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Elternkolumne

Eine viel zu kurze Kindergarten-Liebe

Im Alter von fünf Jahren beschlossen Maja und Giovanni zu heiraten. Dann erkrankte ihr bester Freund an Leukämie. Die Geschichte einer viel zu kurzen Kindergarten-Liebe.

Giovanni war der erste Bub, mit dem ich «gedökterled» habe. Giovanni war auch der erste Bub, mit dem ich im Sommer hinter dem Haus stundenlang in einem aufblasbaren «Kinderbädli» sass und grossen Spass dabei hatte, ihm Wasser in sein Gesicht zu spritzen. Giovanni hat meine Attacken stets stoisch über sich ergehen lassen.

Beim Sändelen konnten wir uns ebenfalls Stunden vertun. Ich schaufelte den Sand her, er baute. Giovanni und ich waren am glücklichsten, wenn wir zu zweit waren. Wir brauchten weder andere Kinder noch unsere Mamis, um in unserer Welt Königin und König zu sein.

Giovanni wohnte mit seiner grossen Schwester und seinen Eltern einen Stock über uns. Wir waren zwei Gleichaltrige, die sich nicht gesucht und doch fürs Leben gefunden haben. Im zweiten Chindsgi schlossen wir den Pakt, zu heiraten, wenn wir gross sind. Mein Leben war geregelt. Ich war glücklich, er war glücklich, alles war in bester Ordnung.

Kurz vor meinem sechsten Geburtstag geriet Giovannis und mein Universum aus den Fugen. Giovanni wurde krank. Ich fand das nicht schlimm. Ein bisschen Fieber, Husten, vielleicht eine Mittelohrenentzündung. Ich war mir sicher, dass Giovanni bald wieder auf den Beinen ist und wir wieder spielen, lachen und heimlich Beeren von den Sträuchern pflücken und essen können.

Dieses Mal war aber alles anders. Er werde lange Zeit krank sein, erklärte mir meine Mutter mit Tränen in den Augen. Ich erinnere mich sehr gut an diese Szene. Mama hatte mich gerade ins Bett gebracht. Sie hielt meine Hand, rang nach Worten. Ich wollte sie trösten. Sie soll nicht traurig sein. Giovanni sei stark, ein Bub! Und er habe sicher den richtigen Sirup. «Nein, Schatz», sagte sie. «Giovanni muss eine ganze Weile im Spital verbringen.» Ich verstand nicht. Ich verstand auch die Schwere nicht, die sich plötzlich zu mir unter die Decke gesellte.

«Giovanni hat Krebs», sagte meine Mutter. Ich weiss, wie auch mein Vater das Zimmer betrat und sich an meinen Bettrand setzte. Sie versuchten, mir Giovannis Leukämie möglichst kindergerecht zu erklären. Ich weiss, dass ich Angst hatte. Ich weiss aber auch, dass ich optimistisch war. Giovanni wird ganz sicher wieder gesund, sagte ich, schickte die Eltern raus, kuschelte mich an meinen Plüschaffen und schlief ein.

Giovanni blieb tatsächlich sehr lange weg. Er wollte keinen Besuch. Ich schrieb ihm Briefe, schickte ihm Scherenschnitte, Zeichnungen und kleine Geschenke.

Über Weihnachten 1985 durfte Giovanni ein paar Tage nach Hause. Ich stand am Küchenfenster, als er vorfuhr. Seine und meine Mutter warnten mich. Giovanni sehe jetzt ganz anders aus. Er sei ganz dünn und habe wegen der Medizin gegen den Krebs keine Haare. Dann stand er da. Vor unserem Haus. Ich sperrte das Fenster auf und winkte. Er winkte schwach zurück. Dieser Bub, das war nicht mein Giovanni. Dieser Bub da unten war ein Schatten seiner selbst. Ein Kind gezeichnet vom Krebs.

Ich stürmte dennoch die Treppe runter, um Giovanni zu fragen, wann wir endlich wieder spielen können. «Vielleicht morgen», sagte er. Es waren die letzten Worte, die Giovanni zu mir sprach. Am nächsten Morgen wurde Giovanni mit dem Krankenwagen abgeholt. Ich stand wieder am Küchenfenster und winkte ihm. Giovanni winkte nicht zurück. Es war das letzte Mal, dass ich meinen besten Freund gesehen habe.

Giovanni schlief am zweiten Weihnachtstag im Kreis seiner Familie friedlich ein. Ich habe ihm einen Abschiedsbrief geschrieben, den ich ihm mit einem Luftballon in den Himmel geschickt habe. Darin stand, dass er sich keine Sorgen machen muss. Ich würde nie jemand anderen heiraten und immer an ihn denken.

Ich habe mein Versprechen gehalten. Mein Freund und ich haben uns gegen eine Hochzeit entschieden. Und als unser Sohn neulich seinen ersten heliumgefüllten Ballon fliegen liess und vor Freude jauchzte, sprach ich aus, was ich immer sage, wenn Ballone zum Himmel fliegen: «Auch wenn ich manchmal hässig bin, weil du so eine grosse Lücke in meinem Leben hinterlassen hast, denke ich mit viel Liebe an dich, mein Giovanni.»

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