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Ernährung

Kinder richtig ernähren: 10 Mythen auf dem Prüfstand

Vom Säugling bis zum Teenager: Es geistert viel Halbwissen durch den Alltag von Eltern, was die richtige Ernährungsweise der Kinder anbelangt. 10 Ernährungsmythen auf dem Prüfstand.

  • Babys müssen spätestens im 7. Monat anfangen, Brei zu essen.

    Nein! «Aus evolutionsbiologischer Sicht ist das Unsinn», sagt Christian Kessler, Oberarzt am Immanuel Krankenhaus Berlin, «denn vor 10000 Jahren gab es keinen Brei und schon gar nicht exakt ab dem 7. Monat.» Tatsache ist, dass das Verdauungssystem, die Nierenfunktion und der Stoffwechsel des Babys ab dem 5. oder 6. Monat in der Regel so weit entwickelt sind, dass es Beikost vertragen kann. Auch erwachen nun langsam Interesse und Neugier an dem, was die Eltern sich jeden Tag aufs Neue in den Mund schieben. «Wer jetzt Brei geben will, kann, muss aber nicht», sagt Kessler. Das Kind darf auch einfach auf einem gekochten Rüebli, einem Stück Apfel, Fenchel oder Brot herumkauen. Nach wie vor trinkt es Milch und wenn diese von seiner Mutter kommt, enthält sie alle wichtigen Inhaltsstoffe fürs gesunde Gedeihen. Wird es von der Milch nicht mehr satt, beginnt es zu essen.

  • Gestillte Kinder haben häufig einen Eisenmangel.

    Das ist erklärungsbedürftig: Es kommt vor, dass gestillte Kinder im Vergleich einen tieferen Eisenspiegel haben. «Dieser ist jedoch in der ganz überwiegenden Zahl der Fälle überhaupt nicht von gesundheitlicher Relevanz, da er sich immer noch im Normbereich befindet», sagt Kessler. Stillen ist jedoch ein natürlicher Vorgang der Biologie und auch Muttermilch enthält Eisen. Wichtig ist deshalb, dass die stillende Mutter genügend mit Mikronährstoffen versorgt ist. Kessler: «Wir sollten nicht wissenschaftliche Gründe konstruieren, die die Mütter verunsichern oder davon abhalten zu stillen.»

  • Eltern, die ihre Kinder vegan ernähren, spielen mit deren Gesundheit.

    Ja, das ist möglich. Aber nur wenn die Eltern ungenügend informiert sind und die kritischen Nährstoffe nicht regelmässig kontrollieren lassen. Aufgepasst: «Auch wer sich bereits vegan ernährt, muss sich neu und tief einlesen in die Materie, wenn die Kinder so aufwachsen sollen», sagt Kessler. Er empfiehlt veganen Familien, sich grundsätzlich ärztlich begleiten zu lassen und am besten halbjährlich folgende Werte mittels Bluttest im Labor zu überprüfen: Vitamin B12, Eisenstoffwechselparameter, Vitamin D. «Vitamin B12 muss in jedem Fall supplementiert werden, alles andere wäre grob fahrlässig», betont der Arzt, der sich selber überwiegend pflanzenbasiert ernährt. «Säuglinge und Kleinkinder können bei einem Vitamin-B12-Mangel vor allem mit Blutbildungsstörungen und neurologischen Schädigungen reagieren; diese können teilweise nicht mehr rückgängig gemacht werden.»

  • Fleisch ist ungesund und deshalb böse.

    Das kann man so nicht sagen. Fleisch ist zwar aus ökologischer Sicht böse für unseren Planeten; uns als Spezies wird nichts anderes übrigbleiben, als unseren Fleischkonsum drastisch zu reduzieren. Aber: «Wir sind seit Jahrtausenden Mischköstler und deshalb an Fleisch gewöhnt», sagt Kessler. «Anderseits ist Fleisch aber auch nicht notwendig. Besonders rotes und verarbeitetes Fleisch, allen voran die Wurstwaren, sollten wir nur sehr zurückhaltend konsumieren.» Das zeigt eine zunehmende Zahl von Studien, die zum Schluss kommt, dass pflanzenbasierte Ernährung gesünder ist als Mischkost. Allerdings: «Wenn Kinder regelmässig und viel Fleisch essen, etablieren sie langfristig ein ungesundes Ernährungsverhalten, von dem sie später schwer wegkommen.»

  • Kinder brauchen ein Frühstück, um in der Schule leistungsfähig zu sein.

    Nicht zwingend. Kinder haben eine gute Selbstregulation. Sie sollen essen dürfen, wenn sie Hunger haben, aber nicht essen müssen, wenn ihnen nicht danach ist. Fasten, auch das zunehmend beliebte Intervallfasten, ist eher nichts für Kinder. «Grundsätzlich sollen Eltern ihre Kinder nicht als Projektionsfläche für die eigenen Ernährungskonzepte und -wünsche missbrauchen», so Kessler.

  • Für Kinder sind fünf kleine Mahlzeiten besser als drei grosse.

    Nicht unbedingt. Manchen Kindern genügen drei bis vier Mahlzeiten. Wichtig ist, dass wir nicht die ganze Zeit snacken, denn jedes Mal wenn wir etwas essen, wird der Insulin- und Glukosestoffwechsel aktiviert, was längerfristig zu Stoffwechselproblemen führen kann.

  • Kinder müssen täglich fünf Portionen Gemüse oder Früchte essen, um gesund zu bleiben.

    Ja, aber: «Gemeint sind Kinderportionen. Hauptsache ist, dass die Ernährung vollwertig ist und die Kinder mit allen essenziell wichtigen Nährstoffen ausreichend versorgt werden», sagt Kessler.

  • Fleisch essen schützt vor Mangelzuständen.

    Falsch! Fleisch allein schützt davor nicht. «Unachtsame Mischköstler, auch Kinder, haben viel häufiger Mangelzustände im Bezug auf zahlreiche Nährstoffe als Menschen, die sich vorwiegend pflanzenbasiert ernähren, denn letztere achten meist besser auf einen vollwertigen, ausgewogenen Speiseplan», sagt Kessler. Bloss diskutiere das kaum jemand, weil es nicht so spektakulär sei, wie Veganer zu bashen. «Die Ernährungsweise vieler Mischköstler ist ein wesentlicher Faktor bei der Entstehung bekannter Wohlstandserkrankungen, von denen auch immer mehr jüngere Menschen betroffen sind.»

  • Zucker ist gefährlich. Kinder sollten möglichst wenig davon essen.

    Unbedingt. «Vor allem Industriezucker ist im Grunde Gift für den Organismus», sagt Kessler. Auch die WHO hat dem raffinierten Zucker schon vor einigen Jahren den Kampf angesagt, denn dieser fördert nicht nur Übergewicht und Karies, sondern auch metabolische Erkrankungen wie Diabetes. Laut WHO soll Zucker deshalb nicht mehr als fünf Prozent der täglichen Energiemenge ausmachen, das gilt auch für Kinder; je nach Alter und Grösse entspricht dies zwei bis fünf Teelöffeln pro Tag. Kessler: «Es geht nicht darum, den Leuten das Stück Kuchen oder die Schokolade zu verbieten, es hilft schon, Süssgetränke und versteckte Zucker zu meiden, denn wie schon Paracelsus sagte: Die Dosis macht das Gift.» Besonders tückisch seien die versteckten Zucker, die in den allermeisten Fertigprodukten enthalten sind, auf den Zutatenlisten aber nicht Zucker genannt werden, jedoch ähnlichen Schaden anrichten: etwa Saccharose, Fruktose, Glukose, Glukosesirup, Maissirup oder High Fructose Corn Syrup.

  • ADHS-Betroffene brauchen mit der richtigen Ernährung kein Ritalin.

    Vorsicht! «Das ist eine steile These, die ich als Legende, wenn nicht gar als Quatsch bezeichnen möchte», sagt Kessler. Die Ernährung könne einen Einfluss haben, wenn überhaupt aber eher einen geringen. Und ihr die Schuld an ADHS zu zuschieben, sei unzulässig. «ADHS hat viel mehr mit psychomentalen Faktoren und dem gesellschaftlichen Umfeld zu tun, das sich unter anderem durch moderne Technologien und digitale Ablenkung stark verändert hat; darauf reagieren manche Kinder sehr sensibel.»

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