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Elternnotruf

Aggressive Kinder

Wenn aus dem liebevollen Kind eine gewalttätige Furie wird

Vom eigenen Kind bedroht, beschimpft und geschlagen zu werden, macht hilflos. In jeder zehnten Familie in der Schweiz ist das Realität. Der Elternnotruf Zürich zeigt, wie Eltern das Steuer wieder übernehmen können.

Lea ist 11 Jahre alt und wohnt mit zwei jüngeren Brüdern bei ihren Eltern. Die Mutter arbeitet Teilzeit, der Vater ist beruflich engagiert und häufig ausser Haus. Auf den ersten Blick eine ganz normale Familie. Doch hinter der Fassade tobt ein Sturm.

Nachdem es zwischen Mutter und Tochter schon öfter zu Spannungen kam, weigert sich Lea eines Morgens, zur Schule zu gehen. Das gute Zureden der Mutter in den folgenden Tagen nützt nichts, Lea verhält sich weiterhin mürrisch und stur. Als die Mutter mit Handyentzug droht, artet der Streit aus in gegenseitigen Beschimpfungen, das Gekeife schwillt zum Gerangel. Versucht die Mutter Lea aus dem Haus zu ordern, schleudert ihr Lea ein «Fick dich, du Schlampe!» entgegen und reisst sie plötzlich unvermittelt an den Haaren. Aus dem Mädchen, das stets liebevoll und auf Augenhöhe behandelt wurde, ist eine Furie geworden, vor der sich die Mutter fürchtet.

Die Gewaltdynamik, in der Lea und ihre Mutter stecken, kennt Britta Went gut. Die Paar- und Familientherapeutin beim Elternnotruf berät Mütter und Väter bei Erziehungsproblemen und Familienkonflikten. Holzboden, an der weissen Wand reflektierende Sonnenstrahlen und Grünpflanzen – das Büro im Stadtzürcher Altbau strahlt Wärme aus – genau wie die Beraterin selber. Die dichten Locken wippen mit, wenn Britta Went engagiert und einfühlsam von den Nöten der Hilfesuchenden wie Leas Mutter erzählt. Zu ihr kommen Eltern, die psychische oder physische Gewalt durch ihre Kinder erfahren. Eine von zehn Familien sei betroffen, sagt Britta Went. Es gehe dabei nicht um Zweijährige, die in der Trotzphase stecken oder um schnoddrige Ausfälligkeiten von Fünfjährigen – sondern um Kinder und Jugendliche, welche die Grenzen des normalen Familien-Tohuwabohus überschreiten. «Wenn ein 6-Jähriger wegen des Tablets, das ihm die Mutter nicht überlassen will, den Salzstreuer nimmt und droht, das Salz über dem Teppich auszukippen, und es prompt auch tut, kann das bei der Mutter massive Hilflosigkeitsgefühle auslösen», sagt die Fachfrau.

Autorität zeigen, die nicht auf Macht, sondern auf Präsenz basiert.

Was genau unter Gewalt zu verstehen ist, ist zwar nicht so einfach zuzuordnen. Wenn aber bei den Eltern das Gefühl überhandnimmt, nicht mehr Kapitän des Familienschiffes zu sein, wenn sie beschimpft, bedroht, angespuckt und geschlagen werden, darf das nicht mehr unter kindliches Ungestüm oder jugendliche Hormonflutung abgebucht werden. Dann müssen Eltern handeln.

Oft aber hapert es genau punkto Handlungsfähigkeit, viele Eltern sind wie gelähmt. Sie fragen sich, ob nicht alles nur noch schlimmer wird, wenn sie sich wehren. Oder sie sorgen sich, was wohl die Nachbarn, Freunde, Lehrerinnen denken, wenn sie erfahren, dass Mama von der Tochter drangsaliert oder Papa vom Sohn mit dem Messer bedroht wird.

Keine Frage der Schicht

So dreht sich die Gewaltspirale meist hinter gut verschlossener Türe. Denn vom eigenen Kind mit Faustschlägen und Fusstritten traktiert zu werden, löst Scham- und Schuldgefühle aus. Viele Eltern zweifeln an ihrer Erziehung und negieren das Problem: «Sich einzugestehen, dass einem die elterliche Rolle zu entgleiten droht, ist schwierig», sagt Britta Went. Lieber schiebt man vor, das Kind sei krank, leide unter ADHS oder pubertärer Hypersensibilität.

Auch Leas Mutter erklärt der Lehrerin, ihre Tochter liege erkältet im Bett. Statt der Schulverweigerung auf den Grund zu gehen, igelt sich die Mutter ein und gerät so an zwei Fronten unter Druck. Vor der Schule will sie das Geheimnis des würdelosen Zustandes daheim wahren, und zu Hause steigt – parallel zur Ohnmacht der Mutter – die Macht des Kindes. In einem Wutanfall tritt Lea das Handy der Mutter kaputt.

Zwar gibt es laut Britta Went Familienkonstellationen, die das Risiko dieser Form der häuslichen Gewalt erhöhen: Alleinerziehende oder Familien, in denen Kinder unter psychischen oder schulischen Problemen leiden oder ADHS haben. Und selbstredend erzeugt auch liebloser und handgreiflicher Umgang der Eltern Gegengewalt. Doch übermässig aggressives Verhalten der Kinder gegen ihre Eltern ist keineswegs eine Frage der Schichtzugehörigkeit. «Beim Elternnotruf Zürich melden sich Mittelschichtsfamilien, die Eltern agieren beruflich hochkompetent und besetzen gut bezahlte Stellen. Zu Hause aber haben sie Mühe, ihrer Elternrolle gerecht zu werden», sagt Britta Went.

Auf Wutausbrüche reagieren

Umso tabuisierter sind Übergriffe, wenn Eltern ihre Kinder auf Augenhöhe erzogen, ihnen alles geboten und auf vieles verzichtet haben. Vielleicht auch darauf, Grenzen zu setzen. Niemand will zurück zur schwarzen Pädagogik im Stil von Zucht und Ordnung. Die Schattenseite moderner Erziehung aber zeigt sich zuweilen in einer Rat- und Orientierungslosigkeit vieler Eltern. «Früher erhielt man bei Sorgen mit dem Nachwuchs Rat vom Pfarrer oder Arzt, und Frauen holten sich Erziehungsanleitung bei ihren Müttern», sagt Britta Went. Die Ratschläge entsprachen mehr oder minder einheitlichen Normen und Werten. Wo die Grenze unerwünschten Benehmens zu ziehen war, definierte die Gesellschaft. Das hat sich geändert. Die Deutungshoheit von «richtig» und «falsch» in der Erziehung liegt bei den Eltern, wobei sich viele im Dickicht von pädagogischen Konzepten verlieren.

Einer, der sich mit Konflikten innerhalb der Familie auseinandersetzt, ist Jesper Juul. Aggressionen sind für den dänischen Familientherapeuten zutiefst menschlich. Insbesondere Kinder und Jugendliche stossen beim Heranwachsen unzählige Male an Grenzen, die Wut auslösen: Ein Baby schreit, weil es Hunger hat. Das Kleinkind brüllt, wenn es den Teddy aus dem Spielwarengeschäft nicht behalten darf, das Schulkind schmeisst das Hausaufgabenheft in die Ecke und der Teenie findet die knappe Ausgangszeit eine Zumutung. Der Alltag von Kindern ist mit Frustrationen gepflastert. Für Jesper Juul ist der dabei empfundene Ärger ein legitimes Gefühl. Massgeblich sei, betont Juul in seinem Buch «Aggression», wie die Eltern mit Wutausbrüchen umgehen.

Ergreift eine Mutter, die von ihrer kleinen Tochter aus dem Blauen heraus «doofe Kuh» genannt wird, deren Oberarme, schüttelt sie und ruft laut und gehässig: «Sag nie wieder so etwas! Du bist ein schlechtes Mädchen, geh auf dein Zimmer, bis du bereit bist, dich bei mir zu entschuldigen. Geh!», reagiert sie abweisend und destruktiv. Konstruktiv sei es, wenn die Mutter freundlich und direkt in die Augen des Kindes schaue und sage: «Oje, bist du wütend. Ich wüsste gerne, was dich so ärgerlich gemacht hat. Kannst du mir das sagen? » Worte, Haltung und Körpersprache vermitteln dem Kind: Egal, worüber du dich so geärgert hast, ich bin für dich da!

Warum sich in einigen Familien die Gewaltspirale zu drehen beginnt, ist häufig nicht klar – und die Suche nach Gründen unergiebig. Denn sie führt oft statt zu Lösungen zu Anschuldigungen. Wichtiger als im Vergangenen zu wühlen ist es, eine Handlungsanleitung zur Verfügung zu haben, um einen Weg aus der vergifteten Stimmung zu finden.


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Einer, der lösungsorientiert arbeitet, ist der israelische Psychologe Haim Omer. Sein Konzept des «Gewaltfreien Widerstandes» zeigte in den vergangenen Jahren durchschlagenden Erfolg. Dabei lernen Eltern, dem sich destruktiv verhaltenden Kind die Botschaft zu vermitteln, dass sie sein Verhalten nicht akzeptieren und alles tun werden, um dieses zu stoppen – ausser das Kind zu schlagen und verbal zu diffamieren. Die Idee stützt sich auf Gandhis politisches Denken und Handeln. Haim Omer plädiert dafür, dass Eltern Autorität zeigen, die nicht auf Macht, sondern auf Präsenz basiert. Sie stelärlen sich dem unannehmbaren Verhalten des Kindes entgegen, ohne eine Eskalation zu provozieren.

Einer der Kernsätze Haim Omers lautet zudem: «Gewalt muss öffentlich gemacht werden.» Denn nur so könnten betroffene Eltern aus dem verschämten Schweigen hinaustreten und sich innerhalb und ausserhalb der Familie «Verbündete» suchen: Eben jene Verwandten, Nachbarn, Freunde, denen man bislang «heile Welt» vorspielte. Diese sollen beispielsweise bei den sogenannten Sit-ins mithelfen. Bei einem Sit-in setzen sich die Eltern zum Kind und sagen ihm, dass sie die Gewalt nicht dulden und von ihm Vorschläge erwarten, um die Situation zu entspannen. Flippt das Kind aus, lassen sich die Eltern nicht provozieren, sondern harren schweigend aus.

Bei der Nachbarin klingeln

Zwar zählen zu Omers Klientel oft harte Jungs und Mädchen, aber sein Konzept wirkt ebenso bei jüngeren Kindern. So macht sich auch der Elternnotruf das Instrument des gewaltlosen Widerstandes zunutze. Im Rahmen des Pilotprojektes «Dranbleiben» erarbeitet Britta Went mit den Eltern Strategien, wie sie aus dem Machtkampf mit ihren Kindern aussteigen können. Im Laufe der Beratung erhalten diese Werkzeuge an die Hand, mit denen sie ihre Ohnmacht regulieren und wieder in die Mitte der Familie rücken können.

Bis die Familie von Lea in ruhigere Gewässer zurückfand, dauerte es zwar etwas. Zunächst rang sich die Mutter durch, Lea in der Schule nicht mehr krank zu melden, sondern die Scham zu überwinden und einzugestehen, dass sie mit ihrer Tochter überfordert ist. Angesichts der Mobbinggeschichte, die zutage trat, kam man überein, dass es für Lea besser ist, die Schule zu wechseln.

Wenn zu Hause erneut Funken der Gewalt aufflackern, klingelt die Mutter jetzt bei einer guten Nachbarin, um sich auszusprechen. Statt zu insistieren, löst sie sich aus der verfahrenen Zweiersituation mit Lea. Der Vater, der bis anhin jegliche Konflikte vermied und Lea gegenüber entsprechend nachgiebig war, schafft es, dank der Beratung präsenter zu sein und sich – wenn auch wortkarg – dennoch klar hinter die Mutter zu stellen.

«Es ist kein Sprint, es ist ein Marathon, den Eltern manchmal leisten müssen», sagt Britta Went anerkennend und schon auf dem Sprung zur nächsten Beratung. «Aber die Anstrengung lohnt sich!»


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