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Illustration Häusliche Gewalt

Häusliche Gewalt

Warum bist du geblieben?

Mehr als 17 600 Fälle von häuslicher Gewalt wurden 2016 registriert. Die Dunkelziffer ist hoch. Betroffene können sich oft nur mit Hilfe von aussen befreien. Wie zum Beispiel Lea.

Nein, ich war nicht froh über die Einmischung. Ich hatte grosse Angst.

Es ist still. Nur das Geräusch von abreissendem Klebeband ist zu hören. Höchstens ein Keuchen noch. Er fesselt die Hände seiner Frau mit Schnüren, klebt sie mit Klebeband am Körper fest. Er knotet ein Tuch um ihren Hals. Er wirft sie aufs Sofa, flösst ihr Alkohol ein. Sie würgt, windet sich, der Knoten zieht sich enger um den Hals, sie hat Atemnot. Todesangst. Er setzt sich vor den Fernseher.

Die Kinder schlafen im ersten Stock. Eines beginnt zu weinen. Der Mann geht ins Kinderzimmer. Er beruhigt das Kind, singt ein Lied, flüstert, ist behutsam. Es schläft wieder ein. Dann geht er nach unten und vergewaltigt seine Frau. Es ist die Strafe, weil sie ihm nicht gehorcht hatte.

Das war im Sommer 2014. Diese Tat ist die Spitze der Gewaltspirale, die sich seit sechs Jahren unaufhaltsam dreht. Angefangen hat es mit Eifersuchtsszenen und Kontrolle, dann Demütigungen, offener Hass, Schläge, Vergewaltigungen und Morddrohungen. Ein Extremfall? Ja. Aber längst kein Einzelfall.

Tritte, Schläge, Missbrauch

Mehr als 17 600 registrierte Fälle sogenannter Gewalt im häuslichen Bereich gab es 2016. Die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher sein. Viele nehmen an, dass Gewalt in der Familie in asozialen, bildungsfernen Schichten mit Alkoholproblemen passiert. Doch die Täter und Täterinnen sind in allen Schichten zu finden. Professoren schlagen genauso zu wie Köche. Die Managerin rastet genauso aus wie die Reinigungsfachfrau. Kinder, Frauen und Männer werden missbraucht, gequält, beschimpft, bedroht, verprügelt. 18 Frauen und ein kleiner Bub wurden im vergangenen Jahr getötet. Alle drei Wochen ein Mensch, der stirbt.

Das Opfer

Die Frau, die von ihrem Mann gefesselt und vergewaltigt wurde, nennen wir Lea. Sie sitzt in einem Strassenrestaurant in einer kleinen Stadt, irgendwo in der Schweiz. Eine hübsche Frau. Mitte 30. Gute Bildung. Aufgewachsen in einem behüteten Elternhaus, guter Mittelstand, soziale Sicherheit.

Lea macht einen selbstbewussten Eindruck. Erzählt mit fester Stimme. Weint nicht. Doch bei der Frage, die sich jeder stellt, der Frage nach dem Warum, warum sie nicht schon viel früher die Sachen gepackt und gegangen ist, wird ihr Gesichtsausdruck unsicher, verletzlich. Sie schämt sich. Noch immer. Zwei Jahre, nachdem sie ihrem Mann entkommen ist. Scham über die Gewalt, die er ihr angetan hat. Und dass sie es nicht eher beendet hat.

«Opfer mit einem höheren Bildungsstand wissen genau, dass sie etwas gegen die Gewalt tun müssten und schämen sich, wenn sie es nicht getan haben oder es nicht geschafft haben, sich rechtzeitig zu trennen», schreibt Simone Schmollack in ihrem Buch «Und er wird es wieder tun». Genauso war es bei Lea. Ihre Scham lähmte sie. Hätte sie nicht Hilfe von aussen bekommen, vielleicht wäre sie heute noch mitten drin.

Der Anfang

In einer Beziehung beginnt Gewalt zumeist nicht mit Schlägen, sondern mit der grossen Liebe. Bei Lea war das anders. «Als ich ihn kennenlernte, war ich in einer langjährigen Beziehung, einer Teenagerliebe. Ich wollte was anderes erleben.» Und da ist er. Zufällig. Es hätte auch ein anderer sein können. Er ist kein Traummann. Aber es ist spannend. Der Sex ist gut. Nichts als eine Affäre. Für sie. Doch er zeigt Besitzansprüche. Unterstellt ihr, sie mache sich an andere Männer ran. Ist rasend eifersüchtig. Sie macht Schluss. Er gibt nicht auf. Ein Jahr später treffen sie sich wieder. Sie wird schwanger.

Sie spielt mit dem Gedanken, ihn wieder zu verlassen. Doch sie bleibt. «Es war für mich einfacher, meiner Familie eine heile Welt, einen Mann und Vater für mein Baby präsentieren zu können. Das sah einfach besser aus.» Das war 2008.

Der Täter

Er ist ein paar Jahre älter als Lea. Er bezeichnet sich als Heiler, ist als Berater und Therapeut im Bereich der Alternativen Medizin tätig. Mit Erfolg. Seine Praxis läuft gut. Seine Patienten schildern ihn später vor Gericht als charismatischen Mann, immer freundlich, überaus kompetent. Er bietet Therapien an für die innere und äussere Reinigung. Er hilft Paaren mit Gesprächstherapien aus ihren Krisen.

Wenn er spät abends nach der Arbeit nach Hause kommt, nimmt er den Stock, der vor der Haustür steht. Drinnen schlägt er seine Frau.

Eifersuchtsszenen, Kontrollanrufe, minutiöse Rapporte über den Tagesablauf sind Leas Alltag. Nie ist er zufrieden mit dem, was sie tut. Sie funktioniert nur noch, tut alles, damit er nicht ausrastet. Doch es nützt nichts. Er findet immer einen Grund, sie zu demütigen. Er nennt sie dumm, schmutzig, faul, hässlich, wertlos, unfähig im Haushalt, als Frau, als Mutter. Irgendwann fühlt sie sich genau so. Er kontrolliert ihren Handy- und Mailverkehr. Er bedient sich an ihrem Körper, wann er will. Wieder ist sie schwanger.

Die erste körperliche Attacke, den ersten Faustschlag, erhält sie direkt ins Gesicht, während sie Auto fährt. Die Kinder sitzen im Fond. Sie wird vom Schmerz fast ohnmächtig. Er erklärt den Kindern, dass er eine andere Mami suchen wird, eine schöne und gescheite. Eine, die ihn nicht ständig provoziere und ihn zu solchen Taten treibe. Denn das sei eigentlich gar nicht seine Art.

Mit mir? Niemals!

«Mir würde so was nicht passieren», glauben viele Nichtbetroffene. Es brauche immer zwei, um solches Leid möglich zu machen. Man gibt den Opfern Mitschuld, denn sie könnten ja aussteigen, den Kerl verlassen, der schreit und schlägt, oder die Frau, die den Teller auf dem Kopf des Mannes zertrümmert. Vielleicht verhalten sie sich entsprechend, dass der Partner ausrastet. Haben wir nicht alle mal einen lautstarken Krach? Vielleicht gibt sie ihm das Gefühl, dass sie ihm intellektuell überlegen ist? «Das sind alles Gewaltmythen, die sich hartnäckig halten», sagt die Gewaltexpertin Andrea Buskotte. In Schmollacks Buch sagt Buskotte, dass es «kein Fehl-Verhalten gibt, mit dem sich Gewalt rechtfertigen lässt». Dass man den gewalttätigen Partner einfach verlassen könne, bezeichnet sie als «zynisch und irreführend, weil es suggeriert, dass man die Gewalt billigend in Kauf nimmt». Solche Vorurteile erklärten Gewalt zu einem privaten Problem, die Übergriffe zu Einzelschicksalen, für die jeder Betroffene allein die Verantwortung zu übernehmen hat.

Doch spätestens seit dem 1. April 2004 gilt Gewalt im häuslichen Bereich nicht mehr als Privatangelegenheit. Körperverletzungen, Tätlichkeiten, Drohungen, sexuelle Nötigungen und Vergewaltigungen sind Offizialdelikte und werden strafrechtlich geahndet. Mit dem Gewaltschutzgesetz seit dem 1. Juli 2007 gibt es zudem klare gesetzliche Regelungen, dass beispielsweise der gewaltausübende Partner aus der Wohnung verwiesen werden kann, er sich unter Umständen dem Domizil nicht mehr nähern und keinen Kontakt mit dem Partner aufnehmen darf.

Eine Flucht?

Die Schläge von Leas Mann werden häufiger, die Drohungen zerstörerischer. Er schlägt mit dem Stock gegen ihre Beine, den Kopf gegen die Wand. Er schlägt so, dass sie die Spuren verstecken kann. Mehrere Male hält er ihr ein Fleischermesser an den Hals. Einmal blutet sie. Oft denkt sie, stich zu, dann ist es endlich vorbei. «Ich werde dich töten», sagt er, er werde ihre Leiche verschwinden lassen, zerstückelt, in Abfallsäcken, im Wald. Abends im Bett boxt er sie hart. Es ist das Zeichen, dass sie ihn befriedigen muss. Weigert sie sich, schlägt er härter zu. Also tut sie, was er verlangt. Irgendwann ohne Gegenwehr. Jeden Abend. Über Jahre. Und wieder passiert alles in fast vollständiger Stille. Lea will die Kinder schützen. Sie sollen nichts merken. Beide Eltern lieben die Kinder. Über alles.

Nie bedient er das Muster des gewalttätigen, reuigen Ehemanns. Nie entschuldigt er sich. Kein einziges Mal steht er mit einem Blumenstrauss vor der Tür. Nie schwört er, dass es nie wieder passieren wird. Denn es sei ja ihre Schuld.

«Eine Flucht? Wohin? Auch das Frauenhaus hätte ich wieder einmal verlassen müssen. Und dann? Immer in Angst leben, dass er eines Tages vor mir stehen und zustechen wird? Vollziehen, was er angedroht hat? Das war für mich kein möglicher Weg», sagt Lea heute. Zudem: Sie hätte alles erzählen müssen. Welche Scham. Und dann: Wer hätte ihr geglaubt? Dass sie so lange alles ertragen hat? Die Schläge, Vergewaltigungen. Waren es überhaupt Vergewaltigungen? Sie hat es so empfunden. Doch schliesslich hat sie sich nicht mehr gewehrt. Und schliesslich sind sie verheiratet. Hätte das vor Gericht Bestand? Sie hat keine Beweise. Keine Zeugen. Sie hat nur Zweifel. Und Angst.

Die Verhaftung

Und dann kommt der Abend, der alles verändert. Es ist im November 2014. Er zieht das Küchenmesser aus dem Holzblock, wie schon viele Male zuvor. «Ein Geräusch, das ich niemals vergessen werde.» Er setzt ihr das Messer an den Hals. Und zum ersten Mal schreit sie. Dieser Schrei, dieser Ausbruch aus der Stille, stoppt die Spirale der Gewalt. Ein Nachbar hört den Schrei. Er war im Voraus von Leas Mutter informiert worden. Er soll bei Anzeichen von Gewalt in der Nachbarwohnung die Polizei anrufen. Die Polizei nimmt Leas Ehemann mit. Er wird die nächsten 234 Tage im Gefängnis verbringen. Untersuchungs- und Sicherheitshaft.

Als die Polizei den Mann abführt, sagt er zu Lea: «Sag ihnen, dass nichts geschehen ist.» Sie schaut zu Boden. Und stürzt in eine unendliche Leere.

Schweigen brechen

Nie hatte Lea irgendwem irgendwas erzählt. Schliesslich will man niemandem Einblick gewähren in intimste Verletzungen und Leiden, die man selber kaum aushält, sagt sie. Sie schweigt bis im Herbst 2014. Da deutet sie erstmals ihrer Mutter an, dass ihr Mann gewalttätig ist. Keine Details. Doch ihre Eltern sind alarmiert. Lea bereut es sofort, denn ihre Mutter ruft nun täglich an, fragt nach. «Nein, ich war ganz und gar nicht froh über die Einmischung», sagt sie. Sie hat Angst. Was, wenn er was merkt?

Doch die Mutter lässt sich von Leas Wut nicht beirren. Sie informiert den Nachbarn. Und sie sucht Rat bei der Polizei und der Opferhilfe. Beide melden sich telefonisch bei Lea. Die bebt vor Angst. Verleugnet, lehnt jegliche Angebote ab. Sie bekommt die Adresse einer Polizistin und einen Gesprächstermin. Die Eltern drängen sie, hinzugehen. Die Polizistin sowie die Opferhilfe erklären, dass häusliche Gewalt ein Offizialdelikt und somit strafbar ist. «Plötzlich sagte jemand von aussen, dass er das nicht tun darf. Und sie glaubten mir.» Doch da ist Angst. Er wird wütend werden.

Weil sie keine Beweise hat, wird ihr geraten, beim nächsten Vorfall die Polizei zu alarmieren. Sie hätte es nicht getan, an diesem Abend im November, als er ihr wieder das Messer an den Hals setzte. Doch der Nachbar erledigte das.

Die Freiheit

Es war nicht Erleichterung, die Lea als erstes spürte. Alles war absolut surreal. «Jetzt musste ich allen davon erzählen. Ich war so verletzt, habe mich geschämt und ich war so wütend auf meine Mutter. Ich wollte es allein auf die Reihe bekommen. Zwei Jahre wollte ich noch ausharren und dann gehen. Dass ich es nicht allein geschafft hatte, hinterliess einen schalen Nachgeschmack.»

Die Erleichterung kam erst langsam. Und die Erkenntnis: Sie haben mich gerettet. «Ich bin meinen Eltern unendlich dankbar dafür, dass sie gehandelt haben.» Es brauche in einer solchen Situation Nachbarn, Familie, Freunde, Lehrer, jemand, der reagiert, wenn er etwas hört oder sieht. «Auch wenn die Opfer sich gegen Hilfe wehren, wie ich es getan habe.»

Sie fände es zudem hilfreich, wenn es eine Handynummer für Gewaltopfer geben würde, auf die man Fotos von Verletzungen als Beweismittel übermitteln könnte. Jegliches Sammeln von Beweisen hätte für Lea lebensgefährlich sein können. Am 14. Juli 2017 wurde ihr Mann in zweiter Instanz schuldig gesprochen der Gefährdung des Lebens, mehrfachen Nötigung, mehrfachen Körperverletzung und mehrfachen Drohung. Er wurde zu 24 Monaten Haft verurteilt. 234 Tage war er bereits in Haft. Der Vollzug der Reststrafe wird aufgeschoben und eine Probezeit von drei Jahren festgelegt. Noch vor Gericht bestreitet der Mann alles. Er weint. Das Gericht glaubt ihm nicht.

Die Kinder sind derzeit in therapeutischer Behandlung. Sie haben wohl doch einiges mitbekommen. «Was ich heute vor allem empfinde? Wut. Über mich, dass ich nicht schon viel früher ausgestiegen bin. Und endlose Freiheit. Ich kann leben, allein entscheiden, muss nicht mehr gehorchen. Ich bin ohne Angst. Ich kann es manchmal noch gar nicht richtig fassen.»


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