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Burn-out

«Frauen achten zu wenig auf ihre Bedürfnisse»

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Die Burn­out­-Spezialistin Barbara Hochstrasser gibt Tipps, damit Frau und Mutter nicht vor lauter Arbeit zusammenbricht.

wir eltern: Intellektuell unterfordert und isoliert im Vorstadthaus wurden Frauen früher regelmässig depressiv. Heute ist die Mehrheit der Mütter berufstätig. Und läuft durch die Doppelbelastung Gefahr, früher oder später ein Burn-out zu erleiden. Was machen wir Frauen falsch?

Barbara Hochstrasser: Ich würde nicht sagen, dass wir etwas falsch machen. Das Problem war und ist vielmehr die Kleinfamilie. Ihr Nachteil ist, dass sich zu viele Aufgaben auf nur zwei Erwachsene konzentrieren. Eine vom Seco 2011 publizierte Studie* zeigte, dass Frauen als Belastungsfaktoren bei Burn-out sowohl das Berufs- wie das Privatleben nannten. Bei den Männern kommt die Belastung nur von der Arbeit.

Zurück zur Grossfamilie können und wollen wir nicht. Was brauchts?

Fehlen Familienangehörige, braucht es externe Hilfe, sei es in Form nachbarschaftlicher oder familiärer Unterstützung, einer Tagesmutter oder der Kita. So funktioniert Berufstätigkeit für den Mann wie für die Frau.

Aber Frauen, die ihre Kinder fremd betreuen lassen, sind vor Burn-out nicht gefeit, im Gegenteil.

Wir wollen zu viel. Wir achten nicht auf unsere Bedürfnisse oder nehmen sie zu wenig ernst. Eine Frau hat sich nach wie vor in den Dienst des Haushalts, der Kinder und der Familie zu stellen. Geht sie einer Arbeit nach, kommt diese Aufgabe noch dazu.

Wieso ereilt auch Nur-Hausfrauen ein Burn-out?

Ihnen fehlt es oft an Wertschätzung und sozialem Austausch. Und es wird erwartet, dass sie in Schule, Vereinen und innerhalb der Familie Einsatz zeigen. Mit kleinen Kindern ist man zudem ständig fremdbestimmt, muss immer auf sie aufpassen und wird regelmässig unterbrochen bei dem, was man tut. Ein grosser Stressfaktor.

Was müssen wir ändern?

Wie eine Kaffeemaschine, die gewartet, geputzt und aufgefüllt werden muss, benötigen auch wir Aufmerksamkeit, um zu funktionieren. Zuerst müssen wir aber herausfinden, was wir wirklich brauchen, um ein gutes Leben zu führen. Dazu gehört womöglich, Zeit für sich selbst zu haben. Manche Frauen überfordern sich konstant, weil sie denken, das sei ihre Aufgabe, weil sie nicht Nein sagen oder Hilfe anfordern können.

Hat das Baby nachts Hunger oder ist das Kind krank, braucht es unsere Zuwendung. Ein Nein geht mit kleinen Kindern oft nicht.

Klar, kleine Kinder brauchen Erwachsene, die ihre Bedürfnisse zuverlässig stillen. Schlafentzug ist deshalb in den ersten Jahren ein grosses Problem. Aus diesem Grund kommen Eltern nicht darum herum, eine Bestandesaufnahme der Belastungen zu machen, Unterstützung zu organisieren und die Präsenz- sowie Erholungszeit fair aufzuteilen. Den Partner sehr früh einzubinden, ist weise, da er von der Biologie nicht in diese Rolle gedrängt wird.

Manchmal kann jedoch kaum verhindert werden, dass man über längere Zeit grossen Strapazen ausgesetzt ist. Wie gefährlich ist das?

Ist unser Stresssystem aktiviert, sind wir fokussierter; wir produzieren Adrenalin, erleben ein Hochgefühl und sind aussergewöhnlich leistungsfähig. Gleichzeitig sinkt jedoch die Selbstwahrnehmung. Gönnt man sich nicht regelmässig Pausen, chronifiziert sich die Stressbelastung; es kann zu gesundheitlichen Störungen kommen.

Gut zu wissen, dass der Mensch in Zeiten grosser Anforderungen erhöht leistungsfähig ist. Wie lange geht das gut?

Je nach Alter und Vorbelastungen einige Tage oder Wochen. Der Mensch tankt Energie vor allem im Schlaf. Kann man unter der Woche nicht genug schlafen, soll man dies am Wochenende nachholen – oder nach 14 Tagen, wenn es nicht anders geht. Der entscheidende Punkt ist, dass es ein Gleichgewicht braucht zwischen Energieverschleiss und Erholung.

Was sind die Anzeichen für ein beginnendes Burn-out?

Bei einer chronischen Stressbelastung ist man überaktiviert, nervös, kann nicht mehr abschalten und wegen Überreizung nur noch wenige Stunden schlafen. Verdauungsprobleme oder diffuse Schmerzen wie Kopf- und Rückenweh kommen hinzu. Ausserdem kann man sich nicht mehr in nützlicher Frist erholen.

Könnte man in diesem Stadium noch die Notbremse ziehen?


Ja, man merkt ja oft, dass etwas nicht mehr stimmt. Spätestens jetzt sollte man zu sich schauen, sonst kommt es irgendwann zum Zusammenbruch.

Was ist der Unterschied zwischen einem Burn-out und einer Erschöpfungsdepression?

Das Burn-out ist eine Art Vor- oder Risikozustand. Man würde gerne dies und das tun, ist aber zu müde. Die Erschöpfungsdepression bringt zum einen die Symptome einer klassischen Depression mit sich: Man erwacht frühmorgens und kann nicht mehr einschlafen, verliert Freude, Motivation und Antrieb, alles ist einem egal. Der Appetit verändert sich und das sexuelle Interesse lässt nach. Bei einer Erschöpfungsdepression kommt die reduzierte Belastbarkeit dazu: Lärm, ein Telefonat, Kinderstreit – alles überfordert einen und man wird von der Angst beherrscht, den Alltag nicht zu meistern.

Wie stark leiden die Kinder?

Kinder leiden im Allgemeinen mit den Eltern. Es ist wichtig, sie altersentsprechend über den eigenen Zustand zu informieren und gleichzeitig zu vermitteln, dass sie daran nicht Schuld sind. Wichtig ist, dass jemand da ist, der zum Kind schaut und die Mutter auffängt.

Der Perfektionsanspruch ist gross. In den Medien wird stets die super erfolgreiche, extrem attraktive Berufs- und Hausfrau gefeiert. Wie geht man damit um?

Es ist nötig, die eigene Leistungsorientierung und das Perfektionsstreben, beides gesellschaftliche Phänomene, zu hinterfragen und sich darüber klar zu werden, wem man damit gefallen will.

Leichter gesagt als getan!

Das hat auch mit den grundsätzlichen Zielen zu tun, die man im Leben verfolgt. Unsere Gesellschaft hat leider einen Sinn- und Modellverlust erfahren. Hoch im Kurs stehen heute gute Ausbildung, hohe berufliche Position, materieller Wohlstand. Die Frage nach dem tieferen Sinn des Lebens und wie es uns als Ganzes geht, ging in letzter Zeit ein bisschen verloren. Die materialistische Orientierung ist ganz klar ein Teilaspekt der Burn-out-Thematik. Man weiss heute, dass die ersten Jahre im Leben eines Menschen zentral sind für den Rest des Lebens. Liebe und Fürsorge sind gerade in dieser Zeit viel wichtiger als materielle Werte. Deshalb braucht es eine Aufwertung der Tätigkeit mit Kindern.

*Stress bei Erwerbstätigen in der Schweiz, in Auftrag gegeben vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco)


Barbara Hochstrasser ist Psychiaterin und Chefärztin der Privatklinik Meiringen BE sowie Präsidentin des Schweizerischen Expertennetzwerks für Burn­out.


Tipps zum Vorbeugen und Gesundwerden

Runterfahren

Sich Zeit nehmen für etwas, das nichts mit den Kindern oder der Arbeit zu tun hat. Spazieren, Sport treiben. Entspannungsmethode er­ lernen, Gelassenheit üben. Zurückhaltung mit TV und sozialen Medien – sie aktivie­ren das Nervensystem und fressen Zeit, die anders­wo besser investiert ist.

Ernährung

Gesund essen macht körperlich stressresistent. Gut sind Voll­wertgetreide, Hülsenfrüchte, Gemüse, Sprossen und Früch­te, Nüsse, gesunde Fette und relativ wenig tierisches Eiweiss.

Aufbauen

Sich auf die innere Stärke besinnen und wieder auf­stehen: 1000­-mal. Abends vor dem Einschlafen überlegen, was man heute gut gemacht hat. Morgens nach dem Aufwachen danken für die kleinen und grossen Sachen im Leben. Freude und Humor kultivieren. Erfolge und Highlights feiern, auch wenn sie noch so klein sind – mit einem Glas Prosecco, einer Tasse Tee, guter Musik oder einer herzlichen Umarmung.

Gemeinsamkeit suchen

Als Kleinfamilie nicht allein bleiben, sondern sich über­legen, welche Formen von Vernetzung und konstruktiver Unterstützung Familie, Nachbar­schaft und Freunde leisten können. Geben und nehmen.

Professionelle Hilfe

Adressen vermitteln und weiter­helfen können Mütter­ und Väterberatung, Mütterhilfe, Pro Juventute, Spitex, der Hausarzt, Psychiaterinnen und Psychotherapeutinnen. Hilfreich ist eine ressourcen­orientierte, achtsamkeitsbasierte Gesprächsthe­rapie sowie praktische Unter­stützung bei der Bewältigung der aktuellen Situation.

Medikamente

Ein alleiniges Burn­-out wird in der Regel nicht mit Medikamen­ten behandelt. Selten braucht es ein Schlaf­- oder Beruhigungs­mittel. Dieses behandelt jedoch nur die Symptome und birgt die Gefahr der Abhängigkeit. Ist eine Depression vorhanden, kann vorübergehend ein vom Psychiater verschriebenes Antidepressivum sinnvoll sein.

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