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Doubs

Freizeit / Eislaufen

Zen auf Kufen

Wenn das Eis dick genug ist, schnallen sich Einheimische und Gäste die Schlittschuhe um und gleiten über den Doubs in Neuenburg. Wir haben es ausprobiert – und magische Momente auf der grössten Natureisfläche Europas erlebt.

Der gefrorene Fluss ächzt unter unseren Kufen. Manchmal gibt das Eis ein Geräusch von sich, das wie der Klang eines Echolots aus der Tiefe empordringt und an den Felshängen rechts und links des Doubs widerhallt. In grossen Zügen gleiten wir mit unseren Freunden über die Fläche, ziehen die Kinder auf dem Schlitten hinter uns her oder üben mit ihnen die ersten Schlittschuhschritte. Keine Bande unterbricht das Vergnügen. Nichts bremst die Eislaufkünste – ausser vielleicht der eine oder andere Ausrutscher. Der Schlittschuhgenuss ist buchstäblich grenzenlos: Nach einer Stunde auf dem Flussbett zwischen der Schweiz und Frankreich haben wir noch keine Stelle zweimal passiert.

Steintest für Eisdicke

Die Tage sind rar geworden, an denen der Doubs im Neuenburger Jura mit einer tragfähigen Eisschicht überzogen ist. Lange, möglichst windstille Phasen mit Minustemperaturen und ohne Niederschläge sind dazu nötig. Dann wird aus dem Gewässer die grösste natürliche Eisbahn Europas. Rund 300 000 Quadratmeter umfasst die begehbare Fläche an diesem Wintertag, knapp 15 Zentimeter tief reicht das Schwarzeis. Es bedeckt den Fluss vom französischen Villers-le-Lac bis fast hinauf zum Wasserfall Saut-du-Doubs. Dazwischen breitet sich die Eisdecke über den Lac de Chaillexon und den Lac des Brenets aus wie ein nachlässig gebügeltes Leintuch.

Vor allem auf der französischen Flussseite herrscht schon am Vormittag Betrieb. Am Ufer hat jemand ein Brett auf zwei Harassen gelegt, damit man sich draufsetzen und die Schuhe schnüren kann. Etwas abseits steht ein Container, wo Schlittschuhe vermietet werden – «Patins», wie man sie hier nennt. Alles ist improvisiert und verschwindet irgendwann wieder wie das Eis.

Schlittschuhlaufen auf dem Doubs ist ein Vergnügen auf Zeit – und auf eigenes Risiko. Die Eisfläche wird nicht behördlich freigegeben. Wer den Schritt aufs Glatteis wagt, trägt selbst die Verantwortung und muss, wie Didier Fallet sagt, «sein eigenes Gehirn benutzen».

Fallet hilft dabei, das Risiko gering zu halten. Seit mehreren Generationen testen die Mitglieder seiner Familie mit einer uralten Technik die Tragfähigkeit der Eisdecke. Dazu brauchts nichts weiter als einen faustgrossen Stein. Fallet wirft den Brocken wie eine Petanque-Kugel in hohem Bogen aufs Eis. Der Stein prallt mit einem dumpfen Knall auf. «Das ist ein gutes Geräusch. Je tiefer der Ton, desto dicker die Schicht», sagt Fallet und überprüft die Aufschlagstelle. Sackt der Stein ein, ist das ein schlechtes Zeichen. Wenn Wasser austritt sowieso. «Jetzt ist es perfekt. Sehen Sie diese kleine Delle und die feinen, spinnennetzförmigen Risse, die vom Aufprall im Eis entstanden sind? Daran erkennt man die Tiefe und die gute Struktur.»

Mindestens sieben Zentimeter gutes Eis sind laut Fallet nötig, damit man darauf gehen kann. Ab zehn Zentimetern trage es ein Schneemobil, ab 20 Zentimeter sogar ein Auto. In besonders frostigen Jahren reicht die Eisdecke auf dem Fluss über einen Meter tief.

«Heute würden die Behörden das Eis wohl nicht freigeben», sagt David Favre. Der Historiker der Gemeinde Les Brenets ist daher froh, dass man beim Eislaufen auf dem Doubs nicht auf strikte Regeln, sondern gesunden Menschenverstand setzt. Sonst wäre diese «lebendige Tradition der Schweiz», wie sie vom Bund offiziell betitelt wird, wegen der immer milder werdenden Winter schon längst Geschichte.

Händler auf Schlittschuhen

Die «Patinage sur le Doubs» begann, als in der Region Kufen hergestellt wurden, die man damals noch mit Schrauben an der Seite der Sohle festzurren musste. Schon im 19. Jahrhundert reisten die Eisläufer in Scharen von überallher an. Es gab sogar Extrazüge aus Le Locle. Händler verkauften ihre Waren auf Schlittschuhen, in Buden entlang des Flusses gab es warme Getränke und Essen. Es waren regelrechte Volksfeste auf dem Eis. Das ist heute noch so – wenn auch das touristische Angebot nicht mehr ganz so üppig ist.

Am Nachmittag kurven immer mehr Menschen auf dem Doubs herum. Eng wird es trotzdem nie. Ein Vater spielt mit seinen Kindern Hockey, eine Frau lässt sich von ihrem Hund an der Leine übers Eis ziehen. Einige eiern unbeholfen auf ihren Schlittschuhen herum, andere scheinen mit weit ausladenden Schwüngen geradezu über die Fläche zu tanzen, die Arme entspannt hinter dem Rücken verschränkt.

So dahinzugleiten hat etwas Meditatives. Ein Gefühl von Ruhe und tiefer Zufriedenheit erfasst einen, während man an der frostgezuckerten Naturkulisse vorbeischwebt. Auch die Kinder haben den Dreh schnell raus und bekommen immer mehr Freude am Schlittschuhlaufen.

Stolperfallen und Löcher

Trotzdem muss man stets achtsam bleiben. Die Natur birgt Tücken. Das Eis hat Kanten, über die man leicht stolpert. An einigen Stellen tritt warmes Wasser aus dem Grund des Flusses an die Oberfläche und treibt Löcher in die Eisdecke, die mehrere Meter Durchmesser haben können. Die meisten sind mit Ästen markiert, damit sie schon von Weitem erkennbar sind. «Früher haben Anwohner bei besonders grossen Löchern zusätzlich Boote vertäut, um Verunglückte rasch retten zu können», sagt Favre. Gefährlich sei es aber vor allem entlang der Felswände, die stellenweise steil zum Flussbett abfallen. «Die Sonne wärmt das Gestein auf, die Wärme strahlt ab und lässt das Eis schmelzen.»

Auf Wiedersehen

Auch unter der Holzbank, auf der wir am Ende des herrlichen Tages erschöpft aber glücklich unsere Schuhe wechseln, hat sich inzwischen eine kleine Wasserlache gebildet. Noch immer ziehen die letzten Schlittschuhläufer ihre Runden auf dem Eis, das sich im Licht der untergehenden Sonne langsam rosa färbt.

Irgendwo hat jemand sein Alphorn aufgestellt und schickt ein paar wehmütige Töne in das Tal hinein. Eines ist uns in diesem geradezu kitschigen Moment klar: Wir werden wieder zum Eislaufen hierher kommen – wenn der Doubs uns lässt.


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