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Alter Vater mit Kind

Gesellschaft

Späte Kinder

Der Trend zu später Elternschaft hält an. Was vielleicht die Eltern glücklich macht, kann den späten Kindern eine Last aufbürden. Die Schattenseiten eines Phänomens.


Diese Promis sind späte Mütter:

Als Teenager empfand Miriam ihre Eltern «irgendwie uncool».

Nein, hier geht es nicht um Gianna Nannini, die mit 54 ein Kind gebar. Es geht auch nicht um Promiväter wie Elton John, der mit 63 ein Kind von einer Leihmutter austragen liess. Oder um jene Inderin, die dank künstlicher Befruchtung 70-jährig das erste Mal Mutter wurde. Es geht überhaupt nicht um späte Eltern. Es geht um späte Kinder. Und darum, wie ihre überdurchschnittlich alten Eltern Kindheit, Jugend und Erwachsenenleben prägen.

Miriam (35) sitzt am langen Esstisch ihres Einfamilienhauses auf dem Land und lacht: «Ich war ein Unfall!» Ein Kind von Traurigkeit war Miriam deswegen nie. Aber ein bisschen mehr Leben in der Bude hätte sie sich in ihrer Kindheit schon gewünscht. Die Mutter war 43 Jahre alt, der Vater 45, als Miriam als Nachzüglerli zur Welt kam, ihre Geschwister sind 23, 20 und 16 Jahre älter als sie. «Eigentlich wuchs ich als Einzelkind auf», sagt Miriam. Als eines, für das den Eltern oft die Zeit fehlte. So sass sie im Büro des Handwerkbetriebes und beschäftigte sich selber. «Meine Mutter kam nicht ein einziges Mal mit mir auf den Spielplatz.» Das klingt weder vorwurfsvoll noch befindlich, sondern einfach wie ein nüchternes Faktum.

Miriam wuchs nicht lieblos auf. Sie realisierte auch lange nicht, dass ihre Eltern älter waren als andere. Doch deren Ermüdungserscheinungen entgingen ihr nicht. Bloss konnte sie diese nicht einordnen: «Irgendwie spürte ich, dass meine Mutter das Leben wieder hätte geniessen wollen – sie hatte ja schon drei Kinder grossgezogen.»

Aber erst als Teenager empfand Miriam ihre Eltern als «irgendwie uncooler» als andere. Zwar wurde sie gleich wie ihre älteren Geschwister erzogen – bloss 20 Jahre später und mit einem Erziehungsstil, der zur vorgängigen Generation noch gepasst hatte. So holte Miriam sich mit Schlauheit, was ihr fehlte: «Wenn mein Vater am Samstagabend Musikantenstadl schauen wollte, wusste ich: Jetzt kann ich ihm Honig um den Bart streichen und er lässt mich ohne Murren auf die Party gehen.»

Obwohl Miriam nicht mit ihren Geschwistern aufgewachsen ist – bleibt sie für diese bis heute die «Kleine»: «Vor allem bei wichtigen Dingen werde ich manchmal einfach aussen vor gelassen.» Für die Aufbahrung ihrer vor Kurzem verstorbenen Mutter zog man sie nicht bei. Miriam erschrak dann über deren Aussehen: «Die Frisur sass schlecht, sie war ungeschminkt – so hätte sich unsere Mutter nie aus dem Haus gewagt», ereifert sie sich. Um dann kurz über die eigene Wut nachzudenken. Vielleicht, sagt sie, entspringe der Groll ihren Brüdern und der Schwester gegenüber aber auch einem tieferen Gefühl: Der Trauer darüber, dass sie ihre Mama zwei Dekaden weniger lang um sich haben durfte als ihre Geschwister.

Daher wohl auch die Vehemenz, mit der sie für sich selber eine späte Mutterschaft ausschliesst. «Ich würde es einem Kind nicht antun wollen, mich früh zu verlieren.» Ihre beiden Buben, 2- und 5-jährig, müssen zwar nun ohne ihr Grosi aufwachsen, die Kraft und Lebenslust ihrer Mama aber soll ganz ihnen gehören.

Väter als Risikoerzeuger

Was Miriam vor 30 Jahren erlebt hat, erfahren heute stetig mehr Kinder: Das Aufwachsen mit reifen Eltern. Die Gründe für eine späte Elternschaft sind vielfältig: Karrierepaare, die das Kinderhaben hinausschieben; Väter, die eine Zweitfamilie gründen; Nachzügler, die unverhofft hereinschneien.

Eine Definition aber, ab wann Eltern zu «späten Eltern» werden, gibt es nicht. In der Schweiz erhält bereits eine 35-Jährige, die das erste Mal schwanger ist, den Stempel «Risikoschwangere». Obwohl dieses Alterslimit willkürlich gesetzt ist und medizinisch keineswegs zu einem sprunghaften Anstieg von Komplikationen während der Schwangerschaft oder zu einer Behinderung des Kindes führt.

Der «späte Vater» wiederum ist erst in den letzten Jahren als «Risikoerzeuger» in den medialen Fokus geraten. Etwas alarmistisch heisst es nun: Je älter der Vater, desto grösser die Wahrscheinlichkeit, dass er seinem Kind defektes Genmaterial mitgibt. Mediziner warnen vor allem vor Autismus, Schizophrenie und Angsterkrankungen. Doch Prozentzahlen muten oft dramatischer an als absolute Zahlen: Wenn 1 von 1000 Kindern eine Behinderung hat, und sich diese Zahl um 100 Prozent erhöht, sind es dennoch nur 2 von 1000.

Für Sozialwissenschaftler wird bei der Diskussion um die Schattenseiten der Spätgeborenen ohnehin zu stark die Genetik bemüht. Auch Pasqualina Perrig-Chiello, Professorin am Institut für Psychologie an der Universität Bern, beobachtet zwar eine leichte Erhöhung psychischer Störungen im Leben später Kinder, aber sie vermutet eher systemisch bedingte Gründe dafür: «Bei Menschen im mittleren Alter kommen Depressionen und stressbedingte Erkrankungen am häufigsten vor. Und natürlich wirkt es sich unmittelbar auf die Kinder aus, wenn späte Eltern nervlich schnell an ihre Grenzen gelangen.»

Eric Breitinger (53) war drei Jahre alt, als er zu seinen Pflege- und späteren Adoptiveltern kam. Die Mutter war damals 48, der Vater 50 Jahre alt. Jetzt sitzt der Journalist – mittlerweile selber Vater von zwei erwachsenen Kindern – an einem Bistrotisch in der Nähe des Zürcher Kunsthauses und schildert, wie er seine Eltern immer als ältere Menschen erlebt habe: den Vater weisshaarig, die Mutter korpulent und bei Weitem nicht so adrett wie die Mütter der Kollegen. «Ich wuchs mit Grosseltern auf», sagt er. Gram ist keiner zu spüren. Das hat wohl auch damit zu tun, dass Eric Breitinger sich in seinem Buch «Späte Kinder» intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt hat. Selbst davon betroffen, wollte er bewusst die Kinderperspektive beleuchten, dafür hat er mit Dutzenden von Spätgeborenen gesprochen.

Dem Autor geht es nicht darum, den gesellschaftlichen Trend zu später Elternschaft moralinsauer anzuprangern. Aber er hat sich erlaubt, genauer hinzuschauen. Viele der von ihm aufgezeichneten Lebensgeschichten offenbaren einen Leidensdruck, der gerne tabuisiert wird. Die Medien heben oft die Vorteile später Elternschaft hervor: die gute Ausbildung der Späteltern, ihre finanzielle Unabhängigkeit, ihre Lebenserfahrung. Die Berichte verschweigen, dass viele Spätgeborene in ihrer Kindheit eine Distanz zu Gleichaltrigen erleben oder unter Einsamkeit leiden, weil keine Geschwister und damit keine Bündnisgenossen da waren.

Deutlich mehr Einzelkinder

Im Moment handelt es sich bei später Elternschaft zwar um einen Trend – die Norm aber ist es noch lange nicht. Mitverantwortlich für die Entwicklung hin zu spätem Nachwuchs macht Eric Breitinger auch viele Reproduktionsmediziner. Sie suggerieren insbesondere den Frauen, in Ruhe Ausbildung und Karriere machen zu können, vielleicht mittels «Social Freezing» ein paar Eier tiefzukühlen, um sich ab 40 stressfrei um die Realisierung ihres Kinderwunschs zu kümmern. «Das Rausschieben aber führt dazu, dass sich statistisch die Zahl der Frauen mit nicht erfülltem Kinderwunsch verdoppelt hat», sagt Eric Breitinger. Wollen späte Eltern noch ein zweites Kind – ist es oft zu spät. Das führt dazu, dass Spätgeborene überproportional oft als Einzelkinder aufwachsen.

Späte Kinder geraten als Erwachsene in eine Sandwichposition.

Richtig beschwerlich kann es für späte Kinder vor allem im Erwachsenenalter werden; dann, wenn sie selber eine Familie gründen. Statt agile Grosseltern um sich zu wissen, welche die junge Familie unterstützen, sind die mittlerweile sehr alten Eltern bereits pflegebedürftig. Damit geraten späte Kinder in eine Sandwichposition: Die Karriere, die Kleinkinder und die betagten Eltern zehren gleichzeitig an den Kräften. Vor allem für die Frauen verschärft sich das Problem der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Denn sie sind familial nach wie vor viel stärker eingebunden als die Männer. Bewusst oder unbewusst fügen sie sich dem subtilen gesellschaftlichen Erwartungsdruck und übernehmen die Pflege der alten Eltern und manchmal sogar der Schwiegereltern.

Für Janine (30) stellte sich die Betreuungsfrage nicht – sie war in der Pubertät, als ihr Vater starb. Jetzt sitzt die junge Designerin in einem Zürcher Café und erzählt von ihrem – über alles geliebten – Vater. Er war 65, als Janine zur Welt kam, zwei Jahre später folgte ihre Schwester. Die Halbbrüder aus der ersten Familie des Vaters sind 35 Jahre älter als sie. Wenn alle zusammen unterwegs waren, hielt man diese für die Väter und Janines Vater für den Opa. Dieser wiederum stellte sich stolz jedem, der es wissen wollte, als Papa der beiden Mädchen vor. Die Erheiterung ob der langen Gesichter schweisste die Familie zusammen.

Im Schulalter allerdings hatte Janine es satt, erklären zu müssen, dass der Mann mit den schlohweissen Haaren nicht ihr Grossvater sei. Doch nie richtete sich ihr Missmut direkt gegen ihren Vater. «Wahrscheinlich wollte ich ihn schonen.» Aus Rücksicht auf ihn und seine «etwas veralteten Ansichten» brachte sie als Teenie kein einziges Mal einen Jungen mit nach Hause.

Ein Kind als Andenken

Bis 80 arbeitete ihr Vater als Zahnarzt, dann erkrankte er ernsthaft und konnte nicht mehr für die Familie sorgen. «Dabei hatte er immer versprochen, 100 Jahre alt zu werden. » Stattdessen begann ein Auf und Ab mit mehreren Spitalaufenthalten. Als ihr Vater starb, war Janine 15, ihre Schwester 13 Jahre alt. Eine schwierige und traurige Zeit sei es gewesen, sagt Janine. Und dennoch hätte es schlimmer kommen können: «Zum Glück starb mein Vater plötzlich und nicht an einer langwierigen Krankheit oder an Alzheimer.» Dann nämlich hätte das Sterben als langgezogener Schatten über ihrer Jugend und Adoleszenz gelegen.

«Tod und Endlichkeit», sagt Eric Breitinger, «muss man als alte Eltern immer mitdenken. Es sind häufig Väter mit Zweitfamilien, die dies ausklammern».

Janines Vater hat den Tod nicht völlig ausgeklammert. Zu ihrem 30. Geburtstag übergab ihre Mutter ihr einen Brief vom Vater zur Geburt der gemeinsamen Tochter. Er werde nicht alles miterleben von ihrem Leben, steht darin, das sei ihm bewusst. Das Kind aber, Janine, solle ein Andenken an ihn, ein Geschenk an die Mutter sein.

«Manchmal», sagt Janine, «fehlt er mir auch heute noch.» Gerne hätte sie mehr erfahren über ihn, seine Herkunft, sein Leben. Als er starb, war sie schlicht zu jung dafür.

Buchtipp: Eric Breitinger «Späte Kinder. Vom Aufwachsen mit älteren Eltern», Verlag Christoph Links, 2015. Fr. 27.90

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