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Familie / Kinderkriegen

Familie Müller: Zwei Mädchen zum Glück

Familie Müller

Neun Jahre. So lange haben Leila und Fred Müller alles gemacht, um ein Baby zu bekommen. Neun Jahre, die sie fast alles gekostet hat.

In jeder Hinsicht. Kinder zu haben, das war für sie die klarste Sache der Welt. Sie war 25, er 28. Das Haus ist gebaut, im Beruf läufts rund. Jetzt können die Kinder kommen. Nach zwei Jahren nicht schwanger und einer grossen Portion Gelassenheit stellt die Gynäkologin eine Hormonstörung bei Leila fest, das PCO-Syndrom. Die Ärztin empfiehlt Hormonstimulationen. «Vorher war alles völlig stressfrei. Doch ab dieser Diagnose war ich plötzlich total fixiert aufs Kinderkriegen», sagt Leila Müller. Auch die Spermien von Fred Müller werden getestet. Befund und Auskunft des Arztes: «Man kann auch mit einem einzigen fitten Spermium schwanger werden.» Sie kapieren nicht, dass der Arzt Fred Müller wahrscheinlich trösten will. Das Paar denkt, bei ihm sei alles okay.

Es folgt ein siebenjähriger Psychotripp. Leila Müller ist hormongepusht, nimmt an Gewicht zu, hat alle Anzeichen einer Schwangerschaft. Nur schwanger ist sie nicht. Sie stellt ihr Leben auf den Kopf, macht Alternativtherapien, stellt die Ernährung um, nimmt wieder ab, trinkt null Alkohol, hört auf zu rauchen. Verwandte fragen: «An wem liegts?» Freunde geben Tipps. «Macht mal ne Reise, dann klappt das schon.» Kinderlos zu sein, wird zum Stigma.

Fred Müller versucht je länger je mehr den Fragen der Leute aus dem Weg zu gehen. Innerlich entsteht aber eine immer grösser werdende Leere, sobald sich ein Gespräch in diese Richtung entwickelt. Doch die Hoffnung bleibt.

Aber Leila Müller kann nicht mehr. Sie machen Pause. Der Wunsch aber bleibt und treibt, weiter. Noch ein Versuch? Und dann die Wende: In einer Kinderwunschklinik wird klar: Leila Müllers Syndrom ist gar nicht das Problem.

Die Spermien von ihm sind in Anzahl und Beweglichkeit deutlich reduziert. «Das war wie ein Schlag ins Gesicht. Über Jahre hatte ich alles gemacht, alles gegeben. War vollgepumpt, habe die Schmerzen ertragen, die Schuld auf mich genommen. Und wofür? Für nichts.»

Sie weint. Fred Müller sagt: «Ich fiel aus allen Wolken. Was habe ich meiner Frau über all die Jahre zugemutet. Dabei lag die Schuld bei mir». Er kann ihr kaum mehr in die Augen schauen. Zu gross ist seine Scham ihr gegenüber und die Wut auf sich selbst. Auch er weint. Wenn er alleine ist.

Die In-vitro-Fertilisationen sind «physisch und psychisch der blanke Horror». Und erfolglos. 8000 Franken sind weg. Sie ist am Ende. Burn-out. Die Nachbarn lästern: «Die sind wohl zu doof, um Kinder zu zeugen.» Es vergeht ein Jahr, bis sie sich zu einem letzten Versuch aufraffen. Dieses Mal mit ICSI (Intracytoplasmatische Spermien-Injektion). Sorgfältig ausgewählte Spermien werden direkt in elf Eizellen gespritzt. Nummer 7 und Nummer 10 werden in Leila Müllers Gebärmutter eingesetzt. Es sind zwei Mädchen. Während des Gesprächs liegen sie neben den Eltern in ihren Bettchen und schlummern friedlich. Nummer 7 und Nummer 10. Sie haben es geschafft. Die Mutter weint. Vor Glück.

*Namen von der Redaktion geändert


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