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Monatsgespräch

Friert die Oma nicht im Grab?

Ein toter Vogel in der Hans eines Kindes

«Kinder haben zum Thema Sterben und Tod unglaubliche und ganz praktische Fragen», sagt Dorothea Meili-Lehner. Die Pädagogin und Autorin erklärt, wie man mit Kindern natürlich über den Tod sprechen kann.

wir eltern: «Mama, wo bist du, wenn du tot bist?» Warum stellen Kinder solche Fragen?

Dorothea Meili-Lehner: Weil Kinder engagiert und interessiert sind. Es ist ein völlig natürliches Interesse, genauso wie sie wissen wollen, wo die Milch bei der Kuh rauskommt. Im Alter ab drei bis vier Jahren merken Kinder, dass der Tod endgültig ist. Das kann ihnen Angst machen. Darum wollen sie Antworten.

Was hätten Sie gesagt?

Wichtig ist, auf zwei Ebenen zu antworten, auf der Sachebene, aber gleich danach auf der emotionalen Ebene. Zum Beispiel: «Das weiss man nicht, das weiss niemand so genau.» Und dann: «Aber weisst du, ich will noch lange nicht sterben, ich habe dich so lieb, ich will erleben, wie du gross wirst, wie du heiratest.» Dann ist das Kind schon wenigstens teilweise beruhigt.

«Wie oft muss ich noch schlafen, bis du stirbst?» Bei solchen Kinderfragen können Eltern schon sehr erschrecken.

Das darf man aber nicht als reale Sachfrage sehen. Das Kind drückt damit seine Besorgnis aus, die geliebten Eltern könnten für immer fortgehen.

«Was ist nach dem Tod? Wie fliege ich in den Himmel, wenn ich nicht mehr atmen kann?» Was sagt man dazu?

Das ist herzig (lacht). Dazu muss man klar sagen: «Schatz, das weiss ich nicht. Aber es gibt ganz schöne Geschichten …». Wir können in Bildern erzählen, zum Beispiel die Metamorphose der Raupe, die zum Schmetterling wird und fortfliegt, die vom Stern, der uns vom Himmel zuzwinkert, da kann man doch an den Opa denken. Oder vom Segelschiff, das beim Herausgleiten aufs Meer immer kleiner wird und dann verschwindet, aber immer noch existiert, auch wenn wir es nicht mehr sehen.

Wenn Eltern selber nicht an ein «Danach» glauben, dürfen sie den Kindern sagen, dass nach dem Tod nichts mehr ist?

Nein.

Warum nicht?

Weil wir es nicht wissen. Man darf schon sagen, was man selber glaubt. Aber man muss immer Varianten offen lassen. Es gibt so viele verschiedene Glaubensrichtungen und Ansichten. Wenn ein Kind meint, andere Meinungen oder mystische und spirituelle Dinge seien nichts wert, dann nimmt man ihm was weg, dann «bschisst» man es um seine Fantasie, um Möglichkeiten. Das hat auch mit Erziehung zur Toleranz zu tun.

Also müssen wir tröstliche Geschichten erfinden?

Nein. Wir müssen Kindern Bilder geben, Varianten, Möglichkeiten öffnen, damit sie sich ihre eigenen Überlegungen und Vorstellungen machen können. Wichtig dabei ist, dass wir sagen: «Ich glaube …, ich kann mir gut vorstellen …, ich hoffe …, ich wünsche mir …». Aber niemals: «Ich weiss....». Ein fixer Glaube oder vorgefertigte Ansichten verunmöglichen die Entwicklung eigener Trostvorstellungen, eigener Wahrnehmungen und Hoffnungen.

Darf man auch sagen, dass man es nicht weiss?

Ja. Ich kann mein Unwissen, meine Unsicherheit offen aussprechen. Kinder werden ernst genommen, wenn wir ihnen sagen, dass wir dieselben Fragen haben.

Ich bin dafür, dass man den Tod thematisiert, wenn nichts passiert ist.

Sie haben in Ihrem Beruf als Primarlehrerin das Thema Sterben und Tod zum Unterrichtsthema gemacht. Welche Fragen hatten die Kinder?

Unglaubliche Fragen und vor allem ganz praktische: Wie tief muss man ein Grab graben? Wie lange dauert es, bis ein Mensch verwest ist? Was verbrennt zuerst, die Zähne oder die Fingernägel? «Chlefelet» das künstliche Hüftgelenk in der Urne, wenn der Pfarrer stolpert (lacht)? Wenn ich über Leichenflecken erzählt habe, waren die Kinder fasziniert. Solche Themen interessieren Kinder brennend. Ich bin dafür, dass man den Tod thematisiert, wenn nichts passiert ist. Ich empfehle Eltern, sich entsprechende Kinderbücher anzuschaffen und die mit den Kindern anzuschauen und zu diskutieren. Wie andere Bücher auch.

Wenn ein Kind fragt, ob es auch sterben kann, was kann man sagen, ohne ihm Angst zu machen?

Ich würde sagen: Ja, sicher kannst du sterben, aber weisst du, das wirst du hoffentlich noch lange nicht. Auch hier: Erst eine Sach- dann eine Beziehungsantwort.

Trotzdem: Es gibt Kinder, die haben Angst vor dem Tod.

Kinder haben nicht Angst vor dem eigenen Tod. Sie haben Angst, dass sie ihre Eltern verlieren könnten, also Verlustängste. Das ist völlig normal. Es sind phantasievolle Kinder, die sich den Tod vorstellen können.

Nun ist die Oma gestorben. Tröstet es das Kind, wenn man sagt: «Oma ist eingeschlafen» oder «Sie ist auf einer langen Reise»?

Nein, ja nicht. Das ist lediglich ein Ausdruck davon, wie tabu der Tod in unserer Gesellschaft ist. Kinder bis zur dritten Klasse haben keine Ahnung von übertragbarer Sprache. Man sagt: Die Oma ist gestorben. Punkt. Damit können Kinder was anfangen.

Wie trauern Kinder?

Diese Frage ist falsch gestellt. Kinder bis etwa elf Jahre kennen Trauergefühle, wie wir Erwachsene sie uns vorstellen, faktisch nicht. Was Kinder erleben, nenne ich Lückentrauer. Sie sind traurig, wenn zum Beispiel das Mami fehlt, das fängt meist erst nach ein paar Wochen an. Dann vermissen sie Situationen, Rituale, zum Beispiel die Gutenachtgeschichte, oder das Abschiedsküsschen vor dem Kindergarten. Kinder können bodenlos traurig sein, aber gleich danach wieder rumrennen, spielen und lachen.

Ein Kind, das nicht sichtbar trauert: Das kann das Umfeld befremden.

Das mag sein. Und auf Fragen wie: «Bist du denn überhaupt nicht traurig?» beginnen Kinder, Trauer zu konstruieren, von den Erwachsenen abzuschauen. Das ist ungut. Trauer ist nicht einfach so oder so. Die Trauer der Kinder ist ganz ernst, aber sie können dann auch sofort wieder lachen und glücklich sein.

Hat das nicht auch mit Verdrängung zu tun?

Nein. Überhaupt nicht. Kinder sind Gegenwartsmenschen, das ist wunderbar, das ist ein Geschenk. Und wenn jemand anderer die Rituale übernimmt, die fehlen, weil die Mutter gestorben ist, dann stimmt das für das Kind auch wieder. Das klingt hart, ich weiss. Aber es ist so.

Kinder geben sich manchmal die Schuld am Tod eines Angehörigen. Was ist jetzt wichtig?

In der magischen Phase, zwischen drei und fünf Jahren, bringen Kinder Sachen miteinander in Beziehung, die gar nicht sind. Zum Beispiel denken sie, dass der Papa gestorben ist, weil sie eine freche Antwort gegeben haben. Man kann präventiv, oder dann, wenn man es merkt, sec die Todesursache schildern und sagen: «Wir sind traurig, dass der Papa gestorben ist, aber wir können nichts dafür.»

Eine Frau verliert während der Schwangerschaft ihr Baby. Soll man dem älteren Kind sagen, dass das Baby krank war?

Ich würde am besten nur wenig sagen. Ein Kind trauert kaum um ein Ungeborenes, das ist zu abstrakt. Traurig ist es, weil es die Trauer der Mutter spürt. Fragt es nach, kann man ganz sachlich sagen, das Baby ist nicht gut gewachsen. Punkt. Stirbt ein älteres Geschwister, muss man Fachleute beiziehen. Denn Geschwistertod ist immer eine Katastrophe für ein Kind, ist oft tragischer als ein Elterntod, weil die Trauer der Eltern das ganze Leben des Kindes durcheinanderbringt.

Soll auch schon ein vierjähriges Kind Tote nochmal sehen dürfen, sie anfassen?

Ja, wenn es das will. Man muss es aber darauf vorbereiten: «Die Oma sieht nicht mehr so aus wie vorher, gell, die Haut ist ganz kalt, das Gesicht bleich. Und damit der Mund nicht aufklappt, wurde ihr eine Binde um das Kinn gebunden.» Dem Kind macht das nichts aus, dem schadets nicht. Es sollte jedoch eine Begleitperson ausgewählt werden, die das aushält, die nicht von Emotionen durchgeschüttelt wird. Es sollte so natürlich wie möglich sein.

Kann eine solche Begegnung tröstlich sein?

Nein. Kinder in diesem Alter brauchen keinen Trost, sondern Liebe.

Und wie ist es mit Beerdigungen? Soll man ein Kind mitnehmen?

Ja, wenn es will. Doch auch hier muss man das Kind vorbereiten, dass es furchtbar lange dauern kann, dass es vielleicht langweilig sein wird. Beerdigungen sind nicht nötig, finde ich. Aber es spielt keine Rolle.

Wenn ein Angehöriger kremiert wird, wie sagt man das dem Kind?

Grundsätzlich soll man jüngeren Kindern vom Begraben erzählen. Vor Feuer haben sie Angst. Eines der ersten zehn Worte, die Kinder hören, ist: Achtung, heiss! In unserer Kultur ist Feuer negativ behaftet. Älteren Kindern kann man schon erklären, dass der Opa verbrannt wird, dass es aber nur das Erdenkleid ist, das verbrennt. Die Seele ist schon vorher rausgeschlüpft.

Das Erdenkleid? Was ist das?

Für Fragen wie: «Friert die Oma nicht im Grab?» oder: «Tut das Feuer dem Opa nicht weh?» habe ich die Geschichte vom Erdenkleid geschrieben: Jeder Mensch trägt ein Erdenkleid, das bereits im Bauch der Mutter mitwächst, das sich dann verändert, grösser wird und später älter. Das Erdenkleid trägt man sein ganzes Leben lang. Es schützt und wärmt das, was den Menschen so besonders macht: sein Lachen und Weinen, sein Fröhlich- und Traurigsein, sein Denken, Fühlen, Hoffen, sein Wütend- und Zufriedensein. Dieses Besondere im Menschen ist die Seele. Beim Tod schlüpft die Seele aus dem Erdenkleid und das Kleid liegt nun da, spürt gar nichts mehr – keine Angst, keinen Hunger, keine Kälte und keine Hitze. Das Erdenkleid ist wie die Jeans, die man trägt. Und das kann man jetzt vergraben oder verbrennen. Das braucht niemand mehr.

«Und wo ist die Seele?» werden Kinder dann fragen.

Genau. Und dann kann man wieder erzählen, was man denkt, glaubt, annimmt, sich wünscht oder vermutet.

Kinder können bodenlos traurig sein, aber gleich danach wieder rumrennen.


Dorothea Meili-Lehner (75) ist ehemalige Primarlehrerin, Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Zürich und Leiterin des ehemaligen Primarlehrer/ innenseminars Zürich. Die Autorin und Religionspädagogin referiert zu Themen wie Erziehungsfragen, insbesondere Sexualerziehung, Gewaltprävention und Tabuthemen wie Kind und Tod. Sie ist heute vor allem in der Lehrpersonen-, Eltern und Erwachsenenbildung sowie als Coach von Schulleitungen, Schulteams und Lehrpersonen tätig.

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