man beugt dem Stress vor. Dafür ist es wichtig, sich bewusst Ich-Zeit zu nehmen und diese in den Wochenrhythmus einzubauen: Also etwa Freunde treffen, Sport treiben oder spazieren gehen. Solche Präventionsmassnahmen wirken sehr global. Bin ich nämlich entspannt, lasse ich mich auch weniger stressen. Wichtig ist zudem, als Eltern in Erziehungsfragen miteinander im Gespräch zu sein, sich bewusst zu machen: Was wollen wir? Nur so können Eltern klare Grenzen setzen und gleichzeitig dem Kind Freiraum lassen, was ebenfalls wichtig ist. Ausserdem sollten Eltern sich als Antwort auf den Zeitdruck auf das Hier und Jetzt besinnen.

Für Leute in Extremsituationen mag Letzteres wie Hohn klingen.

Das stimmt. Doch auch in diesen Familien gibt es Momente zum kurz Innehalten – ein gemeinsames Nachtessen zum Beispiel. Ausserdem sollte man Eltern auch ermuntern, nicht zu lange abzuwarten, sondern sich frühzeitig von aussen Hilfe zu holen. Das kann durch die Nachbarschaft sein, aber auch durch Fachpersonen, wie etwa Psychologen.


Online-Elterntraining

Hier lernen Eltern, wie sie mit individuellem Stress und Stress in der Familie besser umgehen können. In vier interaktiven Modulen werden Wissen und Übungen zur kompetenten Bewältigung von Stress angeboten. Dazu registriert man sich kostenlos auf der Webseite und kann dann zwischen den Themen Individueller Stress, Stress in der Familie, Kommunikation in der Familie und Problemlösestrategien auswählen. Das Training ist gedacht für Leute, die sich für leicht gestresst halten. Ist die Thematik hingegen stärker ausgeprägt, stehen Fachpersonen zur Seite.

www.elterntraining.ch

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