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Gesundheit

Es bröckelt im Mund

Symbolbild für Karies

Bei immer mehr Kindern bröseln die Zähne einfach weg. Wieso, ist unklar. Wissenschaftler stehen vor einem Rätsel.

Marvin ist erst neun Jahre alt. Doch in seinem Leben war er schon öfter beim Zahnarzt als mancher Erwachsene: «Als er mit sieben Jahren die ersten bleibenden Stockzähne bekam, waren diese braun und zerfielen im Mund einfach in kleine Stücke», erzählt seine Mutter Sandra Ramel aus dem aargauischen Wohlen. «Unterdessen hat er weitere bleibende Stockzähne bekommen – auch diese sind braun und brösmelig.»

Marvin leidet an Molaren-Inzisiven- Hypomineralisation, auch MIH genannt. Er ist kein Einzelfall: Zahnärzte schätzen, dass derzeit rund zehn Prozent der Schweizer Schulkinder MIH haben. «Bei MIH ist die Qualität des Zahnschmelzes gestört», erklärt Richard Steffen, Kinderzahnmediziner mit eigener Praxis in Weinfelden und Oberarzt an der Klinik für Kieferorthopädie und Kinderzahnmedizin der Universität Zürich. Er gilt als der MIH-Fachmann in der Schweiz. «Die Schäden am Zahnschmelz gehen von eher harmloser Verfärbung und Flecken bis hin zu Zähnen, bei denen der ganze Zahnschmelz stark betroffen ist. Statt hart wie Granit sind diese weich wie Sandstein: Sie bröckeln ab», sagt Steffen. Nicht alle Zähne sind betroffen: MIH taucht bei den sogenannten Sechs-Jahres-Molaren auf, den ersten bleibenden Backenzähnen. Ebenfalls betroffen sein können die zweiten bleibenden Backenzähne, bleibende Schaufeln und Milchzähne.

Die Zahnärzte gehen davon aus, dass MIH kein neues Phänomen ist, aber ein zunehmendes. «Früher wurde dies pauschal unter Karies abgehandelt. Doch dann entdeckte man darin ein eigenständiges Krankheitsbild, das von den Zahnärzten mehr beachtet wird», erklärt Ingo Ziswiler, Leiter des Schulzahnmedizinischen Dienstes der Stadt Bern. Und Richard Steffen ergänzt: «Studien zeigen, dass immer mehr Kinder von MIH betroffen sind. Und: Je mehr ein Land industrialisiert ist, umso mehr MIH gibt es. Deshalb werden die Zahlen in den nächsten Jahren wahrscheinlich steigen, auch in der Schweiz.»

Weichmacher im Fokus

Weshalb MIH entsteht, ist unklar und die Liste der möglichen Ursachen lang: Sie reicht von Atemwegserkrankungen in den ersten Lebensmonaten und Antibiotika, die deswegen verabreicht wurden, über Dioxin, das auch via Muttermilch aufgenommen wird, bis zu Weichmachern wie Bisphenol A (BPA). Ein Zusammenhang zwischen BPA und Zahnschmelzschädigungen wurde in Frankreich in Versuchen mit Ratten nachgewiesen. In Schoppenflaschen ist BPA in der EU seit Juni 2011 verboten, in Frankreich seit Anfang 2015 gar in allen Lebensmittelverpackungen. «Dioxin und Weichmacher passen dazu, dass MIH in Industrienationen stärker vorkommt, denn dort werden diese Stoffe mehr gebraucht. Doch das sind alles Vermutungen», sagt Steffen.

Ungewiss ist nicht nur die Ursache für MIH, mit Ungewissheit kämpft auch Sandra Ramel: «Schlimm finde ich es, nicht zu wissen, wie Marvins nächste bleibenden Zähne aussehen werden und welche Kosten noch auf uns zukommen.» Dies ist nicht unberechtigt: Mit 1000 bis 2000 Franken pro stark befallenem Zahn ist zu rechnen. Weder die Invalidenversicherung noch die Krankenkasse übernehmen diese Kosten, einzig einige Zahnversicherungen bezahlen einen Teil.

Die Eltern ächzen unter den Kosten, die Kinder unter den Folgen von MIH. Sie haben Schmerzen, vor allem, wenn sie Süsses oder Kaltes essen. Und weil der Zahnschmelz vor Karies schützt, sind viele Kinder an den betroffenen Zähnen anfälliger auf Löcher, auch wenn sie ihre Zähne oft und gut putzen.

So auch bei Marvin: «Wir putzen die Zähne zwei bis drei Mal pro Tag, ich kontrolliere immer und kratze auch den Zahnstein ab. Zudem trage ich regelmässig mit dem Wattestäbchen Fluorid auf, und einmal pro Woche putzt er mit Fluorgel», erzählt seine Mutter. Trotz dieser mehrstufigen Zahnhygiene musste Marvin schon häufig behandelt werden. Sein Zahnarzt hat sämtliche Zähne abgeschliffen und einen Lack drauf gepinselt. Ganz zu Ende bringen konnte der Zahnarzt die Behandlung nicht: Beim hintersten Zahn hielt es Marvin nicht mehr aus, er musste weinen vor Schmerz.

Das versteht Claudia Saxer, Kinderzahnärztin bei «Swiss Smile» in Zürich: «Die Kinder sind noch klein, der Mund auch und der Zahn ist weit hinten. Die Behandlung ist unangenehm und oft sehr schmerzhaft.» Viele MIH-Patienten spüren trotz Anästhesie Schmerzen, weil ihre Zahnnerven so gereizt sind, dass die Spritze schlechter wirkt. Saxer listet weitere Herausforderungen auf: «Kalte Luft, wie wir sie brauchen, um den Zahn zu trocknen, schmerzt. So muss ich mit Watte trockentupfen.» Heikel sei auch die Frage, wo die Füllung hinkommen solle. Denn oft bröckle der Zahn am Rand der Füllung weiter ab. «Dann steht der Patient ein halbes Jahr später wieder da.» Eine frustrierende Situation nicht nur für die Zahnärztin, sondern auch für Eltern und Kind.

Gesunde Zähne auf Reise

MIH-Spezialist Steffen hat mit anderen Kinderzahnmedizinern ein Konzept zur Behandlung von MIH entwickelt, das viele Zahnärzte anwenden. In einem ersten Schritt wird meist ein Provisorium gemacht oder der Zahn versiegelt, um den ‹Sandstein› zu härten. Später kann eine gute Füllung oder Krone gemacht werden. Eine andere Möglichkeit ist es, die befallenen Zähne zu ziehen und die gesunden Backenzähne «nach vorne zu ziehen». Wenn die Spritze gegen die Schmerzen nicht hilft, greift Steffen zu Methoden aus dem Umgang mit chronischen Schmerzpatienten und gibt den Kindern kurzfristig hochdosierte Schmerzmittel.

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