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Monatsgespräch

«Man kann die Zeit nicht zurückdrehen»

Ein Stubenwagen mit einem weissen Überzug

Zuweilen entsteht der Eindruck, als könnten Frauen mit medizinischen Methoden die weibliche Biologie austricksen. Ganz so einfach ist es nicht. Der Reproduktionsmediziner Michael von Wolff über falsche Hoffnungen und Grenzen der Technik.

wir eltern: Michael von Wolff, aus Karriere- und anderen Gründen bekommen Frauen heute ihre Kinder deutlich später als unsere Mütter und Grossmütter. Dank der Reproduktionsmedizin wird das Ende der Fruchtbarkeit auch tatsächlich etwas nach hinten verschoben. Hat sich im gleichen Zeitraum auch an der Biologie der Frauen etwas geändert?

Michael von Wolff: Nein, der natürliche Zeitpunkt der Menopause hat sich leider nicht verschoben. Die Lebenserwartung der Menschen und auch ihre Körpergrösse haben zwar zugenommen, und die erste Menstruation setzt bei den Mädchen heute immer früher ein. Da könnte man annehmen, dass auch die Phase der Fruchtbarkeit immer länger anhält. Das tut sie aber nicht. Die Eizellen einer 35-Jährigen sind eben immer fast 36 Jahre alt – ihre Haltbarkeit hat sich nicht verbessert.

Für viele Frauen mit Kinderwunsch gilt der 40. Geburtstag als die gefürchtete Schallgrenze. Sie stellen sich vor, dass dann definitiv Schluss ist.

Das ist falsch. Das Einzige, was man sagen kann, ist: Ab 35 beginnt die Fruchtbarkeit relevant abzunehmen, ab 40 sogar deutlich. Die Schwangerschaftschancen fallen zwischen 35 und 45 sicher um die Hälfte ab. Noch mehr oder genauere Zahlen zu nennen, wäre unseriös. Aber mit 40 ist sicher nicht einfach Schluss. Es gibt keinen Schalter, der ruckartig umgelegt wird, auch wenn man sich das so vorstellt.

Mit 38 kann man nicht mehr drei Jahre warten, bis man einen neuen Partner mit Kinderwunsch kennenlernt.

In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der Frauen, die sich künstlich befruchten lassen, deutlich erhöht. Hat sich in der Gesellschaft ein bisschen die Haltung breitgemacht, dass man sich mit dem Kinderkriegen nicht beeilen muss, weil es ja notfalls die moderne Medizin schon richtet?

Ja, und die Medien sind daran nicht unschuldig. Täglich hört man irgendwo von Hollywoodstar X oder Y, die gerade mit 45 oder mehr Jahren ein Kind bekommen hat. Dass die Schwangerschaft wahrscheinlich nur dank einer fremden Eizellenspende zustande kam, wird natürlich nicht gesagt.

So wird suggeriert, dass die künstliche Befruchtung alles regeln kann ...

... was natürlich Unsinn ist. Es fällt auf, dass Frauen, die Mühe haben, schwanger zu werden, oft erst ab Mitte bis Ende 30 medizinische Hilfe aufsuchen. Man kann also annehmen, dass viele Frauen erst mit Mitte 30 überhaupt versuchen, auf normalem Weg schwanger zu werden.

In letzter Zeit hört man immer wieder von der Möglichkeit, eigene Eizellen einfrieren und sie sich zu einem späteren Zeitpunkt wieder einpflanzen zu lassen. Was genau wird beim sogenannten Social Freezing gemacht?

Zuerst muss sich die Frau der gleichen Stimulationsbehandlung unterziehen, die es auch bei jeder In-vitro-Fertilisation braucht. Dabei werden ihr über zirka zehn Tage täglich diejenigen Hormone gespritzt, die auch das Gehirn produziert, um die Eierstöcke anzuregen, Eibläschen zu bilden. Nach etwa zwei Wochen haben sich zehn bis fünfzehn Eibläschen gebildet. Kurz vor dem erwarteten Zeitpunkt des Eisprungs werden diese mithilfe einer Ultraschallsonde über die Scheide abgesaugt.

Geschieht das unter Narkose?

Ja. Die äusserst fragilen Eizellen werden mit einer neuen Einfriertechnik ultraschnell eingefroren und bei minus 196 Grad in flüssigem Stickstoff gelagert. Wenn die Frau dann zu einem späteren Zeitpunkt schwanger werden will, werden die konservierten Oozyten wieder aufgetaut und im Reagenzglas mit dem Sperma des Mannes befruchtet.

Wo liegen die Risiken?

Man muss die Risiken für die Mutter und das Kind separat betrachten. Für die Mutter ist das Risiko sowohl bei der Stimulation als auch bei der Entnahme wirklich sehr gering. Wie sich die Langzeitlagerung der Oozyten später auf die Gesundheit des Kindes auswirkt, dazu wissen wir noch wenig. Aber eine künstliche Befruchtung ist immer per se mit höheren Risiken für das Kind verbunden. Das Risiko, dass ein normal gezeugtes Kind bei der Geburt eine Fehlbildung aufweist, liegt bei drei bis vier Prozent.

Und bei einem Kind, das in vitro gezeugt wurde?

Bei fünf bis sechs Prozent. Man hat immer angenommen, dass dies an den Paaren liegt, die auf diese Methode zurückgreifen – weil beispielsweise die Frau schon älter oder die Spermienqualität des Mannes schlecht ist. Aber wie wir heute vermuten, muss es zumindest teilweise auch an der Technik selbst liegen.

Was sind das für Frauen, die eine Fertilitätsreserve anlegen?

Die genauen Gründe, weshalb eine Frau ihre Eizellen einfrieren lässt, werden nur rudimentär erhoben. Die Hälfte der Frauen ist zum Zeitpunkt der Eizellentnahme zwischen 35 und 39 Jahre alt, was für gute Erfolgschancen leider schon reichlich spät ist. Ein Viertel der Frauen ist noch unter 35 und ein weiteres Viertel bereits über 40. Auffallend ist der hohe Anteil an Akademikerinnen – nämlich über 75 Prozent. Ein knappes Fünftel der Frauen lebt aktuell in einer festen Beziehung und einige Vereinzelte haben sogar schon ein eigenes Kind.

Das überrascht!

_Vermutlich möchten diese Frauen eine Vorsorge für ein allfälliges weiteres Kind zu einem späteren Zeitpunkt treffen. Überwiegend sind es aber Frauen, die aktuell keinen Partner haben und deshalb wahrscheinlich auch noch gar nicht probiert haben, auf natürlichem Weg schwanger zu werden. Das Paradebeispiel, das man sich immer vorstellt, nämlich die knallharte Karrierefrau, die an einer Eliteuniversität studiert hat und mit 30 ihre Eizellen einfrieren lässt, damit sie in aller Ruhe noch das grosse Geld verdienen kann, also dieses Paradebeispiel ist wohl eher ein Fantasiekonstrukt.

Wie stehen die Erfolgschancen?

Sie sind abhängig von der Zahl der gewonnenen Eizellen, von der Fachkenntnis des betreffenden Kinderwunschzentrums und vom Alter der Frau bei der Entnahme der Eizellen. Macht eine 35-jährige Frau einen Stimulationszyklus durch, dann hat sie eine geschätzte Geburtenchance von vierzig Prozent. Ist die Frau bei der Eizellentnahme vierzig Jahre alt, liegt die durchschnittliche Chance, später ein Kind zu gebären, noch bei ungefähr zwanzig Prozent. Wird ein zweiter Stimulationszyklus durchgeführt und somit die Zahl der gewonnenen Eizellen verdoppelt, steigt die Geburtenchance an, verdoppelt sich aber nicht, da diese bei einer zunehmenden Anzahl von transferierten Embryonen bei IVF-Therapien erfahrungsgemäss abflacht.

Sie sagten, dass die Technik, die vielen schon etwas älteren Frauen mit Kinderwunsch Hoffnung verspricht, für sie gar keine wirkliche Option sei?

Ich fürchte, dass viele Frauen, die sich mit dem Social Freezing absichern wollen, dies zu ungünstigen Bedingungen tun. Das Paradoxe ist, dass einerseits die Erfolgschancen mit jedem Lebensjahr sinken, andererseits aber die Notwendigkeit grösser wird. Denn mit 38 oder 39 kann man nicht mehr seelenruhig drei Jahre warten, bis man vielleicht einen neuen Partner kennenlernt, der den Kinderwunsch teilt. Wer sich mit einer Fruchtbarkeitsreserve absichern möchte, würde das eigentlich am besten zwischen Mitte 20 und Anfang 30 tun, wenn die Eizellenqualität noch gut ist. Doch wer sich schon mit 24 ernsthaft mit der Kinderfrage beschäftigt, wird die Familienplanung vermutlich ohnehin nicht so lange aufschieben.

Manche Kinderwunschzentren preisen die Eizellkonservierung quasi als Versicherung gegen Kinderlosigkeit an. Kann man die biologische Uhr damit tatsächlich zurückdrehen?

Natürlich kann man die Zeit nicht zurückdrehen. Man kann immer nur den Zustand festhalten, den man zum Zeitpunkt X noch hat. Eine Methode, die Eizellen verjüngt, gibt es bis heute nicht.

Ist es absehbar, dass die Methode in den nächsten Jahren so richtig boomen wird?

Dass sie im grossen Stil boomen wird, wie es bei der Antibabypille der Fall war, glaube ich nicht. Aber die Frage ist berechtigt. Die hormonale Kontrazeption wurde anfangs ja auch sehr kontrovers diskutiert. Und die Anlage einer Fertilitätsreserve ist heute, ähnlich wie die Pille damals, eine neuartige Möglichkeit, die Fortpflanzung nach eigenem Wunsch zu kontrollieren. Trotzdem kann man die beiden Dinge nicht vergleichen.

Wieso nicht?

Das eine war bloss eine Tablette, das andere ist immerhin ein operativer Eingriff an einem gesunden Körper. Auch der Kostenpunkt ist ein völlig anderer. Wobei man dazu sagen muss: Es sind mit Sicherheit nicht nur die Kosten, die die Frauen davon abhalten werden, reihenweise ihre Eizellen konservieren zu lassen. Da spielt noch eine ethische Komponente mit, die heute und auch in der näheren Zukunft als Hemmschwelle wirken dürfte.

Kreiert die Medizin mit Errungenschaften wie der Eizellkonservierung nicht auch erst Bedürfnisse, die wir Menschen ohne sie gar nicht hätten?

Der Mensch strebt schon seit Urzeiten danach, Dinge zu konservieren: Erinnerungen, materielle Güter, Lebensmittel. Auch die Anlage einer Fertilitätsreserve ist ein Versuch, unserer Vergänglichkeit etwas entgegenzusetzen und den Wunsch nach einer Familie auch im fortgeschrittenen Alter noch zu verwirklichen. Es gibt übrigens längst eine weitere Methode, die für Frauen mit bevorstehender Krebsbehandlung entwickelt wurde, aber auch bereits für Lifestyle-Zwecke diskutiert wird.

Welche?

Es werden dabei ganze Teile des Eierstockgewebes entnommen, eingefroren und später wieder in die verbliebenen Ovarien oder in die Beckenwand transplantiert, um dadurch den Zeitpunkt der Menopause zu verschieben.

Eine künstliche Befruchtung ist immer mit höheren Risiken für das Kind verbunden.


Der Reproduktionsmediziner Prof. Dr. med. Michael von Wolff leitet die Abteilung für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin der Universitätsfrauenklinik Bern. Dieses Interview ist ein (stark gekürzter und leicht adaptierter) Auszug aus dem Buch «Bye Bye, Baby?» von Annette Wirthlin.

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