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Mutter herzt Kind

Interview

«Lieben Sie Ihre Kinder im Übermass»

Die Philosophin Barbara Bleisch sagt, was sie von Elternlügen und Willensschwäche in der Erziehung hält – und ob man Kindern trotz Armut in der Welt Weihnachtsgeschenke machen darf.

wir eltern: Frau Bleisch, ausgerechnet im Advent belügen Eltern ihre Kinder ständig. Was halten Sie von Aussagen wie «Der Samichlaus weiss alles über dich» oder «Das Christkind kommt bald»?

Barbara Bleisch: Ich finde das nicht so problematisch. Das sind ja keine Lügen im eigentlichen Sinn, sondern ist Teil unserer Rituale und Kultur. Hinzu kommt, dass Kinder diese Märchen von selbst durchschauen, wenn es für sie an der Zeit ist. Die meisten Kinder erkennen irgendwann, dass das mit dem Samichlaus und dem Christkind nicht so ganz stimmt, etwa, wenn dem Samichlaus der Bart abfällt oder sie mehrere Chläuse auf einmal sehen.

Tischen Sie selbst Ihren Kindern gegenüber gelegentlich eine kleine Lüge auf, etwa um Diskussionen zu vermeiden?

Ich gebe mir Mühe, es nicht zu tun, denn ich finde die Lüge als Erziehungsmassnahme falsch. Grundsätzlich hat ein Kind Anrecht darauf, dass man bezüglich Lügen mit ihm gleich verfährt wie mit einem Erwachsenen.

Oder wie man es auch vom Kind selbst erwartet.

Ja, ein guter Punkt. Man hört immer wieder, man könne Kindern die Wahrheit nicht zumuten. Ein Beispiel: Wenn ein Kind ein Kriegsbild sieht und Fragen dazu stellt, meinen viele, man könne dem Kind die Wahrheit nicht zumuten. Aber zwischen gewisse Dinge nicht erzählen und das Kind anlügen, besteht ein grosser Unterschied. Wer gut zuhört, verpasst den Moment nicht, in dem das Kind aus Selbstschutz nicht weiterfragt. Dann reicht es, zu schweigen; Lügen sind unnötig. In vielen Fällen lügen wir aber, um es nicht dem Kind, sondern uns selbst einfacher zu machen.

Ein Beispiel?

Die Mutter bringt das Kind ins Bett und es fragt: Gell, du bist die ganze Zeit da, wenn ich schlafe? Die Mutter bejaht, dabei plant sie, mit einer Kollegin auszugehen und das Babyphone hinzustellen oder einen Babysitter kommen zu lassen. Das Kind anzulügen, weil man weiss, dass es die Mutter nicht gehen lassen würde, ist definitiv falsch. Wenn das Kind erwacht und die Mutter ist nicht da, erschreckt es sich sehr. Es geht hier also um eine falsche Handlung, die man dem Kind tatsächlich nicht zumuten kann, und die Lüge will dies bloss vertuschen. Das macht die Lüge doppelt perfid.

Manchmal halten Eltern Informationen generell zurück, weil sie sie für nicht zumutbar halten. Sollen sie sagen, dass die kranke Grossmutter bald sterben wird?

Wenn das Kind fragt, hat es ein Anrecht auf die Wahrheit. Die Welt ist manchmal hart für uns alle. Warum gehen wir davon aus, dass Kinder schlechter damit umgehen können? Ich glaube, dass Kinder oft besser mit Schwerem umgehen können als wir Erwachsenen. Wichtig ist bloss, dass wir Red und Antwort stehen, wenn das Kind Fragen hat. Und die Grenzen unserer Erklärungsmacht eingestehen.

Wenn ein Kind fragt, hat es ein Anrecht auf die Wahrheit.

Soll man das todkranke Kind über seinen Gesundheitszustand aufklären?

Ja, unbedingt, und das wird an vielen Spitälern heute auch so praktiziert. Natürlich immer unter Massgabe dessen, was das Kind verstehen kann. Ein Kind über seinen eigenen Gesundheitszustand zu belügen, ist falsch. Seit wann sieht man das so? Schon die Kinderrechtskonvention von 1989 verlangt in Artikel 12 ein Recht auf Beteiligung des Kindes an allen Entscheidungen, die sein Aufwachsen und seine Gesundheit betreffen. Seither beschäftigt man sich verstärkt damit, wie kindliche Selbstbestimmung verstanden werden kann. Philosophiehistorisch gab es immer schon zwei Positionen: Die einen sahen das Kind primär als unfertiges Wesen, dem man helfen muss, ein guter Erwachsener zu werden. Paradigmatisch dafür ist der Entwicklungspsychologe Jean Piaget. Andere wie Jean-Jacques Rousseau sahen die Kindheit als einen wertvollen Zustand an sich und warnten davor, das Kind dauernd zu bevormunden. Ich denke, die richtige Position liegt dazwischen, aber ein bisschen mehr Rousseau stünde uns heute gut an.

Trotzdem treffen Eltern ständig Entscheidungen für ihr Kind, auch solche, die Glauben und Werte betreffen. Stichworte sind Taufe, Beschneidung, vegane Ernährung. Können diese individuellen Entscheide aus Sicht der Ethik problematisch sein?

Ja, das können sie. Aber man darf das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Ich glaube, die Achtung vor der Selbstbestimmung des Kindes ist falsch verstanden, wenn man sagt: Alles, was mit dem Vermitteln von Werthaltungen zu tun hat, ist schon eine Bevormundung, die das Kind zu Unrecht in seiner Freiheit beschneidet. Liebevolle Zuwendung und Erziehung gehen immer einher mit Wertevermittlung. Man kann nicht lieben, ohne Werthaltungen zum Ausdruck zu bringen. Dazu gehören selbstverständlich auch weltanschauliche Belange. Und es können auch religiöse Werte dazu gehören.

Wo wird es problematisch?

Der Philosoph Joel Feinberg hat das kindliche «Recht auf eine offene Zukunft» eingeführt. Das scheint mir eine hilfreiche Leitlinie: Das Kind soll so aufwachsen, dass es sich als Erwachsener auch gegen Weltanschauungen, die ihm mitgegeben wurden, entscheiden kann. Also keine sektenhaften Zustände, die es dem Kind verunmöglichen, sich selber eine Meinung zu bilden. Die körperliche Integrität eines Kindes ist ausserdem stets zu wahren. Erziehung bedeutet, Werte mitzugeben, nicht ein Einschnüren in ein Wertekorsett.

Sie sprechen von der körperlichen Integrität: Lehnen Sie also die Beschneidung ab?

Wenn eine Beschneidung medizinisch nicht indiziert ist, lehne ich sie ab. Bei Mädchen ist dies nie der Fall. Ob ein rechtliches Verbot allerdings der richtige Weg ist, um gefährdete Mädchen zu schützen, ist eine andere Frage. Gegenwärtig aktuell ist auch wieder die Operation von intersexuellen Kindern, die oft kurz nach der Geburt durchgeführt wird, weil die Eltern wünschen, dass das Kind ein eindeutiges Geschlecht hat. Wenn medizinisch kein Notfall vorliegt, soll zugewartet werden, bis das Kind selber entscheiden kann, welche Eingriffe es wünscht.

Als Familienethikerin beschäftigen Sie sich mit allen Fragen des richtigen Handelns im Kontext der Familie. «Richtig handeln», das wollen ja wohl alle liebevollen Eltern. Warum braucht es die Ethik?

Zum einen: Manchmal möchte man richtig handeln, aber man weiss nicht, was das Richtige ist. Erziehungsratgeber können Eltern in vielem unterstützen, aber auch die Philosophie leistet ihren Beitrag. Was heisst beispielsweise, ein Kind zur Autonomie zu erziehen? Wie schützt man die Würde eines Kindes? Zum anderen wissen wir manchmal sehr wohl, was richtig wäre, aber wir sind zu bequem, es zu tun. Wir wissen beispielsweise, dass wir dem Kind Grenzen setzen müssen, aber statt dass wir konsequent bleiben, tischen wir dem Kind Lügen auf. Wir sagen: Wenn du noch mehr Sugus isst, wird dir schlecht und du musst erbrechen. Wir wissen aber genau, dass es sehr wenige Kinder gibt, die erbrechen müssen wegen zu viel Süssem. Trotzdem drohen wir damit.

Warum kommt es soweit?

Willensschwäche zeigen wir in Situationen, in denen wir zwar eigentlich etwas tun wollen, aber zu faul sind, es durchzuziehen. Dabei wissen wir: In der Erziehung sind klare Regeln unumgänglich. Zwei Sugus, fertig. Und dann keine Diskussionen. Die Pädagogik stützt die Idee, dass klare Regeln unumgänglich sind. Die Philosophie liefert einen anderen Grund für klare Regeln: Beziehungen funktionieren nur, wenn es verlässliche Grundsätze gibt, weil Beziehungen auf Vertrauen basieren. Wenn wir Freunde belügen, weil wir zu faul sind für Ehrlichkeit, wird die Freundschaft irgendwann darunter leiden. Warum sollte das in der Familie anders sein?

Wir wissen genau, dass es sehr wenige Kinder gibt, die erbrechen müssen wegen zu viel Süssem. Trotzdem drohen wir damit.

Gibt es aus Sicht der Philosophie Grundsätze, die Eltern in allen Situationen befolgen sollten?

Aus philosophischer Sicht ist es die Aufgabe von Eltern, die Autonomie des Kindes zu befördern, es aber gleichzeitig nicht nur als Mängelwesen zu sehen, das man auf die erfolgreiche Berufskarriere trimmen muss. Die kindliche Selbstbestimmung zu fördern, heisst vor allem: ihm Orientierung zu geben. Zweckrational zu handeln, kann man nur lernen, wenn man versteht, wie die Welt funktioniert. Dazu gehört auch, dass es stabile Regeln gibt und verlässliche Abmachungen. Leere Drohungen oder Falschinformationen hindern das Kind daran, seine Selbstbestimmung zu trainieren. Orientierung ist so etwas wie der kleine Bruder der Autonomie. Zu dieser Orientierung gehört auch, dass man zulässt, dass das Kind Verantwortung übernehmen darf und sich in seinen Werthaltungen entwickeln kann. Man soll dem Kind seinen Geschmack lassen, auch wenn man ihn grässlich findet, und das Kind soll früh Aufgaben übernehmen und sich erleben als eine Person, die etwas erfolgreich ausführen kann. Das Kind erhält so die Möglichkeit, sich zur Autonomie zu entwickeln.

Ist es vertretbar, seinem Kind zu Weihnachten grosszügig materielle Wünsche zu erfüllen, während viele Kinder arm sind und weder Fest noch Geschenke haben werden?

Natürlich darf man Weihnachten feiern und es sich schön machen. Aber wir alle sollten uns interessieren für das, was um uns herum passiert. Grundsätzlich muss man sagen, dass die Gerechtigkeitsfrage das Individuum vor massive Herausforderungen stellt, weil wir uns die Frage stellen müssen, wie wir unseren Lebensstil rechtfertigen können, wenn es anderen an allem mangelt. Doch das Individuum allein kann nicht viel ausrichten, wir können die Welt nur gemeinsam gerechter gestalten. Und darum ist unsere Pflicht meiner Meinung nach in erster Linie eine politische Pflicht: Wir müssen unsere Macht als Bürgerinnen und Bürger dieses Landes, aber auch als Konsumentinnen und Konsumenten ausnutzen, dass die institutionellen Rahmenbedingungen sich dahingehend verändern, dass die Welt gerechter wird. Einzelinitiativen und Spenden sind sicher eine gute Sache und gerade auch für die moralische Erziehung der Kinder hilfreich, die grossen Zusammenhänge verändern wir aber nur, wenn der politische Druck auf Unternehmen und korrupte Regimes wächst.

Wie ist es mit der Gerechtigkeit in nichtmateriellen Zuwendungen? Darf ich meine Kinder zu Hause mit Liebe überschütten, wenn ich weiss, dass viele Eltern und Kinder in der Welt diese Möglichkeit nicht haben.

Sie können Ihre Liebe ja nicht den Kindern auf der Flucht geben. Deshalb: Lieben Sie Ihre Kinder im Übermass. Man kann Kindern nichts Besseres tun. Man kann auch der Welt nichts Besseres tun als stabile Persönlichkeiten in diese Welt zu entlassen in der Hoffnung, sie machten einiges besser, als wir es gemacht haben. Geliebte Kinder sind ausserdem empathiefähiger. Und wir brauchen Generationen, die sich bewegen lassen von den ungerechten Zuständen in dieser Welt. Ich plädiere dafür, Kinder einzubeziehen in Hilfsprojekte. Gemeinsam eine Patenschaft für ein armutsbetroffenes Kind in der Schweiz übernehmen, bei einer Weihnachtsgeschenk-Tausch-Aktion mitmachen oder regelmässig alleinstehende Bewohner eines Altersheims besuchen – die meisten Kinder sind mit Feuereifer dabei und stolz auf das, was sie bewegen können. Und ich bin sicher, das prägt sie fürs Erwachsenenleben.

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