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Interview

«Wer nicht am Handy spielt, ist der ideale Partner»

Vater am Handy

Hebamme Lucia Mikeler muss bei Geburten Väter bremsen und anderen Arbeit geben.

wir eltern: Was soll der Mann während der Geburt tun?

Lucia Mikeler: Es gibt keine ideale Rolle. Die muss das Paar für sich definieren. Zugespitzt könnte man sagen: Wer während der Geburt nicht am Handy spielt, ist der ideale Partner.

Das machen wohl die wenigsten?

Es ist kulturabhängig. Manche Männer sind zwar dabei, möchten sich aber der Verantwortung entziehen. Sie gehen raus, spielen in der Ecke am Handy.

Welche Verantwortung hat der Mann denn?

Man weiss heute, wie wichtig der Partner ist im Geburtsprozess. Er soll sich einbringen und da sein – wenn beide Partner das wünschen.

Gibt es Männer, die sich zu stark einbringen?

Manche legen zu viel Aktivismus an den Tag. Da muss ich bremsen. Denn der Partner muss den Willen der Gebärenden akzeptieren, Untätigkeit ertragen und einsehen, dass man eine Geburt nicht wie ein Projekt mit Meilensteinen vorantreiben kann.

Was bleibt dem Mann, wenn die Frau seine Bemühungen zurückweist?

Wenn er nur zuschauen kann und seine Frau nicht mal berühren darf, ist es oft schwierig für ihn. Dann versuche ich, ihn in meine Arbeit als Hebamme miteinzubeziehen.

Stimmt es, dass die meisten Männer den Blick zwischen die Beine scheuen?

Nein, viele Männer finden es sehr faszinierend, wenn das Köpfchen in der Scheide sichtbar wird. Es ist ein eindrückliches Naturereignis, das lange in Erinnerung bleibt.

Bei Geburten sieht man Blut, Spritzen, und vieles mehr ... Kommt es oft vor, dass es Männern schlecht wird?

Das passiert sehr selten. Je offener ich kommuniziere und über den Stand der Geburt informiere, desto stabiler bleiben die Männer. Auch wenn es aus mütterlichen oder kindlichen Gründen zum Kaiserschnitt kommt, können ein Schock oder traumatische Erlebnisse durch klare Angaben deutlich reduziert oder sogar vermieden werden.

Diese Erkenntnis ist nicht überall durchgedrungen. Man hört von Männern, die allein auf dem Gang stehen gelassen werden, während im OP um das Leben von Mutter und Kind gekämpft wird.

In Notsituationen legt man tatsächlich noch zu wenig Wert auf Kommunikation. In einer hektischen Situation fokussiert sich alles auf Mutter und Kind. Dies kann für den Mann traumatisch sein. Hier müsste eine weitere Person hinzugerufen werden, die sich um den Mann kümmert.

Und wenn es kein Notfall ist: Ertragen Männer die OP-Situation gut?

Viele Männer interessieren sich sehr für die medizinischen Abläufe und betrachten die Vorgänge fasziniert. In Vorgesprächen weise ich das Paar darauf hin, dass es im OP hektisch sein kann, dies aber nicht bedeuten muss, dass es eine lebensbedrohliche Situation ist, sondern daher kommt, dass die Belegungspläne der Säle sehr dicht sind.

Und danach? Werden viele Männer von Emotionen übermannt?

Ja sicher. Wenn das Kind da ist, werden viele von ihren Emotionen überwältigt. Ich spüre bei den Männern häufig in solchen Momenten eine grosse Dankbarkeit, an einem so beglückenden und aufwühlenden Ereignis teilgenommen zu haben.


Die ehemalige Präsidentin des Schweizerischen Hebammenverbands, Lucia Mikeler Knaack (56), ist seit über 35 Jahren als Hebamme tätig. Sie hat bei Hausgeburten, in Geburtshäusern und seit 2005 als Beleghebamme am Basler Bethesda-Spital rund 2000 Kindern auf die Welt geholfen.

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