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Autismus

Autisten verhalten sich nicht konform

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Eltern autistischer Kinder brauchen Geld, Geduld und viel Verständnis von der Umwelt. Jim Wolanin, Geschäftsführer des Vereins «Autismus Deutsche Schweiz», gibt Auskunft über die Krankheit und die Folgen für das Familienleben.

wir eltern: Herr Wolanin, es gibt Zweijährige, die kein Wort sprechen. Was raten Sie Eltern, die glauben, ihr Kind entwickle sich nicht altersgemäss?

Jim Wolanin: Wenn man das Gefühl hat, dass etwas nicht stimmt, sollte man sich an den Kinder- oder Hausarzt wenden. In manchen Fällen stellt sich heraus, dass ein Kind schlecht hört und deswegen teilnahmslos wirkt.

Manchmal wird die Angst der Eltern aber auch zur Gewissheit.

Leider. Wenn die Diagnose Autismus steht, ist es wichtig, dass die Familien umfassend informiert und beraten werden. Niemand kann vorhersagen, wie sich ein Kind entwickelt, aber es besteht Grund zur Hoffnung.

Vorausgesetzt, man hat Zugang zu geeigneten Therapien.

Die Invalidenversicherung übernimmt die Behandlungskosten, wenn erwiesen ist, dass es sich um ein Geburtsgebrechen handelt. Ansonsten stehen die Krankenversicherungen ein. Leider ist der Leistungskatalog jeweils eng. Nicht alle Therapieformen werden bezahlt.

Man muss also unter Umständen tief in die eigene Tasche greifen?

Stimmt. Man braucht aber nicht nur ein gut gefülltes Portemonnaie, sondern auch Kampfgeist und Durchhaltevermögen.

Inwiefern?

Nehmen Sie die schulische Betreuung. In vielen Fällen würde sich eine Integration der autistischen Kinder in Regelkindergärten und -schulen lohnen. Ob das klappt, hängt aber stark von der Einstellung der Gemeinde beziehungsweise der Schulpflege ab.

Was belastet die Familien im Alltag am meisten?

Autistische Kinder verhalten sich oft nicht gesellschaftskonform. Wenn ein Vierjähriger beginnt, sich im Supermarkt auszuziehen, kommen Mama und Papa in Erklärungsnot. Das führt zu Dauerstress.

Ist eine zumindest zeitweise Betreuung in einer Kita realistisch?

Aus Erfahrung wissen wir, dass das sehr schwierig ist. Das Krippenpersonal ist bereits mit der Betreuung der gesunden Kinder ausgelastet. Ein autistisches Kind braucht noch mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung. Selbst, wenn man mit der Kita eine Vereinbarung treffen kann, ergeben sich oftmals weitere Probleme. Autistischen Kindern geht es nicht immer gleichbleibend gut. Es gibt Phasen, da ist an einen Krippenbesuch nicht zu denken. Dann müssen die Eltern die Kleinen zu Hause betreuen. In diesen Momenten kann man nur auf die Flexibilität und das Verständnis des Arbeitgebers hoffen.


Jim Wolanin ist Geschäftsführer des Vereins «Autismus Deutsche Schweiz». Die Geschäftsstelle von «Autismus Deutsche Schweiz» ist eine Anlaufstelle für Selbstbetroffene, Eltern und Fachpersonen sowie Kantone, Gemeinden und sonstige Institutionen und Organisationen aus der Deutschschweiz.

Details finden Sie unter www.autismus.ch.

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