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Medizin und Stammzellenforschung

Wir habens im Blut

Embryo mit Nabelschnur

Mit Stammzellen aus dem Nabelschnurblut sollen Krankheiten geheilt und Leben gerettet werden. Soll man das Blut nun einlagern oder spenden?

Am Anfang hängt das Leben an einem seidenen Faden. Es gibt nur eine Brücke zwischen Mutter und Kind, die Nabelschnur. Sie versorgt das Ungeborene mit all dem, was es zum Leben braucht. Doch nach der Geburt hat die einstige Lebensader ausgedient. Sie wandert samt Mutterkuchen in die Mülltonne – zumindest bei 98 von 100 Entbindungen. Tatsächlich birgt die Schnur, die Mutter und Kind verbindet, medizinische Schätze. Sie ist reich an Blutstammzellen, die rote und weisse Blutkörperchen und Blutplättchen bilden können. Und weil sie sich noch nicht auf eine bestimmte Funktion spezialisiert haben wie etwa Lungenoder Leberzellen, gelten sie als «Bausteine des Lebens».

Geschäft mit der Angst

Die neue Ära für das Nabelschnurblut läuteten 1988 zwei Mediziner aus Paris ein. Sie transplantierten einem Kind mit Fanconi- Anämie, einer seltenen Blutkrankheit, das Blut aus der Nabelschnur seiner Schwester und heilten es. Inzwischen buhlen hierzulande vier private Blutbanken um die Nabelschnüre von Neugeborenen. Sie bieten werdenden Eltern an, die potenziellen Vorteile des Nabelschnurbluts auszunutzen, indem sie es exklusiv für das Kind 20 Jahre lang bei minus 190 Grad einfrieren lassen. Sollte es später einmal erkranken, kann es mit den eigenen Stammzellen geheilt werden. Für diese «biologische Lebensversicherung» kassieren die Banken zwischen 3200 und 5000 Franken. Trotz dieser hohen Preise sind genug Eltern bereit, ihren Kindern ein Ersatzteillager zu hinterlassen: «Wir haben jedes Jahr bis zu 3000 Neukunden », sagt Gianni Soldati, wissenschaftlicher Leiter der privaten Swiss Stem Cells Bank (SSCB) in Lugano. 70 Prozent der Präparate stammen aus Italien, wo kommerzielle Banken verboten sind, ein Viertel aus der Schweiz und der Rest aus Osteuropa. Soldati ist überzeugt vom Potenzial der Stammzellen: «Die klinischen Fortschritte in diesem Bereich sind gewaltig.» Beim Einsatz von autologem, also eigenem Nabelschnurblut, werde sich zudem nie die Frage nach der Verträglichkeit stellen.

Doch stimmt dieses Versprechen überhaupt? Oder wird da ein Geschäft mit der Angst von Eltern gemacht? «Solche Aussagen sind rein spekulativ», hält Jakob Passweg, Chefarzt Hämatologie am Universitätsspital Basel und Präsident der Schweizer Krebsliga, fest. Trotz grosser Fortschritte in der Forschung gebe es zurzeit praktisch keinerlei nachgewiesene klinische Anwendung. Ausserdem ist die Wahrscheinlichkeit äusserst gering, dass ein Kind eines Tages seine eigenen Stammzellen benötigt: sie beträgt 0,02 bis 0,4 Prozent. Die heutigen Anwendungsmöglichkeiten beschränken sich in der Regel auf gespendetes, also fremdes (allogenes) Nabelschnurblut. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Angeborene Krankheiten sind in das Erbgut aller Körperzellen eingraviert. Leidet etwa ein Kind an einer angeborenen Störung der Blutbildung, können die Zellen aus der eigenen Nabelschnur keinen gesunden Ersatz liefern, weil sie dieselben Gene tragen. Zellen aus gespendetem Nabelschnurblut hingegen werden bereits tausendfach erfolgreich transplantiert. Eingesetzt werden sie bei Leukämie, Erkrankungen des blutbildenden Systems, gewissen Krebserkrankungen, genetischen oder Stoffwechselerkrankungen. Passweg kritisiert zudem die «Exklusivität » von privatem Nabelschnurblut: «Sie schränkt den tatsächlichen Nutzen auf ein absolutes Minimum ein und widerspricht dem Solidaritätsgedanken von öffentlichen Nabelschnurblutbanken, die allen bedürftigen Personen zur Verfügung stehen.» Deshalb empfiehlt Passweg interessierten Eltern, die wertvolle Ressource einer der beiden öffentlichen Banken zu spenden, wo sie anonymisiert aufbewahrt wird.

Spenden rettet Leben

Elisa Maurer hat das gemacht. Als die Bernerin mit Jonas schwanger war, las sie sich durch alle möglichen Elternmagazine und Internettexte. «In einem Interview wurde beschrieben, dass Stammzellen aus dem Nabelschnurblut Leukämiepatienten nach einer Chemotherapie heilen können. Vorher war man dazu auf freiwillige Knochenmarkspender angewiesen und hatte immer zu wenig Spender.» Ihre Schwester hatte gerade den Kampf gegen den Krebs verloren. «Anderen soll es besser gehen», sagte sie sich und spendete das Nabelschnurblut. Neben der Knochenmarkspende und dem Nabelschnurblut gibt es noch eine dritte Quelle für Stammzellen: das Blut von Erwachsenen. Mit einem Kniff lassen sich auch aus deren Blut Stammzellen gewinnen. «Wenn also ein Kind im Laufe seines Lebens tatsächlich einmal von seinen eigenen Stammzellen profitieren würde, könnten sie auch zu einem späteren Zeitpunkt entnommen werden», erklärt Rudolf Schwabe, Direktor der Stiftung Blutstammzellen. Damit straft er die aggressive Werbung manch privater Blutbank Lüge, die behauptet, Nabelschnurblut sei eine «einmalige Chance». Die Stiftung koordiniert und finanziert einen Grossteil der Aktivitäten der beiden öffentlichen Nabelschnurblutbanken in Genf und Basel.

Das kostbare Gut kann derzeit in fünf Schweizer Spitälern gespendet werden. Die Banken gehören einem weltweiten Netz an, in dem rund eine halbe Million Einheiten gelagert sind. In diesem Pool wird für jeden Patienten nach den Blutstammzellen mit dem passenden Profil gesucht. Schweizer Patienten erhalten so oft Stammzellen aus dem Ausland – und die Schweiz exportiert ihrerseits Blutproben. Derzeit lagern dort 4000 Einheiten. «Viel zu wenig für ein so reiches Land wie die Schweiz», meint Passweg. Wünschenswert wären 10000 bis 20000 Proben. Allerdings kostet das Aufbewahren von Nabelschnurblut Geld. Bei der privaten Einlagerung kommt der Kunde dafür auf, bei öffentlichen Banken hingegen Stiftungen und die öffentliche Hand, die Spender selber zahlen nichts. «Wir sind daran, neue Finanzierungsmodelle zu entwickeln, die einen Ausbau der Blutbank erlauben würden», sagt Rudolf Schwabe. Ziel sei ein System, bei dem die Stammzellen so viel Geld einbrächten, dass es private Spenden nicht mehr unbedingt brauche.


Gewinnung der Stammzellen

Erster Ansprechpartner ist der behandelnde Frauenarzt. Etwa 4 Wochen vor dem errechneten Geburtstermin und 4 Monate nach der Geburt muss er der Mutter Blut abnehmen. Das Nabelschnurblut wird direkt nach der Geburt in der Klinik mit einem speziellen Set abgenommen und mit einem Kurier in das Speziallabor gebracht. Nach der Untersuchung der Stammzellen (und ggf. Blutseparation) werden diese in flüssigem Stickstoff eingelagert. Infos bekommt man von den Universitätsspitälern Zürich, Basel und Bern. Oder auch bei privaten Blutbanken.

Stiftung für Blutstammzellen

Private Nabelschnurblutbanken

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