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Hausboot in Südfrankreich

Reisen / Hausboot

Schippern auf Flüssen ist total angesagt: Hallo Hausbootferien!

Wir wollten nichts als faulenzen und entspannte Ferien geniessen. Doch es kam anders. Die Hausbootferien in Südfrankreich wurden zum unerwarteten Abenteuer.

Am Anfang dieser Reise stand eine Idee: Zwei Frauen, drei Mädchen, Mikka 13, Ariane 12 und Malin 7 Jahre alt, ein Hund, und Hausbootferien auf dem Canal du Midi, Südfrankreich. Wir wollten ein heimeliges Hausboot à la Dominik Dachs und charterten eine Penichette 1107 W für eine Woche Sommerferien.

Als wir nach elf anstrengenden Autofahrstunden vor dem Boot stehen, in Argens- Minervois, Region Languedoc-Roussillon, am Ufer des Canal du Midi, sind wir begeistert: Unsere Penichette heisst Cahors und ist hübsch. Das Boot ist prima eingerichtet. Die Kombüse ist eine Nische mit Eckbank, Tisch, Kühlschrank, Kochgelegenheit. Dazu zwei offene Schlafkojen, per Vorhang abtrennbar, und die Kapitänskoje mit Lavabo und Doppelbett. Alles sehr gemütlich. Doch dann stutzen wir: Die im Prospekt versprochene Dusche fehlt. «Nein, nein, Madame», sagt der freundliche Herr, der uns das Boot zeigt. «Hier ist die Dusche.» Wir sind perplex. Die «Dusche» ist ein Verlängerungsschlauch des Wasserhahns vom Lavabo, das mit einem Klo in einem Minibad montiert ist. Der improvisierte Duschvorhang dürfte sich auf diesem kleinen Raum unangenehm eng an unsere Körper schmiegen. Wir lachen schallend über diese noch nie gesehene Variante einer Dusche. Und werden sie nie benützen.

Wie Autofahren

Die Nacht verbringen wir im Hafen. Unser erstes Abendessen in Südfrankreich nehmen wir auf dem langen Deck ein. Das Wasser plätschert, die Sonne geht langsam unter. Wir sind gespannt auf das Abenteuer, das vor uns liegt. «Um das Klowasser müssen Sie sich nicht kümmern, es hat zwar einen Auffangtank, doch der ist nicht in Betrieb. Alle Fäkalien aus dem Marineklo gehen unten raus», sagt am nächsten Tag der Mann, der uns die Funktionen des Schiffs erklärt. Wir sind sprachlos.

Kann man im Canal du Midi nicht baden? «Oh nein, das würde ich nicht tun», sagt er. Bootsferien ohne Baden im Gewässer, über das wir tuckern, das können wir uns nur schlecht vorstellen. Und wir fragen uns, ob wir das in den Unterlagen, die wir lediglich überflogen hatten, hätten erfahren können.

Die Einführung vom Steuern des Schiffes über das wichtigste Inventar bis zum Trockenkurs «so schleuse ich» ist erstaunlich schnell gemacht. Dann müssen wir einmal aus dem Hafen rausfahren, das Schiff wenden und wieder in den Hafen zurück. Wir sind ziemlich beeindruckt und wohl sichtbar verunsichert, denn der junge Instruktor lacht: «Ihr schafft das locker, da sehe ich überhaupt keine Probleme. Ist wie Autofahren. Und wenn es Komplikationen gibt, habt ihr unsere Nummer. Wir sind innert kurzer Zeit bei euch.» Na dann …

Wir tuckern los, mein Herz pocht wild, als ich aus dem Hafen rausfahre und auf den Flussweg einbiege. Nach wenigen Minuten Fahrt ist die erste Schleuse in Sicht. Eine der wenigen auf unserer Strecke, die von einem Schleusenwärter bedient werden. Nun heisst es warten, bis die Schleusenlichtanlage grün zeigt. Als die Ampel die Wasserstrasse freigibt, fühle ich mich nicht imstande, in diese Schleuse zu fahren. Weil da sind schon zwei Kähne drin. Und ich soll unsere Cahors da auch noch reinquetschen? Meine Hände sind schweissnass. Sandra übernimmt. Alles klappt wie am Schnürchen. Wir klatschen ab und sind mächtig stolz. Der Schleusenwärter lacht.

Wunderbare Ruhe

Vor unserer Abreise hatten wir eine Strecke ausgesucht, die wir während der sieben Tage fahren wollten. Ans Meer soll es gehen, nach Ste-Lucie, und dann dieselbe Strecke wieder zurück nach Argens. Bei der Planung ist uns nicht bewusst, dass es auf dieser Route 13 Schleusen gibt (obwohl die auf der Karte eingezeichnet sind), die per Knopfdruck manuell betrieben werden. Und es ist uns genauso wenig klar, dass das Schleusen für Landratten wie uns harte Arbeit bedeutet.

Noch haben wir keine Ahnung, was kommen wird, und tuckern die nächsten 18 Kilometer gemütlich mit den erlaubten vier (entlang von Orten) und acht Stundenkilometern einher. Wir fahren vorbei an malerischen Dörfern wie Roubia, Paraza, le Somail, vorbei an alten Steinhäusern, wilden Gärten, kleinen Museen, Büchereien. Wir geniessen die Stille, die unglaubliche Ruhe, das Plätschern des Wassers und das monotone Tuckern unseres Kahns, das so wunderbar einlullt. Der Fluss ist gesäumt von über 300 Jahre alten Platanen, die einst für den Bau des Canal du Midi gepflanzt wurden, um die Hitze für die Arbeiter etwas erträglicher zu machen. Heute spenden sie den Bootstouristen kühlen Schatten. Sonnenstrahlen tanzen durch das Blätterdach.

Bei Port de la Robin biegen wir ab in den Canal de Jonction Richtung Narbonne. Und schippern die zweite Schleuse an. Aufregung macht sich breit. Sandra steuert das Ufer an. Ich springe mit dem jüngsten Mädchen von Bord, die beiden anderen Kinder werfen uns die Leinen zu. Wir machen das Boot an den Pollern fest. Am Schleusenbedienungskasten, der etwa 50 Meter weiter flussabwärts steht, müssen wir den Knopf in die richtige Richtung drücken. Die Schleuse nimmt sofort ihren Betrieb auf. Der Hund, der sich auf dem Boot die ganze Woche über nicht wirklich wohlfühlen wird, weil er zu gross ist für dieses Schiff und keinen Platz findet, auf dem er sich ausbreiten kann, begleitet uns. Wir rennen zum Schiff zurück. Die Ampel wird grün, wir machen die Leinen klar, rennen wieder zur Schleuse hin. Die Tore öffnen sich, der Kahn schippert rein, Leinen werfen, um Poller schlingen, das Boot halten, während das Wasser gemächlich sinkt. Als das Wasser den richtigen Pegel erreicht hat, schmeissen wir den Mädchen die Leinen runter. Der Abstand zwischen Boot und Quai ist jetzt etwa drei Meter hoch. Wir machen uns auf den Weg zum Steg jenseits der Schleuse, um wieder einzusteigen, wenn Sandra den Kahn ans Ufer gelenkt hat. Es folgen weitere Schleusen, jeweils im Abstand von einigen hundert Metern.

Man sollte sich schon mögen

Bootsferien, da dachten wir an Apéro trinken, plaudern, tratschen, ausruhen, lesen und geniessen. Doch unsere Route lässt nur wenig Zeit für solche Amüsements. Wir rennen, schwitzen, drücken, werfen Seile, wickeln neu auf, ziehen das Schiff an Land, halten es fest. Wo es keine Poller hat, rammen wir mit dem Hammer Eisenstangen in die Erde. Die hübschen Kleider bleiben unbenutzt, Shorts und Shirt reichen und sind immer schon am Mittag schmutzig.

Anfangs ist die Stimmung schon mal hektisch, gereizt, wir Frauen schnauzen uns und die Kinder an, rufen uns gute Tipps zu, die keine hören will. Doch mit jeder Schleuse gehts besser. Die Mädchen arbeiten wie alte Matrosen. Sie findens toll, mächtig abenteuerlich, auch wenn sie auch mal stöhnen: «Schon wieder eine Schleuse!?» Doch trotz der allmählich einkehrenden Routine verlangt das Schleusen von uns allen absolute Konzentration. Und es bleibt eine Restunsicherheit: Was, wenn etwas passiert? Was, wenn ein Kind in einer Schleuse reinfällt, zwischen die Schiffe, ins sprudelnde Wasser Nachts plagen mich Albträume. Und tatsächlich passiert ein Unfall. Kurz vor dem Ende unserer Reise.

Doch erst mal verbringen wir eine wunderbare Zeit. Tagsüber tuckern und ackern wir, die Nächte verbringen wir auf dem langen Deck, plaudern, geniessen das in der Kombüse selbst gekochte Essen, den französischen Wein. Wir duschen mit eiskaltem Wasser aus dem mitgeführten Wasserschlauch, den wir an die fest installierten Wassersäulen anschliessen, die für Bootstouristen vorgesehen sind. Wir gehen in lauschigen Dörfern in Restaurants essen, gut, günstig und üppig. Wir stehen auch mal vor geschlossenen Schleusentoren und müssen in der Pampa übernachten, weil der Schleusenbetrieb jeden Abend ab 19 Uhr geschlossen wird und wir auch das nicht wussten. Wir durchschiffen in Narbonne knifflige Schleusen inmitten von unzähligen Frachtern und Touristenkähnen im Höllentempo des wild fliessenden Wassers fast wie alte Seebären. Und als ich wenig später im Hafen die Nerven doch mal verliere und einem Riesenkahn nicht mehr ausweichen kann, weil ich plötzlich nicht mehr weiss, wie vor und wie zurück, drückt Sandra unser Boot mit eiskalter Coolness von diesem Riesenkahn weg. Einfach so, mit der Hand. Und keine von uns meckert, als wir eine halbe Stunde nach Narbonne merken, dass die nächste Einkaufsmöglichkeit weit entfernt ist und wir das Schiff wenden und zurück in die Stadt fahren, um einzukaufen. Würden wir nicht ähnlich ticken, hätte aus den Ferien durchaus ein Trip mit schlechtem Nachgeschmack werden können. Man sollte sich schon wirklich mögen.

Und dann sind wir an unserem Ziel, in Ste- Lucie. Wir legen an und machen uns auf, zu Fuss, in Richtung Meer. Wir durchqueren eine kilometerlange, surreal wirkende Wüste, vertrocknete, zerrissene Erde mit Salzkrusten, überall liegen Muscheln. Hier war mal Meer, irgendwann. Der Mistral braust wütend in unseren Ohren. Wir brüllen uns an, damit wir unsere Worte verstehen. Doch dank dieses Windes ist die Hitze erträglich. Und dann sind wir da, am Meer, nichts als Dünen, Wasser. Menschenleer. Wir lassen uns fallen. Zwei Tage verbringen wir dort. Dann machen wir uns auf den Weg zurück nach Argens.

Unsere Besatzung fällt auf. Als wir auf dem Rückweg in Narbonne anlegen um auf den Markt zu gehen, ruft eine Französin: «Oh là là, nur Frauen an Bord! Und wie diese Mädchen arbeiten, das ist wunderbar!» Uns freuts. Denn tatsächlich sind wir das einzige Frauenschiff, das wir in dieser Woche antreffen. Jedes andere Schiff wird von Männern gesteuert.

Und dann passiert der Unfall, der uns den letzten Abend gründlich vermiest. Sandra stürzt am Ufer vom Schiff und schreit so markerschütternd, dass ich, am Steuer, eines ihrer Körperteile zwischen Schiff und Ufermauer zerquetscht vermute. Ich reisse den Rückwärtsgang rein, springe an Land, wo sie am Boden liegt, während das Boot – im Rückwärtsgang – auf den Kanal rausfährt. Mit den Kindern an Bord. Die praktisch veranlagte Ariane, die, wie ihre Mutter, in brenzligen Situationen die Nerven behält, steuert das Schiff zurück an Land. Den Kindern ist nichts passiert. Sandras Wadenbein ist gebrochen.

Wir habens trotzdem zurück geschafft. Und trotz dieses unerfreulichen Unfalls landen diese Bootsferien auf unserer Ferien-Bestenliste ganz oben. Es war ein unvergessliches Erlebnis. Wir würden sofort wieder gehen. Vielleicht dieses Mal auf einer Route mit etwas weniger Schleusen.


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