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Deville 1

Monatsgespräch

«Ich schaffte im Kindergarten alle Regeln ab»

Dominic Deville liebt die Show – ob als Musiker oder Comedian auf der Bühne, im Fernsehen oder in seinem gelernten Beruf als Kindergärtner. Im Interview spricht er über Punk in der Erziehung, seine Einsichten als Vater und sein Buch «Pogo im Kindergarten».

wir eltern: Herr Deville, als Kindergärtner in einem Dorf standen Sie unter Dauerbeobachtung der Eltern. Heute werden Sie als Nachfolger von «Giacobbo/Müller» und Gesicht von «Deville Late Night» schweizweit erkannt. Was ist anstrengender?

Dominic Deville: Ganz eindeutig: im Dorf. Ich trug die Verantwortung für die Kinder. Da wird genau hingeschaut. Heute bin ich nur verantwortlich dafür, dass die Leute eine lustige halbe Stunde haben. Auch die Begegnungen sind anders: Heute gibts vielleicht ein Selfie mit mir, einen Kommentar zur Sendung. Als Lehrperson kann man sich vornehmen, nie sogenannte Zwischen-Tür-und-Angel-Gespräche auf der Strasse oder in der Bäckerei zu führen – man kann dem nicht entkommen.

Eltern sind dankbar für die Möglichkeit.
Ja, das ist auch ok. Solange es Eltern von einem Kind sind, bei dem es kein drängendes Problem gibt. Aber wenn es Eltern eines Kindes sind, bei dem man genauer hinschauen sollte und man sich ohnehin vorgenommen hatte, die Eltern zum Elternabend im ganz kleinen Kreis einzuladen, sieht es anders aus.

Sie haben Kindergarten-Anekdoten als Komiker in Bühnenprogrammen zum Besten gegeben, jetzt folgt das Buch. Warum gibt der Kindergarten so viel Stoff her?
Das Kindergartenkind durchläuft jeden Tag die gesamte Palette an Emotionen von superaufgestellt über todtraurig bis zu ängstlich – das ist spannend und ergibt unzählige Geschichten. Als Kindergärtner muss man ständig auf ein neues Kind, eine neue Stimmung eingehen, Ad-hoc-Entscheide fällen und sie wieder umstossen – es geschieht so viel!

Für die Anekdoten sorgten Sie auch selbst: Zu Beginn der Berufstätigkeit wollten Sie einen «Punk-Kindergarten» führen. Nach nur einer Woche zogen Sie die Notbremse.
Ich kam frisch von der Ausbildung und übernahm mitten im Schuljahr eine tolle Stelle. Ich schaffte alle Regeln ab und führte das wilde, offene Lernen und Lehren ein, das mir vorschwebte. Ich lernte aber schnell, dass Kinder Freiheiten brauchen, aber in diesem Alter auch unbedingt Grenzen benötigen und schätzen. Innert kürzester Zeit herrschte Chaos. Ende Woche war ich mit meinem Energiehaushalt am Boden. Als mir dann noch sieben Kinder abhauten, ohne dass ich es merkte, musste ich feststellen, dass das so nicht geht und fast ein bisschen ein Regime aufbauen.

Auch aus Selbstschutz.
Ja, auf jeden Fall. Da standen schon Eltern und brachten ihre Kinder zurück in den Kindergarten. Ich musste schnell reagieren.

Schonungslos, lustig und ironisch erzählen Sie im Buch vom Dasein als unerfahrener, junger Kindergärtner mit Vorliebe zu Punk statt Kinderliedern. An ein paar Stellen wird der Ton ernster: Sie beklagen in wenigen Worten den tiefen Lohn und das geringe Ansehen des Berufs. Warum haben Sie dem Thema nicht mehr Platz gegeben?
«Pogo im Kindergarten» soll in erster Linie meine Erlebnisse wiedergeben. Es war mir trotzdem wichtig, das Thema ins Bewusstsein zu rufen. Viele wissen zum Beispiel nicht, dass Kindergärtnerinnen dieselbe Ausbildung haben wie Lehrpersonen auf der Basisstufe – und trotzdem 1000 Franken weniger verdienen im Monat. Zwar mögen die Anwesenheitszeiten minim kürzer sein, dafür ist eine Präsenz von 150 Prozent gefragt, auch während der Pausen.

Waren Lohn und Ansehen für Sie persönlich ein Thema?
Ich selbst hatte nie ein Problem mit dem Lohn– ich habe sowieso nie im Leben etwas gemacht wegen des Lohns. Und fürs Ansehen sorgte ich selbst.

Ein schlechtes Image verpassen Sie den Eltern, die in den Rollen von Störenfrieden und Besserwissern auftauchen. Verderben wir Eltern den Pädagogen die Freude am Beruf?
Jetzt muss ich aufpassen…Nein. Das sicher nicht. Im Buch tauchen Extrembeispiele auf. Ein Grossteil der Eltern ist sehr interessiert am Schulbetrieb und hat auch eine gute Distanz zur Lehrperson.

Heute sind Sie selbst Vater. Ein Störfaktor?
Ich hoffe nicht. Wäre ich heute noch Kindergärtner, würde ich vielen Eltern aber gnadenvoller begegnen. All das, was mich an Eltern dazumal aufgeregt hat, verkörpere ich als Vater nun ebenso. Als Kindergartenlehrperson gerät man total in die Bredouille, wenn jedes Mal mehrere Eltern die Schulreise, den Museumsbesuch, das Schwimm- oder Turnzeug vergessen. Trotz aller Aushänge, Merkzettel, Notizen. Jetzt weiss ich, dass man als Eltern noch viel anderes im Kopf hat. Man liest nicht jeden Brief aus dem Kindergarten ganz genau und trägt sich das in die Agenda ein – so habe ich auch schon mehrmals etwas verpasst. Ich entschuldige mich an dieser Stelle bei den Kindergärtnerinnen meiner Kinder.

Mit 13 haben Sie den Punk entdeckt und mit Genugtuung zur Kenntnis genommen, dass Ihre Eltern nichts anfangen können mit der Musik, dem Schlafen im selbst gebauten Sarg, Ihrer Aufmachung. Wie könnten Ihre Kinder Sie provozieren?
Ich hoffe ja schwer, dass meine Kinder irgendwann bei Musik ankommen, die ich hinten und vorne nicht mehr verstehe. Mein Sohn hört Jack Johnson, was ich gar nicht gutheissen kann, aber es gibt ja noch viel Schlimmeres. Meine Tochter kommt im Musikgeschmack noch mir nach und hört meine Platten. Aber jedes Kind muss gegen die Eltern rebellieren. Deshalb hoffe ich, sie finden etwas. So richtig hat es bei mir im Übrigen mit Punkrock nicht geklappt, meine Mutter war selbst eine halbe Punkerin, mein Vater hatte Platten im Regal, die ich zum Teil gutheissen konnte. Vielleicht haben sie absichtlich so getan, als seien sie geschockt.

Um Extremeres zu verhindern?
Vielleicht. Ich hatte nie grosse Probleme mit meinen Eltern oder trug grosse Revoluzzer-Gedanken mit mir herum. Erst als ich 23 war, begannen ihre Probleme mit mir. Ich war im Ausland, total abgebrannt, verunfallte schwer...

Beim Stage-Diving als Musiker haben Sie sich schwer verletzt, später fügten Sie sich als Komiker mit einer Motorsäge auf der Bühne eine gravierende Wunde zu. Für eine gute Show gehen Sie sehr weit, manchmal zu weit. Machten Sie auch im Kindergarten Show?
Definitiv. Meine Themen gingen in eine andere Richtung als das übliche Bäume-Blumen-Schnecken: Geisterschlösser, Labyrinthe, wilde Tiere, Märchen. Ich bin überzeugt, dass es nicht so eine grosse Rolle spielt, welches Thema man mit Kindern behandelt, solange man nur selbst Lust darauf hat. Ein Kind merkt, wenn man sich zwingen muss, und dann kommt es meist nicht so gut.

Zwingen wollten Sie sich auch nicht, Bastelarbeiten herzustellen, die Sie doof finden. Mussten Sie Abstriche machen?
Durch hartes Lernen am Objekt und an der Kinderklasse musste ich viele Träume begraben. Ein Punkt war das Zeitmanagement. Es ist etwas anderes, ob man selbst etwas herstellt, oder ob man es mit 25 Kindern machen will. Am Schluss ist der Kindergärtner immer derjenige, der am Abend noch alles fertig basteln muss, damit die Kinder es am nächsten Morgen mit nach Hause nehmen können. Ich versuchte trotzdem immer, Sachen zu machen, die ein bisschen speziell sind oder bei denen die Eltern sagten, das ist typisch Deville.

Untypisch war, dass Sie als Mann den Beruf Kindergärtner ergriffen haben. Typisch hingegen, dass Sie wieder ausgestiegen sind. Wieso?
Immerhin habe ich Ende 1990er-Jahre drei, vier Jahre vollberuflich auf diesem Beruf gearbeitet. Dann bin ich nach Berlin gegangen, eigentlich nur für ein paar Monate. Ich liess den Kindergarten komplett eingerichtet zurück und kam dann einfach nicht mehr wieder. Etwas, was ich bis heute bereue, denn in diesem Kindergarten steckte mein halbes Kinderzimmer drin. Das war alles weg, als ich nach drei Jahren zurückkam. Ich lasse mich durchs Leben treiben. Wenn eine Türe aufgeht und etwas Spannendes dahinter auf mich wartet, springe ich da rein.

Ich habe nie im Leben etwas gemacht wegen des Lohns.

Arbeiteten Sie zurück in der Schweiz wieder im Kindergarten?
Ich musste mich zuerst fangen. Ich war komplett zerstört und verschuldet nach meinem schweren Unfall, lebte von Sozialhilfe, musste bei den Eltern einziehen. Als erstes machte ich, was ich am besten kann: Ich gründete eine Band, stand auf eine Bühne, machte auf mich aufmerksam, führte dann einen Spieleladen, gründete eine Eventagentur, schrieb Kolumnen, zwischendurch habe ich in Kindergärten Stellvertretungen gegeben. Dann wurde ich Vater, ich musste eine feste Basis haben, zog nach Zürich und nahm in Schlieren eine Stelle als Kindergärtner an. Gleichzeitig führte ich meine Show-Sachen weiter. Diese wurden immer erfolgreicher, und ich stellte das Engagement als Kindergärtner immer mehr zurück – auch um Zeit für meine Kinder zu haben.

Wie viel Punk steckt in Ihrer Haltung als Vater?
Das ganze Punk-Thema bezieht sich bei mir auf ein paar Säulen, etwa: «Einfach mal machen und schauen, wie es kommt.» Oder: «Grundsätzlich ist alles möglich.» Das versuche ich den Kindern zu vermitteln.

Wie zum Beispiel?
Wenn mein Sohn für seine Geburtstagsparty eine grosse Geisterbahn bauen will, sage ich nicht von vornherein, dass es nicht geht, sondern versuche, ihn zu unterstützen. Oder wenn ein Kind nach Hause kommt und traurig ist, weil es etwas nicht konnte, versuchen wir das gemeinsam zu lösen oder etwas anderes zu finden, das das Kind kann. Solche Begabungen haben wir bei beiden Kindern gefunden und fördern diese.

Sie und Ihre Partnerin sind beide freischaffend. Wie lösen Sie Vereinbarkeitsprobleme?
Wir haben immer versucht, einander gegenseitig die Träume zu erfüllen. Wir können nicht weiter planen als ein paar Monate. Heute aufgrund der «Deville»-Show, früher weil das Geld nicht gereicht hat. Irgendwie funktioniert es. Wir verzichten auf vieles, was andere haben. Wir sind keine Sparer. Wenn Geld reinkommt, versuchen wir, es schnell wieder loszuwerden, indem wir sofort reisen und nicht erst, wenn wir alt und greise sind. Wir nehmen die Kinder aus der Schule und verbringen jedes Jahr mehrere Monate an einem anderen Ort.

Da sind Sie auf ein gutes Einvernehmen mit der Schulleitung angewiesen…
Das klappt relativ gut.

Sie bezeichnen sich als analogen Menschen. Kennen Sie Konflikte wegen Bildschirmzeit?
Ich hatte noch nie ein Smartphone und sitze deshalb zu Hause am Computer, häufig auch zwischendurch. Es fällt mir schwer, ganz klar Zeiten zu definieren für die Computerarbeit. Ich fördere das Thema digitale Medien nicht gross, bin auch kein Befürworter davon, dass Kinder schon im Kindergarten im Rahmen des Unterrichts mit Laptops in Berührung kommen sollen. Mein Sohn ist null interessiert an Handys oder Computern, er schaut vielleicht mal einen Zeichentrickfilm oder hört ein Hörspiel.

Und Ihre bald sechsjährige Tochter?
Wenn meine Freundin ihr Handy nicht findet, ist meine Tochter irgendwo versteckt hinter der Türe, in ihrem Zelt oder unter der Bettdecke und macht Mini-Games auf dem Handy, hört was oder fotografiert wild im Zeug herum.

Hat das Schreiben Ihres Buchs Sie vom Kindergärtner-Dasein befreit?
Mir ist wichtig, dass die Leute nicht das Gefühl haben, ich sei ein gefrusteter Kindergärtner. Ich habe das Kindergartenthema immer als unterhaltendes Element gesucht und verwendet – auf der Bühne wie im Buch. Der Schreibprozess war sehr anstrengend. Gerade weil ich ein Typ bin, der nicht zurückschaut, musste ich viele Erinnerungen wachrufen. Das war hochinteressant. Mit dem Buch ist das Thema für mich abgeschlossen.

Es wirkt nicht gefrustet, im Gegenteil. Gegen Ende des Buchs liest es sich wie eine Liebeserklärung an den Beruf und an die Kinder.
Es ist ein wahnsinnig toller Beruf, und ich fände es jämmerlich schade, wenn jemand davon abgehalten würde, ihn zu ergreifen, weil er nicht genug verdient oder nicht so viele Aufstiegschancen sieht. Der Beruf gibt einem wahnsinnig viel, man kann sich ausleben. Es ist eine tolle Möglichkeit, wenn man ein kreativer Mensch ist. Und wenn man kein kreativer Mensch ist, wird man schnell zu einem.

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