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O- und X-Beine

Zeigt her eure Füsschen...

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Brauchen die Senkfüsse des Sohnes Einlagen? Ist der Einwärtsgang der Tochter therapiebedürftig? Orthopäden geben Antwort.

Fällt das Kind durch einen eigenwilligen Gang auf oder sehen Kinderfüsse anders aus, als sie sollten, machen sich Eltern Sorgen. Verständlicherweise. Oft werden sie auch von Grosseltern oder Lehrpersonen auf eine Fehlstellung aufmerksam gemacht. Ob O- oder X-Beine, Knick- oder Senkfüsse: Eine orthopädische Untersuchung schafft Klarheit. Zum Glück sind die elterlichen Befürchtungen oft unbegründet: «80 Prozent unserer Sprechstunden wenden wir dafür auf, Eltern zu versichern, dass erst mal kein Handlungsbedarf besteht», sagt Andreas Krieg, Leitender Arzt der Orthopädie am Universitäts-Kinderspital beider Basel (UKBB).

Stehen beide Kniegelenke deutlich näher zusammen als die Sprunggelenke, hat ein Kind X-Beine, umgekehrt sind es O-Beine. «Beim Säugling sind O-Beine normal», erläutert Krieg. Bis zum ersten Schritt mit etwa zwölf Monaten neutralisiert sich die Achse, um sich allmählich in eine X-Stellung zu entwickeln. Bis zum 10. Lebensjahr korrigiert sich auch diese von selbst und es kommt zur geraden Beinachse. «Nur wenn ein Kind im Schulalter noch ausgeprägte O-Beine hat, empfiehlt sich eine genaue Abklärung mit allfälliger Korrektur», so der Orthopäde. X-Beine treten oft im Zusammenhang mit Übergewicht auf. Hier hilft schon, dieses zu reduzieren. Andere Therapien werden erst bei stärkeren Beschwerden nötig.

Richtige Schuhe kaufen

Neben O- und X-Beinen können Verdrehungen am Unter- oder Oberschenkel auftreten. Eine mögliche Folge davon ist der Einwärtsgang, der bei Kleinkindern oft zu beobachten ist. Dieser ist aber wachstumsbedingt normal. Auch die Verdrehungen bilden sich meist von selbst zurück. «Beinfehlstellungen sind also nur in Extremfällen korrekturbedürftig, dann jedoch operativ», so Krieg. Auch bei Fussdeformitäten ist nicht immer eine Therapie nötig. Kriegs Kollege Dorian Hauke, Oberarzt der Orthopädie am UKBB, betont: «Die Entwicklung des kindlichen Fusses ist sehr variabel.» Bis etwa ins 3. Lebensjahr fehlt das Längsgewölbe, da dort noch ein Fettpolster ist. Teilweise dauert es bis ins 6. Lebensjahr, bis sich das Gewölbe vollständig ausgebildet hat. So breit wie die Spannweite der Normalität ist auch das Feld möglicher Diagnosen. Mit Abstand am häufigsten begegnen die Orthopäden des UKBB dem Knicksenkfuss, nicht selten auch dem Sichelfuss oder dem Klumpfuss.

Neben den häufigen Diagnosen gibt es zahlreiche seltenere Fehlbildungen. So zum Beispiel der nach unten gestreckte Spitzfuss. Er tritt oft im Zusammenhang mit einer Grunderkrankung auf. Manchmal sind Eltern auch beunruhigt, weil ihr Kind auf Zehenspitzen geht. «Hier muss abgeklärt werden, ob die Achillessehne verkürzt ist oder eine neurologische Erkrankung vorliegt. Falls nicht, normalisiert sich das Gangbild meist spontan», sagt Hauke. Auch der Spreizfuss, eine Verbreiterung des Mittel- und Vorfusses, tritt im Kindesalter selten auf. Der genauso seltene Hohlfuss schliesslich zeichnet sich durch eine verstärkte Fusswölbung aus und kann ebenfalls im Zusammenhang mit einer Grunderkrankung stehen.

Häufig barfuss laufen

Auch Schuhe beeinflussen die Entwicklung des kindlichen Fusses. Ein Knicksenkfuss entsteht gemäss Dorian Hauke häufiger bei Kindern, die schon früh und oft Schuhe anhaben oder falsche Schuhe tragen. Eltern sollten dem Kauf des richtigen Schuhwerks deshalb eine hohe Bedeutung beimessen. Wichtig ist die Länge: Rund ein Fingerbreit länger als der Fuss sollte der Schuh sein. Im Kleinkindalter sind zudem viel Zehenspielraum, eine weiche, flexible Sohle und ein guter Halt bei der Ferse von Vorteil. Das Fussgewölbe sollte nicht abgestützt sein. In jedem Fall gesund ist häufiges Barfussgehen. Und auch in dem folgenden Punkt sind sich beide Orthopäden einig: «Viel Bewegung und Normalgewicht sind für eine gesunde Fuss- und Beinstellung immer förderlich.»

Häufige Diagnosen

Der Sichelfuss

Sichelfüsse sind eine häufige Deformität, die bei Geburt meist noch nicht vorhanden ist, sondern sich in den ersten Lebenswochen entwickelt: Es kommt zu einer Einwärtsdrehung des Vorfusses, die etwa durch ein Ungleichgewicht der Muskulatur bedingt sein kann. Gehäuft beobachtete man dies in den 80er- und 90er-Jahren, als Babys vermehrt auf dem Bauch gelagert wurden. Die Fusshaltung normalisiert sich meist von allein. Die Behandlung – ein Gips fürs ganze Bein, der dreimal zwei Wochen angelegt wird – ist aus medizinischer Sicht relativ einfach, weshalb im Zweifel grosszügig therapiert wird.

Der Knicksenkfuss

Beim Knicksenkfuss, auch Plattfuss genannt, fehlt das Fusslängsgewölbe oder es ist verkleinert und die Ferse knickt nach innen. «Schwere Knicksenkfüsse müssen operiert werden. Daneben sind die häufigsten Formen in der Regel harmlos», so Orthopäde Dorian Hauke. Der physiologische, also natürliche Knicksenkfuss kann auch bei einer gesunden Entwicklung auftreten: Wenn ein Kind den typischen Einwärtsgang entwickelt, dreht es manchmal die Füsse etwas nach aussen, um diesen zu kompensieren. Dabei flacht das Fussgewölbe ab und die Ferse knickt ein. Ein Knicksenkfuss wächst sich meist ohne Therapie aus. Auch durch eine Bänderschwäche oder Übergewicht können Knicksenkfüsse auftreten. Heilsam sind hier häufiges Barfusslaufen und Fussgymnastik – und je nachdem eine Gewichtsabnahme. Einlagen sind nicht nötig, wissenschaftliche Untersuchungen belegen gar, dass diese schaden können. «Einlagen übernehmen eine passive Haltearbeit und können die Muskulatur schwächen», sagt Hauke.

Der Klumpfuss

Er ist eine angeborene Fussmissbildung: Weltweit kommen pro Jahr rund 100 000 Kinder mit Klumpfüssen zur Welt – rund zur Hälfte beidseitig. Die Ferse ist nach aussen geknickt, der Fuss zeigt spitz nach unten und einwärts. Die Wadenmuskulatur ist schwächer ausgeprägt und Position sowie Form der Fussknochen sind verändert. Neben genetischen Komponenten vermutet man als Ursache Umwelteinflüsse während der Schwangerschaft – genau weiss man es jedoch nicht. Früher korrigierte man Klumpfüsse mit ausgedehnten Operationen. Heute hat sich die sogenannte Ponseti-Methode durchgesetzt: 7 bis 10 Tage nach der Geburt wird mit einer Gipsbehandlung begonnen, mit der die einzelnen Deformitäten schrittweise während 8 bis 12 Wochen mit wöchentlichen Gipswechseln korrigiert werden. Danach verhindern Schienen bis zum 4. Geburtstag, dass der Fuss in die Fehlstellung zurückkehrt. In den meisten Fällen führt die Therapie zu einem fast normalen Fuss.

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