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Frau nach der Geburt

Geburt

Gekommen beim Gebären: Eine Mutter erzählt von ihrer Orgasmus-Geburt

Während der Geburt einen Orgasmus haben? Das ist möglich, sagen Wissenschafter und Frauen, die es selbst erlebt haben. Der Geheimtipp für die Orgasmus-Geburt: Nur nicht unter Druck setzen lassen.

Als ich Caroline zum ersten Mal traf, plauderten wir ein wenig über Ayurvedische Medizin und kamen irgendwann auf die weibliche Sexualität zu sprechen. Wir waren beide der Meinung, dass dieses Thema bis heute überall auf der Welt zu Unrecht tabuisiert wird und nervten uns, dass Frauen noch immer nicht offen über ihre Sexualität sprechen können.

«Ich weiss, das tönt verrückt, aber ich hatte einen Orgasmus, als ich mein zweites Kind gebar», erzählte mir Caroline. «Die Hebamme kam zu spät. Ich war alleine mit meinem Partner zu Hause und spürte, wie mein ganzer Körper von ekstatischen Wellen ergriffen wurde. Natürlich spürte ich auch Schmerzen. Aber ich liess mich einfach gehen und erlebte einen wunderschönen Orgasmus. Genau in diesem Moment kam das Baby zur Welt.»

«Das kann ja gar nicht sein», meinte eine Freundin zu mir, als ich ihr Carolines Geschichte erzählte. «Wie würdest du dich denn fühlen, wenn deine Mutter dir erzählte, dass sie bei deiner Geburt einen Orgasmus hatte?» Meine Mutter gebar mich unter grossen Schmerzen. Sie wurde ständig von mehreren Hebammen und Ärzten überwacht und erhielt Medikamente. Unmittelbar nach der Geburt wurde ich ihr weggenommen und in eine Inkubationsmaschine gelegt, wo man mich – das Frühchen – die ersten drei Wochen meines Lebens aufpäppelte. Meine Mutter durfte mich in dieser ganzen Zeit nie halten.

Ekstatische Gefühle bei Geburt

Die Geschichte meiner Mutter ist doch eigentlich mindestens so schockierend wie Carolines Orgasmus-Geburt. Wieso nur schockiert sie niemanden, während alle die Augen aufreissen, wenn ich ihnen von Carolines Orgasmus-Geburt erzähle?

Es ist tatsächlich schwierig, sich eine Geburt vorzustellen, ohne sofort an schreiende Frauen mit Tränen in den Augen zu denken; an Frauen, die gezwungen sind, jenen langen und schmerzvollen Prozess zu durchleiden, aus dem das Leben entspringt. Und trotzdem: Ich habe kürzlich noch eine Frau getroffen, die eine Orgasmus-Geburt erlebt hat: Maria Llopis. Die spanische Feministin, Künstlerin und Autorin des Buchs «Subversive Motherhoods», sagt: «Die Vorstellung, dass gebären etwas Schönes sein und dass man dabei sogar einen Orgasmus erleben kann, ist nicht einfach ein Hippie-Märchen. Es ist sowohl physiologisch wie auch anatomisch logisch.»

Llopis erklärt, dass Frauen während der Schwangerschaft mehr Oxytocin, Prolaktin und Beta-Endorphine produzieren: alles Moleküle, die ekstatische Gefühle auslösen können. Zudem ist bekannt, dass die intensive Stimulation des Vaginalkanals während der Geburt die Geburtsschmerzen blockiert.

Der französische Psychologe Thierry Postel hat in einer Studie versucht herauszufinden, wie viele Frauen eine Orgasmus-Geburt erleben. Postel hat dazu 109 Hebammen befragt, die insgesamt 206 000 Geburten betreut haben. In 668 Fällen, also bei 0,3 Prozent der Geburten, notierten die Hebammen, dass die Gebärenden einen Orgasmus erlebt hätten. «Meine Studie hat aber leider nichts daran geändert, wie wir über Geburten denken», erzählt Postel am Telefon. «Dass werdende Mütter während der Geburt sexuelle Lust verspüren können, steht noch immer in Konflikt mit unseren kulturellen Vorstellungen und ist ein Tabu.»

Schmerzen müssen sein

Wieso aber gibt es dieses Tabu? Was stört uns am Gedanken, dass Frauen beim Gebären einen Orgasmus erleben können? «Manche denken bei der Vorstellung einer Orgasmus-Geburt wohl an Pädophilie», mutmasst Llopis. Sie plädiert dafür, dass wir unsere Sexualitätskonzepte überdenken. «Sexuelle Lust kann von innen heraus kommen, sie muss nicht durch externe Penetration verursacht werden.» Die Hemmungen, diese Form der Sexualität gesellschaftlich zu akzeptieren, wurzeln tief. Schon in der Bibel steht, dass Frauen zu einer schmerzvollen Geburt verflucht seien. In vielen Ländern wird von Frauen zudem noch immer eingebläut, dass es eine Schande sei, nach sexueller Lust zu streben.

Debra Pascali Bonaro, die 2008 einen Dokumentarfilm mit dem Titel «Orgasmic Birth: The Best Kept Secret» gedreht hat, sagt: «Es ist kein Wunder, dass wir so viele Hemmungen im Umgang mit der weiblichen Sexualität haben, wenn man sich einmal vor Augen führt, wie wenig Platz Aufklärung in unseren Schulen und in der Öffentlichkeit hat.» Würden wir Orgasmus-Geburten als etwas Natürliches und Schönes anerkennen, würde der weiblichen Sexualität in unserer Gesellschaft ein höherer Stellenwert eingeräumt.

Dass es so wenige Orgasmus-Geburten gibt, obwohl physiologisch und anatomisch gesehen eigentlich jede Frau eine solche erleben könnte, erklärt sich Llopis mit der zentralen Rolle der Medizin, die die Geburt mit ihren Methoden und Medikamenten fest im Griff hat. «Gebärende geben oft die ganze Kontrolle über ihren Körper an das medizinische System ab, das sie überwacht. Sie werden ironischerweise von aussen her kontrolliert, wenn doch das Baby von innen her kommt.»

Rezept für Orgasmus-Geburt

Auch Bonaro kritisiert die mächtige Rolle der Medizin bei der Geburt. «Während der letzten 100 Jahre haben wir uns übermässig auf die Wissenschaft verlassen und dabei jene alten Praktiken verlernt, mit denen unsere Urgrossmütter noch Kinder auf die Welt brachten.» Seit rund 30 Jahren wisse man, dass Geburten, bei denen die Frauen auf dem Rücken liegen, länger dauerten und schmerzvoller seien, als wenn sie sich frei bewegen könne. Dieses Sich-frei-Bewegen sei aber wegen der ganzen Überwachungsapparate oft kaum möglich. «Babys haben es doch nicht verdient, in einer so verkrampften, überwachten Umgebung auf die Welt zu kommen», sagt Bonaro.

Dem Wunsch vieler Frauen, ihre Kinder zu Hause zu gebären, begegnen heutzutage noch immer viele mit Skepsis. «Wir empfehlen niemandem, alleine auf einem einsamen Himalaja-Gipfel ein Kind zu gebären», sagt Llopis. Das heisse aber nicht, dass Frauen nicht sicher bei sich zu Hause gebären können. Solange eine Hebamme dabei sei, die im Notfall einen Krankenwagen rufe, sei alles sicher.

Natürlich gäbe es gefährliche Geburten. Das seien aber Ausnahmen. Geburten seien nicht per se problematisch. Llopis plädiert dafür, die Wissenschaft sehr ernst zu nehmen, aber auch die humane, die lustvolle Seite der Geburt mehr zu respektieren.

Gibt es ein perfektes Rezept für eine Orgasmus-Geburt? «Frauen sollten sich über das Phänomen informieren, Videos schauen und Beruhigungs-Techniken üben», empfiehlt Llopis. Die Orgasmus-Geburt hat meine Freundin Caroline komplett verändert. «Ich gebe jetzt Yoga-Kurse für schwangere Frauen, bereite sie mental auf die Geburt vor und übe mit ihnen verschiedene Atemtechniken, damit sie sich wie ich damals entspannt und zuversichtlich auf ihre Geburt freuen können.» Zentral sei, dass gebärende Frauen jederzeit die Kontrolle über sich und ihren Körper hätten und sich von niemandem dazwischenreden liessen. In anderen Worten: Einfach nicht unter Druck setzen lassen, dann könnte es klappen.

Ein Beitrag von «Nordwestschweiz».


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