Menü

Alternative Lebensformen Teil 7: Die Kirschblütengemeinschaft

Beziehungen umgraben

5 Personen arbeiten auf einem Feld

Anders zu leben braucht manchmal ganz schön Mut. Gerade wenn es darum geht, Paarbeziehungen offen zu gestalten und die «Kernfamilie» zu sprengen. Die Kirschblütengemeinschaft im solothurnischen Lüsslingen-Nennigkofen erntet damit nicht nur Verständnis.

Was entspricht einem normalen Familienleben? Was gehört sich – und was nicht? Meine Eltern etwa finden es unverständlich, dass ich mit meinen Kindern in der Stadt lebe statt in einem Einfamilienhäuschen auf dem Land. «Kinder gehören in die Natur», höre ich jeweils. Gewisse Städter wiederum sind der Ansicht, ich lebe in einem «bünzligen» Familienquartier – ohne Multikulti-Chic. Es gibt Leute, die nehmen Anstoss daran, wenn ich anstelle eines Feierabendbierchens zu trinken, einen Joint rauche. Und manche können es so gar nicht verstehen, wenn wir nachts nach dem Besuch bei Freunden noch mit dem Baby im Bus nach Hause fahren. Das gehört sich nicht, ist schlecht fürs Kind. Solche Urteile sind schnell zur Hand. In der Regel sind sie mir aber schnurzegal. Wenn ich allerdings, wegen meiner Art zu leben, den Job verlieren würde, wäre das anders. Darüber denke ich nach, als Felder und Wiesen an mir vorüberziehen, irgendwo im Aargau. Ich werde im solothurnischen Lüsslingen- Nennigkofen aus dem Auto steigen, wo die Menschen der Kirschblütengemeinschaft ihr Zuhause gefunden haben. «Nach den letzten Berichterstattungen über uns im Fernsehen und in diversen Regionalzeitungen haben wieder zwei Leute ihren Job verloren, » sagt mir Veronika ein paar Wochen zuvor am Telefon. Und fügt hinzu: «Wir werden gemobbt, als Sekte beschimpft!» Was ist es, das diese rund 90 Männer und Frauen, die mit ihren 90 Kindern in dieser Gemeinschaft leben, an den Rand unserer Gesellschaft drängt?

Aus Brachland wird Neues

Bereits eingangs Dorf wird klar, dass hier etwas anders ist. Denn nicht wie gewöhnlich auf dem Land an einem Samstagmorgen – wo die Leute vor ihren Häuschen damit beschäftigt sind, die Hecken zu schneiden oder den Rasen zu mähen, und die Strassen tornadomässig leergefegt wirken, herrscht hier reger Betrieb. Auf einem grossen Acker wuseln zwei Dutzend Frauen, Männer und Kinder in Gummistiefeln umher, zupfen Unkraut, versenken Setzlinge in der Erde oder Stangen für die Bohnen auf dem Feld. Ab und zu hört man ein «Hey, schon lang nicht mehr gesehen!» oder ein «Ist dein Kleiner wieder gesund?». Und hier und da findet sich ein kleines Grüppchen zusammen, das über die diesjährige Anordnung der Gemüsesorten diskutiert: Wo sollen die Rüebli schon wieder gepflanzt werden? Wann ist der Mangold bereit zur Ernte? Ganz so, wie man es von den städtischen Kleinparzellen-Gärten der Urban-Gardeners kennt. Allerdings handelt es sich hier um einen professionell organisierten Betrieb, in welches jedes Genossenschafts-Mitglied laut Statuten mindestens zwölf Arbeitsstunden jährlich investieren muss. Doch diese Menschen verbindet mehr als ein landwirtschaftliches Bestreben, gesunde Biokost auf die Teller ihrer Familien zu bringen. Sie sind vor allem Verbündete im Geiste. Versuchen gesellschaftliche Normen hinter sich zu lassen und neue Beziehungsformen zu leben. Üben sich in einer befreiten Sexualität und stellen sich die Frage nach dem menschlichen Dasein immer wieder aufs Neue. Die Kirschblütengemeinschaft wurde vor rund 19 Jahren gegründet. Damals versammelte sich eine Gruppe von Menschen um den Arzt und Psychotherapeuten Samuel Widmer, um mit ihm neue Wege zu beschreiten. «Ich wusste schon als Teenie, dass mir ein Leben mit klar definierten Strukturen widerstrebt», sagt Karin, als wir am Esstisch in Veronikas Häuschen Platz nehmen. Veronika – eine Schneidermeisterin und Deutsche, wie im Übrigen rund vierzig Prozent der Kirschblütler – ist vor rund 15 Jahren zur Gemeinschaft gestossen. Nachdem die heute 40-Jährige ein Seminar von Samuel Widmer besucht und an einer psycholytischen Sitzung (Substanz-unterstützte Psychotherapie; Anmerkung der Redaktion) teilgenommen hatte, wusste sie, dass sie in dieser Gemeinschaft leben wollte. «Danach hatte ich unbewusst immer gesucht: grenzenlose Ehrlichkeit und total verantwortete Freiheit.»

Polygamie und Verantwortung

Drogen, freie Liebe, befreite Sexualität – totales Déjàvu! Doch mussten sich nicht gerade die 68er letztendlich eingestehen, dass diese Lebensform in einem grossen emotionalen Chaos endet? «Die Hippies haben das Ganze nicht zu Ende gedacht und keine Verantwortung für ihr Handeln übernommen », entfährt es Peter, einem selbstständigen Informatiker. Der Mittvierziger, im schicken Hemd und mit adrett zurückgekämmten Haaren, ist einer von drei Männern, die an Veronikas Tisch sitzen. Man merkt sofort, dass er nicht zum ersten Mal über dieses Thema nachdenkt und fügt an: «Ohne Verantwortung gibt es auch keine Freiheit.» Die Runde besteht aus drei Paaren, die nickend zustimmen. Das Setting erinnert an ein WG-Essen, bei dem übers Leben philosophiert wird. «Es ist doch so», meint Jean-Pierre, «die Eifersucht ist wie ein Curry – es besteht aus verschiedenen Gewürzen. Die Eifersucht ist deshalb immer eine Summe aus diversen Ängsten.» – «Mitunter ist die Verlustangst wohl die Grösste», sagt seine Frau Karin. «Genau, aber das muss man auch erkennen », sagt Peter und fährt fort: « Meine Frau Ulrike ist vor ein paar Wochen nach Hause gekommen und hat gemeint, dass sie sich nun einen zweiten Mann nehmen würde. Ich habe vorerst ziemlich entspannt reagiert. Nach ein paar Tagen jedoch fühlte ich mich genervt und depressiv und musste mir schliesslich eingestehen, dass ich Angst habe – so richtig Schiss, die Ulrike zu verlieren. Eine bedrohliche Situation, klar, aber würde ich mich besser fühlen, wenn meine Frau einen heimlichen Liebhaber hätte, ich es herausfände und wir uns nur noch beschimpfen würden und uns letztlich vielleicht gar trennten? Wohl kaum.» – «Solche Gefühle muss man nehmen», sagt Ulrike, die seit der Gründungszeit bei den Kirschblütlern dabei ist. Und mit «nehmen» meint sie: das Gefühl nicht ausleben, es verstehen, bis es sich auflöst. Oder so.

Erwachsene entscheiden sich für eine Lebensform. Kinder nicht.

Die Bewährungsprobe

«Das zu begreifen, ist ein Prozess» meint Veronika, während ihr dreijähriger Sohn Silas auf den Schoss klettert. «Und dieser Prozess ist unter Umständen emotional extrem hart und kann Jahre dauern.» Das wird sie später an diesem Tag noch unter Beweis stellen. Dann nämlich, wenn eine neue Liebe ihres Mannes ihr Haus betreten wird, extra angereist aus einem anderen Kanton, um zum ersten Mal unter ihrem Dach zu übernachten. Nach einem gemeinsamen Nachtessen wird Kaspar sich mit der neuen Frau ins Gästezimmer des Kellergeschosses zurückziehen. Eine Freundin aus der Gemeinschaft wird kommen, um Veronika für ein paar Stunden Beistand zu leisten. Die Kinder haben Hunger. Nach Silas streifen plötzlich auch andere Kleine um den Erwachsenentisch, die Eltern geben ihnen Dörrfrüchte und streichen Butterbrote. Jeder darf sich aus dem Kühlschrank nehmen, wonach ihm gerade ist. Auch jene, die hier nicht zu Hause sind. Erwachsene entscheiden sich für eine Ideologie, pardon, Lebensform. Kinder nicht. Können diese überhaupt so was wie eine offene Paarbeziehung ihrer Eltern nachvollziehen? «Kinder sind diesbezüglich aufgeschlossener», meint Karin. «Sie kennen unterschiedliche Formen von Liebe.» Für ein Kind sei viel wichtiger, ob es sich aufgehoben fühle und respektiert. Das Leben mit Sohn Timon hat sich für die ehemals Alleinerziehende aus Münster seit ihrer Ankunft in der solothurnischen Landidylle vor rund neun Jahren um hundertachtzig Grad gewendet. «Vorher war ich auf mich alleine gestellt, war oft überfordert. » Bei den Kirschblütlern hingegen weiss die Sekretärin immer, wohin eines ihrer drei Kinder gehen könne, wenn es krank sei und sie trotzdem zur Arbeit müsse. Ausserdem werden in diversen Quartieren der Gemeinschaft Mittagstische der Kirschblütler organisiert. «So koche ich an einem Tag in der Woche für neun Kinder und elf Erwachsene, an den restlichen Tagen darf ich bei den vier anderen Familien das Essen holen und habe dann jeweils den Vormittag für andere Dinge zur Verfügung», sagt Veronika. «Die Kirschblüten-Kinder sind eigentlich überall zu Hause – die Türen stehen offen», sagt Karin, die mittlerweile noch ein Mädchen und einen Jungen mit Mann Jean-Pierre hat. «Damit aber nicht alles aus dem Ruder läuft, werden auch Regeln aufgestellt – wir halten grundsätzlich nicht viel von antiautoritärer Erziehung», fügt sie hinzu. So mussten ein paar Familien einen sogenannten «Fernsehpass» für die Kids einführen, weil die kleinen Schlaumeier ein reges TV-Hopping in diversen Haushalten betrieben. Auch bei den Kirschblütlern hat die Freiheit ihre Grenzen. Dass die Kirschblütengemeinschaft mit ihrer Lebensform im 1010-Seelendorf ebenfalls an Grenzen stösst, liegt auf der Hand. Die Gemeinschaft besitzt zwischen dem Bucheggberg und der friedlich dahinfliessenden Aare rund 34 Häuser, die auf verschiedene Quartiere verteilt sind. Tendenz steigend. Denn viele Kirschblütler haben einen akademischen Hintergrund, gute Jobs und können sich somit Eigentum in der Gemeinde leisten. So schwelt seit Jahren ein Konflikt zwischen den einheimischen Dörflern und den zugezogenen «Andersartigen». Da fragt sich natürlich: Wie viel Andersartigkeit kann sich eine Dorfgemeinschaft grundsätzlich leisten? Ist ein friedliches Miteinander überhaupt möglich? Die Erwachsenenrunde an Veronikas Esstisch ist sich einig: «Mit den meisten im Dorf verstehen wir uns wunderbar», sagt Kaspar. Aber natürlich gebe es sie auch, die anderen. Diejenigen, welche so gar kein Verständnis für alternative Lebensformen haben. Wie der Nachbar zur Rechten: Gegrüsst wird schon lange nicht mehr, stattdessen wurde ein Maschendrahtzaun gezogen und ein Privatschild aufgestellt. Kleine Nachbarschaftsscharmützel? Sicher. Doch dahinter gibt es auch eine organisierte «Kampfzone». So wurde im Herbst vergangenen Jahres die «IG LüNe – üses Dorf» (Interessensgemeinschaft Lüsslingen-Nennigkofen) von den Einheimischen ins Leben gerufen, um der «Übermacht» der Kirschblütler entgegenzutreten. Seither sind die Fronten verhärtet: Es gibt Vandalismus an den Obstbäumen der Kirschblütler, eine Anklage wegen rassistischer Äusserung gegen einen Einheimischen, blockierte Baugesuche, es wurde ein Elternverein für schulische Fragen von Seiten der Kirschblütler ins Leben gerufen, der auf grossen Widerstand der Gemeinde und der Schulleitung stiess.

Epilog

Freiheit im Unfrieden also? Die Erwachsenenrunde in Veronikas Haus siehts gelassen: «Dass unsere Lebensform funktioniert, ist sichtbar – und zieht mit Sicherheit auch Neider nach sich» sagt Peter. Viel schwieriger als diese «Kämpfe» im Dorf sei es ohnehin, die permanente Konfrontation mit sich selber auszuhalten, die sogenannte Selbsterkenntnis. «Gerade wenn man wie ich dazu neigt, bei Schwierigkeiten die Flucht zu ergreifen », sagt Veronika. Und als hätte sie es gespürt, tritt in diesem Moment die «Neue» ihres Mannes in die Stube. Die Umarmung zwischen den beiden Frauen ist lang. Aber nicht unbedingt entspannt.

Statt zu grüssen, wurde ein Maschendrahtzaun errichtet.

Sponsored Content

Auch lesenswert