Menü

Monatsgrspräch

«Wir wollen unsere jungen Patienten stärken»

Dagmar Pauli mit zwei Schuhkartons, die Depressionen von Jugendlichen darstellen

Viele psychische Erkrankungen beginnen bereits in jungen Jahren. Wenn Kinderseelen leiden, kann ein Aufenthalt in einer Tagesklinik helfen.

wir eltern: Frau Pauli, Sie leiten die Tagesklinik Winterthur für psychisch kranke Kinder und Jugendliche. Wie unterscheidet sich diese Einrichtung von einer klassischen psychiatrischen Klinik?

Dagmar Pauli: Unsere Patienten kommen morgens hier an und werden den Tag über von unseren Teams in pädagogischen Gruppen betreut. Sie gehen in der Tagesklinik zur Schule, kochen, essen und gestalten ihre Freizeit gemeinsam. Parallel dazu absolvieren die Mädchen und Buben ein jeweils auf ihre Bedürfnisse ausgerichtetes Therapieprogramm.

Das klingt alles sehr normal.

Stimmt. In der Tagesklinik erleben die Patienten vor allem Alltagssituationen. Wir nutzen das enge Zusammenleben auch therapeutisch. Wenn ein Kind beispielsweise häufig aggressiv reagiert, dann können wir in der Gruppe mithilfe der Pflegefachpersonen und Sozialpädagogen durchspielen, welche andere Reaktionsmöglichkeit es in einer spannungsgeladenen Situation noch hat. Dazu passt, dass die Mädchen und Buben abends und an den Wochenenden in ihre Familien zurückkehren.

Inwiefern?

Die Patienten haben so die Möglichkeit, daheim all das anzuwenden, was sie in der Tagesklinik an neuen Verhaltensweisen oder Grundüberzeugungen kennen gelernt haben. Abgesehen davon gibt es den Kindern und Jugendlichen Halt, wenn wir sie nicht ganz aus ihrem familiären Umfeld herausnehmen.

Obwohl wir 16 Betreuungsplätze anbieten, gibt es lange Wartelisten.

Steht die Tagesklinik allen Kindern und Jugendlichen mit psychischen Problemen offen?

Wir glauben, dass vor allem die Patienten profitieren, die in einer stationären Einrichtung überversorgt, ambulant hingegen unterversorgt wären. Deswegen prüfen wir jeden Fall genau, um jeweils die beste Lösung zu finden.

Die von Ihnen geleitete Einrichtung gibt es seit zwei Jahren. Wie kommt das Angebot an?

Die Nachfrage ist gross. Obwohl wir 16 Betreuungsplätze anbieten können, gibt es teilweise lange Wartelisten. Ein Teil unserer Patienten kommt aus psychiatrischen Kliniken zu uns, andere werden von den niedergelassenen Ärzten zugewiesen.

Wie alt sind die Kinder und Jugendlichen?

Wir nehmen bereits 5- bis 6-Jährige auf. In Ausnahmefällen auch jüngere Kinder. Dann natürlich Schulkinder und Jugendliche bis zum 18. Geburtstag. Eine Fünfjährige hat andere Bedürfnisse als ein Teenager.

Ein Kind ohne Psychopharmaka zu behandeln, entspricht immer unserer ersten Wahl.

Wie stellen Sie sicher, dass sich die ganz Kleinen in der Tagesklinik nicht verloren fühlen?

Die Kindergartenkinder sind hier mit den Erst- und Zweitklässlern zusammen, das klappt ganz gut. Tagsüber können sie sich auch in altersgerecht ausgestatteten Spielzimmern aufhalten. Wobei nicht selten eine Jugendliche freiwillig mitkommt, um bei der Betreuung der Kleinen mitzuhelfen.

Das tönt so, als habe das altersgemischte Konzept viele Vorteile.

Ja. Die Älteren lernen, auf die Jüngeren Rücksicht zu nehmen. Es ist erstaunlich, wie viel reifer und hilfsbereiter sie sich verhalten, wenn auch Kleine in der Gruppe sind. Umgekehrt können die Kindergartenkinder viel von den Grossen profitieren. In der Schule hingegen werden die Kinder je nach Stufe getrennt unterrichtet. So ergibt sich eine andere Gruppendynamik und eine Förderung auf ähnlichem Niveau.

Es ist schwer vorstellbar, dass bereits Kindergartenkinder in schwere psychische Krisen geraten. Gibt es typische Auslöser?

Hinter einer vermeintlichen Krise verbirgt sich häufig eine Entwicklungsstörung. Kinder mit Autismus ecken zum Beispiel im Kindergarten an, weil sie das normale Programm nicht mitmachen können. Sie haben Wutausbrüche, und die Kindergärtnerin ist überfordert. Bei schweren Angststörungen sehen wir oft ähnliche Mechanismen: Die Kleinen sind so in ihren Ängsten gefangen, dass sie im Chindsgi kein Wort reden. Natürlich fällt das auf.

Erkranken Kinder und Jugendliche eigentlich an denselben Störungen wie Erwachsene?

Grundsätzlich beginnt ein grosser Teil der psychischen Erkrankungen bereits im Kindesalter. Es gibt aber auch Störungsbilder wie beispielsweise Psychosen, die bei Kindern sehr selten sind.

Sind junge Menschen widerstandsfähiger als ältere?

Es deutet zumindest einiges darauf hin. Kinder und Jugendliche schaffen es oftmals, selbst unter widrigsten Umständen seelisch gesund zu bleiben. Sie sind flexibler als Erwachsene und können sich eher aufVeränderungen einstellen. In der Therapie sehen wir auch, dass die Störungen weniger verfestigt sind und daher oft noch gut zu beeinflussen sind.

Welche psychischen Erkrankungen begegnen Ihnen im Alltag?

Kindergartenkinder und Primarschüler leiden häufig unter Verhaltensauffä.lligkeiten wie ADHS oder unter Angststörungen. Eine Zwangserkrankung kann ebenfalls früh beginnen. Mit der Pubertät kommt ein ganzes Bündel an neuen Problemen hinzu. Depressionen, Essstörungen und Psychosen treten vermehrt im Jugendalter auf. Wenn Teenager im Alltag nicht mehr klarkommen, kann es zu Alkohol- und Drogenmissbrauch kommen.

Können Sie die Diagnosen bestätigen, mit denen Ihnen die Patienten zugewiesen werden?

In der Regel schon. Manchmal erhält eine Krankheit aber erst im Verlauf der intensiveren tagesklinischen Abklärung einen Namen. Die Diagnose ist das eine, aber uns geht es vor allem darum, unsere Patienten zu stärken und sie fit für die Zukunft zu machen.

Wie lange bleiben die Mädchen und Buben bei Ihnen?

Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich, aber im Schnitt sind es drei Monate. Die Kinder und Jugendlichen brauchen Zeit, um bei uns anzukommen. Und wir müssen sorgfältig abklären, wo die Probleme liegen und wie wir helfen können. Wir glauben: Ein Aufenthalt in der Tagesklinik ist immer eine vorübergehende Lösung, die dabei helfen soll, auch für später tragfähige Lösungen zu finden.

Dagmar Pauli mit zwei Schuhkartons, die Depressionen von Jugendlichen darstellen

Dagmar Pauli mit zwei Schuhkartons, die Depressionen von Jugendlichen darstellen.

Welche Rolle spielen Medikamente?

Wenn ein Kind ohne Psychopharmaka behandelt werden kann, entspricht das immer unserer ersten Wahl. Doch manchmal können Medikamente eine wertvolle Unterstützung sein, damit die Mädchen und Buben wieder Tritt fassen.

Wann stossen Sie und Ihre Mitarbeiter an Grenzen?

Wenn uns ein 13-Jähriger sagt, dass er nicht mehr leben will, dann müssen wir ihn Ernst nehmen. Es gibt immer wieder Situationen, in denen die uns anvertrauten Patienten mehr Hilfe brauchen, als wir ihnen bieten können. Dann leiten wir eine Verlegung auf eine stationäre Abteilung in die Wege.

Es geht also auch um Krisenintervention?

In gewissem Sinne schon. Die Eltern können ihre Kinder aber nicht einfach notfallmässig bei uns vorbeibringen. In dieser Hinsicht unterscheidet sich eine Tagesklinik von einem klassischen Kriseninterventionszentrum.

Wie sollen Eltern oder Lehrer vorgehen, wenn sich ein Kind ganz offensichtlich in einer seelischen Ausnahmesituation befindet?

Es ist wichtig, so schnell wie möglich eine Fachperson hinzuzuziehen. Das kann der Kinder- oder Hausarzt sein, möglicherweise auch ein Kinder- und Jugendpsychologe beziehungsweise ein Kinder- und Jugendpsychiater. Diese Fachleute können besser einschätzen, wie akut die Situation ist und welche Hilfsmassnahmen angemessen sind.


Dagmar Pauli (51) ist Chefärztin des Kindes- und Jugendpsychiatrischen Dienstes der Universität Zürich. Ausserdem leitet die Kinderund Jugendpsychiaterin die im April 2013 eröffnete Tagesklinik für Kinder und Jugendliche in Winterthur. Dort werden Mädchen und Buben mit psychiatrischen Krankheiten behandelt, die ambulant nicht ausreichend versorgt sind oder die nach einem stationären Aufenthalt noch weitere Behandlungen benötigen. Dagmar Pauli hat drei Kinder im Teenageralter.

Sponsored Content

Auch lesenswert