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Titeuf: «Das Schlimmste für ein Kind ist es, seit 23 Jahren Comic- Held zu sein und doch kein einziges Schnurrbart-Haar zu haben.»

Interview

«Wichtig ist, seine eigene Lächerlichkeit zu sehen»

Seine berühmteste Figur ist Titeuf. Doch in neueren Arbeiten nimmt der Genfer Comic-Zeichner Zep auch Eltern auf die Schippe. Mit «wir eltern» spricht er über Vaterschaft, die Macht von Comics und verrät, warum seine Figuren alle ein bisschen dämlich sind.

wir eltern: Zep, können Sie jemandem mit gutem Gewissen empfehlen, Kinder zu bekommen?

Zep: Mit gutem Gewissen? Ich weiss nicht (lacht). Alles in allem ist es leichter, Comics zu verkaufen, als Kinder zu haben. Für eine Woche geht vielleicht alles gut, dann kommt aber immer wieder ein neues Problem. Und du musst jedes Mal neue Wege finden, sie für etwas zu interessieren, sie zu disziplinieren, sie zum Lernen zu animieren. Das bedeutet auch, dass du dich für ihre Welt interessierst, versuchst, aktuell zu bleiben, zu verstehen. Das Gemeine daran: Jung bleibst du dadurch nicht.

Ziemlich ernüchternd.

Ich sehe es als intellektuelle Gymnastik, die mir hilft, erfinderisch zu bleiben. Oft muss man ja erraten, was mit den Kindern los ist. Sie sind intuitiv, wissen, worauf sie Lust haben, aber nicht warum. Du musst ständig eine Sprache decodieren, die du nicht mehr sprichst.

Liefert Ihnen das Motive für Ihre Comics?

Nur manchmal. Wenn ich Geschichten für Titeuf zeichne, dann bin ich Titeuf. Dann denke und schreibe ich selbst wie ein Kind. Wenn ich mich um meine Kinder kümmere, kann ich mich nicht wie Titeuf benehmen, ich muss solide sein und disziplinarisch, ein Erwachsener eben. Auch wenn sie es mögen, dass ich ab und zu den Clown spiele, meine Kinder brauchen mich als Papa.

Finden Ihre Kinder spannend, was Sie machen?

Lustigerweise sind jene Kinder, die sich am wenigsten dafür interessieren, was ich mache, meine eigenen. Für sie ist es das Banalste der Welt, einen Vater zu haben, der Comics zeichnet. Sie haben auch keine Lust, selbst Comics zu zeichnen: Das ist lahm. Aber meine Kinder müssen ja keine Fans von mir sein.

Es ist leichter, Comics zu verkaufen, als Kinder zu haben.

Zep

Hier zeichnet Zep exklusiv für «wir eltern» den ersten Comic.

Sind sie dennoch stolz, einen berühmten Papa zu haben?

Sie sind wie alle Kinder: Wenn sich die Eltern wie Alte benehmen, schämen sie sich. Wenn diese etwas Heroisches tun, sind sie stolz. Wobei es meinen Kindern mehr imponiert, wenn ich ihnen Crêpes mache, als wenn ich eine Million Bücher verkaufe.

Wie gewährleisten Sie, dass sie nicht zu verwöhnten Gören werden?

Ich glaube, meine Kinder wissen, dass sie Glück haben. Sie wissen, dass sie privilegiert sind, in diesem grossen Haus zu wohnen. Und wir stellen klar, dass es nicht alles einfach so gibt. Kein Mofa, keine Playstation – bloss, weil wir es uns leisten können. Das hat mit meiner Einstellung zu tun. Zum Beispiel habe ich mir 10 Jahre lang gewünscht, eine gewisse Gitarre zu besitzen. Bis mir meine Frau sagte: Warum kaufst du sie dir nicht einfach? Wenn du etwas wirklich willst, dann kannst du auch darauf warten. Das ist sogar etwas Schönes. Steht meine Tochter vor dem Schaufenster und sagt «ich träume davon, das zu haben», antworte ich «na, das ist doch super!» und gehe weiter. Sie findet das natürlich die dümmste Antwort überhaupt.

Und dann sind Sie ja auch noch Vater von Titeuf, der berühmten Comic-Figur, die seit 23 Jahren ungefähr 10 ist.

Ja, oft spricht man von mir als Papa von Titeuf. Das ist speziell beim Comic. Joanne K. Rowling ist die Autorin von Harry Potter, aber René Goscinny ist der Vater von Asterix. Als mein grösster Sohn noch mein einziges Kind war, war es schwer für ihn, mich mit einem fiktiven Charakter teilen zu müssen. Das hat er ihm wohl verübelt und deswegen bis er 17 war, keinen einzigen Titeuf-Band gelesen.

Und was ist das Schlimmste für die Erwachsenen, Zep? «Ich wollte meine Kinderseele bewahren, stattdessen habe ich meinen Schlüpfer aus der Kindheit.»

Und was ist das Schlimmste für die Erwachsenen, Zep? «Ich wollte meine Kinderseele bewahren, stattdessen habe ich meinen Schlüpfer aus der Kindheit.»

Haben Sie die Geschichten, die Sie für Titeuf schreiben, selbst erlebt?

Vieles ist konstruiert, ich habe ein Thema im Kopf und gehe es an wie ein 10-Jähriger. Will ich Pädophilie thematisierten, erkläre ich es nicht, sondern denke mir Quatsch darüber aus. Kinder sind deshalb ja auch verwirrt: «Wie? Pädophil heisst, wenn Erwachsene Kinder berühren? Dann ist der Doktor pädophil?» Häufig haben sie vor jenen Dingen keine Angst, vor denen sie Angst haben sollten. Nehme ich das auf, gebe ich die Gelegenheit, darüber zu reden. Das wird die Pädophilie nicht stoppen, aber wenigstens tauschen sich Eltern und Kinder so aus.

Wie haben Sie diese kindliche Sichtweise erhalten, um Titeuf glaubwürdig zu machen?

Das hat weniger mit mir als mit der Magie der Figur zu tun. Titeuf ist in seiner Rolle total glaubwürdig. Als ich angefangen habe, Titeuf zu zeichnen, habe ich mich daran erinnert, wie es in meinem Kinderzimmer gerochen hat. Oder daran, wie ich Angst hatte, zur Schule zu gehen. Das war ein magischer Moment. Und hat dazu geführt, dass man mir Titeuf sofort abgenommen hat. Die Figur ist wahrhaftig. Es ist, als würde man sie schon seit ewig kennen.

Ist darum Titeuf populärer als andere Figuren von Ihnen wie etwa die Superhelden-Persiflage Captain Biceps?

Captain Biceps ist eine Parodie, sie amüsiert vor allem jene, die mit Superhelden aufgewachsen sind. Titeuf hingegen ist echt. Er existiert, ohne zu existieren. Ein Beispiel: Im September 2015 habe ich eine Seite über die Flüchtlingsproblematik gezeichnet. Titeuf findet sich darin im Krieg wieder und muss fliehen. Das hat enorm viele Reaktionen ausgelöst. Leute, nicht nur Fans, schrieben mir, sie hätten geweint. Die Geschichte wurde millionenfach geteilt. Hätte ich das mit Captain Biceps gemacht, hätte das niemanden berührt.

Titeuf ist echt. Er existiert, ohne zu existieren.

Kann man denn mit Comics für den Frieden kämpfen?

Für mich können Comics alles: Man kann jemandem via Comic sagen, dass man ihn liebt. Kann vom Tod sprechen, auf Reisen schicken, Angst machen, gegen Ungerechtigkeit ankämpfen. Dass meine Zeichnung von Titeuf als Flüchtling manche Leute mehr berührt, als wenn sie die Nachrichten über Syrien im Fernsehen sehen, zeigt, wie mächtig das Medium Comic sein kann.

In Ihren «Happy Parents»-Bänden nehmen Sie den Alltag der Eltern auf die Schippe. Die Quintessenz: Wir sind glücklicher, wenn wir alles mit Humor nehmen. Schaffen Sie das?

Wenn ich zeichne ja. Aber sonst nicht. Natürlich ärgere auch ich mich und werde manchmal wütend. Wichtig ist dabei jedoch, seine eigene Lächerlichkeit zu sehen und darüber lachen zu können. Manchmal schafft man das erst Stunden oder Tage danach. Manche können sogar nie über sich selbst lachen. Dabei ist das ganze Leben eine Art Scherz: Man bewegt sich ein paar Jahre, stirbt und es bleibt nichts zurück. Es macht das Leben lebenswerter und einfacher, wenn wir die Komik in den Dingen finden.

Soll «Happy Parents» auch Ratgeber sein?

Nein, ich habe nie einen pädagogischen Ansatz. Ich zeige Situationen, in denen Eltern lächerlich sind. Und hoffe, dass die Leute darüber lachen und es mit Selbstironie nehmen können, sollten sie selbst einmal in eine solche Situation kommen. Ich mache Comics, um die Welt etwas weniger feindselig zu machen. Weil Humor die Welt weniger feindselig macht. Aber ich beantworte keine Fragen.

Ich mache Comics, um die Welt etwas weniger feindselig zu machen.

Annahme: Um als Erwachsener glücklich zu sein, muss man das Kind in sich bewahren.

Sagen wir so: Wir dürfen das Kind in uns nicht vergessen. Manchmal haben wir Erwachsenen das Gefühl, wir wüssten alles. Die frische Sicht eines Kindes geht uns ab. Wenn Kinder einen Bettler sehen, fragen sie: Warum ist der Mann auf der Strasse? Wir denken dann, wir hätten die Antwort darauf – etwa «wegen der Konjunktur» –, aber eigentlich wissen wir nicht viel mehr als sie. Schlimmer noch: Wir fragen nicht mehr.

Muss Kindheit schmerzhaft sein?

Nein. Aber es braucht den Schmerz, um eine lustige Geschichte zu erzählen. Wenn ich erzähle, dass Titeuf in der Schule eine gute Note geschrieben hat und nach Hause geht, ist das keine besonders gute Geschichte. Titeuf muss in delikate Situationen geraten. Und deswegen lachen wir auch, denn das ist unsere Methode, die Tragödie zu überwinden.

Die Konsequenz davon ist, dass in Ihren Comics alle ziemlich dämlich sind.

Wir sind doch alle ein bisschen blöd. Wir neigen dazu, uns selbst zu viel Gewicht zu geben. Ich kann sehr seriös sein. Und mache vor allem meine Arbeit sehr ernsthaft. Aber ich nehme mich selbst nicht zu ernst. Das ist ein wichtiger Unterschied: Wenn ich operiert werde, möchte ich, dass der Chirurg die Sache ernst nimmt. Aber er soll sich nicht zu viel darauf einbilden, dass er Chirurg ist.

Warum gibt es weniger Mädchen, die Comics mögen?

In Frankreich trifft das nicht zu. Da lesen gleich viele Mädchen Comics wie Buben. Im deutschsprachigen Raum sind wir noch nicht so weit. Es ist sicher nichts Geschlechtsspezifisches: Alle Kinder erzählen Geschichten zuerst in Bildern, erst später in Worten.


Hier zeichnet Zep exklusiv für «wir eltern» den zweiten Comic.

Inwiefern sind Superhelden wichtig für Jungs?

Superhelden sind eine Metapher für das Heranwachsen. Während die Mädchen in der Pubertät weicher und schöner werden, machen die Jungen eine ganz andere Veränderung durch. Die Haut rebelliert, die Stimme bricht, sie haben Samenergüsse, kriegen Muskeln – sie werden zu jemand anderem. Das kann schon beängstigend sein. Ähnliches passierte Peter Parker, als er zum Spider-Man mutierte. Oder Bruce Banner, wenn er sich in den Hulk verwandelt. Das ist doch tröstend und bestätigend.

Sind Kinder lustig?

Nein, nicht unbedingt. Sie sind lustig, ohne es zu wollen, weil sie zum Beispiel Dinge machen, die deplatziert sind. Wenn sie lustig sein wollen, sind sie es meistens nicht.

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