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Elternkolumne

Dürfen andere über mein Kind urteilen?

Echt jetzt!? Dürfen andere streng über mein Kind urteilen? Nein! Und ich selbst? Eine Riesenfrage. Kolumnist Mark van Huisseling hat dennoch eine Antwort darauf.

An einem Dezemberabend war ich das +1 einer Aperitif-Einladung bei einer Bekannten, die ich seit Längerem nicht mehr gesehen hatte. Sie hatte Kinder, erinnerte ich mich während der Anreise, ich war damals noch nicht Vater. Weshalb ich ziemlich überrascht war, als plötzlich ein als Samichlaus verkleideter Mann ins Wohnzimmer trat – war heute der 6. Dezember? Natürlich nicht, antwortete der Partner der Gastgeberin, aber es sei sozusagen unmöglich, einen Chlaus am Abend des tatsächlichen Chlausentags zu bekommen – «man müsste wenigstens sechs Monate zuvor gebucht haben».

Wie geschrieben, ich war damals noch kein Vater. Weshalb mir erst in dem Augenblick, als ein Kind nach dem anderen vom Samichlaus zu sich gerufen wurde, auffiel, wie viele Kinder sich in der Wohnung befanden, bestimmt ein halbes Dutzend oder mehr.

Was mich noch mehr überraschte: Bei den Anwesenden handelte es sich um die besterzogenen und liebsten Kinder Zürichs, so sah es aus. «Leo putzt jeden Abend seine Zähne, ohne Widerrede», las der Bärtige von einem Blatt ab, «darum bekommst du ein Säckli, Leo.» Oder: «Lena ist eine Feine, sie stellt ihr leeres Müeslischäli jeden Morgen in die Küche – Bravo, Lena, du hast dein Chlaus-Säckli verdient.»

So ging es weiter: nur Lob, kein Tadel. Worüber ich dann mit dem einen Vater oder der anderen Mutter redete. «Sind eure Kinder wirklich immer nur lieb?» – «Natürlich nicht, Leo führt manchmal, je nach Tagesform, ein Affentheater auf, wenn er Zähne putzen soll» respektive «das kannst du vergessen, Lena muss mit Schokolade bestochen werden, damit sie ihr Schäli verräumt», lernte ich.

Aha, und weshalb die Musterknaben-/mädchen-Darstellung? Worauf mich der eine Vater beziehungsweise die andere Mutter mit diesem Das-kann-bloss-einer-fragen-der-keine-Kinder-hat-Blick anschaute und etwas sagte wie, es sei erziehungstechnisch super falsch und folglich Eltern-Kinder-dynamisch absolut unmöglich, zuzulassen, dass jemand öffentlich streng über den Nachwuchs urteile.

Mittlerweile bin ich seit dreieinhalb Jahren selbst Vater eines Sohns, Jim. Und weiss deshalb ziemlich genau, wovon die Eltern sprachen. Es ist so, schon klar, man will nicht als Papi oder Mami, dass der Chlaus oder sonst wer vor Publikum sagt: «Der Jim, steht in meinem Buch, mag seinem Vater morgens meistens nicht Hallo sagen, von einem freiwilligen, proaktiven ‹Guete Morgä, Papi› gar nicht zu reden.»

Ich bin aber noch zu einer weiteren Einsicht gekommen: Man ist bereits von bescheidenen Leistungen, die der eigene Sohn respektive die Tochter erbringt, sehr angetan. Darum ist es nicht mal geheuchelt, wenn Eltern die Kritzelzeichnung ihres 2½-Jährigen als «wunderschön» oder «Mega-Entwicklungsschritt» beurteilen.

Und nicht bloss, weil die Kraft der DNA oder der Vaterstolz einem die Sinne vernebeln. Sondern weil man gelernt hat, mit wenig zufrieden zu sein – wer hat gesagt, Kinder zu haben sei eine Lektion in Demut? Schliesslich können die Kleinen, zumindest aus der Erwachsenensicht betrachtet, am Lebensanfang noch sozusagen nichts. Weshalb Kinderzeichnungen, ach was -kritzeleien, fast selbstständiges Zähneputzen oder einigermassen kampfloses Schäli-Abräumen echt grosse Ereignisse für Eltern darstellen.

So weit so nachvollziehbar. Was mich dennoch manchmal umtreibt: Bin ich als zu sehr lobender, also unkritischer, Vater einer, der seinem Sohn dabei hilft, Flügel und Selbstvertrauen zu entwickeln? Oder dafür verantwortlich, dass ihn der Realitätscheck, der spätestens im Kindergarten oder der Primarschule stattfindet, umso härter trifft?

Ich neige zu ersterer Sicht. Manchmal auch zu letzterer. Denn, das habe ich ebenfalls gelernt, Kindererziehung ist eine Daueraufgabe. Dabei jeden Tag, in jeder Lage und unabhängig von der Tagesform der einmal beschlossenen Idealvorstellung zu genügen, ist mir bisher nicht gelungen. Genauso wenig wie einen Chlaus für den Abend des 6. Dezembers zu bekommen.

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