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Illustration: Ein Junge denkt über Mathe nach, ein Mädchen in Badewanne

Talent

Begabte Kinder sind besonders gut und haben es oft besonders schwer

Gesucht und verhasst, herbei- oder kleingeredet. Unser Verhältnis zu Talenten ist zutiefst zwiespältig. Warum eigentlich? Schliesslich hat jeder eins. Wollen wir hoffen.

Nie war so viel Talent wie heute. Jede Primarschule, die etwas auf sich hält, bietet Tuk-Stunden für «tendenziell unterforderte Kinder» an, Universikum- Kurse oder Schach AGs für die Schlausten. Im Fernsehen vermehren sich Talent-Shows wie Kaninchen im Frühjahr. «The war for talent» hat es seit Ed Michaels' gleichnamigem Bestseller zum geflügelten Wort im Management geschafft. Und zum festen Repertoire eines Abendessens unter bildungsbürgerlichen Eltern gehört, dass irgendwer raunt, man müsse das eigene Kind doch jetzt wirklich mal auf Hochbegabung abklären lassen. «Dieser gemalte Kopffüssler, ich sage euch – so was von expressiv…»


«wir eltern» hat vier talentierte Menschen getroffen:


Begabung hoch und höher, wohin man blickt. Das ist die eine Seite. Die andere sieht so aus: Als der heute 12-jährige Maximilian Janisch vor drei Jahren seine Mathe-Matura bestand und die Medien darüber berichteten, prasselte auf die Innerschweizer Familie im Netz ein massloser Shitstorm ein. «Angeber» hiess es.

«Sorgerechtsentzug» wurde gefordert und gegeifert, dass da krankhaft ehrgeizige Eltern ihrem Jungen «die Kindheit geraubt» hätten. Auch wer sich offen freut, wenn sein Kind einen Musikwettbewerb gewinnt, kalkuliert besser gleich ein, künftig im Ort als «Tigermom» zu gelten. Und ein Schüler mit Amplituden im Zeugnis hört verlässlich die Ermahnung: «Lass jetzt mal das gute Fach und kümmere dich um deine Schwächen.»

Hilfe, Elite!

Ja, wieso eigentlich? Weswegen das zwiespältige Verhältnis zu auffallender Begabung? Begeisterung für einen Roger Federer hier – gelbliche Missgunst dort? Weil wir mit Talenten schlecht umgehen können. Weil wir ein verknorztes Verhältnis dazu haben. Talent und Hochbegabung zeichnen sich dadurch aus, dass sie herausragen, nicht in per Massenanfertigung geschreinerte Schubladen passen und die Extrawurst alltäglicher Bestandteil des Speiseplans ist. Das fasziniert, fordert – und stört. Vielleicht piekt Grösse sogar besonders in einem kleinen Land mit einem «einig Volk von Brüdern», Konkordanzdemokratie und Understatement-Norm. Zwar wird niemand leugnen, dass eine Gesellschaft für die Herausforderungen der Zukunft Talente braucht, Spitzenleute statt Allround-Dilettanten. Aber seien wir ehrlich, irgendwie ist es doof, dass da jemandem mühelos etwas zufällt, während wir selbst uns abrackern und doch nur unkenntlicher Bestandteil der mausigen Masse bleiben. Ungerecht – und bedrohlich.

Seit jeher werden deshalb diejenigen, die ein paar Schäufelchen mehr mitbekommen haben, skeptisch beäugt. Talent rüttelt am Status quo. Willkommen war das selten. Im Mittelalter sorgten die Zünfte dafür, dass keine Bäume in den Himmel wuchsen: Quoten, Zertifikate und Meisterschulen, in denen etwa Bilder verlässlich in exakt dem Stil der speziellen Schule angefertigt wurden, sorgten für Austausch- und Berechenbarkeit. Innovation? Bloss nicht!

Später, in Renaissance und Aufklärung, durfte Genie zwar sein, aber bitte nur in der Kunst. Narrenfreiheit für die Goethes und Schillers, Beethovens und Mozarts. Der Rest solle doch besser hübsch unauffällig bleiben, weit weg von Genie und Wahnsinn. Und im Zuge der 68er gesellte sich zum Talent-Diskurs ein weiteres Pfui-Wort: «Elite». Elitär – um Gottes willen! – das wollte fürwahr niemand sein. Chancengleichheit ja, Begabungsreserven ausschöpfen, Kinder mit Schwächen fördern und integrieren, das alles ja, ja, ja – aber die Besten pushen? Klebt da nicht Drill und konservativ dran? Und ausserdem – geistert durch die Hinterköpfe – müssten doch Kinder, die mit mehr Fähigkeiten als andere gesegnet sind, dann wohl auch genügend davon haben, um nach sich selbst schauen zu können.

Können sie nicht, sollten sie nicht. Denn werden nur Schwächen geliftet und Stärken vernachlässigt, kommt vor allem eines dabei raus: Durchschnitt. Doch Mittelmass als Mass aller Dinge kann die Lösung nicht sein. Getreu dem alten Witz: Gehen drei Statistiker zusammen auf Entenjagd. Der Erste schiesst zwei Meter über die Ente. Der Zweite zwei Meter unter die Ente, jubelt der Dritte: «Genau getroffen.» Oder wie der Wiener Genetik-Professor Markus Hengstschläger in seinem Buch «Die Durchschnittsfalle» provokant sagt: «Der Durchschnitt ist die grösste Gefahr für eine erfolgreiche Zukunft.» Eine Gesellschaft, die Mittelmass zur Tugend erklärt, sei für künftige Probleme nicht gewappnet. Denn um die zu lösen, brauche es die Besten, nicht die Unauffälligsten. Und – so Hengstschläger weiter – da heute keiner weiss, was morgen nützlich wird, können Talente nicht gewichtet werden. «Jeder Mensch ist ein Künstler», behauptete Joseph Beuys. «Jeder Mensch ist talentiert», behauptet Markus Hengstschläger. Vielleicht ist genau das der Kniff, um den Begriff Begabung zu befreien – vom Geruch nach Weihrauch ebenso wie von dem nach Schwefel.

Jede Menge Siegertreppchen

Wenn aus der Norm fallen Norm ist, ist Talent einfach eine tolle Gabe. Kinder können sich dann darüber freuen und Eltern unverkrampft die Neigungen ihres Nachwuchses fördern. Überambitionierter Begabungshysterie wäre die Spitze genommen, weil ja nicht nur einer oben auf diesem Siegertreppchen steht, sondern es zahllose Siegertreppchen samt Besetzung gäbe, jede Menge Elite in unterschiedlichsten Bereichen. Handwerk-Hochleister, Kunst-Genies, Sozial-Talente, Cricket-Cracks oder Sprach-Granaten… Ganz nach der Devise: «Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen». Der Satz ist übrigens von Karl Marx.

Nur – wie spürt man Talent auf? Darf man es bei seinem Kind fördern? Muss man? Welche Rolle spielen Gene, Eltern, Werte? Und was ist allen gemeinsam, die es in der XLAusgabe haben, das Talent? Hochbegabte kommen mit fünf Stunden Nachtruhe aus, kaspern im Unterricht herum, haben viele Probleme, wenig Freunde und brauchen – getreu dem Satz «den seinen gibts der Herr im Schlaf» – nicht zu üben, weil Talent angeboren ist? Klischees und Quatsch. Keine einzige Studie belegt diese Behauptungen. Wahr dagegen ist: Begabung ist eine Mischung aus etwa 50 Prozent genetisch bedingten günstigen Leistungsvoraussetzungen und 50 Prozent Förderung durch die Umwelt – keine Geige, kein Mozart- Wunder – sowie üben, üben, üben.

Faustregel: 10 000 Stunden Training sind notwendig für Spitzenleistungen. Mathe-Talente vor: Bitte ausrechnen, ab wann, wie viel pro Woche geübt werden muss, wenn der altersmässige Leistungspeak, wie etwa bei Eiskunstläuferinnen, bei 18 Jahren liegt.

Wahr ist auch: Es ist gar nicht so leicht, besondere Fähigkeiten zu entdecken. «Ein Talent hat jeder Mensch, nur gehört meist das Licht der Bildung dazu, um es aufzufinden», fand der österreichische Schriftsteller Peter Rosegger. Fähigkeiten ausserhalb des Lichtkegels von Schule, Sportverein und Kulturfertigkeiten haben es deshalb schwer, im Schatten aufgespürt zu werden. Prädestiniert dafür sind die Eltern. Dadurch, dass sie breite Angebote schaffen, genau beobachten, was ihrem Kind Spass macht, welche Beschäftigungen es sich selbstständig sucht und was ihm besonders leicht fällt. Hilfreich ist, dabei im Hinterkopf zu haben, was alle Begabungen auszeichnet:

  • Leidenschaftliche, fast wütende Wissbegierde in dem bevorzugten Bereich
  • Völliges Versinken in der Tätigkeit, die unermüdlich und gerne mit hohem Zeitaufwand betrieben wird. Durchschnittlich 13 Prozent der Wachzeit, etwa zwei Stunden täglich
  • Hang zum Perfektionismus. Will ins Spezialgebiet tief und noch tiefer vordringen
  • Talentierte sind oft eigenwillige Non-Konformisten, die sich ungern unterordnen und mit Mittelmass schlecht anfreunden können
  • Abneigung gegen Routine-Tätigkeiten
  • Intrinsische Motivation. Lob ist wichtig, der Leistungswille aber kommt von innen.
  • Das Kind erkundigt sich eigenständig (nicht die Eltern!) bei Trainer oder Lehrer, was es besser machen könnte.
  • Auffallend schnelle Auffassungsgabe
  • Asynchrone Entwicklung
  • Belastbarkeit, Ehrgeiz, Extra-Engagement
  • Traurigkeit, wenn der Lieblingsbereich nicht den Fähigkeiten entsprechend ausgeübt werden kann.

Und sicher ist: Wenn jeder genau das tun darf, was er am besten kann, haben alle was davon.

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