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Erziehung – Aggressionen

Wut hat Hausarrest

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Kinder dürfen vieles, nur eins bestimmt nicht: aggressiv sein. Das ist tabu. Sinnvoll ist der grassierende Harmonie- und Lächel-Zwang allerdings nicht.

Was spricht gegen einen kräftigen Tritt vors Schienbein? Der Stuhlkreis. Denn der wird im Kindergarten verlässlich einberufen, sobald sich zwei Fünfjährige ein wenig kneifen, treten oder in den Schwitzkasten nehmen. Dort müssen die beiden Delinquenten dann über ihre Empfindungen sprechen, abwarten, was das Kind, das gerade das Rede-Fröschli halten darf, dazu meint und sich verpflichten, dem anderen künftig statt des Stinkefingers das laminierte «Konfliktkärtchen» zu zeigen. Am Schluss müssen sich die zwei die Hand geben. Und beide denken: «Was für ein Scheiss.» Leider fühlen sich die zwei aber auch ein bisschen mies. Denn wer so Böses fühlt wie Zorn und Ärger, kann nur ein böser Mensch sein. Schliesslich sind alle anderen ununterbrochen entsetzlich freundlich: die Erzieherin, später die sanfte Primarlehrerin und Mama, die im schlimmsten Fall «enttäuscht» ist. Glück und Harmonie, so weit das Auge reicht. «Guten Morgen, liebe Sonne» bis zum Zuckerschock. Zorn, Ärger, Hass? Pfui!

Aggressionen sind tabu. Denn wer will schon eine Welt voller U-Bahn-Schläger und Hooligans. Das Problem dieser Gedankenkette: Gewalt ist nicht die Zwillingsschwester der Aggression, Gewalt ist die missratene Cousine aus Übersee. Aggression dagegen ist kreuznormal. Ihr reflexhaft ein rosa Angora-Jäckchen zur Tarnung umzuhängen, das ist nicht normal. Und schädlich. Denn gerade Kinder brauchen, um ein intaktes Selbstwertgefühl zu entwickeln, die Erfahrung, dass das ganze Spektrum ihrer Emotionen okay ist. Und sie brauchen ein Trainingsfeld, auf dem sie üben können, diese Emotionen sinnvoll zu händeln. Aggressionen sind allerdings derzeit vom Training ausgeschlossen.

Wut hat Stubenarrest

Jedes vierte Kindergartenkind, so dänische Studien, gilt heutzutage als «Problemkind». Häufigster Grund für diese Charakterisierung: ein vermeintlich fehlerhafter Umgang mit Ärger und Frust. 95 Prozent dieser sogenannten Problemkinder sind Jungen. Die Mädchen dagegen: ein einziges Hopsen und Herzen. «Nur ist an sämtlichen Klischees rund um die Aggression so ziemlich alles falsch», findet Professor Jens Weidner, Hamburger Aggressionsforscher und Kriminologe. Die Fehlerliste:

1. Aggressionen sind schlecht. Nein. Im ureigensten Wortsinn bedeutet das lateinische Wort aggredere «an etwas herangehen»: Power, Ziele setzen und erreichen wollen, Lebensenergie. Ratten beispielsweise, deren Aggressionszentrum entfernt wurde, stellten jede Aktivität ein: keine Bewegung mehr, kein Sex, kein Essen. Sie starben schlapp und schnell. «Aggressionen können also in exakt gleichem Masse positiv wie negativ wirken», so Jens Weidner. «Ein positiv-aggressiver Mensch wird vielleicht Kapitän seiner Fussballmannschaft, setzt sich ein und motiviert. Ein negativ-aggressiver endet als Rowdy in der Fankurve, nur darauf bedacht, anderen zu schaden.» Es gilt also nicht, Aggressionen zu unterdrücken, sondern in positive umzumodeln. «Sublimieren» nannte Freud das Umwandeln von negativer Energie in kulturell anerkannte Leistungen. Malen statt mobben, Tennis statt Tritte.

2. Kinder, die sich prügeln, sind schwierig. Nein, sind sie nicht. Toben, raufen, Körpereinsatz gehören zur Kindheit wie Senf zur Wurst. Zudem besitzt ein Kind erst etwa ab sechs Jahren genügend Empathie, um sich in die Position seines Gegenübers hineinversetzen zu können. Vollkommen vergebliche Liebesmüh ist es daher, einem Vorschulkind die Verhältnismässigkeit der Mittel und den Schmerz, den ein aus Wut übergebratenes Spielzeugauto auslöst, nahebringen zu wollen. Perspektivenwechsel funktioniert erst ab dem Schulalter. Zwei Streithähne mit Schaumstoff-Schlägern für ihr Scharmützel auszustatten und mit ihnen ein Kämpfchen-Date zu vereinbaren – vielleicht eine Stunde später, wenn der Ärger nicht mehr hochschäumt – bringt mehr als eine klebrige Moralpredigt.

3. Jungen sind aggressiver. Falsch. Sie haben eine andere Art ihre Aggressionen auszudrücken. Und Jungen wollen in Auseinandersetzungen den Sieger kennen. Nichts ist bei ihnen unbeliebter als ein windelweiches «Irgendwie habt ihr beide gewonnen.» Top oder Flop, dazwischen ist nichts. Mädchen-Aggressivität ist komplizierter. Ein verbales Nadelstichlein hier, eine Prise Gift dort, dazu ein Tröpfchen Bosheit. Gut getarnt aber hochwirksam. Oder wie es Natalie Angier, neue Ikone der amerikanischen Frauenbewegung, im «Spiegel» formuliert: «Mädchen spielen zwar gern mit ihren Anziehpüppchen, aber ein falsches Wort, Schwester, und du kannst deine Barbie aus dem Mülleimer fischen, splitternackt, kahlgeschoren und mit Zahnabdrücken im Vorbau.» Doch mit den nützlichen Aggressionen mit offenem Visier tun sie sich schwer. Zu gross ist die Angst der Frau, als Mannweib zu gelten. «Es ist im Berufsleben geradezu tragisch, wie lieb Frauen böse sind und ihre Karriere ausbremsen», so Jens Weidner. Wer klare Ansagen schroff findet, um jeden Preis gemocht werden möchte, Ellenbogen cremt, statt sie einzusetzen, und Machtspiele generell schmuddelig findet, der wird ein netter Mensch – und niemals Chef.

4. Gut ist, was leise und kultiviert ist. Das sieht nur so aus. Jesper Juul, dänischer Familientherapeut und Autor des Buches «Aggression. Warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist», nennt dagegen das allgegenwärtige Gesäusel politisch korrekter Erwachsener knallhart «Gewalt der Freundlichkeit, die die Eloquenteren auf Kosten der weniger Eloquenten austragen. Ohne jedes Risiko.» Studien, dass Kindergartenkinder das Gefühl haben, 80 Prozent der Zeit ausgemeckert zu werden, Erwachsene dagegen angeben, maximal 20 Prozent der Zeit zu schimpfen, geben Juul Recht. Bosheit mit Zuckerguss bleibt doch Bosheit. Allerdings mit dem perfiden Nebeneffekt, dass Kinder unsicher werden: Wem sollen sie trauen? Dem Sirup, den sie hören, oder dem schlechten Gefühl, das sie trotzdem beschleicht?

5. Aggressive Erwachsene sind schlechte Vorbilder. Ja und nein. Gewalttätige Erwachsene taugen überhaupt nichts und mit Sicherheit nicht als gutes Vorbild. Verbrämt aggressive, blutleere Erwachsenendarsteller aber ebenfalls nicht. Doch authentische Lehrer, Eltern oder Erzieher, die auch mal schreien, laut lachen, bodenlos traurig sind, Fehler machen, sich entschuldigen können, kurz: menschlich sind, die taugen. Oder wie Juul es ausdrückt: «Die gesamte Musik, die wir in uns tragen, muss zum Klingen gebracht werden – einschliesslich Gereiztheit, Frustration, Wut, Zorn und Hass. Nur indem wir unsere vielfältigen Emotionen ausdrücken, können wir erwachsen werden.» Ein von Botox lahmgelegtes Gesicht ohne jede hässliche Falte ist eigenartig, schadet aber keinem anderen. Der Druck dagegen, jedes hässliche Gefühl lahmzulegen, schadet anderen: den Kindern. Mehr als ein Tritt vors Schienbein.

Buchtipps

  • Jens Weidner «Die Peperoni-Strategie. So setzen Sie Ihre natürliche Aggression konstruktiv ein.» Campus, 29.90 Franken
  • Jesper Juul: «Aggression – Warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist», S. Fischer, 27.90 Franken

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