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Familienferien im Jura

Jura: Wo Pferdenärrinnen ihr Glück finden

Im Jura begegnen Urlauber halbfreien Pferdeherden. Wie eine Familie dank einer geplatzten Reise unverhofft ihr Ferienparadies gefunden hat.

Eigentlich war es so, dass wir in den Sommerferien Pippi Langstrumpf, kleiner Onkel und Herr Nilsson treffen wollten. Mit unserem VW-Bus sollte es von Zürich nach Schweden gehen. Die Pandemie machte unserem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung und so standen wir wie viele andere vor der Frage, wo wir unsere Sommerferien 2020 verbringen wollten. Wenigstens war das Problem der Unterkunft bereits gelöst. Dank unserem Campervan mussten wir nur noch entscheiden, wohin die Fahrt gehen sollte.

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Die Unterkunft ist schon mal klar: Das Büssli. Ein neues Ferienziel bald auch: der französischsprachige Kanton Jura lockt.

Wir entschieden uns für den Jura. Wir kannten diese Gegend kaum und stellten uns vor, durch den kontrastreichen Szene- und Sprachwechsel wenigstens ein bisschen das Gefühl von Urlaub zu bekommen, auch wenn wir für dieses Mal in der Schweiz blieben. Unser Wunsch-Campingplatz hatte freie Stellplätze und wir buchten im Voraus fünf Nächte.

Wildwest-Geräuschkulisse

Als wir auf die Lichtung des Jura Bivouac Campings bogen, erwartete uns ein überschaubarer Campingplatz mit sauberen Sanitäranlagen und Kinderspielplatz, frei von Gartenzwergen und Dauercampern, dafür ohne Strom. Genau unser Ding. Zwischen Bahngleisen und einer Viehweide mit hohen Tannen, die sich bedächtig im Wind wogen, durften wir uns einen Platz aussuchen und fingen an, uns einzurichten. Die Temperatur war frisch und fühlte sich nicht gerade wie im Juli an. Das Hochplateau bei Le Noirmont im Herzen des Juras liegt auf 1000 Metern über Meer. Hätten wir uns doch nur an unsere Schweden-Packliste gehalten. Aber die Daunenjacken lagen zu Hause in der Garage. Wenigstens hatten wir die Mützen dabei.

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Den ganzen Tag an der frischen Luft. Das ist beim Campen unbezahlbar.

Das schönste Gefühl beim Campen ist, abends vor dem frisch eingerichteten Bus am Klapptisch im Freien zusammen das Abendessen zu geniessen. Plötzlich hörten wir von weitem Pferdegewieher und Hufgetrampel. Wir konnten diese Wildwest-Geräuschkulisse zuerst nicht einordnen. Aber wir waren nicht die Einzigen, die das gehört hatten. Vom Lärm der nahenden Pferde angezogen, unterbrachen viele Camper ihr Abendbrot und eilten zu den Bahngleisen. Wir taten es ihnen nach.

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Im Kanton Jura nordwestlich des Bielersees in den Farben und Tönen der Natur abtauchen.

Und jetzt sahen wir sie: Eine Herde unzähliger Pferde! Und es kamen immer mehr. Grosse, kleine, dicke, dünne, alle in den typischen Brauntönen der Freiberger Pferde. Sogar mit Fohlen! Ganz ruhig trotteten sie daher, frassen ein wenig Gras und zogen ein paar Meter weiter. Sie hatten offensichtlich ihr Ziel erreicht.

Wir kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus: Die ganze Herde war auf der anderen Seite der Bahngleise versammelt, nur einen Steinwurf von uns entfernt. Wie schön sie waren! Und wie ruhig und gelassen sie auf uns wirkten. Was für ein Anblick diese Herde inmitten der weitflächigen Waldweide und Kulturlandschaft in der letzten Sonne, die den blauen Abend langsam orange färbte.

Fast schon kitschig und unrealistisch. So müsste es im Pferdehimmel aussehen. Die Mädchen jauchzten und zählten wie wild die Fohlen und dann die Pferde, erst die helleren, dann die dunkleren.

Auf einmal entdeckten wir von weitem Campinggäste, die sich der Herde näherten. Wir trauten unseren Augen nicht, als sie auf die Pferde zugingen und diese sich streicheln liessen. Wir schwangen uns in den Sattel unserer Velos und radelten zuerst den schmalen Wanderweg bergauf, dann runter über das Bahngleis und das Viehgitter, das hier Bovistop genannt wird. Da waren sie direkt vor uns. Ohne Zaun in freier Wildbahn. Was für ein Anblick!

Knuddelstunde mit Fohlen

Kaum angekommen, trotteten einige Pferde auf uns zu. Ich ermahnte die Kinder, sich ruhig zu verhalten, sich nicht hinter das Pferd zu stellen und sich zuerst beschnuppern zu lassen. Nicht rennen, nicht an den Kopf fassen. Aber allen Ängsten und Vorsichtsmassnahmen zum Trotz kamen die neugierigen Wesen mit ihren dunklen, treuen Augen und ihren samtenen Nüstern auf uns zu und suchten den Kontakt.

Die Fohlen hatten es auf unsere Velolenker abgesehen, sie knabberten und leckten daran herum. Wir liessen es uns natürlich nicht entgehen, sie dabei zu knuddeln und zu streicheln. Offenbar waren sie an den Umgang mit Menschen gewöhnt. So standen wir auf einem kleinen Feldweg mitten in der Natur, umringt von etwa 40 älteren und jüngeren Freiberger Pferden und konnten unser Glück kaum fassen.

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Pippis kleiner Onkel in Schweden war unerreichbar, dafür gab es viel Kontakt mit Schweizer Pferden.

Später erfuhren wir, dass die Herde jeden Abend um etwa die gleiche Zeit hier an dieser Stelle vorbeikommt und das Abendprogramm der Camper bereichert. So haben viele Menschen hier die Möglichkeit, mit den gutmütigen Freiberger Pferden auf Tuchfühlung zu gehen, welche die Streicheleinheiten und Fototermine ruhig und gelassen über sich ergehen lassen.

Das Freiberger Pferd ist übrigens die letzte Schweizer Pferderasse; sie zeichnet sich durch einen robusten, ausgeglichenen, anpassungsfähigen und genügsamen Charakter aus und fügt sich perfekt in die Natur ein, in die Tannen-Landschaft, die frische Luft und die Stille.

Natürlich war klar, wo es uns die nächsten paar Abende hinziehen würde. Ohne es geahnt und geplant zu haben, waren wir in der Welt gelandet, in der sich unsere beiden Töchter am wohlsten fühlten: Mitten in der Pferdewelt! Ich hätte mir kein besseres Ausflugsziel mehr vorstellen können. Die Sommerferien waren gerettet und die Erwartungen wurden bei Weitem übertroffen. Liebe Freiberger Pferde, wir kommen wieder!

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